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Erzbischof Janis Vanags, Predigt zum lettischen Nationalfeiertag am 18.11.20

Montag 23. November 2020 von Erzbischof Janis Vanags


Erzbischof Janis Vanags

Guten Morgen, Lettland!

Mit diesem Festgottesdienst beginnen wir die Feier des 102. Jahrestages der Gr├╝ndung unseres lettischen Staates. In diesem Jahr m├Âchte ich uns allen dazu gratulieren, insbesondere zu der Tatsache, dass wir heute wie jedes Jahr den 18. November feiern k├Ânnen. Vielleicht haben Sie auf YouTube ein Video gesehen, in dem ein nettes M├Ądchen mit einer Tasse Kaffee aus dem Fenster schaut, w├Ąhrend das sorglose Lied „Raindrops“ (Regentropfen) erklingt. In der N├Ąhe steigt ein Atompilz auf. Ein au├čerirdisches Schiff taucht aus dem dunklen Wirbel am Himmel auf. Sie runzelt ein wenig die Stirn, l├Ąchelt den Tyrannosaurus an, der hinter einem Baum lauert und freundlich einer Menge Zombies zuwinkt, die sich der Stra├če n├Ąhern. Der Titel des Clips lautet ÔÇ×Ein normaler Tag 2020ÔÇť. Menschen, die l├Ącheln k├Ânnen, dr├╝cken so ihre Gef├╝hle ├╝ber das Unglaubliche, das geschieht, aus.

In der freien Welt m├╝ssen heutzutage Menschen um Erlaubnis bitten, ihre H├Ąuser zu verlassen, und B├╝rger werden verhaftet, weil sie spazieren oder zum Gottesdienst gegangen sind. In der Zitadelle des Kapitalismus brennen und pl├╝ndern Menschen St├Ądte. In London wird das Churchill-Denkmal mutwillig besch├Ądigt, und das soll ein Protest gegen den Faschismus sein. Selbst in unserem relativ friedlichen Lettland k├Ânnen Sie die Bank nur mit einer Maske im Gesicht betreten, und der Wachmann kann Sie verhaften, wenn Sie sie nicht haben. Sch├╝ler sehnen sich nach der Schule! Wenn wir aus dem Fenster schauen, sehen wir wieder den Lockdown. Das alles wird ein Teil des Alltags, genau wie f├╝r dieses M├Ądchen der Dinosaurier und die Menge der Zombies beim Morgenkaffee.

Es ist gut, wenn wir manches mit einem L├Ącheln betrachten k├Ânnen, aber diejenigen, die lange anstehende Operationen auf unbestimmte Zeit verschoben bekommen haben oder die Angst haben, ihren Job oder ihr Unternehmen in den kommenden Monaten zu verlieren, m├Âchten wahrscheinlich nicht l├Ącheln. Fr├╝her haben wir Antoine de Saint-Exup├ęry oft zitiert, dass der einzige wirkliche Reichtum die menschlichen Beziehungen sind, aber jetzt ersetzen wir sie durch soziale Distanzierung. Wie radikal und auf unbestimmte Zeit werden unsere Grundfreiheiten eingeschr├Ąnkt!

Die schwierigste ist jedoch die bohrende Ungewissheit ├╝ber die Zukunft. Das Stoppen der ├╝blichen Prozesse, das Schwanken vieler B├Âden f├╝hrt zu Unwissenheit und Unsicherheit. Wie wird alles enden? Wird es ├╝berhaupt enden? Deshalb ist es so sch├Ân, den 18. November wieder zu feiern! Zu machen, was wir immer gemacht haben. Ein sch├Âner Moment der Stabilit├Ąt. Das Leben geht weiter. Es ist so wichtig, die Freude ├╝ber sein Land und den Stolz ├╝ber sein Volk zu sp├╝ren, welches das erk├Ąmpft und gebaut hat! Wir k├Ânnen aus einer alten Schlussfolgerung lernen, zu der christliche Missionare gekommen sind: Sie k├Ânnen eine Kultur, die Sie hassen, nicht evangelisieren! Das ist nicht m├Âglich! Wir k├Ânnen das sogar an der Geschichte der baltischen Christianisierung sehen. Umgedreht k├Ânnen Sie das Land, das Sie verachten, nicht verbessern. Internet-Trolle versuchen in den Menschen die Verachtung gegen den lettischen Staat zu s├Ąen – damit wir nie besser leben. Es macht keinen Sinn, mit denen zu diskutieren. Stattdessen lasst uns unser Land heute stolz feiern, denn wir wollen es behalten und den durch die Pandemie verursachten Schaden reparieren.

