Gemeindenetzwerk

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Trost im Leid

Dienstag 31. Dezember 2013 von Erzbischof Janis Vanags


Erzbischof Janis Vanags

Der Erzbischof der Evang.-luth. Kirche Lettlands zum Unglück in Zolitude bei Riga, wo am 21.11.13 das Dach eines Supermarkts einstürzte und 56 Menschen starben

Der Advent ist eine Zeit, die nach dem Heiland ruft. Jetzt wissen wir darüber mehr. Viele Leute hatten sich im Dom zu Riga versammelt, um sich von den Mitgliedern der Rettungsmannschaft zu verabschieden, die in Zolitūde ihr Leben hingaben bei der Suche nach den unter den Trümmern begrabenen Menschen. Als einer von ihnen gefragt wurde, ob es nicht ein Fehler war, sich in Lebensgefahr zu begeben, antwortete dieser: „Dort unten ist ein Mensch, der nach Hilfe ruft. Da muss doch jemand hingehen.“ Er beschloss: Ich gehe! Und deshalb nennen andere Menschen sie Lebensretter. Wir möchten gerne die richtigen Worte finden, mit denen wir die Nächsten der verschütteten Opfer in ihrem Schmerz trösten können. Wir möchten auch gerne Worte hören, die uns helfen, unsere eigenen Verletzungen zu überwinden. Doch jetzt wissen wir es: es gibt keine Worte, die das vermögen.

Was weiß ich schon von dem Schmerz eines solchen Verlustes? Das kann man nicht zutreffender ausdrücken als es der Bischof der lettischen Baptisten Pēteris Sproģis in einem Gottesdienst am Ewigkeitssonntag getan hat: Wahrlich, diese hohe Hürde der Schmerzen kann man weder übersteigen noch umgehen. Es gibt keine Worte, die sie beschreiben könnten. Wenn man in seinem Leben einmal davon betroffen ist, dann gibt es keine andere Möglichkeit, als dass man da hindurch geht und sich der heiligen Traurigkeit hingibt. Man begibt sich in die Finsternis, in die tiefste Nacht der Seele. Wie in die Wolken der Unwissenheit, wie in den freien Fall, bei dem man nicht weiß, wie tief er sein wird. Lasst die heilige Trauer zu! Begebt euch in die Finsternis, die Trauer. Das kann nur jeder selbst erleben, was es bedeutet, den dunkelsten Punkt, die größte Finsternis erreicht zu haben. Dort leuchtet Gott wie ein Licht auf. Der mitleidende Gott, der  unsere Schmerzen mit erträgt. Gott, der in die tiefste Tiefe hinabgestiegen ist, um auch dort zu sein, wo wir sind – als unser Heiland.

Die Worte auf diesem Wege in die Nacht, sind das Kostbarste von allem, was der Menschheit geschenkt worden ist: Euer Herz erschrecke nicht! Glaubt an Gott und glaubt an mich. In meines Vaters Hause sind viele Wohnungen. Ich gehe hin, euch die Stätte zu bereiten. Und wenn ich hingehe, euch die Stätte zu bereiten, will ich wieder kommen und euch zu mir nehmen, damit ihr seid, wo ich bin. Wer meine Worte hört und an den glaubt, der mich gesandt hat, der hat das ewige Leben und kommt nicht in das Gericht, sondern aus dem Tod in das ewige Leben. Das sagt Christus, der Heiland aller mutigen Retter und unser aller Heiland. Wenn wir aus unserem Hause gehen, wissen wir nicht, ob wir zurückkehren werden. Wenn wir unsere Kinder vor dem Beginn ihres Schulweges oder unsere Lieben vor ihrem Weg zur Arbeit zu Hause verabschieden, wissen wir  nicht, ob wir sie noch wiedersehen werden. Wie es ein bekannter russischer Dichter einmal ausgedrückt hat:

