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Die demographische Zeitenwende

Mittwoch 21. April 2010 von Prof. Dr. Herwig Birg


Prof. Dr. Herwig Birg
Die demographische Zeitenwende – Ursachen und Konsequenzen f√ľr Deutschland und Europa

In der internationalen¬† wissenschaftlichen Fachdemographie gibt es seit den 90iger Jahren des 20. Jahrhunderts ein allgemein anerkanntes Forschungsergebnis √ľber die demographische Entwicklung in der Zukunft, das trotz seiner gravierenden Folgen f√ľr die kulturelle, gesellschaftliche und wirtschaftliche Entwicklung aller L√§nder in der allgemeinen √Ėffentlichkeit weitgehend unbeachtet blieb:¬† Im 21. Jahrhundert wird das seit Jahrtausenden w√§hrende Wachstum der Weltbev√∂lkerung enden und um das Jahr 2070 in die neue Phase der Weltbev√∂lkerungsschrumpfung √ľbergehen. Der √úbergang vollzieht sich in jedem der 180 L√§nder der Welt auf √§hnliche Weise, unterschiedlich sind der Zeitpunkt, die Geschwindigkeit und die Dauer des √úbergangs. In den hochentwickelten L√§ndern ereignete sich der √úbergang um mehrere Jahrzehnte fr√ľher als in den weniger entwickelten. Einige der √§rmsten L√§nder werden wahrscheinlich auch noch im 22. Jahrhundert Bev√∂lkerungszuw√§chse durch Geburten√ľbersch√ľsse verzeichnen [1,2].¬†

Deutschland ist unter den 180 L√§ndern der Welt das Land, in dem der √úbergang vom Bev√∂lkerungswachstum in die Bev√∂lkerungsschrumpfung zuerst eintrat und am weitesten fortgeschritten ist. In den neuen Bundesl√§ndern begann die ‚ÄěDemographische Zeiten¬≠wende‚Äú 1969, in den alten 1972 [3]. Seitdem √ľbersteigt die j√§hrliche Zahl der Sterbef√§lle die der Lebendgeborenen [4]. Bei den zugewanderten Teilpopulationen liegt die Kinderzahl pro Frau(1,6) zwar ebenso wie bei der einheimischen (1,4) unter dem f√ľr die Bestandserhaltung erforderlichen Niveau von 2,1 Lebendgeborenen pro Frau, aber infolge der j√ľngeren Altersstruktur der Zugewanderten und der dadurch geringen Zahl der Sterbef√§lle und der h√∂heren Zahl der Geburten sind 1,6 Lebendgeborene pro Frau ausreichend f√ľr ein Bev√∂lkerungswachstum durch Geburten√ľbersch√ľsse. Die Geburten√ľbersch√ľsse der Zugewanderten sind jedoch nicht hoch genug, um das wachsenden Geburtendefizit der Deutschen auszugleichen.

Der R√ľckgang der Geburtenrate ist kein neues Ph√§nomen, er begann in Deutschland etwa zeitgleich mit der Einf√ľhrung der kollektiven Sozialversicherung durch Bismarck in den 90iger Jahren des 19. Jahrhundert (Schaubild 1). Abgesehen von einer kurzen Phase Ende der 30iger Jahre sowie in den 50iger Jahren setzte sich der R√ľckgang der Geburtenrate im gesamten 20. Jahrhundert kontinuierlich fort. Auf die letzte Phase des R√ľckgangs in den 70iger Jahren folgte 20 Jahre sp√§ter wie ein Echo ein R√ľckgang der absoluten Elternzahl, der jetzt wie bei einer Reihe von fallenden Dominosteinen automatisch weitere R√ľckg√§nge der absoluten Geburtenzahl nach sich ziehen wird usf. Der minimale Anstieg der Zahl der Lebendgeborenen pro Frau zwischen 2006 und 2007 von 1,34 auf 1,37 signalisiert entgegen den irref√ľhrenden Behauptungen der Familienministerin keine Trendwende, zumal er sich wie die anderen j√§hrlichen Fluktuationen seit vier Jahrzehnten in einem¬† unver√§ndert schmalen Intervall zwischen 1,2 und 1,4 Lebendgeborenen pro Frau bewegt.