Im Jahr 2020 waren alle vom belarussischen Volk ├╝berrascht. Vielleicht betrachten wir ihren Mut mit ├ťberraschung und Bewunderung. Aber lasst uns daran erinnern – einmal waren wir genauso! Wir haben an unseren Traum von einem freien Lettland geglaubt und wagten es, uns gegen die Panzerwagen zu stellen. Und wir erlebten uns emporgehoben und gl├╝cklich. Vor 30 Jahren mussten wir das tun, was das belarussische Volk heute tut. Jetzt m├╝ssen wir mit dem gleichen Mut den Weg ab 2020 nach vorn ebnen. Haben wir etwas Besseres zu tun?

Die Verfassung der Republik Lettland besagt, dass der Staat Lettland auf der Grundlage des unver├Ąnderlichen Staatswillens der lettischen Nation gegr├╝ndet wurde. Was bedeutet ÔÇ×StaatswilleÔÇť? Dies bedeutet sicherlich nicht einfach, ein unbeschwertes Leben in einem prosperierenden Land f├╝hren zu wollen, und sicherlich nicht, nur an eigene W├╝nsche zu denken. Im realen Leben erfordert der Staatswillen vielmehr immer etwas zu opfern.

Es erforderte am Anfang sogar, in den Krieg zu gehen und das Leben zu opfern. Heute bedeutet es eher, dass jeder nach Spitzenleistungen auf dem Gebiet strebt, wo er seinem Volk dienen kann. Das nennt man Exzellenz. Excellenz erfordert ebenfalls, etwas zu opfern – vor allem die jugendliche Sorglosigkeit und das blo├če Genie├čen des Lebens, sondern stattdessen das zu tun, was einen Sinn hat. Erst danach kommen vielleicht die Pl├Ąne f├╝r eine besser bezahlte Karriere im Ausland. Lettland braucht die Exzellenz seiner Menschen mehr, auch wenn es derzeit nicht in der Lage ist, daf├╝r zu bezahlen. Umso mehr.

Warum m├Âchte ich heute ├╝ber Exzellenz sprechen? Der ehemalige Harvard-Professor f├╝r Wirtschaft und Geschichte David S. Landes hat ein Buch mit einem interessanten Titel geschrieben ÔÇ×Wohlstand und Armut der Nationen. Warum die einen reich und die anderen arm sind?ÔÇŁ Wahrscheinlich fragen sich viele von uns dasselbe. Warum ist zum Beispiel Japan, das keine nat├╝rlichen Ressourcen hat, so reich, aber einige gute andere L├Ąnder sind erfolglos und arm, obwohl es reichlich nat├╝rliche Ressourcen gibt? Eine der wichtigsten Schlussfolgerungen ist, dass die Schl├╝sselressource gegenseitiges Vertrauen ist. Wenn eine Nation in der Lage ist, eine Gesellschaft des gegenseitigen Vertrauens aufzubauen, wird sie erfolgreich und reich.

Im Jahr 2020 brauchen unsere Menschen dringend Gelegenheiten, einander Vertrauen zu schenken. Das steht in direktem Zusammenhang mit Spitzenleistungen. Unsere ├ärzte zeigen in der Krise hervorragende Leistungen. Wir wissen, dass wir uns auf sie verlassen k├Ânnen, und das ist ein gro├čer Trost. Deshalb ehren und danken wir ihnen am meisten. Neben ├ärzten gibt es Apotheker, Sozialarbeiter, Geistliche, Supermarktverk├Ąufer und Fahrer, die das Notwendige liefern oder ├Âffentliche Verkehrsmittel fahren, und viele andere, die weniger h├Ąufig erw├Ąhnt werden, f├╝r die wir aber auch dankbar sind. Denn solange wir ihnen vertrauen k├Ânnen, leben wir friedlicher. Selbst wenn wir ein Kind in den Kindergarten bringen, m├╝ssen wir wissen, dass dort alles in Ordnung sein wird. Die Exzellenz der P├Ądagogen ist unser Seelenfrieden.

