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Eine islamische Analyse

Montag 11. MĂ€rz 2013 von factum


factum

Der tĂŒrkische Gelehrte Prof. Dr. Ahmet Davutoglu ist einer der einflussreichsten muslimischen Intellektuellen. In mehreren BĂŒchern hat er den Traum von einem Großreich entwickelt, das Nationalstaaten ĂŒberwindet, eine neoosmanische Vision. Sein Buch «Strategische Tiefe» ist ein Standardwerk – und ein Bestseller. Das politische Ziel ist ehrgeizig. Ihm schwebt keine Regionalmacht vor, sondern eine Großmacht: «Unser Spielfeld ist die Welt». Der Professor lebt nicht im akademischen Elfenbeinturm. Er ist Außenminister der TĂŒrkei.

Ahmet Davutoglu ist der Vordenker der islamischen Renaissance in der TĂŒrkei. Das Land am Bosporus soll sich auf seine alte GrĂ¶ĂŸe als islamisches Weltreich besinnen und daran anknĂŒpfen. Seiner Analyse zufolge steht die westliche Zivilisation vor ihrem Niedergang. Der TĂŒrkeikorrespondent Boris Kalnoky zitiert aus Davutoglus Buch «Zivilisatorische Transformation». Der «muslimische Mensch» sei dem westlichen «potentiell ĂŒberlegen». Der «Homo islamicus» sei «strebsam, dynamisch, moralisch und muslimisch», so der tĂŒrkische Spitzenpolitiker. Dem verfallenden Westen könne nur noch die Transformation vom Falschen ins Richtige helfen. Das Richtige ist aus seiner Sicht ein islamisches Großreich.

Der in Afghanistan geborene und seit vielen Jahren in Deutschland lebende Neurologe und Psychoanalytiker Josef Ludin sieht diesen Machtanspruch mit Sorge. Die Vorstellung einer islamischen Transformation bedrohe «die sĂ€kulare europĂ€ische Zivilisation mit einem imaginĂ€ren Gegenentwurf». Diese Idee einer islamischen Zivilisation «muss Europa zurĂŒckweisen», fordert der Arzt und Autor.

Er konstatiert, dass viele EuropĂ€er sich in Illusionen wiegen, wenn sie diesen Herrschaftsanspruch nicht ernstnehmen. Der Blick in die Geschichte zeige, so Josef Ludin, wie die Vision einer islamischen Zivilisation in der Praxis aussehe – was der Islam «sonst noch» zu bieten habe, außer den eigentlichen Glaubensinhalten: «Welche Zivilisation hat er uns vorzuschlagen, welches Rechtssystem, welche öffentliche Ordnung, welches Bildungssystem, welche Infrastruktur, welche OpernhĂ€user, welche Bibliotheken und KrankenhĂ€user
?» Überall, wo der Islam in den letzten 600 Jahren zivilisatorisch gewirkt habe, habe er «Armut, Analphabetismus und RĂŒckstĂ€ndigkeit hinterlassen». Er stelle das Kollektiv ĂŒber das Individuum. Seine Ablehnung von Wissenschaft, Kunst und AufklĂ€rung bedinge sein Verharren in Archaismen. Ludin bilanziert: Der Islam hat «zivilisatorisch vollkommen versagt».

Interessant ist der Zusammenhang, den Josef Ludin zwischen den AnfĂ€ngen der biblischen Religionen einerseits, des Islam andererseits und der jeweiligen heutigen Verfasstheit sieht. Der Islam sei von Anfang an «als der Herr der Welt» aufgetreten, als eine «Ideologie der Macht». Darin unterscheide er sich grundlegend vom Judentum und Christentum. Das Judentum sei von einer «Tradition der Ohnmacht» getragen gewesen («Wir waren Sklaven in Ägypten»). Christentum und Judentum mussten sich von Anbeginn der Verfolgung und UnterdrĂŒckung erwehren.

Die Gesellschaften, die sich im Einflussbereich der biblischen Tradition entwickelten, messen der Freiheit des Individuums großen Wert bei. BĂŒrgerrechte, unabhĂ€ngige Justiz, freie Presse bildeten sich hier heraus. Heute sind wir Zeuge davon, wie die europĂ€ischen Gesellschaften das Fundament dieser Werte aufgeben. Damit sind auch dessen FrĂŒchte gefĂ€hrdet. Die Folgen dieses Verfalls sind dem islamischen IntellektuellenAhmet Davutoglu nicht entgangen.

Der Islamist in Nadelstreifen und mit Nickelbrille nutzt die zunehmende SchwĂ€che Europas. Mit kĂŒhner Entschlossenheit verfolgt er das Ziel, die TĂŒrkei als fĂŒhrende muslimische Macht zu etablieren. Davutoglu und sein Mann fĂŒr die Massen, MinisterprĂ€sident Erdogan, verfolgen dieses Ziel brachial und zielstrebig. Auf ihrem Weg zu einem osmanischen Großreich sehen sie sich bereits auf der Zielgeraden.

Am gefĂ€hrlichsten ist dieser islamische Imperialismus fĂŒr Israel. AntijĂŒdische und antiisraelische Hetze sind fĂŒr Davutoglu und Erdogan der Treibsatz, der sie zu den Herren der islamischen Welt machen soll. Mit seiner Prognose ĂŒber die ZukunftsfĂ€higkeit der westlichen Zivilisation hat der neo-osmanische Denker Davutoglu möglicherweise Recht. Seine strategischen Überlegungen zeigen, dass die westliche Werteimplosion zur Gefahr fĂŒr die Freiheit in Europa werden kann.

Thomas Lachenmaier

Quelle: factum, 07-2011 (www.factum-magazin.ch)

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Dieser Beitrag wurde erstellt am Montag 11. MĂ€rz 2013 um 13:35 und abgelegt unter Gesellschaft / Politik, Weltreligionen.