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Die christliche Freiheit

Dienstag 6. Juni 2017 von Dr. Joachim Cochlovius


Dr. Joachim Cochlovius

SpĂ€testens seit Joachim Gaucks Buch „Freiheit. Ein PlĂ€doyer“ (2012) war der Freiheitsbegriff eine Zeitlang wieder ins öffentliche Bewusstsein gerĂŒckt. Als ehemaliger DDR-BĂŒrger, der die dortigen Unfreiheiten kennengelernt hat, habe ich mich darĂŒber gefreut. Ich kann es J. Gauck abnehmen, wenn er sagt, dass er sich „jene warme und tiefe Zuneigung zur Freiheit erhalten“ will und dass er „ihrer verĂ€ndernden Kraft“ vertraut. Aber ich frage mich auch, was das fĂŒr eine Freiheit ist, die er hier in solch hohen Tönen lobt, und in welcher Beziehung sie steht zur christlichen Freiheit, die Luther in seiner Freiheitsschrift als Inbegriff der christlichen Existenz ansieht.

Der moderne Freiheitsbegriff

Blicken wir deswegen zunĂ€chst auf die Entwicklung des modernen europĂ€ischen Freiheitsbegriffs. „LibertĂ©, Ă©galitĂ©, fraternitĂ©â€œ – Freiheit, Gleichheit, BrĂŒderlichkeit, das waren die Leitthemen der Französischen Revolution, die bis heute an allen öffentlichen GebĂ€uden in Frankreich stehen (einschließlich vieler Kirchen), und die zweifellos die Quelle und der geistige Motor unserer Freiheitsvorstellungen geworden sind. In Artikel 1 der „ErklĂ€rung der Menschen- und BĂŒrgerrechte“ (August 1789) heißt es „Die Menschen werden frei und gleich an Rechten geboren und bleiben es“. Freiheit ist hier also das Ideal der allgemeinen Geltung der politisch-ökonomischen Menschen- und BĂŒrgerrechte. Frei ist, wer weder politisch noch ökonomisch unterdrĂŒckt wird.

Dieser politische Freiheitsbegriff hat einen ungeahnten Siegeszug in Europa und den U.S.A. und darĂŒber hinaus genommen. Friedrich Schiller hat ihn 1797 in seinem Gedicht „Die Worte des Glaubens“ glorifiziert: „Der Mensch ist frei geschaffen, ist frei“. Beethoven hat ihm ein Denkmal gesetzt im Gefangenenchor seiner einzigen Oper Fidelio „O welche Lust, in freier Luft den Atem leicht zu heben. Nur hier, nur hier ist Leben! Der Kerker eine Gruft“. (1805) Frankreich exportierte ihn in Gestalt der Freiheitsstatue in die U.S.A. (1886 eingeweiht).

Auch die kommunistische Bewegung schrieb sich zunĂ€chst die Freiheit im Sinn einer ausbeutungsfreien Staatsform auf die Fahnen. So heißt es in einem bekannten Arbeiterlied: „BrĂŒder, zur Sonne, zur Freiheit, BrĂŒder zum Licht empor! Hell aus dem dunklen Vergangnen leuchtet die Zukunft hervor.“ (1920) Doch in dem Maß, in dem die kommunistisch regierten Völker sich ihrer eigenen politischen Unfreiheiten bewusst wurden und die Ideale der Menschen- und BĂŒrgerrechte erstrebten, wurde der Freiheitsbegriff fĂŒr die kommunistischen Regierungen problematisch. Im Oktober 1989, nachdem die ersten Montagsdemonstrationen schon begonnen hatten, feierte die DDR-FĂŒhrung noch mit Glanz und Gloria den 40. Jahrestag der DDR-GrĂŒndung, im Grunde ein gespenstischer Vorgang. Eine Karikatur zeigt die DDR-Herrscher auf der RednerbĂŒhne, wie sie das alte Arbeiterlied „BrĂŒder, zur Sonne, zur Freiheit“ anstimmen und beim Wort Freiheit ins Stocken und Schwitzen kommen. Die Revolution, die im Namen politischer Freiheit begonnen hatte, begann nun ihre kommunistischen Kinder zu fressen. Im Westen lebten und leben indes die alten Ideale der Französischen Revolution ungebrochen weiter. Auch das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland vom Mai 1949 zehrt von ihnen. In Art. 2 heißt es: „Jeder hat das Recht auf die freie Entfaltung seiner Persönlichkeit
Die Freiheit der Person ist unverletzlich“.