Was ist also mit den Leitern des Landes, besonders in dieser Zeit der globalen Krise? Wie unsch├Ątzbar wichtig ist es, ihnen vertrauen zu k├Ânnen! Und welches Ma├č an Exzellenz und Kompetenz ist erforderlich, um dieses Vertrauen aufzubauen! W├Ąhrend der Plagen haben die livl├Ąndischen Leiter zum Fasten und zum Bu├č- und Bettag aufgerufen! Wie tief muss man erkunden, um das Wesentliche dessen zu beurteilen, was f├╝r den Staat gut sein wird!

Bei der Entscheidung ├╝ber Beschr├Ąnkungen zur Bek├Ąmpfung der Krankheit entscheiden die Staatsoberh├Ąupter auf die eine oder andere Weise ├╝ber das Leben und den Schicksal der Menschen. Lockerere Regeln k├Ânnen f├╝r ├Ąltere Menschen besonders gef├Ąhrlich sein und sie ihrer letzten Lebensjahre berauben. Zu strenge Beschr├Ąnkungen k├Ânnen Unternehmen zerst├Âren, Menschen ihren Lebensunterhalt rauben und bei jungen und aktiven Menschen zu Depressionen, Alkoholkonsum und sogar Selbstmord f├╝hren. Wer kann verlorene Lebensjahre und unerf├╝llte Tr├Ąume z├Ąhlen und vergleichen?

Das Weltwirtschaftsforum spricht ├╝ber den „Gro├čen Neustart“. Man sagt dort: Globale Probleme, ob Covid oder Klima, brauchen eine globale L├Âsung. Die nationalen Regierungen sind dazu nicht in der Lage, daher m├╝ssen die Entscheidungen den supranationalen Gremien ├╝berlassen werden. Dieses Argument ist verst├Ąndlich – aber das Lesen der Materialien dieser globalen Aktivisten wirft erneut die Frage des Vertrauens auf. Wird dieser sog. gro├če Neustart nicht wie die Geschichte von Joseph ausgehen, der die ├ägypter zu seinen Sklaven machte, um die Hungerkrise zu ├╝berwinden? Wie kann ein gew├Âhnlicher Mensch da durchblicken? Es macht keinen Sinn, jemand daf├╝r zu kritisieren, dass er an Verschw├Ârungstheorien glaubt. Vielmehr sollte man an den unsch├Ątzbaren Wert denken, wenn man den F├╝hrungskr├Ąften und ihrer Exzellenz vertrauen kann. Alles h├Ąngt von diesem Vertrauen ab – bis hin zur Bereitschaft zur Solidarit├Ąt – dem Anlegen einer Maske an einem ├Âffentlichen Ort und der Begrenzung der Anzahl der Gottesdienstbesucher in der Kirche.

Die Krisensituation wirft Licht auf das, was es bedeutet, ÔÇťin die Politik zu gehenÔÇŁ. M├Âge Gott uns gn├Ądig davor beh├╝ten, dass jemand in die Politik geht, als ob da eine Anzeige im Fenster des Parlaments oder Rathauses w├Ąre: ÔÇ×Hier gibt es ArbeitÔÇť. In die Politik zu gehen bedeutet zu sagen: ÔÇ×Ich habe die Kompetenz und Exzellenz, um zu entscheiden und Verantwortung f├╝r das Leben und den Schicksal der Menschen zu ├╝bernehmen.ÔÇŁ Auch die W├Ąhler m├╝ssen sich dessen bewusst sein: Durch die Abstimmung geben wir unser Leben und unsere Zukunft zumindest teilweise in die H├Ąnde unserer Kandidaten. Vielleicht ist es das, was die j├╝ngere Generation am meisten verstehen muss, damit sie ihre prime-time nutzt, um nach Spitzenleistungen zu streben, die es ihnen erm├Âglichen, diejenigen zu sein, die zur richtigen Zeit Verantwortung ├╝bernehmen.

Aber Exzellenz und Professionalit├Ąt helfen nicht, wenn man einer Person nicht vertrauen kann. Wer wei├č, wie schwierig es ist, Vertrauen zu gewinnen und wie leicht, es zu verlieren, der begreift, wie schnell Vertrauen in seinem Berufsumfeld oder in seiner Familie zerst├Ârt werden kann – sei es durch einen Scherz, einen bewussten Schritt oder einen Ausrutscher. Um so etwas zu vermeiden, ist es n├╝tzlich, sich an einige Dinge zu erinnern.

