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Pfr. Dr. Bernhard Rothen: Offener Brief an die Schweizerische Bundespräsidentin, Anfang 2024

Montag 29. Januar 2024 von Pfr. Dr. Paul Bernhard Rothen


Pfr. Dr. Paul Bernhard Rothen

Eine weitere Seite im Buch des realen Lebens in unserem mit viel Gutem begabten Land

Ein Offener Brief an unsere Bundespräsidentin

In den ersten Tagen des neuen Jahres 2024

Ehrenwerte Frau Bundespräsidentin!

In Ihrer Neujahrsansprache haben Sie das vor uns liegende Jahr verglichen mit einem „Buch mit leeren Seiten, die wir gestalten können“, und haben gesagt, das sei „ein schöner Gedanke“, der uns helfe, das Gefühl der eigenen Ohnmacht zu überwinden. Von der Vorstellung einer offenen Zukunft versprechen Sie sich selber und uns allen eine frische Zuversicht.

Darf ich Ihnen auf Grund meiner Lebenserfahrung als ein Pfarrer, der das Geschick unseres Landes im Licht der biblischen Botschaft zu bedenken gelernt hat, widersprechen? Und Ihnen kurz erklären, weshalb das Bild von den leeren Seiten Tor und Tür aufstösst für unrealistische Erwartungen, mit denen wir uns überfordern, so dass das gegenseitige Verständnis und das geduldige Miteinander verdrängt werden von Besserwisserei, Schuldzuweisungen und einem manchmal resignativen, manchmal prahlerischen Rückzug ins Private – Entwicklungen, die allen westlichen Ländern zu schaffen machen? Wie armselig wäre unser Leben, wenn Ihr Bild von den leeren Seiten die Wirklichkeit zutreffend beschreiben würde und wir unsere gemeinsame Zukunft auf noch unbe­schrie­benen Blättern aushandeln müssten!

Nun ist es ja aber, Gott sei Dank, sehr anders. Die Seiten im Buch des Jahres 2024 sind nicht leer! Sie sind schon in einem hohen Mass vollgeschrieben. Viele waren mit viel Liebe am Schaffen, manchmal fröhlich, dann wieder beschwert, weil sie den Nachfolgenden ein besseres Leben hinterlassen wollten. Das viele Gute, das sie uns für das neue Jahr an Vorgaben zurücklassen, fordert unseren Respekt und Dank. Was sie uns durch ihre Fehleinschätzungen und kurzsichtige Gier an Hypotheken vererben, gibt uns Anlass zur Kritik und Neuausrichtung. Und alle wissen wir, dass wir uns auch im neuen Jahr gemeinsam werden schützen müssen vor Naturgewalten, die unser Leben bedrohen, und vor mächtigen Feinden, die unsere Schwächen ausnutzen und uns wenn möglich ihren Interessen unterwerfen möchten. Das alles steht schon jetzt auf den Seiten des neuen Jahres.

Insbesondere steht auf diesen Seiten auch die Frage, inwiefern die Neutralität unseres Landes noch zu rechtfertigen ist. Sie hat uns viel Gutes gebracht! Doch wir sind ja nicht mehr (wie 1648 und 1815) umgeben von Nachbarn, die in offenen Konflikten zueinanderstehen, so dass sie alle ein Interesse daran hätten, den Gotthard in neutraler Hand zu wissen. Sondern wir sind umgeben von – zumindest dem Schein nach – friedlich vereinten Nachbarländern. Mit einem Blick in eine scheinbar ganz offene Zukunft könnten wir unsere Neutralität nur begründen mit Eigeninteressen, die unweigerlich den Gestank von Egoismus und unsolidarischem Rosinenpicken verbreiten. Akzeptanz für unsere besondere Stellung in der europäischen Völkerwelt können wir nur erwarten, wenn die unterschiedlichen Wege, auf denen die Länder zu ihrer heutigen Gestalt gefunden haben, mehr sind als geschichtliche Überbleibsel von zufälligen Entwicklungen.

Das ist in unseren Tagen besonders bedrängend. In den letzten Jahren ist der uralte Konflikt zwischen Ost und West wieder mit unerwartet grausamer Gewalt aufgebrochen. Der Kirchenfürst in Moskau, Kyrill I., und der russische Präsident schauen in die Zukunft, als sei diese ein leeres Blatt, auf das die westlichen Länder ihre Vorstellungen von einem individualistischen Glück kritzeln wollen, während sie, besser informiert, zum Segen aller Völker ihre Vorstellungen von einer zukünftigen multipolar friedlichen Weltordnung auf diese Seiten schreiben wollen, wenn nötig mit Hilfe einer brutalen militärischen Macht. So fliesst schrecklich viel Blut, weil beide Seiten nicht bereit sind, mit Dankbar­keit und mit Selbstkritik ins Bedenken zu nehmen, was ihnen vorgegeben ist.