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Die mit dem zivilisatorischen Fortschritt und dem steigenden Lebensstandard abnehmende (statt zunehmende) Geburtenrate wurde in der Bev√∂lkerungswissenschaft erstmals von Johann Peter S√ľ√ümilch in seinem 1741 in Berlin erschienen klassischen Standardwerk thematisiert und empirisch analysiert [5]. F√ľr diesen au√üerordentlich wichtigen, inversen Zusammenhang zwischen der Geburtenrate und dem Lebensstandard habe ich in den Begriff ‚Äědemographisch-√∂konomisches Paradoxon‚Äú vorgeschlagen [6]. Im Gegensatz zu S√ľ√ümilch behauptete Thomas Robert Malthus in seiner 1798 in London publizierten, konkurrierenden¬† Bev√∂lkerungstheorie, dass die Geburtenrate (Kinderzahl pro Frau) mit dem Lebensstandard zun√§hme statt abzunehmen ‚Äď eine f√ľr die meisten Menschen zwar plausible, aber den Tatsachen widersprechende Behauptung [7]. Obwohl sich die Malthusianische Theorie in allen Punkten als falsch erwies und bereits um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert z.B. von Franz Oppenheimer [8] und Lujo Brentano [9] eindeutig widerlegt wurde, gilt sie in der breiten √Ėffentlichkeit f√§lschlicherweise immer noch als der Beginn der wissenschaftlichen Demographie ‚Äď mit fatalen Konsequenzen f√ľr die aus ihr gezogenen Schlu√üfolgerungen f√ľr die Bev√∂lkerungspolitik und die Entwicklungspolitik sowohl in den Industrie- als auch in den Entwicklungsl√§ndern. Im Gegensatz dazu erweist sich heute die klassische Bev√∂lkerungstheorie deutscher Pr√§gung ebenso wie die zu gleicher Zeit entstandene¬† Aufkl√§rungsphilosophie Immanuel Kants f√ľr die Politik im 21. Jahrhundert als h√∂chst aktuell und tragf√§hig.

Dabei ist zwischen einer langfristigen Politik zur Wiedererlangung der demographischen Stabilit√§t durch eine Zunahme der Geburtenrate und einer kurz- und mittelfristig orientierten Politik zur Beherrschung der Auswirkungen der demographischen Ver√§nderungen zu unterscheiden. Die drei wichtigsten Auswirkungen der demographischen Ver√§nderungen in Deutschland sind die Schrumpfung, die Alterung und die Internationalisierung der Bev√∂lkerungsentwicklung durch Einwanderungen. Unter diesen Ver√§nderungen nimmt die demographische Alterung eine Sonderstellung ein: Sie ist f√ľr mehr als ein halbes Jahrhundert irreversibel und l√§uft ab wie ein Uhrwerk. So steigt die Zahl der √ľber 60ig j√§hrigen auf 100 20-60j√§hrige (=‚ÄúAltenquotient‚Äú) vom Ende des 20. Jahrhunderts bis zur Mitte des 21. von 38 auf 92, d.h. um den Faktor 2,4 [10]. Wollte man diesen Anstieg durch die Einwanderung J√ľngerer verhindern, m√ľssten ‚Äď nach einer theoretischen Simulationsrechnung der Bev√∂lkerungsabteilung der Vereinten Nationen – bis 2050 pro Jahr 3,5 Mio. Menschen mehr ein- als auswandern, zusammen 188 Mio [11].

Die Simulationsrechnung der Vereinten Nationen ist keine Prognose, ihr Zweck besteht darin, zu verdeutlichen, da√ü ein Anstieg der Geburtenrate ein unabdingbares Mittel zur Wiedererreichung der demographischen Stabilit√§t ist. Aber selbst wenn die Geburtenrate in den n√§chsten Jahren auf das bestandserhaltende Niveau von 2,1 Lebendgeborenen pro Frau zun√§hme, w√ľrde sich die Bev√∂lkerungsschrumpfung (ohne Ausgleich durch Einwanderungen) wegen der inzwischen dezimierten Zahl potentieller Eltern bis 2060 fortsetzen, ehe der R√ľckgang zum Stillstand kommen k√∂nnte. Die demographische Alterung lie√üe sich selbst dann nur unwesentlich abschw√§chen und nicht vermeiden [12].