Martin Luther erkl├Ąrt das 4. Gebot und lehrt ├╝ber die politischen Herrscher, dass sie f├╝r ihre Staatsangeh├Ârigen wie Eltern sind. Und ich denke, gute Eltern wissen aus Lebenserfahrung, dass Vater und Mutter nur so gl├╝cklich sein k├Ânnen wie ihr ungl├╝cklichstes Kind. Es ist eine gute Formel f├╝r das Gl├╝ck, mit der man in die Politik gehen m├╝sste – nach eigenem Gl├╝ck zu streben, indem man sich f├╝r das Gl├╝ck seiner ungl├╝cklichsten Kinder sorgt.

Eine weitere Erinnerung besteht darin, meine Handlungen und Entscheidungen danach zu bewerten, wie ich mich f├╝hle, wenn ich mit ihnen vor Gott stehe. Wenn wir frei beten k├Ânnen, w├Ąhrend wir vielleicht entlang der K├╝ste gehen, ist dies ein gutes Zeichen. Aber wenn man beim Planen oder Tun Gott den R├╝cken zudreht und sich vor ihm verstecken m├Âchte, dann sollte man am besten sofort eine solche Absicht aufgeben und eine solche Handlung stoppen. Aber daf├╝r braucht man ein Herz, das Gott kennt.

Die Menschen fragen mich von Zeit zu Zeit – was ist in der Welt nur los? Der Apostel Paulus schreibt in seinem Brief an die Epheser: ÔÇ×Denn wir haben nicht mit Fleisch und Blut zu k├Ąmpfen sondern ÔÇŽ mit den b├Âsen Geistern unter dem Himmel.ÔÇť Es scheint mir, dass dies im Einklang mit Carl Gustav Jungs Idee steht, dass nicht Menschen Ideen haben, sondern Ideen die Menschen.

Im 20. Jahrhundert faszinierten die Ideen des Marxismus und des Nationalsozialismus ganze V├Âlker und versetzten sie in einen fanatischem Glauben. Es waren nicht die Menschen, die mit den Ideen arbeiteten, sondern es waren die Ideen, die die Menschen trieben. Es ist sehr wahrscheinlich, dass die Quelle dieser Ideen ein Signal des transzendentalen B├Âsen war, das von verschiedenen Menschen zu verschiedenen Zeiten weiter gefunkt wurde.

Ein solcher ÔÇ×FunkturmÔÇť war Karl Marx. Zwei seiner Ideen betreffen uns heute besonders. Erstens die Tatsache, dass die Welt ein Schlachtfeld zwischen Unterdr├╝ckten und Unterdr├╝ckern ist. Zweitens seine Lehre ├╝ber Basis und ├ťberbau. F├╝r Marx war die Basis die wirtschaftlichen Beziehungen. Der ├ťberbau ist Kultur, Religion, Traditionen und Normen. All das wurde im Interesse der Unterdr├╝cker geschaffen, um die Basis zu sch├╝tzen und zu st├Ąrken. Daher war es die Pflicht des marxistischen Intellektuellen, alles vom ├ťberbau niederzurei├čen und zu revolutionieren, um zur Basis zu gelangen. Manchmal habe ich mich gefragt, warum die ├änderungen der Sittlichkeit so heftigen Widerstand im Parlament und auch danach hervorgerufen haben ? Vielleicht, weil sie wie ein Versuch erscheinen, die erhabene Arbeit des Abrisses der ├ťberbau zur├╝ckzudrehen?

Der n├Ąchste Turm ist Friedrich Nietzsche, der diesen Abriss bereits in ber├╝hmten Worten formuliert hat: ÔÇ×Gott ist tot! ÔÇŽ Und wir haben ihn get├Âtet! ÔÇŽ Mit welchem Wasser k├Ânnten wir uns reinigen?ÔÇť Er sagt dies nicht im Triumph, und er spricht auch nicht vom Blut Gottes, sondern prophetisch von unserem Blut, das sp├Ąter die Ideologien des 20. Jahrhunderts wirklich vergossen haben. Nietzsche erkannte deutlich, dass die Gesellschaft durch den Verzicht auf das Christentum weder die universellen Werte noch die Moral, die sich aus dem Glauben an Gott ergeben, behalten kann. Was bleibt ├╝brig? Die Meinungen bleiben – meine, deine, jedermanns eigene. Die Welt ist ein Meinungskonflikt und die Aufgabe des Protagonisten ist es, seine Meinung, seinen Willen, seine eigenen Werte in den Vordergrund zu r├╝cken. Wille jenseits der Vernunft.