Sie aber, werte Frau Bundespräsidentin, werden zusammen mit Ihren Kolleginnen und Kollegen im Bundesrat beraten müssen, wie unser Land in dieser weltpolitischen Lage seinen Weg suchen und finden soll. Es wäre fatal, wenn jemand glauben würde, Sie könnten das auf noch leere Blätter schreiben. Da wäre es unausweichlich, dass alles in einem Scherbenhaufen von billigem Besserwissen und hässlichen Unterstellungen enden müsste.

Bislang war es eine Stärke der Schweiz, dass die Bewohner dieses Landes nüchtern damit rechnen, dass das Zusammenwirken immer nur zu haben ist mit Kompromissen, mit denen im besten Fall alle leben können, weil alle zur Hälfte zufrieden sind. Eine inspirierende Freude am Schaffen und den Freiraum für Innovationen verleiht das nicht. Deshalb haben wir die gute Gewohnheit entwickelt, dass wir nur das Allernötigste aushandeln und festlegen. Die Schweiz ist keine Republik, sondern eine Genossenschaft, die jedem die Möglichkeit geben möchte, sein Lebensglück selber zu schmieden. Wir möchten möglichst wenig Zeit und Kraft an Sitzungstischen verbrauchen und stattdessen allen die Freiheit lassen, Aufgaben, die sie sehen, aus eigener Initiative anzupacken und mit einem intuitiven Gefühl für das Notwendige mit einer Handvoll von Gleichgesinnten selber ans Ziel zu bringen. Die Schweiz lebt nicht von einem Maximum, sondern im Gegenteil von einem Minimum an Zusammenarbeit. Diese aber haben wir bisher mit einem recht hohen moralischen Druck eingefordert, und haben die Verantwortung für dieses Gemeinsame in vergleichsweise freien Wahlen in die Hände derjenigen gelegt, die dafür das nötige Können und Standing haben. Das war über die Wechsel der Zeiten hinweg der stillschweigend geschlossene Vertrag, der unser Land zusammen­gehalten hat. Und dieser ist es doch wert, dass wir uns auf ihn besinnen und uns wieder neu an ihn halten!

Deshalb ist Ihnen, Frau Bundespräsidentin, und es uns allen zu wünschen, dass wir am Anfang von diesem neuen Jahr unsere Zuversicht nicht aus der wirklichkeitsfremden Vorstellung von leeren Buchseiten zu schöpfen versuchen, sondern uns frei machen von der einseitigen Ausrichtung an der Zukunft, die nur dem Schein nach offen ist. Niemand von uns hat die Möglichkeit, das Leben zu gestalten, als wäre es ein Gedicht, das wir auf bislang leere Buchseiten schreiben. Sondern wir sind im besten Fall treue Verwalter dessen, was uns an Gutem gegeben ist, weil wir es wenn möglich auch an die Nachfolgenden weitergeben möchten.

Uns aber ist viel Gutes gegeben! Daran dürfen und müssten Sie als unsere Präsidentin uns doch erinnern: Lange bevor wir uns in den vollgeschriebenen Seiten des Lebens zu orientieren versuchen, hat sich vieles zum Guten gewendet! Ein unbekannter Beamter hat das Versprechen, das uns damit gegeben ist, auf den Seitenrand von unserem Fünffrankenstück geschmuggelt: DOMINUS PROVIDEBIT. Die Vorsehung dessen, dem nach seinem schmählichen Tod am Kreuz nun alle Macht gegeben ist, hat unserem Land viel Leid erspart und lange Friedenszeiten vermittelt. Es gibt sehr reale, in unserer Geschichte greifbare Gründe dafür, dass wir uns auch weiterhin an das halten, was er uns für unser Zusammenleben mitgegeben hat, und dass wir mit einer persönlichen Einsatz­bereitschaft dafür werben, dass auch unsere Mitmenschen jenseits unserer Landesgrenzen ein Verständnis entwickeln für das, was unserem Land aufgetragen ist von demjenigen, der das Schicksal der Völker lenkt.

Möge das uns eine nüchterne, wohl begründete Zuversicht für das neue Jahr mit seinen vielen drängenden Aufgaben verleihen!

Mit herzlichen Grüssen und dem Wunsch, dass Sie in allen Ihren schweren Aufgaben von dieser Zuversicht erfüllt und geleitet sein dürfen

Pfarrer Dr. Bernhard Rothen, Präsident der Stiftung Bruder Klaus, Schweiz (www.stiftungbruderklaus.ch)

 

Dieser Beitrag wurde erstellt am Montag 29. Januar 2024 um 5:30 und abgelegt unter Allgemein.