Die weitaus wichtigste Ursache der demographischen Alterung (definiert als Anstieg des Durchschnittsalters, des Medianalters und des Altenquotienten) ist nicht die steigende Lebenserwartung, sondern die niedrige Geburtenrate. Auf die niedrige Geburtenrate entfallen vier F√ľnftel des Anstiegs des Durchschnittsalters bis zur Jahrhundertmitte um 10 Jahre, auf die steigende Lebenserwartung ein F√ľnftel.

Das aus wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Sicht wichtigste Problem ist nicht, dass die Bev√∂lkerungszahl in Deutschland vom Ende des 20. bis zur Mitte des 21. Jahrhunderts auch bei hohen Einwanderungen unter dem Strich um 14 Mio. abnehmen wird, sondern da√ü sich √ľber dem Strich mehrere konflikttr√§chtige Auseinanderentwicklungen ergeben. Bis zur Jahrhundertmitte geht beispielsweise die Zahl der Personen in der Altersgruppe von 20 bis 60 Jahren um 16 Mio. und die der unter 20j√§hrigen um 8 Mio. zur√ľck, w√§hrend gleichzeitig die Zahl der √ľber 60j√§hrigen um 10 Mio. w√§chst (Schaubilder 2 u. 3). Zu √§hnlichen Ergebnissen kommt inzwischen auch das Statistische Bundesamt [13]. Ferner nimmt die Zahl der nicht zugewanderten Deutschen st√§ndig ab, w√§hrend die der Eingewanderten und ihrer Nachkommen w√§chst. Besonders wichtig ist das Auseinanderdriften der St√§dte und Regionen, von denen die einen durch die Binnenwanderungen zwischen den Stadt- und Landkreisen und Gemeinden (4 Millionen Wohnortwechsel pro Jahr) wachsen, w√§hrend die anderen um so rascher schrumpfen.

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Die entscheidenden Auswirkungen der demographischen Ver√§nderungen auf die Volkswirtschaft sind die Wohlstandsverluste infolge der Abnahme der Wachstumsraten des Volkseinkommens und des Pro-Kopf-Einkommens trotz steigender Kapital- und Arbeitsproduktivit√§t. Eine entscheidende Ursache dieser negativen Effekte ist ‚Äď neben der demographischen Alterung und dem R√ľckgang der Erwerbspersonenzahl – das abnehmende Qualifikationsniveau der Erwerbsbev√∂lkerung durch die Einwanderung wenig qualifizierter Menschen aus Entwicklungsl√§ndern, vor allem aus der T√ľrkei. Selbst die hier geborenen Kinder der 15,4 Mio. Menschen mit Migrationshintergrund verlassen das deutsche Schulsystem √ľberwiegend nur mit Hauptschulabschlu√ü oder ohne Abschlu√ü. Bei der gesamten Bev√∂lkerung mit Migrationshintergrund betr√§gt der Anteil der Bev√∂lkerung ohne Schulabschlu√ü 8,0% (M√§nner) bzw. 10,3% (Frauen), bei den Deutschen sind die Vergleichszahlen 1,4%¬† bzw. 1,3% ,¬† bei der aus der T√ľrkei stammenden Bev√∂lkerungsgruppe mit Migrationshintergrund¬† 17,4% (M√§nner) bzw. 25,9% (Frauen). Bei der Kennziffer ‚ÄěBev√∂lkerungsanteil ohne beruflichen Bildungsabschlu√ü‚Äú sind die Prozentanteile bei der Bev√∂lkerung mit Migrationshintergrund noch h√∂her: 29,7% (M√§nner) bzw. 36,8% (Frauen) haben keinen beruflichen Abschlu√ü. Auch hier sind die Zahlen f√ľr die aus der T√ľrkei stammende Bev√∂lkerung am gr√∂√üten: 48,2% (M√§nner) bzw. 58,6% (Frauen). Bei der deutschen Bev√∂lkerung betragen die Vergleichszahlen 12,3% bzw. 23,1%. Diese Angaben beruhen auf dem Mikrozensus des Statistischen Bundesamtes f√ľr 2007, sie sind repr√§sentativ und wurden richtigerweise ohne die noch in Ausbildung befindliche Bev√∂lkerung berechnet [14].