Es scheint mir, dass die Leidenschaft, Gott zu t├Âten, in unserem Bildungssystem offensichtlich geworden ist. Die M├Âglichkeit, den Religionsunterricht zu lehren, verschwindet, und manchmal gibt es das Gef├╝hl, dass viele applaudieren w├╝rden, wenn Kinder aus christlichen Familien ihren Glauben im Schulprozess verlieren k├Ânnten. Es besteht wahrscheinlich die Hoffnung, dass sie dann zu aufgekl├Ąrten Menschen der Zukunft werden. Nietzsche dachte anders. Er sah den Nihilismus voraus, und er erlebte ihn ganz pers├Ânlich. Der Glaube an nichts. Wenn das Glaubensboot des Menschen versenkt wird und er in ein anderes Boot gezogen wird, macht er die Erfahrung, dass Boote versenkt werden k├Ânnen. Nicht nur das vorherige, sondern jedes Boot. Auch das, in dem er jetzt ist. Ohne universelle Werte ist jedes Glaubenssystem zerst├Ârbar. Keines ist vertrauensw├╝rdig. Nietzsche sagte es voraus, dass die Menschen aufh├Âren w├╝rden, an Sinn zu glauben und das Leben aufgeben w├╝rden. Junge Menschen sind heute oft von einem solchen vorzeitigem Zynismus betroffen.

Ein weiteres Ergebnis ist der Sprung in radikale Ideologien, die zu extrem intensiven Zusammenst├Â├čen f├╝hren. Das letzte Jahrhundert erlebte zwei Weltkriege. Aber auch 2020 fragen sich die Menschen: Woher kommen heute die Menschenmengen, die St├Ądte verbrennen und Denkm├Ąler zerst├Âren? Das sind die Passagiere von versenkten Booten, Leute, die den ├ťberbau abrei├čen wollen, um die Basis zu revolutionieren – was auch immer sie damit meinen. Der Wille hat Vorrang vor der Vernunft. Und wie im Marxismus ├╝blich, ist die Gewalt keine unerw├╝nschte Nebenwirkung, sondern eine Methode, um das Ziel zu erreichen.

Der n├Ąchste wichtige Funkturm ist Jean-Paul Sartre. Er wird der Begr├╝nder des Existentialismus genannt. Das erwies sich als ├Ąu├čerst einflussreiche Lehre. Die Grundidee kann in vier Worten gesagt werden: ÔÇ×Existenz ist vor dem WesenÔÇť. Unter ÔÇ×WesenÔÇť kann man so etwas wie den Marxschen ├ťberbau verstehen. Ein Mensch wird in einer Familie und Gesellschaft geboren, in der es einige Werte, Ideale und Traditionen gibt. Er ist in einem Land geboren, das bereits seine eigene Ordnung und Gesetze hat. Ein Individuum wird zu einer Pers├Ânlichkeit, indem es dieses vorgegebene Wesen in sein Leben einbezieht, in es hineinw├Ąchst und sich daran anpasst. Im Gegensatz dazu lehrt der Existentialismus, dass meine Existenz, meine Individualit├Ąt und meine Freiheit an erster Stelle steht. Darauf basierend kann ich bestimmen, wer ich sein werde und wie ich leben werde. Ich selbst werde mir mein eigenes Wesen erschaffen. Viele junge Leute haben heute diese Position – belehrt mich nicht! Ich werde wissen, wer ich bin und wie ich leben soll.

Haben Sie den besten Film von 2018 ÔÇ×Shape of WaterÔÇť (Die Form des Wassers) gesehen? Ein sch├Ânes M├Ąrchen ├╝ber eine stumme Frau, die wie ein Protagonist Nietzsches ihre eigene Stimme gegen├╝ber der Welt um sie herum bekommt und sich in eine amphibische Kreatur verliebt, mit der sie unter Wasser zu leben beginnt. Egal, ob es eine gute und korrekte Stimme ist, im Einklang mit h├Âheren Werten. Hauptsache, dass es ihre eigene ist! Am bedeutendsten ist jedoch der Titel des Films ÔÇô doch welche Form hat denn das Wasser? Es kann in ein Glas gegossen, in einem W├╝rfel eingefroren, in einer Wolke verdampft oder in einen Brunnen gespr├╝ht werden. Es kann jede Form annehmen, wie im Existentialismus. Egal, ob Mensch oder irgendetwas anderes.

