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Wie tolerant muß ein Christ sein?

Mittwoch 24. Juni 2009 von Pastor Jens Motschmann


Pastor Jens Motschmann

Wie tolerant muß ein Christ sein?

Es gibt Begriffe, auf die man nach Art des Kniesehnenreflexes unwillkĂŒrlich positiv reagiert. Der Begriff „Toleranz“ gehört dazu. Toleranz gehört heute zu den selbstverstĂ€ndlichen verfassungsrechtlich garantierten Grundlagen eines demokratisch freiheitlichen Rechtsstaates. Toleranz wird von vielen gefordert, aber von wenigen ĂŒberzeugend gelebt.

Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, daß sie immer nur dann besonders lautstark eingefordert wird, wenn die eigenen Überzeugungen angegriffen werden. Auch in unseren Tagen wird immer wieder Toleranz gefordert – sei es gegenĂŒber bestimmten Randgruppen, sei es gegenĂŒber anderen Lebensformen, sei es gegenĂŒber Vertretern anderer Religionen.

Wie stehen wir zu dieser Forderung? Gerade im Blick auf das reformatorische Erbe unserer evangelischen Kirche ist daran zu erinnern, daß die Reformation unlöslich mit der Forderung nach Toleranz verbunden ist. Luther hat die gebotene Toleranz mit dem einfachen Satz beschrieben, daß Glaube nicht erzwungen werden könne. Das war in der damaligen Zeit eine geradezu revolutionĂ€re Forderung von ungeheurer Tragweite. Er selbst nahm diese Freiheit fĂŒr sich in Anspruch. Im April 1521 hielt er auf dem Reichstag in Worms seine berĂŒhmte Rede, in der er begrĂŒndete, warum es nicht gut sei, etwas gegen sein Gewissen zu tun. Toleranz im reformatorischen Sinn ruht auf zwei Pfeilern: einmal auf der Respektierung des Gewissens und zum andern auf der NĂ€chstenliebe, die ein Ja zum anderen hat. weil er ein Geschöpf Gottes ist. Glaube darf also nicht erzwungen werden. Daraus folgt zwangslĂ€ufig, daß es ertragen werden muß, wenn andere anders denken und glauben. Die Voraussetzung fĂŒr solches Ertragen ist die Kenntnis der anderen Meinung und die Gewißheit der eigenen.

Christliche Toleranz – daran haben die Reformatoren erinnert, auch wenn sie es selbst nicht immer vorbildlich durchgehalten haben – sucht die Begegnung mit dem anderen auch dort, wo sich das Ja zur Person mit einem Nein zu ihren Überzeugungen verbindet. Diese kraftvolle Toleranz erlitt im Zuge der geschichtlichen Entwicklung eine folgenschwere Abwandlung.

Das geschah durch die ansonsten in vieler Hinsicht so dankenswerte Epoche der AufklĂ€rung im 18 Jahrhundert. Der Pfarrerssohn Gotthold Ephraim Lessing war es, der in seinem Schauspiel „Nathan der Weise“ in der berĂŒhmten Ringparabel die drei Religionen Judentum, Christentum und Islam mit drei Ringen vergleicht. ZunĂ€chst gab es nur einen einzigen Ring, der die wundersame Eigenschaft hatte, vor Gott und Menschen angenehm zu machen. Dieser Ring wurde von seinem Besitzer immer auf den jeweils liebsten und wĂŒrdigsten Sohn vererbt. Nun kam der Ring an einen Vater, der drei Söhne hatte, die er alle drei gleich liebhatte. So ließ er zwei Kopien anfertigen, die dem echten Ring so Ă€hnlich waren, daß er selbst den echten von den beiden anderen nicht unterscheiden konnte. Als der Vater stirbt, kommt es zum Streit zwischen den drei BrĂŒdern. Ein Richter soll entscheiden – und der sagt: „Ich höre ja, der rechte Ring besitzt die Wunderkraft, beliebt zu machen, vor Gott und Menschen angenehm. Das muß entscheiden! Also wird man ja sehen, von welchem TrĂ€ger des Ringes dies gesagt werden kann.“ Mit anderen Worten: Nichts Genaues weiß man nicht: „So glaube jeder sicher seinen Ring / Den echten, – Möglich, daß der Vater nun / Die Tyrannei des einen Ringes nicht lĂ€nger / In seinem Hause dulden wollen! – Und gewiß, / Daß er euch alle drei geliebt, und gleich / Geliebt, indem er zwei nicht drĂŒcken mögen, / Um einen zu begĂŒnstigen …“ (Nathan, der Weise. Dritter Aufzug, siebenter Auftritt) Nach Lessing ist der Wert der Religion nicht am Inhalt der Offenbarung zu messen, sondern an dem. was der GlĂ€ubige daraus macht. Auf diese Weise wird ausgerechnet durch die AufklĂ€rung die von der Reformation bekĂ€mpfte Werkgerechtigkeit wieder auf den Leuchter gestellt: „Es eifre jeder seiner unbestochnen,/ Von Vorurteilen freien Liebe nach!/ Es strebe von euch jeder um die Wette, / Die Kraft des Steins in seinem Ring an Tag / Zu legen! …“ Die berĂŒhmte Ringparabel: In Lessings Schauspiel „Nathan, der Weise“ werden drei Religionen mit drei Ringen verglichen, Drei Söhne betrachten ihre Ringe (von denen nur einer eine wundersame Eigenschaft hatte – die beiden anderen waren Duplikate). Die Söhne wußten nicht, welcher Ring der echte ist.

