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Wieder mehr Kinder in Deutschland – und ab in die Krippe?

Sonntag 5. Oktober 2008 von Michael Felten


Michael Felten

Wieder mehr Kinder in Deutschland – und ab in die Krippe?

Der Brutpflegeinstinkt ist nicht nur bei S├Ąugetieren ein ausgepr├Ągtes Streben: die Kampfbereitschaft einer Bache, die mit ihren Frischlingen umherstreift; die Hingabe von Schwalbeneltern beim F├╝ttern der piepsenden Jungen. Wir Menschen haben es da schwerer, wir sind nicht so festgelegt.┬áZwar gibt es Erziehungstraditionen, aber wir k├Ânnen uns auch mal was Neues ausdenken. Unsere Kleinkinder zum Beispiel, die k├Ânnten wir ├Âfter und fr├╝her in Krippen schicken, ruhig auch schon mit drei Monaten, wie k├╝rzlich der „Spiegel“ unbek├╝mmert empfahl. Gut, das sind berufst├Ątige Journalisten, die wollen vielleicht den eigenen Lebensstil rechtfertigen; und es ist ja auch schwer zu unterscheiden, ob ein Krippenkind, das nicht weint, zufrieden ist – oder bereits traumatisiert. Bis man merkt, ob solche Menschenversuche ein Fortschritt sind oder ein Fehler, vergeht jedenfalls Zeit – erst an ihren Fr├╝chtchen werdet ihr sie erkennen. Man kann also nur abwarten und hoffen. Oder man erhebt sich einmal ├╝bers Tagesgesch├Ąft – und befragt einen Ma├čstab aus weniger gehetzten Zeiten.

Vor 100 Jahren begr├╝ndete Alfred Adler in Wien die Individualpsychologie, eine Art Br├╝ckenschlag zwischen Tiefenpsychologie und P├Ądagogik. Er war schon damals ein strikter Verfechter der Gleichberechtigung der Geschlechter – und ein entschiedener Gegner der „Ohrfeige zur rechten Zeit“ bei Kindern. Adlers Beratungsstellen fanden regen Zulauf: Verfahrene Eltern-Kind-Beziehungen vermochte er oft mit wenigen Hinweisen wieder zu richten, und Lehrer fanden bei ihm Zugang auch zu ihren schwierigsten Sch├╝lern. Was w├╝rde er wohl zur heutigen Krippeneuphorie sagen?

Adler w├╝rde sich wundern: Da├č immer mehr M├╝tter ihr kleines Kind schon fr├╝h und bedenkenlos in eine Krippe geben. Und da├č Journalisten wie Politiker voll des Lobes ├╝ber diesen Trend zur institutionellen Fremdbetreuung sind. Aus seiner Erfahrung sprach n├Ąmlich alles daf├╝r, da├č „eine Mutter das gr├Â├čte Erlebnis der Liebe und Kameradschaft verk├Ârpert, das ein Kind je hat.“

Die Bindungsforschung hat dies stets best├Ątigt, und die deutschen Psychoanalytiker haben es nun erneut betont: Ein Kleinkind braucht lange, bis zu 36 Monaten, eine m├╝tterliche, sensible, sich nach ihm sehnende Person in seiner N├Ąhe. Ohne diese besonders gesch├╝tzte Umgebung entsteht zu wenig Urvertrauen, riskiert man Lernst├Ârungen in der Schule, erh├Âhte Aggressivit├Ąt im Jugendalter, wom├Âglich lebenslange innere Unruhe.

Nun, nicht selten wollen oder m├╝ssen M├╝tter schon fr├╝h wieder berufst├Ątig sein. Dann aber ist die Betreuung durch vertraute Personen wie den Vater oder die Oma – es kann auch eine dauerhafte und kompetente Tagesmutter sein – meist besser als die Aufbewahrung in ├Âffentlichen Krippen. Oft mu├č eine Erzieherin n├Ąmlich mehr als die empfohlenen drei bis vier Kleinen im Auge haben, und viel zu selten ist das Personal fr├╝hp├Ądagogisch gen├╝gend geschult.