Scheint es mir nur so, als h├Ątte ich gerade auf der Pressekonferenz unseres Verfassungsgerichts eine ├Ąhnliche Idee geh├Ârt? Da gab es den Satz: ÔÇ×Familie kann verschieden seinÔÇť. Was soll damit gemeint sein, und was ist die Grundlage f├╝r eine solche Aussage? Klang es nicht so, dass der Begriff der Familie wie Wasser in ein Glas gegossen, in die Luft gespritzt oder in jeder beliebigen Form gebracht werden kann? Wenn man Sartre konsequent anwendet, warum soll nicht eine Frau und eine amphibische Kreatur unter Wasser ebenfalls eine Familie sein k├Ânnen? Aber glauben wir das wirklich oder rei├čen wir einfach nur weiter unseren ├ťberbau nieder?

Vor zehn Jahren h├Ârte ich einen Witz ├╝ber ein kleines M├Ądchen, das fragte: ÔÇ×Mama, kann ich wirklich werden, was ich will, wenn ich wirklich will?ÔÇť ÔÇ×Ja, T├ÂchterchenÔÇť erwidert die Mutter. Und das M├Ądchen sagt gl├╝cklich: ÔÇ×Dann werde ich ein Pferd sein!ÔÇť Es war damals, aber jetzt ist es kein Scherz mehr. Wenn sich eine Person als Pferd oder etwas anderes identifiziert, muss jeder zustimmen und die Gesetze entsprechend angepasst werden.

Schlie├člich Michel Foucault, der wie Marx die Welt als Schlachtfeld zwischen Unterdr├╝ckten und Unterdr├╝ckern betrachtet. Aber die Arbeiterklasse im Kapitalismus hatte begonnen, so gut zu leben, dass sie nicht zur Weltrevolution erschien. Stattdessen wird alle Hoffnung auf Identit├Ątsgruppen bzw. Minderheiten gesetzt. Foucault erkannte die Sprache als das subtilste Werkzeug der Unterdr├╝ckung an. Seiner Ansicht nach hat die herrschende Mehrheit eine Ausdrucksform entwickelt, die ihre Dominanz st├╝tzt und Minderheiten unterdr├╝ckt. Eine solche Sprache muss nach seiner Meinung abgerissen, dekonstruiert werden. Entsprechend den Vorstellungen Foucaults stehen wir heute vor den Forderungen nach politischer Korrektheit in der Sprache, nach polizeilicher ├ťberwachung der Sprache und in einem Kampf gegen die Meinungsfreiheit.

Es gibt auch bei Jacques Derrida die Idee, dass die Bedeutung von W├Ârtern nicht in der realen Welt gefunden werden kann, sondern nur im W├Ârterbuch. Der eigentliche Kampf geht um das Recht, ein W├Ârterbuch zu schreiben und bestimmten W├Ârtern und Begriffen eine andere Bedeutung zu geben und damit bestimmte Beziehungen, bestimmte Rechte und Realit├Ąten in unserem Leben zu ver├Ąndern. So stellt sich pl├Âtzlich heraus, dass wir nichts mehr klar ├╝ber Dinge wissen, die uns seit langem bekannt waren, wie Mann und Frau, Vater und Mutter, Ehe und Familie. Aber alles ist pl├Âtzlich klar ├╝ber Dinge, die wir bis vor kurzem nicht einmal benennen konnten.

Ja, mir scheint, dass ich hier sehr lange ├╝ber philosophische Ideen spreche und es vielleicht schwierig ist, den Zusammenhang mit unserem Land und diesem Tag zu erkennen. Verzeiht mir, bitte, wenn das so ist.

Aber die Menschen fragen mich von Zeit zu Zeit: was ist mit der Welt los? Es scheint mir, dass man durch das Verstehen der Ideen dieser f├╝nf Denker ziemlich gut verstehen kann, was gerade in der Welt geschieht. Ideen haben Folgen. Sie besch├Ąftigen Menschen nicht nur irgendwo im Westen, sondern auch in Lettland. Ideen setzen sich in den Gesetzen fest und beeinflussen unser Leben. Es ist n├╝tzlich, dar├╝ber nachzudenken und dar├╝ber zu sprechen. Kann man diesen Ideen vertrauen?

