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Ungeplant schwanger

Dienstag 15. Januar 2013 von Aktion Lebensrecht f├╝r Alle


Aktion Lebensrecht f├╝r Alle

Theresia ist eine junge, intelligente Studentin. W├Ąhrend einer Auszeit als Freiwilligenhelferin in Peru wird sie unerwartet schwanger. Ohne Einkommen und ohne den Vater des Kindes wirklich gut zu kennen, sieht sie zun├Ąchst keine M├Âglichkeit, das Kind zur Welt zu bringen. Auch ihre Familie pl├Ądiert f├╝r eine Abtreibung. Nach ihrer R├╝ckkehr nach Deutschland informierte sie sich ├╝berall ÔÇô auch bei der ALfA in Coburg. Nach der Geburt des Babys schrieb die ├╝bergl├╝ckliche Mutter an ALfA. Als Dank, und um ihre pers├Ânliche Lebenserfahrung als Ermutigung weiterzugeben:

Schwanger. Zwei blaue Striche auf einem Plastikindikator. Schwanger – Ich? Es war ein Tag nach meinem 24. Geburtstag ÔÇô und ich war weit weg von daheim ÔÇô auf der Toilette meiner WG in Lima, Peru. Eigentlich ein ganz normaler Mittwoch. Ich war hier hergekommen um Freiwilligendienst in einem Armenviertel zu leisten. Ich wollte eine Auszeit von meinem Leben zu Hause in Deutschland.

Ich wollte frei sein. ┬╗Eine Schwangerschaft ist das genaue Gegenteil von Freiheit┬ź, schoss es mir durch den Kopf. Mein Herz pochte bis zum Hals. Vor lauter Unglauben kaufte ich noch zwei weitere Schwangerschaftstests in der Apotheke, die beide positiv waren, und ging danach in die ÔÇ×Clinica de LimaÔÇť, wo mir der Arzt im Ultraschall ein winziges, rasend schnell schlagendes Herzchen zeigte. Da war es also: Ein neues Leben, das in mir heranwuchs. Wieder auf der Stra├če stehend ├╝berkam mich ein Sturm von Gef├╝hlen: ┬╗Du musst es nicht kriegen!┬ź – rief eine Stimme in mir. ┬╗In Deutschland kann man immer noch was machen! Halte dir alle M├Âglichkeiten offen!┬ź Gleichzeitig sp├╝rte ich ein wohlig, warmes Gef├╝hl. Ich konnte doch dieses kleine Wesen nicht einfach beseitigen?

Aber ich hatte ihm nichts zu bieten. Ohne fertige Ausbildung lebte ich von der Unterst├╝tzung meiner Eltern. Und der Vater dieses kleinen Wesens lebte in dem Viertel, in dem mein Freiwilligenprojekt versuchte zu helfen. Unsere Beziehung war schwierig, wir waren uns, obwohl wir uns schon ein halbes Jahr kannten, erstaunlich fremd geblieben. ┬╗Der l├Ąsst dich h├Ąngen!┬ź rief eine Stimme in meinem Kopf. ┬╗ Der wird dich im Stich lassen!┬ź Vor meinem inneren Auge malte sich eine triste Zukunft als alleinerziehende Mutter ohne jegliche Unterst├╝tzung aus. Alleinerziehend: Armutsrisiko Nummer eins ÔÇô wirbelte es in meinem Kopf.

Und ich wollte doch noch was aus meinem Leben machen. W├╝rde ich mit Kind nicht alle meine Tr├Ąume aufgeben m├╝ssen? Angst und Panik ├╝berkamen mich. Man kann immer noch was machen, versuchte ich mich selbst zu beschwichtigen. Abends versuchte ich mich abzulenken und ging aus. Doch obwohl ich versuchte ÔÇÜdiese SacheÔÇś nicht so ernst zu nehmen, konnte ich mich nicht ├╝berwinden, einen Tropfen Alkohol zu trinken. Ich tanzte ganz normal wie immer ÔÇô aber ich f├╝hlte mich ver├Ąndert.

