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Nubien unter dem Kreuz

Mittwoch 20. MĂ€rz 2013 von Evangelischer Pressedienst


Evangelischer Pressedienst

Im Sudan war das Christentum lange zu Hause

 Der Sudan gilt als islamisch-fundamentalistisch regiertes Land. Dass dort bis ins 15. Jahrhundert das Christentum zu Hause war, hat ein Marburger Wissenschaftler erforscht. Überreste des vergangenen Brauchtums haben ĂŒberlebt.

Im Nordsudan heimisch sind heute fast nur Muslime. Das war nicht immer so. Ein Marburger Wissenschaftler hat nun langjĂ€hrige Forschungen ĂŒber die orientalische Kirche in Nubien abgeschlossen, die rund 1.000 Jahre lang wĂ€hrend des Mittelalters vom Nordsudan bis zum Ă€gyptischen Assuan entlang des Nils existierte.

Die nubische Kirche, eine dritte altorientalische neben den heute noch existierenden orthodoxen Kirchen in Ägypten und in Äthiopien, sei selbst in Fachkreisen wenig bekannt, sagt der Kirchenhistoriker Roland Werner. „Dabei hat das nubische Christentum auch heute noch eine bleibende Bedeutung, gerade angesichts der Suche afrikanischer Kirchen nach ihren geschichtlichen Wurzeln und ihrer IdentitĂ€t.“

Werner hat fĂŒr seine Doktorarbeit in Theologie ĂŒber das Christentum in Nubien eine Vielzahl archĂ€ologischer Berichte, etwa ĂŒber die Überreste von Kirchen- und Klosteranlagen entlang des Nils, gesichtet und seit 1979 fast jĂ€hrlich Studienaufenthalte im Sudan absolviert. Vom 6. Jahrhundert nach Christus bis zum Ende des 15. Jahrhunderts existierte nach seiner Forschung die nubische Kirche, aufgeteilt in drei nubische Königreiche – Nobatia, Makuria und Alodia.

Untergang der nubischen Kirche

Als eines der wenigen Völker in Afrika hatten die Nubier eine eigene Schriftsprache, indem sie das Altgriechische um einige Sonderzeichen fĂŒr nubische Laute erweiterten. Darin fertigten sie eine altafrikanische BibelĂŒbersetzung an. „Das ist fĂŒr Afrika einzigartig“, sagt Werner, der neben evangelischer Theologie Arabistik, Afrikanistik und Religionswissenschaften studierte.

Bereits 641 nach Christus, etwa zehn Jahre nach dem Tod Mohammeds, kamen Muslime nach Ägypten und ĂŒbernahmen dort die Herrschaft. Um 652 konnten sich die Nubier aber offenbar dem Ausdehnungs- und Herrschaftsdrang des Islam widersetzen, indem sie mit den Arabern mit Hilfe eines Handelsabkommens („Baqt“) einen Waffenstillstand vereinbarten, der ĂŒber sechs Jahrhunderte Bestand hatte. In dieser Zeit kam es zu einer BlĂŒte christlicher Kunst, Schrift und Architektur, von der archĂ€ologische Funde zeugen.

Gespeist wurde der kulturell-religiöse Fortschritt durch einen stĂ€ndigen Kontakt mit der byzantinischen Kultur des oströmischen Reiches, vermutet Werner. „Wahrscheinlich war Jerusalem ein zentraler Umschlagplatz, von dem aus nubische Mönche auf ihren Pilgerfahrten regelmĂ€ĂŸig neue Impulse fĂŒr die christliche Kirche Nubiens mitbrachten.“

Eine Reihe politischer wie gesellschaftlicher UmstĂ€nde begĂŒnstigten den Untergang der nubischen Kirche. Dazu zĂ€hlt etwa die im 13. Jahrhundert in Ägypten errichtete Dynastie der Mameluken, eine fanatisch-muslimische Gruppierung, mit denen nubische UmstĂŒrzler kollaborierten und damit ihrem eigenen Volk schadeten. In der Folge bekam die nubische Kirche, die keine eigene theologische AusbildungsstĂ€tte hatte, keinen Priester- und Bischöfenachwuchs mehr von der koptischen Kirche aus Ägypten. Zudem wurden Familien durch die Einwanderung und Einheiratung von Arabern muslimisch.

Überreste des Brauchtums

Den „Todesstoß“ aber erhielt das christliche Nubien durch die Pest, die um 1350 auf einem Schiff von Alexandria ĂŒber den Nil nach Nubien kam. Der letzte christlich-nubische König Joel ist fĂŒr das Jahr 1484 bezeugt. Dass sich die Christen danach noch gut 150 Jahre in einem spĂ€tnubischen Restkönigtum halten konnten, zeuge von der Kraft dieser orientalisch-afrikanischen Kirche, sagt Werner.

Obwohl die Bevölkerung im heutigen Nordsudan fast vollstĂ€ndig islamisch ist, haben sich nach Werners Erkenntnis in einer Reihe von Volkstraditionen Überreste nubisch-christlichen Brauchtums bis in die heutige Zeit erhalten. Bei Gefahr sei es eine Gewohnheit der Menschen, sich zu bekreuzigen. MĂŒtter zeichneten ihren Kindern ein Kreuz auf den Bauch, damit sie wieder gesund werden. Bei Neugeborenen gebe es die Tradition, ihnen dreimal Nil-Wasser ĂŒber den Kopf zu schĂŒtten. „Eine Ritual, welches an die Taufe erinnert, dessen Bedeutung den Menschen aber nicht mehr prĂ€sent ist“, erlĂ€utert Werner, der seit 2011 GeneralsekretĂ€r des GeneralsekretĂ€rs des Christlichen Vereins Junger Menschen (CVJM) in Deutschland ist.

„Insgesamt ist deutlich, dass die nubische Kirche trotz aller Verbindungen mit und trotz der AbhĂ€ngigkeit von der byzantinischen Kultur und der koptischen Kirche als eine frĂŒh eingewurzelte einheimische Kirche auf afrikanischem Boden mit eigener Kunst, Schrift, Literatur und eigenen theologischen Schwerpunkten wertzuschĂ€tzen ist“, resĂŒmiert Werner.

Christoph Kirchhoff

(epd)

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Dieser Beitrag wurde erstellt am Mittwoch 20. MĂ€rz 2013 um 9:01 und abgelegt unter Christentum weltweit.