Der Anstieg des Altenquotienten um den Faktor 2,4 im Zuge der demographischen Alterung bewirkt eine Zunahme der Versorgungslasten pro Kopf der mittleren Altersgruppe vom Ende des 20. Jahrhunderts bis zur Mitte des 21. Jahrhunderts um mehr als das Doppelte. Im Vergleich dazu ist die Abnahme der Pro-Kopf-Belastung der mittleren Generationen durch die Ausgaben f√ľr Kinder und Jugendliche infolge der schrumpfenden Gr√∂√üe der nachwachsenden Generationen wesentlich geringer. Die Summe aus beiden Versorgungslasten (Jugendquotient plus Altenquotient) pro Kopf der mittleren Altersgruppe steigt bis zur Jahrhundertmitte um 50 Prozent.

Im internationalen Vergleich hat Deutschland infolge seiner schon seit einem halben Jahrhundert besonders niedrigen Geburtenrate eine √ľberdurchschnittliche demographische Alterung und besonders hohe demographisch bedingte Folgelasten zu tragen. Dies betrifft nicht nur die sozialen Sicherungssysteme, sondern auch die Unternehmen. Sie m√ľssen einen Teil der Ausgaben der Renten,- Kranken- und Pflegeversicherung tragen, wodurch die Lohnst√ľckkosten demographisch bedingt zunehmen, so da√ü sich die volkswirtschaftliche Wettbewerbsf√§higkeit Deutschlands auf den internationalen G√ľterm√§rkten durch die Verschiebung der Altersstruktur verringert.

Die Zunahme der Versorgungslasten pro Kopf der mittleren Altersgruppe kann durch Reformen der gesetzlichen Alters- Kranken- und Pflegeversicherung nicht im Mindesten verringert werden. Die steigenden Lasten lassen sich nur auf alternative Weise auf Beitragszahler, Steuerzahler oder Versorgungsempf√§nger aufteilen. Die vers√§umte Aufkl√§rung √ľber diesen Punkt kommt einer Irref√ľhrung der Bev√∂lkerung in existentiell wichtigen Fragen gleich.

F√ľr bestimmte Wirtschaftssektoren wie die Finanzdienstleister und die Versicherungswirtschaft bietet die demographische Krise eine Jahrhundertchance. Ihnen f√§llt die Aufgabe zu, die bisherige Staatsaufgabe der sozialen Sicherung (Renten,- Kranken- und Pflegeversicherung) teilweise in den privaten Sektor zu √ľberf√ľhren. Durch die starke Zunahme der Zahl der √ľber 60j√§hrigen und der √ľber 80j√§hrigen Menschen – im Jahr 2050 wird es so viele √ľber 80 j√§hrige Menschen geben wie unter 20j√§hrige – steht auch der Gesundheitssektor vor gewaltigen Umw√§lzungen.¬†

Die demographische Schrumpfung und Alterung sind langfristige Prozesse, die nicht an einer beliebigen Stelle angehalten werden k√∂nnen. Diese Prozesse w√ľrden sich auch dann jahrzehntelang fortsetzen, wenn die Geburtenrate beispielsweise wieder auf zwei Lebendgeborene pro Frau zun√§hme. Dieser in der Fachdemographie als ‚Äědemographisches Momentum‚Äú bezeichnete Sachverhalt wird von der Politik immer noch ignoriert. Wegen des demographischen Momentums w√§re jedoch ein besonders fr√ľhzeitiges, pr√§ventiv-vorausschauendes Handeln n√∂tig, das die Probleme l√∂st, indem es ihrem Auftreten zuvorkommt. Vorausschauende, demographisch orientierte Politik ist heute nach jahrzehntelanger Unt√§tigkeit fast unm√∂glich geworden, sie wird durch die bereits eintretenden, immer schwerer beherrschbaren Auswirkungen der demographischen Ver√§nderung in allen Bereichen des wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Lebens sogar immer mehr von der politischen Agenda verdr√§ngt. Deshalb mu√ü sich Deutschland auf eine Reihe von demographisch verursachten Konflikten einstellen, die das Land einer Zerrei√üprobe unterziehen.