Adler w├╝rde Eltern allerdings auch vor dem anderen Extrem warnen. Wer dauernd um sein Kind herumtanzt, es beziehungsm├Ą├čig verw├Âhnt, der handelt sich leicht einen kleinen Tyrannen ein. M├╝tter – oder V├Ąter – sollten lieber schon fr├╝h damit beginnen, die Kleinen zu h├Ąuslichen Mitarbeitern zu machen. „In der Welt“, so der Psychologe, „g├Ąbe es weit weniger Elend, wenn Kinder sich n├╝tzlich f├╝hlen w├╝rden, anstatt l├Ąstig zu fallen.“

Auch f├╝r diese Sichtweise gibt es heute prominente Unterst├╝tzung: So pl├Ądiert die schwedische Feministin Anna Wahlgren in ihrem Bestseller „Kleine Kinder brauchen uns“ nicht nur vehement daf├╝r, Kinder zuhause aufwachsen zu lassen, bis sie mindestens drei sind – man d├╝rfe sie dabei auch nicht st├Ąndig bet├╝ddeln, sie nicht zu narzisstischen Mittelp├╝nktchen machen.

Vielleicht wirkt ein solcher Blick auf unsere Nachwuchslandschaft r├╝ckw├Ąrtsgewandt. Wer M├╝ttern die fr├╝he F├╝rsorge besonders ans Herz legt, verst├Ârt derzeit viele. Die Formung eines neuen Menschen dagegen aus der Familie auszulagern und an fremde Dienstleister, die neuen „M├Ąrkte der Sorge“, zu delegieren, das befremdet offenbar weniger.

Gerade in der Mittelschicht rangiert Arbeitsdrang vielfach vor Erziehungslust, ├╝berfl├╝gelt das Produktive quasi das Reproduktive, triumphiert – so k├Ânnte man zuspitzen – das Materielle ├╝ber das Menschliche. Aber: Greifen fr├╝herziehende M├╝tter nicht st├Ąrker ins Weltgeschehen ein als etwa die Werbegrafikerin, deren Plakatentwurf heute bejubelt wird – und morgen bereits vergessen ist?

Der Gesamtbev├Âlkerung ist diese Weisheit weniger fremd: Laut einer IPSOS-Erhebung f├╝r das Familiennetzwerk w├╝rden 70 Prozent aller Befragten ihr Kind in den ersten drei Jahren gerne selbst zu Hause gro├čziehen – wenn’s nur finanziell hink├Ąme. Nicht aus Arbeitsscheu oder Antiquiertheit, sondern wegen der „Lust, Mutter zu sein“.

Ein Buch dieses Titels stammt ├╝brigens nicht aus der Feder von Bischof Mixa, sondern von Daphne de Marneffe, einer feministischen Psychologin. Manchem Getriebenen aus Lohnarbeitswelt und Eventkultur m├Âgen Familienarbeiter als Langweiler erscheinen. Aber k├Ânnten das nicht auch Unkenrufe sein – von famili├Ąren Habenichtsen?

Michael Felten, geboren 1951, arbeitet seit 25 Jahren als Gymnasiallehrer f├╝r Mathematik und Kunst in K├Âln. Er ist Autor von Unterrichtsmaterialien und Pr├Ąventionsmedien, Erziehungsratgebern und p├Ądagogischen Essays. Dabei geht es ihm um eine bessere Vermittlung zwischen ├Âffentlicher Bildungsdebatte, Praxiserfahrungen an der Basis sowie aktuellen Weiterentwicklungen in Fachdidaktik und Erziehungswissenschaft. Ver├Âffentlichungen unter anderem: „Kinder wollen etwas leisten“ (2000), „Neue Mythen in der P├Ądagogik“ (2001), „Schule besser meistern“ (2006). Seit Herbst 2007 gestaltet Michael Felten eine eigene Website zu p├Ądagogischen Themen: www.eltern-lehrer-fragen.de

Aus: www.dradio.de vom 29.8.08

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Dieser Beitrag wurde erstellt am Sonntag 5. Oktober 2008 um 16:16 und abgelegt unter Ehe u. Familie, Gesellschaft / Politik.