„Von euren Geliebten trennt euch nicht, wenn ihr sie blutend erblickt. Und jedes Mal verabschiedet euch, als wäre es für die Ewigkeit, selbst dann, wenn ihr euch nur für einen Augenblick von ihnen trennen müsst.“

Irgendwo in der Welt haben wir jederzeit eine solche Situation. Auch manches Mal ganz in unserer Nähe. Der Advent ist der Ruf nach dem Heiland und Erretter aus der unsicheren Welt. Gott hat ihn vernommen und beschlossen: Ich komme! Er kam in die Welt voller Not, um am Kreuz sein Leben hinzugeben, damit wir ein neues Leben nach dem Willen Gottes beginnen könnten. Er gab sein Leben hin, damit wir ewig leben könnten. Jesus nahm auf sich unsere Schmerzen, um uns zu trösten. Er starb einsam, damit wir einst in der Ewigkeit Gemeinschaft mit Gott hätten. Also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, auf dass alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben. Wir haben kein Wort der Anästhesie, sondern das Wort, das Fleisch wurde und unter uns wohnte. Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, der wird leben, auch wenn er stirbt, und wer da lebt und glaubt an mich, der wird nimmermehr sterben. Gott ist mit uns auch dort in unserer finstersten Unwissenheit. Seine heilende Nähe können wir von ihm erbitten für die 54 Umgekommenen und ihre Angehörigen.

Dennoch ist auch einer der Ecksteine des Seelenfriedens die Gewissheit, dass es fähige und verantwortungsbewusste rettende Menschen gibt, von denen jeder an seinem Ort wach ist, und weiß, was er zu tun hat. Zu der Zeit der Katastrophe hat niemand von ihnen gefragt, wo zum Teufel Gott wohl gewesen sein mag, als das alles geschah? Hätte er das Dach nicht noch

ein paar Stunden bis zum Geschäftsschluss zusammenhalten können. Ich weiß es nicht. Da müsst ihr schon Gott fragen. Vielleicht antwortet er euch. Und dennoch hat Gott seinen Teil geleistet. Er hat dem Menschen den Verstand geschenkt, damit er keine Dummheiten macht, und sein Gewissen, damit er sich gewissenhaft verhält. In einem solchen Lande wie dem heutigen Lettland sind nicht Taifune und Erdbeben die Hauptursache von Tragödien, sondern die Menschen, die ihren Verstand und ihr Gewissen nicht einsetzen. Jetzt scheint für alle die Suche nach dem Schuldigen und dessen Bestrafung die Hauptsache zu sein.

Das ist tatsächlich die Aufgabe der Justiz. Die muss darauf achten, dass diejenigen, die eine Verantwortung tragen, sie auch wirklich wahrnehmen. Sie muss dafür sorgen, dass sich die Schuldigen auch wirklich schuldig fühlen. Auch das mag den durch eine Katastrophe entstandenen Schaden lindern. Doch bilden wir uns nicht ein, dass damit alles erledigt sei. Zur Katastrophe in Zolitūde ist es gekommen, weil irgend jemand eine Bestimmung ignoriert  oder eine Aufgabe übernommen hatte, die er eigentlich nicht beherrscht. Oder irgend etwas einem Freunde überlassen hatte, der das für „unwichtig, richtig oder nicht beachtenswert“ hielt und sich mit der Sache nicht befasste. Der etwas tat und sich darauf verließ, dass alles gut werden und nichts geschehen würde. Und wenn wir fordern, dass diese Menschen sich zu verantworten haben und verurteilt werden müssen, dann sollten wir bedenken, dass wir alle – jeder auf seine Weise – dasselbe zu tun pflegen. Wir übertreten die Herabsetzung der Geschwindigkeit, fahren aggressiv und telefonieren am Steuer. Wir arbeiten in der Küche eines Kindergartens und waschen uns nicht die Hände. Wir unterschreiben Dokumente, ohne sie zu lesen. Wir versuchen Beamte zu überreden, dass sie so handeln, wie es unseren Interessen entspricht. Wir übertreten die Gebote, weil wir immer Gründe finden werden, die das rechtfertigen. Wir bekleiden ein Amt, dem wir nicht gewachsen sind.  Ach, da wird schon nicht viel passieren und alles wird gut werden… Wenn wir Vergeltung verlangen, dann sollten wir bedenken, dass wir uns selbst von den am Unglück in Zolitūde Schuldigen nur dadurch unterscheiden, dass unsere Unfähigkeit, Nachlässigkeit und unsere Sünde noch nicht solche offensichtlichen und tragischen Folgen gehabt hatte. Aber möglich wären sie gewesen… Unsere Pflicht gegenüber den Opfern dieser Tragödie ist, dass wir unsere Einstellung gegenüber der Nachlässigkeit, dem Hochmut und der Unehrlichkeit zuerst bei uns selbst und dann in unserem Lande ändern. Die Menschen mögen keine Grenzen haben, denn diese sind hinderlich, und dennoch hat es einen Sinn, die Bestimmungen zu beachten, sich nicht gegen die Gebote zu versündigen und sich mit Dingen zu befassen, von die man beherrscht. „Schuldige muss man bestrafen, aber nicht für uns alle kreuzigen“ (K. Rozenvalds)