Generationenkonflikt. Durch die wachsende Zahl der √Ąlteren nimmt die Altersgruppe der Versorgungsempf√§nger vom Ende des 20. Jahrhunderts bis zur Jahrhundertmitte um rd. 10 Mio. Menschen zu, w√§hrend die Zahl der Einwohner im Erwerbsalter bzw. die Gruppe der Beitrags- und Steuerzahler auch bei den bisher gewohnten hohen Einwanderungen aus dem Ausland gleichzeitig um rd. 16 Mio. schrumpft. Die Konsequenz ist ein jahrzehntelang sinkendes Versorgungsniveau in der Renten-, Kranken- und Pflegeversicherung ‚Äď mit gravierenden Verteilungskonflikten und daraus entstehenden Folgen f√ľr den sozialen Frieden. Dabei werden gerade jene potentiellen W√§hlerinnen und W√§hler, die durch die Erziehung von Kindern als den k√ľnftigen Beitragszahlern die Finanzierung der √ľberdurchschnittlich hohen Versorgungsbez√ľge der kinderlos gebliebenen Menschen in der Renten-, Kranken- und Pflegeversicherung erm√∂glicht haben,¬† benachteiligt, weil ihre eigene Erziehungsarbeit in der Sozialversicherung nicht gen√ľgend anerkannt wird, so da√ü beispielsweise ihre Rentenanspr√ľche besonders niedrig sind.

Verfassungskonflikt. Eine Erkenntnis der Bev√∂lkerungsmathematik lautet: Je h√∂her die Geburtenrate eines Landes ist, desto h√∂her der Jugendquotient und desto niedriger der Altenquotient. Daraus ergibt sich die Frage, bei welcher Geburtenrate die Summe aus Jugend- und Altenquotient als Bestimmungsfaktoren der demographischen Gesamtlast am geringsten ist. Antwort: In L√§ndern mit hoher Lebenserwartung wie Deutschland ist die Summe aus Jugend- und Altenlast dann am geringsten, wenn pro Frau rd. zwei Lebendgeborene entfallen. In Deutschland ist der durch eine Geburtenrate von 1,4 Lebendgeborene pro Frau verursachte R√ľckgang des Jugendquotienten (und die daraus folgende sogenannte ‚Äědemographische Dividende‚Äú)¬† wesentlich kleiner als die Zunahme des Altenquotienten bzw. der Altenlast, so da√ü die Summe aus Jugend- und Altenlast infolge der niedrigen Geburtenrate wesentlich gr√∂√üer ist als bei einer h√∂heren.

Dies bedeutet steigende Belastungen der Beitragszahler bei sinkenden Versorgungsniveaus in der Renten-, Kranken- und Pflegeversicherung. In der auf dem Umlageverfahren beruhenden Renten-, Kranken- und Pflegeversicherung werden Frauen mit Kindern bei einer niedrigen Geburtenrate besonders benachteiligt. Das Bundesverfassungsgericht hat in seinem Urteil von 2001 die Pflegeversicherung als verfassungswidrig erkl√§rt, weil sie Menschen ohne Kinder in einer den Gleichheitsgrundsatz verletzenden Weise bevorzugt, wenn sie lediglich durch ihre monet√§ren Beitr√§ge zur Pflegeversicherung die gleichen Anspr√ľche erwerben wie andere, die durch die Erziehung von Kindern als den k√ľnftigen Beitragszahlern auch die vom Gericht als ‚Äěgenerativen Beitrag‚Äú bezeichnete Leistung erbringen, ohne die das umlagefinanzierte System der Pflegeversicherung ‚Äď aber auch das System der gesetzlichen Renten- und Krankenversicherung ‚Äď zusammenbr√§che. Bereits in seinem ber√ľhmten ‚ÄěTr√ľmmerfrauen-Urteil‚Äú hat das Bundesverfassungsgericht von der Politik umfassende √Ąnderungen des gesamten Sozialrechtssystems verlangt ‚Äď ohne Ergebnis. Verfassungsjuristen sprechen von einem permanenten ‚ÄěVerfassungsboykott‚Äú durch die Politik. Der Verfassungsboykott ist¬† wahrscheinlich die folgenreichste Auswirkung des demographischen Wandels, denn er untergr√§bt die kulturellen und bildungsbezogenen Fundamente unseres Gesellschafts- und Wirtschaftssystems ‚Äď die unabdingbaren Voraussetzungen unseres wirtschaftlichen Wohlstands.