Ich konnte mich nicht auf die Musik einlassen. Dann traf ich Ximena, eine Bekannte. Sie war Ende drei├čig und die Chefin einer Organisation, die Mikrokredite an Kleinstunternehmer in Lima vergab – ├╝ber 90 Prozent dieser Kreditnehmer sind Frauen aus armen Bev├Âlkerungsschichten ÔÇô und viele von ihnen m├╝ssen ihre Kinder alleine durchbringen. Ximena selbst hat einen 19-j├Ąhrigen Sohn. Ich rechnete schnell: Sie musste bei seiner Geburt unter Zwanzig gewesen sein.

┬╗Ximena, bist du nicht sehr jung Mutter geworden?┬ź fragte ich sie. ┬╗Ja,ja, ich war 19 als mein Junge geboren wurde┬ź, sagte sie mit der ihr typischen Fr├Âhlichkeit und Leichtigkeit und wollte wissen warum ich frage. ┬╗Nur so┬ź, entgegnete ich ihr. Sie blickte mich an und schien mich mit einem Blick durchschaut zu haben: ┬╗Bist du etwa schwanger?┬ź Da war es wieder. Diese Sache, die Ich nicht ungeschehen machen konnte: Ich war schwanger. Nachdem mich Ximena mit Fragen gel├Âchert hatte, sage ich zu ihr: ┬╗Aber ich kann es nicht kriegen. Ich kann ihm nichts bieten.┬ź Schlie├člich hatte ich das in Deutschland gelernt: Kinder muss man sich leisten k├Ânnen. Eine Schwangerschaft kann den finanziellen Ruin bedeuten.

┬╗Ach, das mit dem Geld ergibt sich von alleine.┬ź entgegnete mir Ximena forsch. ┬╗Hab doch ein wenig Vertrauen und du wirst f├╝r immer einen Stern haben, der dich begleitet.┬ź Eine solche Lebenseinstellung war mir bis dahin nicht begegnet. Sie schlug mir also vor, aufzuh├Âren alles kontrollieren zu wollen und einfach ein bisschen Vertrauen in die Zukunft zu haben? Mich von den Zw├Ąngen und Erwartungen, die ich selbst und auch die anderen an mich stellten, zu befreien und die Entscheidung, die f├╝r mich die Richtige war zu treffen?

Der Vater des Kindes reagierte nicht begeistert, als ich ihm am n├Ąchsten Tag von der Schwangerschaft erz├Ąhlte. Auf die f├╝r ihn typische Art schaffte er es einfach, nichts zu sagen. Er war mit der Situation ├╝berfordert.

Ich rief meine Mutter zu Hause in Deutschland an ÔÇô sie riet zur Abtreibung. Und auch drei Wochen sp├Ąter als ich daheim ankam, war ihre erste Frage: ┬╗Und was gedenkst du wegen deiner Schwangerschaft zu tun?┬ź Ich schluckte. Ich hatte mich noch nicht zu einer Entscheidung durchringen k├Ânnen. Ich versuchte das Thema in den hintersten Winkel meines Kopfes zu verbannen, um ja nicht sentimental zu werden. In meinem Zimmer angekommen, versuchte ich eine Pro und Contra Liste zu erstellen.

Ich verwarf die Liste. Bei der Schwangerenberatung ging es vor allem viel um Hartz 4. Wirklich weiter geholfen hat mir das nicht. Auf die Frage, was f├╝r andere Frauen denn ausschlaggebend w├Ąre f├╝r eine Abtreibung, meinte die Beraterin, dass sie alleine w├Ąren und das Kind ohne Partner gro├čziehen m├╝ssten. Ich hatte auch keinen Partner. Mein Kind w├╝rde keinen Vater haben. Verzweifelt machte ich einen Termin bei einem Frauenarzt aus, der Abtreibungen durchf├╝hrte. Ich befand mich zu diesem Zeitpunkt schon an der zw├Âlf-Wochen-Grenze. Mir blieb keine Zeit.

Die Nacht vor dem Termin w├Ąlzte ich mich im Bett hin und her. Sollte ich es wegmachen lassen? W├╝rde ich es nicht f├╝r immer bereuen? Oder sollte ich es auf mich nehmen und es bekommen und mein Leben den Bed├╝rfnissen eines Kindes anpassen? Was w├╝rde aus mir werden? Ich hatte Angst vor der Zukunft.