Keiner geht aus einer Krise so heraus wie er hineingeraten ist. Entweder er wächst oder er schrumpft zusammen. Derjenige wächst, der innere Hilfsquellen hat. Die Zukunft wird es zeigen, was wir aus der Tragödie von Zolitūde gelernt haben. Wenn alles vorbei sein wird, versunken ist und bei dem Alten bleibt, dann verderben wir noch weiter. In unserer schweren Zeit war es die Einigkeit und Solidarität der Menschen in unserem Lande, welche die ausländischen Beobachter besonders überraschte. Wir alle entdeckten, dass in einer ernsten Situation Letten und Russen, Christen und Agnostiker, Anhänger der einen und der anderen Partei sich für ein gemeinsames Ziel zusammenschlossen. Jetzt besteht die Frage, ob wir alle die notwendigen inneren Hilfsquellen haben, die uns gewiss werden lassen, dass es im Leben den wichtigen Augenblick gibt, in dem wir uns zusammenschließen müssen in der Versöhnung und Solidarität. Wir haben die Heldentaten unserer Rettungsmannschaften gesehen, und mussten dabei feststellen, dass es besser ist, bei der Rettung von Menschen in Todesgefahr sein Leben selbst zu opfern, als selbst lange wohlgefällig weiter zu leben und andere sterben zu lassen. Wir müssen uns fragen, ob wir es vermögen, unser gefährliches Handeln zu erkennen und die festgefahrenen und zerstörerischen Erscheinungen zu beseitigen? Wenn ja, dann werden wir aus der Krise gereift herausgehen. Aber wenn nicht…? Jeder, der es versucht hat, den Weg der Heiligung zu beschreiten, weiß, wie schwer der ist. Und deshalb ist der Advent der Ruf nach dem Retter und Heiland aus der Tiefe, aus den Trümmern der falschen Illusionen über sich selbst. Herr, wohin sollen wir gehen? Er hat die Hilfsmittel, die uns in Augenblicken der Krise wachsen lassen. Im Lauf einer langen und schweren Geschichte hat er  seiner Kirche die Hilfe geschenkt und tut das auch noch heute. Doch damit verhält es sich ebenso wie mit dem Verstand und dem Gewissen – sollen wir sie nutzen oder nicht? Vor dieser Wahl stehen wir täglich.

Quelle: Svētdienas Rīts, Zeitschrift der Evangelisch-lutherischen Kirche Lettlands, herausgegeben von ICHTYS GmbH, erscheint seit Januar 1920; Ausgabe Nr. 12/2013.

Übersetzung: Johannes Baumann

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Dieser Beitrag wurde erstellt am Dienstag 31. Dezember 2013 um 9:53 und abgelegt unter Gemeinde, Kirche, Predigten / Andachten.