Kurze Analyse

Seit ĂŒber 200 Jahren versteht man in der westlichen Welt unter Freiheit diese politisch-ökonomische und individuelle Freiheit. Dass das Menschsein aber noch von ganz anderen ZwĂ€ngen wie z.B. Neid, LĂŒge, Egoismus, Tod und Teufel bedrĂ€ngt wird, das ist aus dem öffentlichen Bewusstsein weithin verschwunden. NatĂŒrlich kann man den Siegeszug des politischen Freiheitsbegriffs verstehen und nachvollziehen. Die jahrhundertelange WillkĂŒrherrschaft des Königtums und der Kath. Kirche gerade in Frankreich hatte den NĂ€hrboden geliefert. Aber das Ă€ndert nichts an der Tatsache, dass sich seit der Französischen Revolution in Europa und darĂŒber hinaus ein einseitiges Menschenbild etabliert hat, das den Menschen im Wesentlichen nur von politischen Autokraten, wirtschaftlichen Ausbeutern und polizeilicher WillkĂŒr unterdrĂŒckt sieht. Offensichtlich ist es den christlichen Kirchen nicht gelungen, die noch viel schlimmeren MenschheitsunterdrĂŒcker SĂŒnde, Tod und Teufel und das Befreiungspotential gegen sie im öffentlichen Bewusstsein zu verankern. So wurde der reformatorische Freiheitsbegriff in den StammlĂ€ndern der Reformation zu einem Fremdkörper.

Die Knechtung durch SĂŒnde, Tod und Teufel

Die Inhalte der gesellschaftlichen Diskussionen heute bestĂ€tigen diese Analyse. Die GroßmĂ€chte SĂŒnde, Tod und Teufel sind aus dem Blick geraten und die politischen und ökonomischen Unfreiheiten und individuellen Benachteiligungen haben ihren Platz eingenommen. Sie sind heute das zentrale gesellschaftliche Kampfgebiet. Man merkt das schon an den Nachrichten. Streiks, Tarifverhandlungen, Streitigkeiten um Presse-, Meinungs- und Kunstfreiheit nehmen den meisten Platz ein. Was jedoch SĂŒnde, Tod und Teufel mit dem Menschen machen, tritt in den Hintergrund. Und wenn es diskutiert wird, dann hilflos, resignativ und defensiv. Dabei sind doch gerade die Folgen dieser Zwangsherrschaften viel schlimmer als EinschrĂ€nkungen auf dem Gehaltskonto. Werfen wir einen Blick auf diese Folgen und wie wir in unserer Gesellschaft damit umgehen.

  • Durch Abrechnungsbetrug, FĂ€lschungen von Expertisen und Korruption entstehen im Gesundheitssystem jĂ€hrlich SchĂ€den von 8 Milliarden Euro.
  • Durch Steuerhinterziehung entstehen MilliardenschĂ€den (2013: 13 Milliarden).
  • Durch die Liberalisierung der Abtreibungsgesetzgebung 1995 kommen jĂ€hrlich allein in Deutschland zwischen 100 000 und 200 000 Kinder nicht zur Welt. Das sind etwa 3 Millionen Menschen seit 1995, die, rein wirtschaftlich gerechnet, in der Zukunft fĂŒr die Beschaffung der Renten fehlen.
  • Die öffentlichen Debatten ĂŒber solche TatbestĂ€nde der SĂŒnde sind lahm oder fehlen ganz.
  • Der Tod ist gesellschaftlich tabuisiert. Im Mittelalter haben die Mönche Sterbekurse angeboten, bei denen die Menschen sich mit dem Tod und mit Todesvorbereitung beschĂ€ftigten (die sog. ars moriendi). Volkshochschulkurse, die diese Tradition aufnehmen wĂŒrden, sucht man vergeblich. Heute ist es eine Ausnahme, wenn ein Seelsorger von einem Sterbenden hört „Ich kann sterben“. Das Sterben geschieht im Allgemeinen hilflos und im Verborgenen.
  • Vom herrschenden evolutionistischen Denken ist keine Hilfe zu erwarten. Da wird der Tod als rein natĂŒrlicher Prozess bagatellisiert. Hubert Markl, gest. 2015, ein fĂŒhrender deutscher Evolutionist, formulierte: „Sterblichkeit ist ein Jungbrunnen der Evolution durch Mutation und Selektion“. Der Ernst des Todes als Lebenszerstörer wird nicht mehr gesehen. Dass der Tod etwas mit der SĂŒnde des Menschen zu tun hat, ist kein öffentliches Thema mehr.
  • Der Teufel ist in unserer Gesellschaft eigentlich nur noch eine Lachnummer. Jesus nannte ihn „Vater der LĂŒge“ und „Mörder von Anfang“ (Joh 8,44). Paulus wusste, dass er in der Lage ist, einen Menschen gegen das Evangelium zu immunisieren (2 Kor 4,4). Luther wusste, dass er „groß Macht und viel List“ hat. Wer weiß das heute noch?
  • Dabei ist der Einfluss finsterer, zerstörerischer MĂ€chte auf den Menschen offensichtlich. Wer einmal mit der Therapie von Alkoholikern zu tun hatte, kennt die WiderstĂ€nde, die man sich oft nur noch mit geistigen MĂ€chten im Hintergrund erklĂ€ren kann. Oder denken wir an den aktuellen Christenhass in der Welt, der ebenfalls nur mit einer unsichtbaren bösen Fremdsteuerung zu erklĂ€ren ist.