Die oben genannten m├Âgen sympathisch erscheinen, zugunsten der Ausgegrenzten und Unterdr├╝ckten. Sie k├Ânnen anziehend sein, weil sie progressiv wirken und die Individualit├Ąt und Freiheit einer Person hervorheben. Aber es ist wichtig, dass sie alle in einer Ideologie verwurzelt sind, die unser Volk durch sein Blut kennengelernt hat. Die behauptete von sich, die verteidige die Unterdr├╝ckten. Aber wo immer diese Ideologie im Leben realisiert wurde, verfolgte sie anders Denkende, beschr├Ąnkte die Menschenrechte und Freiheiten, f├╝hrte Zensur ein, brachte Armut und lie├č Hunderte Millionen Ermordete zur├╝ck. Es scheint unwahrscheinlich, dass so etwas heute passieren k├Ânnte, aber schauen wir uns genau an, was mit der westlichen Zivilisation 2020 passiert, und erinnern uns an Solschenizyns Worte, dass die Ideen Zeit brauchen, um ihre wahre Natur zu zeigen. Wie k├Ânnen wir dagegen wehren?

In den letzten Jahren wurde das ÔÇ×kritische DenkenÔÇť als Zauberformel und universelles Werkzeug besungen. Es ist wie in einem Kult, und man meint, es wird Frieden geben und das goldene Zeitalter beginnen, wenn nur jeder das kritische Denken erlernt. Kritisches Denken ist nat├╝rlich sehr wertvoll, um die Wahrheit von den falschen Nachrichten zu unterscheiden. Es ist aber kein Allheilmittel. Indem wir die ├ťberzeugung vermitteln, dass kritisches Denken alles umfasst und ohne Transzendenz auskommt, machen wir den Menschen anf├Ąllig f├╝r die destruktiven Zweifel, die nach Nietzsches Worten jeden Zweig, auf dem er sitzt, abschneiden k├Ânnen. Der kritische Teil unserer Vernunft ist in der Lage, selbst das Tiefste und Wahrste, was wir tun, in Frage zu stellen. Wenn uns beigebracht wird, an die Zweifel zu glauben, weil sie rational sind, k├Ânnen sie alle Grundlagen des Lebens in Frage stellen. Die Zweifel werden uns nicht vor Nihilismus oder totalit├Ąren Ideologien retten, sondern zu ihnen hinf├╝hren. Dostojewski hat bereits geschrieben, dass andere Antworten erforderlich sind, wenn der rationale Verstand nicht mit der Absurdit├Ąt des Lebens fertig wird.

Der Existentialismus mit seinen Wurzeln bei fr├╝heren Denkern und in seiner Fortsetzung im modernen Neomarxismus ist eher ein sehr langweiliges System. Alles, was ├╝brig bleibt, ist der langweilige Raum meines Ego, wenn man die ├╝berzeugende Kraft gro├čer, objektiver Werte wegnimmt. Es bleibt eine winzige, kleine Welt, in der alles von mir bestimmt wird. Dort sind nur meine Ideen, meine Ziele. Das Theo-Drama oder das Drama Gottes, in dem mich diese Welt gro├čer, objektiver Werte zu sich zieht, ist viel faszinierender als ein solches Ego-Drama. Und dahinter steht die Welt der h├Âchsten Wahrheiten und Werte Gottes. Das Theo-Drama auf unterdr├╝ckt meine Freiheit nicht. Es weckt mich, es ruft mich und erhebt mich in meine wahre Freiheit. Es ist wundersch├Ân und aufregend!

Das erste Buch der Bibel erz├Ąhlt die Geschichte von Noahs Trunkenheit. Man k├Ânnte denken, warum so eine nutzlose Geschichte? Sie ist aber nicht nutzlos, sondern sehr tief. Noah hatte mit seinem Leben Gottes Gunst erlangt. Er baute eine Arche und rettete das Leben aller vor der Zerst├Ârung. Aber er war nicht perfekt. Einmal wurde er betrunken und schlief nackt. Der j├╝ngste Sohn, der alles gute Leben und alle Verdienste Noahs und seine eigene Errettung vergessen hatte, sah nur diesen einen Stolperstein, verachtete seinen Vater und erz├Ąhlte anderen davon. Die leichtfertige Verachtung der Ehre des Vaters , des Geistes des Vaters, machte ihn aus einem Sohn zu einem Sklaven.