Morgens stand ich auf und ging n├╝chtern zum Bus ÔÇô zur Abtreibung. Ich f├╝hlte mich nicht gut. Mir war schlecht. Ich wollte trotzdem etwas essen, um keine endg├╝ltige Entscheidung treffen zu m├╝ssen. In der Klinik gab mir die Helferin einen Fragebogen, den ich ausf├╝llen sollte. Im Wartezimmer sa├čen mehrere Frauen und M├Ądchen: Eine Sechzehnj├Ąhrige war mit ihrer Mutter gekommen. Eine andere Frau war Mitte drei├čig und sa├č mit einem Kleinkind da.

Alle wollten dasselbe. Ich kam mir erb├Ąrmlich vor. Erb├Ąrmlich, weil ich mich vor der Verantwortung dr├╝cken wollte. Erb├Ąrmlich, weil ich hier war, weil ich Angst hatte und feige war. In einer Stunde w├╝rde alles vorbeisein. Sie w├╝rden meine Geb├Ąrmutter ausschaben und ich k├Ânnte wieder meinem alten Leben nachgehen. Aber ungeschehen konnte man diese Schwangerschaft nicht machen. Tr├Ąnen schossen mir in die Augen.

Die Helferin blickte mich genervt an, da sie viel zu tun hatte und ich ihr den unterschriebenen Fragebogen immer noch nicht zur├╝ckgegeben hatte. Ich ging nach drau├čen. Ich weinte. Die Helferin kam nach drau├čen: ┬╗Frau F., was haben Sie denn jetzt vor, bleiben sie jetzt da?┬ź dr├Ąngelte sie. Wie entw├╝rdigend. Verstand sie denn nicht, worum es hier ging? Mit verheultem Gesicht stand ich auf und folgte ihr. Sie wollte meine Daten in den Computer aufnehmen, als ich in unkontrolliertes Schluchzen ausbrach. Kl├Ąglich fragte ich: ┬╗Kann ich den Termin auf morgen verschieben?┬ź

Genervt rollte sie mit den Augen und trug mich f├╝r den n├Ąchsten Tag ein. Ich packte meine Sachen und ging. Ich setzte mich in den Bus nach Hause und f├╝hlte mich unglaublich erleichtert. Wir waren noch zu zweit. Ich hatte es noch bei mir. Ich l├Ąchelte und blickte zum Fenster hinaus.

Am n├Ąchsten Tag sagte ich den Termin ganz ab. Wohlwissend, dass in ein paar Tagen die Frist von 12 Wochen verstrichen war und es dann kein Zur├╝ck mehr gab. Ich wagte den Sprung ins kalte Wasser. Ich w├╝rde Mutter werden.

Mittlerweile ist der kleine Jonathan geboren. Der Vater ist jetzt in Deutschland und sehr verliebt in seinen Sohn ÔÇô und in die junge Mutter. Die Familie ist verz├╝ckt ├╝ber den Nachwuchs und insgesamt enger zusammen ger├╝ckt.

Theresias Botschaft: Eine Entscheidung, mit der man f├╝r den Rest seines Lebens leben muss, sollte nicht kurzsichtig getroffen werden. Materielle Umst├Ąnde ├Ąndern sich. Was bleibt, sind die Menschen, die wir lieben in unserem Leben.

Jede Entscheidung, die nicht aus Angst heraus, sondern aus Liebe getroffen wird, wird sich letztendlich als die Richtige herausstellen.

Frauen, die vor einer ├Ąhnlichen Entscheidung stehen, w├╝rde ich den Rat geben, die Augen zu schlie├čen und ihrem Herzen zu folgen. Denn wie schon Saint-Exupery wusste, sieht man nur mit dem Herzen gut.

Quelle: Lebenszeichen, Zeitschrift f├╝r die Lebensbewegung Aktion Lebensrecht f├╝r Alle (ALfA), Nr. 97, Winter 2012 (www.alfa-ev.de)

 

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Dieser Beitrag wurde erstellt am Dienstag 15. Januar 2013 um 8:32 und abgelegt unter Lebensrecht, Seelsorge / Lebenshilfe.