Regionalkonflikt. Vielfach untersch√§tzt wird die Gef√§hrdung durch das demographische Auseinanderdriften der Regionen und Gemeinden, mit der Konsequenz, da√ü das im Grundgesetz verankerte Gebot, in allen Teilen des Bundesgebiets ‚Äěgleichwertige‚Äú (nicht gleichartige) Lebensbedingungen zu schaffen, unerf√ľllbar wird. Trotz des Bev√∂lkerungsr√ľckgangs im Bundesgebiet insgesamt gibt es Gemeinden und Regionen, deren Bev√∂lkerungszahl gerade deshalb stabil bleibt oder sogar noch ein bis zwei Jahrzehnte w√§chst, weil ihr Geburtendefizit durch die Wanderungsbewegungen innerhalb Deutschlands¬† mehr als ausgeglichen wird. Die j√§hrlich rd. vier Mio. Wanderungsbewegungen innerhalb Deutschlands teilen die 13800 Gemeinden in zwei Gruppen aus demographischen Gewinnern und Verlierern, wobei dem Bev√∂lkerungsgewinn jeder Zielgemeinde ein gleich gro√üer Bev√∂lkerungsverlust der Herkunftsgemeinde gegen√ľbersteht. Die neuen Bundesl√§nder geh√∂ren ausnahmslos zu den Binnenwanderungsverlierern, aber auch im n√∂rdlichen Ruhrgebiet, in S√ľd-Niedersachsen, Nordhessen, im Saarland und in Nordbayern gibt es Landstriche mit st√§ndigen Binnenwanderungsverlusten. Dabei ist die Selektionswirkung der Wanderungen entscheidend: Wenn √ľberwiegend die J√ľngeren und gut Ausgebildeten abwandern, schw√§cht dies das wirtschaftliche Entwicklungspotential und verst√§rkt die Abwanderung weiter. Es entsteht eine sich selbst tragende demographisch-√∂konomische Abw√§rtsspirale.

Integrationskonflikt. Im Durchschnitt der letzten Jahrzehnte zogen jedes Jahr durchschnittlich rd. 170 Tsd. mehr Menschen nach Deutschland zu als fort (bei j√§hrlich rd. 800 Tsd. Zuwanderungen und 630 Tsd. Abwanderungen). Auch nach dem R√ľckgang der Zuwanderungen in den letzten Jahren ist die j√§hrliche Zahl der Zuwanderer immer noch etwa so gro√ü wie die j√§hrliche Zahl der in Deutschland geborenen Kinder insgesamt (685 Tsd.). Die Konsequenz ist, da√ü die nicht zugewanderte deutsche Bev√∂lkerung durch ihre negative Geburtenbilanz permanent schrumpft, w√§hrend die zugewanderte Population durch ihre Geburten√ľbersch√ľsse und durch weitere Zuwanderungen w√§chst. Die Zahl der Menschen mit Migrationshintergrund liegt jetzt bei 15,4 Mio. Bei den unter 40j√§hrigen hat die Gruppe der Zugewanderten in einigen Gro√üst√§dten die 50%- Schwelle erreicht, was jedoch in der amtlichen Statistik nicht zum Ausdruck kommt, weil seit Januar 2000 das neue Staatsangeh√∂rigkeitsrecht gilt. Seitdem erhalten hier geborene Kinder ausl√§ndischer Eltern neben der Staatsangeh√∂rigkeit ihrer Eltern die deutsche Staatsangeh√∂rigkeit. In der amtlichen Statistik treten diese Doppelstaatler nur noch als Deutsche in Erscheinung. Die Konsequenz ist, da√ü die Zahl der Menschen mit deutscher Staatsangeh√∂rigkeit in der amtlichen Statistik steigt und die mit ausl√§ndischer sinkt, obwohl umgekehrt die Zahl der Zugewanderten und ihrer Nachkommen st√§ndig w√§chst und die nicht Zugewanderten schrumpft. Da die zugewanderte Population pro Kopf geringere Einkommen und wegen ung√ľnstigerer Bildungsvoraussetzungen eine doppelt so hohe Arbeitslosenquote und eine dreimal h√∂here Sozialleistungsquote hat als die deutsche, sind ihre pro Kopf empfangenen Transferleistungen h√∂her. Die daraus folgende Umverteilung durch √∂ffentliche Transferleistungen ist ein heftig umstrittenes politisches Problem.