So sehr heute die RealitĂ€t von SĂŒnde, Tod und Teufel vergessen ist, so sehr ist auch die reformatorische Botschaft von der Befreiung aus ihrer Zwangsherrschaft vergessen. Desto dankbarer dĂŒrfen wir fĂŒr Luthers Freiheitsschrift „Von der Freiheit eines Christenmenschen“ von 1520 sein. Sie ist im Grunde nicht nur eine Reformationsschrift unter anderen, sondern ein Gottesgeschenk an die Menschheit. Welch eine großartige Botschaft, dass es eine Befreiung von SĂŒnde, Tod und Teufel gibt! Diese Schrift ist nicht nur „das GrĂŒndungsmanifest des modernen Europa“, wie sie Klaus-RĂŒdiger Mai in seinem Buch „Gehört Luther zu Deutschland?“ nennt, sie ist auch epochal fĂŒr die christliche Glaubensgeschichte, weil sie das ursprĂŒngliche Evangelium, das die Apostel verkĂŒndigt haben, wieder auf den Leuchter gehoben hat. Wie kam Luther zu seinen Einsichten?

Luthers Kampf gegen SĂŒnde, Tod und Teufel

Um geistlich kompetent ĂŒber die Freiheit von den GroßmĂ€chten SĂŒnde, Tod und Teufel reden zu können, muss man selber gegen sie gekĂ€mpft und gesiegt haben. Hier kann Luther mitreden.

Was die SĂŒnde betrifft, verdanken wir Luther eine einmalige Tiefenschau, die aus seinen inneren KĂ€mpfen aus der Mönchszeit herkommt. In Erfurt hat er mit Selbstkasteiung und einer völlig ĂŒberzogenen Beichtpraxis verzweifelt und vergeblich gegen die SĂŒnde angekĂ€mpft. Sein Beichtvater Johann von Staupitz tadelte ihn öfters wegen der „PuppensĂŒnden“, die Luther vorbrachte. Eine wirkliche Vergebungsgewissheit hat er dabei nicht gehabt.

Aber diese Zeit prĂ€gte seine SĂŒndenerkenntnis. Niemand vor ihm hat die SĂŒnde so fundamental definiert wie er. Der Mensch lebt in einer DauerĂŒbertretung des 1. Gebots, weil er nicht sein ganzes Vertrauen auf Gott setzt. „In allem, was er tut und lĂ€sst, sucht er mehr seinen Nutzen, Willen und Ehre, als Gottes und seines NĂ€chsten. Darum sind alle seine Werke, alle seine Worte, alle seine Gedanken, all sein Leben böse und nicht göttlich“ (Von den guten Werken, 1520). „Der Mensch ist so sehr in sich verkrĂŒmmt, dass er nicht nur die leiblichen, sondern auch die geistlichen GĂŒter sich selbst zudreht und sich in allem sucht“ (Römerbriefvorlesung 1515/16). Von sich aus kommt der Mensch aus dieser Lage nicht heraus. Er ist so sehr verdorben, dass er nicht einmal das Gute wollen kann. Nur wenn Gott nach ihm greift und seinen Willen lenkt, kann sich die Lage Ă€ndern.

Der Tod eines Menschen war fĂŒr Luther niemals nur ein rein biologisches Geschehen, sondern immer „ein unendlicher und ewiger Jammer und Zorn“, weil er durch „Gottes Zorn angetan und auferlegt“ sei. Das wissen allerdings nur Christen, betont der Reformator. Sie wissen aber auch, dass Gott sie durch den Tod von sich selber und von der SĂŒnde frei macht, und so kann Luther beten „Hilf uns den Tod nicht fĂŒrchten, sondern begehren“ (Kurze ErklĂ€rung des Vaterunsers, 1519). Seinen eigenen Tod sah er nĂŒchtern und ohne Wehleid. Zwei Tage vor dem Tod in Eisleben (18.2.1546) sagte er: „Wenn ich wieder heim gen Wittenberg komme, so will ich mich alsdann in den Sarg legen und den Maden einen feisten Doktor zu essen geben.“ So kann nur jemand reden, der mit dem Tod gekĂ€mpft und ihn innerlich ĂŒberwunden hat.

