Gemeindenetzwerk

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Damals?

Mittwoch 25. November 2020 von Pfr. Dr. Theo Lehmann


Pfr. Dr. Theo Lehmann

Oktober 1989. Es klingelte. Vor der TĂŒr standen ein paar Jungs, nass und heulend. „Herr Pfarrer, helfen Sie uns 
“ Die Jungs konnten es weder fassen noch verkraften, dass die DDR mit Wasserwerfern gegen ihr eigenes Volk vorging. Einige Tage spĂ€ter, am 8. Oktober, fand in Karl-Marx-Stadt mein 124. Jugendgottesdienst statt. Ich predigte zu 3000 Jugendlichen ĂŒber das Bibelwort Nehemia 9,33: „Wir sind in großer Not.“ Die Predigt erschien kurz danach in idea, die sie allen Bundestagsabgeordneten zustellte. Vor der Predigt wurde gesungen:

Was wir meinen, sagen wir, sagen‘s frei heraus.
Wenn es nottut, schweigen wir, halten SchlÀge aus.

Wir wollen Hoffnung sein, wo man versagt.
Wir wollen friedlich sein, wo man nur klagt.

Wir wollen anders sein.

Anders war ich als Prediger bereits Ă€ußerlich. Aus der Tasche meines Jacketts ragte eine ZahnbĂŒrste, und ich sagte zur ErklĂ€rung: „Das habe ich von Martin Luther King gelernt. Der predigte auch mal mit ZahnbĂŒrste als Zeichen, dass er bereit war, fĂŒr seine Predigt anschließend ins GefĂ€ngnis zu gehen.“ Solche Predigten können allerdings nur gehalten werden, wenn der Heilige Geist das Herz festhĂ€lt, wĂ€hrend die Knie zittern.

Gegen Ende sagte ich: „Wir sind in großer Not, weil uns die TrĂ€nen ĂŒber das Gesicht laufen, wenn wir vor unseren Fernsehern sitzen und die FlĂŒchtlingszĂŒge sehen und die Auseinandersetzungen auf unseren Straßen und die Wasserwerfer in Aktion. Wir weinen ĂŒber unser Land, und wir fragen uns: Wo sind wir hingekommen, dass der Dialog verweigert und Wasserwerfer eingesetzt werden?“ Und zum Schluss sagte ich: „Wir brauchen einen Neuanfang, und die Bibel zeigt uns, wie es dazu kommen kann: MissstĂ€nde benennen, Schuld bekennen. Nur so kommt es zu einer VerĂ€nderung. VerĂ€nderung ist ein Zeichen von Leben. Wo keine VerĂ€nderung mehr stattfindet, kann nur noch der Tod festgestellt werden. Unser Bekenntnis heißt: Nach Tod und Dunkelheit siegte das Licht. Wer jetzt an den Auferstandenen glaubt, fĂŒrchtet sich nicht.“ Noch jetzt kriege ich eine GĂ€nsehaut, wenn ich daran denke, wie nach diesem Refrain-Zitat die Tausende aufstanden wie ein Mann und sangen:

Sie hauen auf mich ein, bis ich den Halt verlier,
doch wir stehn wieder auf.

Ich werde abgeschossen, fliege vor die TĂŒr,
doch wir stehn wieder auf.

Nach Tod und Dunkelheit siegte das Licht.
Wer jetzt an den Auferstandenen glaubt,  fĂŒrchtet sich nicht.

Und dann kam der November 2020.

Ich saß vor dem Fernseher und sah mir die Nachrichten des MDR an, und plötzlich sah ich einen Wasserwerfer, der gegen Demonstranten eingesetzt wurde. Ich dachte: Na, die Bilder kenne ich doch, die hab ich doch schon vor 30 Jahren gesehen. Aus diesem Irrtum rief mich die Stimme des Nachrichtensprechers, denn das war live, aktuell, Gegenwart! Die Stimme erklĂ€rte, dass man aus RĂŒcksicht auf Frauen und Kinder darauf verzichtet hatte, den Wasserstrahl direkt auf die BĂŒrger zu richten, sondern sie nur wie ein Starkregen durchnĂ€sste. Vor RĂŒhrung ĂŒber so viel vĂ€terliche GĂŒte kĂ€mpfte ich mit den TrĂ€nen. Diese zarte RĂŒcksichtnahme auf Frauen und Kinder! Das war ja noch mehr als das bloß hingesagte „Ich liebe euch doch alle“ von Onkel Mielke. Das jetzt war ja spĂŒrbare Liebe, die aus dem Himmel herniederregnete! Oder habe ich das alles bloß getrĂ€umt?

Paar Tage spĂ€ter saß ich wieder vorm Fernseher, es war Bußtag. Der MDR ĂŒbertrug einen Gottesdienst aus der Dresdener Frauenkirche, und ich sah, wie der Prediger sich dankbar glĂŒcklich pries, in einer Demokratie zu leben. Hab ich das auch nur getrĂ€umt? Ich weiß es nicht. Ich weiß nur: Damals stand nicht nur ich, sondern die ganze Kirche auf der Seite von denen, die mit Wasserwerfern bearbeitet wurden. Damals.

Theo Lehmann, Radebeul
23.11.2020

 

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Dieser Beitrag wurde erstellt am Mittwoch 25. November 2020 um 7:52 und abgelegt unter Gemeinde, Gesellschaft / Politik.