Ein weiteres Migrations- bzw. Integrationsproblem zeigt sich bei einer Untergliederung der Zu- bzw. Abwanderungen nach der Staatsangeh√∂rigkeit. Seit einigen Jahren ist die Zahl der Abwanderer mit deutscher Staatsangeh√∂rigkeit wesentlich gr√∂√üer als die der deutschen Zuwanderer. In den zur√ľckliegenden Jahrzehnten gab es dagegen stets mehr deutsche Zuwanderer als Abwanderer. Deutschland ist ein Einwanderungsland f√ľr Menschen aus der Dritten Welt und ein Auswanderungsland in Bezug auf die Erste Welt: Es gewinnt mehrheitlich weit unterdurchschnittlich qualifizierte Menschen und verliert gut qualifizierte. Die als ‚ÄěZuwanderung in die Sozialsysteme‚Äú bezeichnete Entwicklung hat eine neue Stufe erreicht ‚Äď die Abwanderung der das Sozialversicherungssystem st√ľtzenden Bev√∂lkerung bei einer drastisch steigenden Zahl von Ruhest√§ndlern, Pflegebed√ľrftigen, Kranken und unterst√ľtzungsbed√ľrftigen Einwanderern.

Zum Ausgleich der schrumpfenden Zahl der j√ľngeren und mittleren Bev√∂lkerungsgruppen praktizierte Deutschland seit Jahrzehnten eine Politik der kompensatorischen Einwanderungen. Zur Sicherung der demographischen Basis der Gesellschaft werden die Erziehungs- und Ausbildungsleistungen anderer L√§nder beansprucht. In der √Ėffentlichkeit wird diese Politik als das Ergebnis eines ‚ÄěWettbewerbs um die Besten‚Äú dargestellt. In Wahrheit handelt es sich um die demographische Ausbeutung anderer L√§nder, um eine neue Spielart des alten Kolonialismus.

Die demographische Stabilit√§t l√§√üt sich auf Dauer nicht durch Einwanderungen importieren, sondern nur durch eine h√∂here Geburtenrate wiedererlangen. Daf√ľr ist eine Politik zur Erreichung einer besseren Vereinbarkeit von Familien- und Erwerbsarbeit der Frauen wichtig, aber nicht ausreichend. N√∂tig ist die Einf√ľhrung eines neuen Prinzips:¬† Bei der Besetzung von Arbeitspl√§tzen sollten unter gleich qualifizierten Bewerbern diejenigen Vorrang genie√üen, die Kinder erziehen oder durch Pflegeleistungen Familienlasten tragen. Dies w√ľrde den Gleichheitsgrundsatz der Verfassung besser ber√ľcksichtigen als das Ignorieren der ungleichen Lebensbelastungen von Menschen mit und ohne Kindern, √§hnlich wie auch die unterschiedlichen Steuers√§tze dem Ziel gleicher Belastungen besser gen√ľgen als gleiche Steuers√§tze f√ľr hohe und niedrige Einkommen.

Die demographische Alterung ist ein weltweites Ph√§nomen, weil ihre Ursache – die starke Abnahme der Geburtenrate ‚Äď in allen Kontinenten wirksam ist [15]. In der demographisch-√∂konomischen Globalisierung verliert der Nationalstaat bei der Bew√§ltigung der Auswirkungen der demographischen Ver√§nderungen seine Bef√§higung zur Aus√ľbung einer Schutzfunktion. Als Abwehrmechanismus beginnt sich in der deutschen Demokratie ein politisch brisanter Neo-Kollektivismus zu entwickeln, der ein wachsendes W√§hlerpotential anspricht.