Der Teufel ist in Luthers Augen der große Widersacher Gottes. Er hasst Christus und wirkt Blindheit gegenĂŒber dem Wort Gottes, der SĂŒnde und dem Gericht. Er ist der FĂŒrst dieser Welt, aber Gott behĂ€lt die Oberregie ĂŒber ihn. Ein Kampf gegen den Teufel ist mit menschlichen Mitteln zwecklos. Gegen ihn hilft nur das Wort Gottes, so wie es Christus selber getan hat, als Satan ihn versuchte. So kommt Luther schließlich zu seinem triumphalen Fazit: „Ein Wörtlein kann ihn fĂ€llen“.

Die epochale Bedeutung der Freiheitsschrift

Um noch einmal auf den heute ĂŒblichen Freiheitsbegriff einzugehen, also auf die politischen, ökonomischen und individuellen Freiheiten: Zweifellos war die Reformation auch hier ein Wegbereiter. In seiner Adelsschrift von 1520 schreibt Luther den politischen Herrschern ihre Regierungspflichten ins Stammbuch. In der Schrift „Von Kaufhandlung und Wucher“ (1524) warnt er die Kaufleute und die Reichen vor wirtschaftlicher Ausbeutung anderer. Und auch die neuzeitlichen Individualrechte wie Meinungs-, Religions- und Versammlungsfreiheit sind in der Freiheitsschrift zumindest mit angelegt, wenn er den Christen definiert als einen Menschen, der sich aus Liebe um das Wohl seines NĂ€chsten kĂŒmmert. Als Christen sollten wir all diese Freiheiten nicht geringschĂ€tzen. Als Ex-DDR-BĂŒrger weiß ich wovon ich rede.

Aber die epochale Bedeutung der Freiheitsschrift liegt in der Wiederentdeckung des biblischen Freiheitsbegriffs und Menschenbildes. Es ist die Erkenntnis, dass der Christ im Glauben an Christus frei ist von der Macht der SĂŒnde, des Todes und des Teufels, und es ist die Vergewisserung und der Zuspruch, dass der Christ damit befreit ist zu einem Leben in Liebe und Hingabe an seinen NĂ€chsten.

Luther hat die Freiheitsschrift im Oktober 1520 in 12 Tagen geschrieben. Sie war eigentlich gedacht als letzter Versuch, eine VerstĂ€ndigungsbrĂŒcke zu Papst Leo X. zu schlagen. So erklĂ€rt sich der sehr devote und trotzdem erstaunlich selbstbewusste Begleitbrief. Luther hat die Schrift zugleich lateinisch und deutsch geschrieben. Sie war also von Anfang an auch gedacht als allgemeine christliche Unterweisung.

Wichtige Leitgedanken und Fazit der Freiheitsschrift

Der Traktat „Die Freiheit eines Christenmenschen“ ist keine evangelistische Schrift. Luther wendet sich an Christen, er setzt den christlichen Glauben voraus. Er will beschreiben, wer ein Christ ist und wie der Christ die Freiheit verstehen soll, die Christus erworben hat. Er will ein kurzes Manifest des Christentums verfassen. Dementsprechend heißt es im Begleitbrief an den Papst: „Es ist ein kleines BĂŒchle, wenn das Papier angesehen wird, aber dennoch ist die ganze Summe eines christlichen Lebens darin begriffen, wenn der Sinn verstanden wird“.

Die Schrift ist zweigeteilt. Luther stellt sich damit in eine Linie mit Paulus, der seine Briefe ebenfalls zweigeteilt verfasst hat. Im ersten Teil wird der Glaube erklĂ€rt und gestĂ€rkt, im zweiten Teil wird zur tĂ€tigen NĂ€chstenliebe ermahnt. Die beiden Teile werden gleich am Anfang mit einer paradox klingenden DoppelĂŒberschrift eingefĂŒhrt. „Ein Christenmensch ist ein freier Herr ĂŒber alle Dinge und niemand untertan“. „Ein Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann untertan“.