Wie bei Noah geschieht es heute mit der traditionellen christlichen Kultur und den Werten Europas und des Westens, die vom j├╝ngsten Sohn verachtet werden. Sie wird auf verschiedene Weise verachtet und beschuldigt, und ihre historischen Denkm├Ąler werden zerst├Ârt. Alle Aufmerksamkeit wird dem Stolpern und den Fehlern gewidmet, wobei vergessen wird, der christlichen Kultur zu danken, dass sie uns durch alle Fluten gef├╝hrt und uns zu den gr├Â├čten Errungenschaften der Zivilisation gef├╝hrt hat. Wir sehen an Noahs Geschichte, dass die Aussichten mit einer solchen Einstellung nicht gut sind. Man kann nicht genau vorhersagen, wie, aber aus einem Sohn wird ein Sklave. Aber Gott hat uns in die Freiheit gerufen.

Wir sollten innehalten und dar├╝ber nachdenken, wo wir, unsere Nation und unser Land, inmitten der Weltereignisse stehen. Was ist unser Weg, unsere Berufung und unsere eigener ÔÇ×gro├čer NeustartÔÇť? Wie k├Ânnen wir Gottes Traum sowohl f├╝r Lettland als auch f├╝r unser eigenes Leben erf├╝llen?

2020 hat unerwartete Schocks und Herausforderungen gebracht. Nicht dass wir es wollten oder uns danach sehnten, aber wir haben eine ungew├Âhnliche Zeit bekommen, in der wir eine gro├če, einheitliche Idee brauchen, die f├╝r gemeinsames und ethisches Handeln mobilisiert. Die Krise kann be├Ąngstigend und deprimierend sein, aber gerade dann ist es wichtig, sich daran zu erinnern, dass wir in der Lage sind, zu ├╝berleben und zu gewinnen. Gott schuf uns als Wesen mit Bewusstsein und zwei Gehirnh├Ąlften. Wenn die Dinge wie gewohnt laufen und wir die ├╝blichen Dinge tun – Kaffee kochen oder Fahrrad fahren – tun wir dies automatisch und unbewusst. Uns wird das Bewusstsein gegeben, dem Ungew├Âhnlichen und dem Unbekannten zu begegnen. Mit der linken Gehirnh├Ąlfte arbeiten wir in Bereichen, wo alles untersucht und bekannt ist. Die rechte H├Ąlfte schaltet sich ein, wenn wir dem Neuen und dem Unbekannten begegnen. Wenn das Unerwartete ├╝ber uns hereinbricht, wenn es so wie 2020 kommt, ist es wichtig zu wissen, dass wir die Ressourcen haben, um uns dem zu stellen. Gott hat uns so geschaffen, dass wir ├╝berleben und gewinnen k├Ânnen.

ÔÇ×So stehet nun, umg├╝rtet an euren Lenden mit Wahrheit und angezogen mit dem Panzer der Gerechtigkeit und an den Beinen gestiefelt, als fertig, zu treiben das Evangelium des Friedens. Vor allen Dingen aber ergreifet den Schild des Glaubens, mit welchem ihr ausl├Âschen k├Ânnt alle feurigen Pfeile des B├Âsewichtes; und nehmet den Helm des Heils und das Schwert des Geistes, welches ist das Wort Gottes. Und betet stets in allen Anliegen mit Bitten und Flehen im Geist, und wachet dazu mit allem Anhalten und Flehen f├╝r alle HeiligenÔÇť. (Eph 6:14-18)

Jesus sagte im Johannesevangelium: ÔÇ×Euer Herz erschrecke nicht! Glaubet an Gott und glaubet an mich! Habe ich dir nicht gesagt, so du glauben w├╝rdest, du w├╝rdest die Herrlichkeit Gottes sehen?ÔÇť

Erzbischof Janis Vanags, Predigt im Rigaer Dom am 18. November 2020

├ťbersetzung Pfr. Andris Kraulins

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Dieser Beitrag wurde erstellt am Montag 23. November 2020 um 14:48 und abgelegt unter Gesellschaft / Politik, Kirche, Predigten / Andachten.