Selbst wenn es  Deutschland einmal gelänge, die negativen Auswirkungen der Bevölkerungsentwicklung auf das Wirtschaftswachstum und den Wohlstand durch eine besonders erfolgreiche Bildungs-, Wirtschaft-, Familien- und Sozialpolitikpolitik zu kompensieren, dann wäre noch nicht das geringste erreicht, um die Ursachen der demographischen Veränderungen zu beherrschen und die demographische Stabilität langfristig wiederzugewinnen.

Zusammenfassung zweier Vorträge im Rahmen eines Seminartages des Gemeindenetzwerkes und des Gemeindehilfsbundes am 17.4.2010 in Kassel.

Prof. Dr. Herwig  Birg, 17.04.2010 (www.herwig-birg.de)


Literatur/Anmerkungen

1     Birg H: World Population Projections for the 21st Century, Theoretical Interpretations and Quantitative Simulations, Frankfurt a.M., Campus, New York, St. Martin`s Press, 1995.

2     United Nations Population Division (ed): World Population Prospects, the 2006 Revision,         New York, United Nations, 2007.

3¬†¬†¬†¬†¬† Birg H: Die demographische Zeitenwende, Der Bev√∂lkerungsr√ľckgang in Deutschland und Europa, 4. Aufl., C. H. Beck, M√ľnchen, 2005, S. 115.

4      Statistisches Bundesamt (Hrsg.): Gebiet und Bevölkerung 1999, Fachserie 1, Reihe 1, Wiesbaden 2001, S. 42-44.

5¬†¬†¬†¬†¬†¬† S√ľ√ümilch JP: Die g√∂ttliche Ordnung in den Ver√§nderungen des menschlichen Geschlechts, aus der Geburt, Tod und Fortpflanzung desselben erwiesen, Erste Ausgabe: Berlin 1741, Erweiterte Ausgabe: Berlin 1765.

6¬†¬†¬†¬†¬†¬† Birg H: Die demographische Zeitenwende, Der Bev√∂lkerungsr√ľckgang in Deutschland und Europa, 4. Aufl., C. H. Beck, M√ľnchen, 2005, S. 42.

7       Malthus ThR: An Essay on the Principle of Population, as it Affects the Future Improvement of Society with Remarks on the Speculations of Mr. Godwin, M. Condorcet and other Writers, London 1798. Erweiterte Fassung: London 1803.

8      Oppenheimer F: Das Bevölkerungsgesetz des Th. R. Malthus und der neueren Nationalökonomie, Berlin, Bern 1901.

9¬†¬†¬†¬†¬†¬† Brentano L: Die Malthussche Lehre und die Bev√∂lkerungsbewegung der letzten Dezennien, K√∂niglich Bayerische Akademie der Wissenschaften, Bd. 24, 3. Abteilung, M√ľnchen 1909.

10¬†¬†¬†¬†¬†¬† Birg H: Die ausgefallene Generation, Was die Demographie √ľber unsere Zukunft sagt. 2. Aufl., C.H. Beck, M√ľnchen, 2006, S. 130.

11¬†¬†¬†¬†¬† United Nations Population Division (ed.): Replacement Migration ‚Äď Is it a solution to declining and ageing populations? New York, 2001, p.43.

12¬†¬†¬†¬†¬† Birg H, Fl√∂thmann EJ, Frein Th, Str√∂ker K: Simulationsrechnungen zur Bev√∂lkerungsentwicklung in den alten und neuen Bundesl√§ndern im 21. Jahrhundert, Materialien des Instituts f√ľr Bev√∂lkerungsforschung und Sozialpolitik der Universit√§t Bielefeld, Band 45, Bielefeld 1998, S. A153.

13      Satistisches Bundesamt (Hrsg.): Bevölkerung Deutschlands bis 2050, 11. koordinierte Bevölkerungsvorausberechnung, Wiesbaden, 2006, S. 64.

14      Birg H: Integration und Migration im Spiegel harter Daten; Frankfurter Allgemeine Zeitung, 9.4.2009, S. 37.

15¬†¬†¬†¬†¬† Birg H: Die Weltbev√∂lkerung, Dynamik und Gefahren. 2. Aufl., C.H. Beck, M√ľnchen, 2004, S. 105.

 

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Dieser Beitrag wurde erstellt am Mittwoch 21. April 2010 um 18:24 und abgelegt unter Demographie, Gesellschaft / Politik.