Dann wird die doppelte Natur des Christen beschrieben. Wir wĂŒrden heute eher sagen „seine zwei Seiten“. Er ist einerseits ein geistlicher Mensch, weil er im Glauben an Christus durch den Heiligen Geist ein neuer Mensch geworden ist. Als geistlicher Mensch ist er ein freier Herr ĂŒber alles. Und er ist andererseits nach wie vor ein leiblicher Mensch, weil der neue Mensch im natĂŒrlichen Leib wohnt. Weil im natĂŒrlichen Leib die Egoismen und Begierden angelegt sind, muss er unter die Regie des neuen, inneren Menschen kommen. So wird er in die Lage versetzt, Taten der Liebe zu tun.

Der neue, innere Mensch lebt allein von Gottes Wort. Die biblische Bezugsstelle ist das Jesuswort in Mt 4,4 „Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von allen Worten, die aus dem Mund Gottes kommen“. Er kann alles entbehren und ist daher nicht von den Ă€ußeren Lebensbedingungen abhĂ€ngig, sondern nur vom Reden Gottes durch die Heilige Schrift. Das Wort Gottes fĂŒhrt den inneren Menschen zur SĂŒndenerkenntnis und zieht ihn zu Christus hin, wo er Vergebung findet. Es vollzieht sich ein „fröhlicher Wechsel“, bei dem Christus der BrĂ€utigam dem glĂ€ubigen Christen alle SĂŒnden abnimmt und ihm statt dessen vollen Anteil an all seinen GĂŒtern gibt.

Ein weiterer Kerngedanke ist das Anteilbekommen am Königtum und Priestertum Christi, eine ganz großartige Passage. Im königlichen Stand mĂŒssen dem Christen alle Dinge zum Besten dienen. Insofern ist der Christ Herr ĂŒber SĂŒnde, Tod und Teufel. Er kann triumphieren ĂŒber alle WiderwĂ€rtigkeiten seines Lebens, weil er nicht mehr von ihnen abhĂ€ngig ist. Neid und Missgunst anderer Menschen können ihm ebenso wenig schaden wie eigene SchwĂ€chen und Fehler. Mir steht ein Christ vor Augen, der als Kind im 2. Weltkrieg bei einem Bombenangriff verschĂŒttet wurde und seitdem stottert. Er wurde oft gehĂ€nselt, aber im Glauben hat er seinen Frieden gefunden. Er erzĂ€hlte bei einer Kirchenvorsteherfreizeit aus seinem Leben. Er war einfacher Textilarbeiter. Bei einer Betriebsversammlung ging es um Entlassungen. Jeder durfte sich Ă€ußern, aber keiner sagte etwas aus Angst, er könnte der nĂ€chste sein. Nach einem langen Schweigen meldete er sich, der Stotterer. Er bekam das Mikrofon. Er sagte nicht viel, aber er rief die Belegschaft zu christlicher SolidaritĂ€t auf, getreu dem Apostelwort „Einer trage die Last des anderen“. Das ist geistliches Königtum, wenn ein Christ ungeachtet persönlicher Nachteile aus Glauben und Liebe das tut, was sein Gewissen ihm sagt. Der biblische Bezug hierzu ist Röm 8,28.

Im priesterlichen Stand, so fĂŒhrt Luther weiter aus, dĂŒrfen die Christen vor den lebendigen Gott treten und fĂŒr andere bitten, und sie dĂŒrfen sich dessen gewiss sein, dass Gott ihre Gebete erhört, so wie es Ps 145,19 sagt.

Damit der innere Mensch wachsen und stark werden kann, muss Christus so gepredigt werden, dass der Glaube entsteht, wĂ€chst und erhalten wird, und das heißt, dass sowohl die große geistliche Freiheit als auch die Liebestat gepredigt wird, zu der Christus befreit hat. Ein hochaktueller Aufruf an alle, die das Amt der WortverkĂŒndigung haben!

Als Ă€ußerer Mensch ist der Christ ein soziales Wesen und als solches eingebunden in viele Verpflichtungen. Er muss lernen, seinen Leib zu regieren, nicht nach seiner egoistischen Lust zu leben, sondern in Liebe seinem NĂ€chsten zu dienen. So wird der Christ ein williger Diener und dem anderen wie ein Christus. Er hilft ihm in jeglicher Hinsicht, leiblich und geistlich.

Die Freiheitsschrift schließt mit dem berĂŒhmten Satz: „Ein Christenmensch lebt nicht in sich selbst, sondern in Christus und seinem NĂ€chsten, in Christus durch den Glauben, im NĂ€chsten durch die Liebe“.

Der Apostel Paulus war wiederentdeckt, die großartige Befreiungstat Christi war wieder ans Licht gekommen.

Pastor Dr. Joachim Cochlovius, Walsrode

 

 

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Dieser Beitrag wurde erstellt am Dienstag 6. Juni 2017 um 7:06 und abgelegt unter Gemeinde, Kirche, Theologie.