FĂŒr Lessing gibt es keine allein seligmachende Religion. Entscheidend fĂŒr ihn ist, was der Einzelne in seiner Religion bewirkt. (Das Bild wurde gemalt von Moritz Daniel Oppenheim, 1845.) Lessing lehnte es ab, die Inhalte der Religionen wertend zu vergleichen. FĂŒr ihn sind – nach der Ringparabel zu urteilen – alle drei Religionen gleich gĂŒltig. Wenn aber erst einmal alles als gleich gĂŒltig bezeichnet wird, ist der Weg dahin nicht mehr weit, daß alles, was mit Religion zusammenhĂ€ngt, gleichgĂŒltig wird. Dieser Schluß entsprach zwar nicht der Absicht von Lessing, aber in der weiteren Wirkungsgeschichte der Ringparabel war das die Folge seiner Argumentation. Das ist weithin unsere Lage heute, daß man aus vermeintlicher Toleranz wesentliche Unterschiede zwischen den Religionen verschweigt oder verharmlost, gemeinsame Gottesdienste feiert und behauptet, letztlich wĂŒrden wir doch alle an denselben Gott glauben und zu demselben Gott beten. In diesem Sinne finden immer hĂ€ufiger gemeinsame Gottesdienste und Andachten mit Angehörigen verschiedener Religionen statt.

Jesus aber sagt: „Ich und der Vater sind eins“ (Johannes 10,30); „Wer mich sieht, sieht den Vater!“ (Johannes 14,9); „Niemand kommt zum Vater denn durch mich“ (Johannes 14,6). Genau dieser Anspruch wird von den Religionen abgelehnt. Warum kommt dennoch gerade aus christlichen Kreisen die Initiative zu solchen gemeinsamen Gottesdiensten? Dahinter steht fast immer ein durchaus sympathisches Motiv: Man möchte bestimmten Menschen und Gruppen nur Freundliches sagen und geben. Das gilt vor allem im Blick auf Menschen, die in der Vergangenheit wegen ihrer Religionszugehörigkeit abgelehnt oder gar verachtet wurden.

Aus dem gleichen Motiv heraus setzten sich kirchenleitende Persönlichkeiten aus der evangelischen Kirche in den vergangenen Jahren engagiert fĂŒr die Forderungen der Homosexuellen ein, weil auch sie oft genug – auch aus der Kirche heraus – diskriminiert worden sind. Es gab kaum eine Synode, ob auf der Ebene des Kirchenkreises, der Landeskirche oder der EKD, in der dieses Thema nicht ausfĂŒhrlich behandelt wurde, teilweise mit einer Leidenschaft, als hinge von dieser KlĂ€rung die Zukunft der Volkskirche ab. Es ist richtig und notwendig, daß die Kirche auch Menschen offen und freundlich begegnet, die einen besonderen Lebensstil praktizieren. Aber muß dazu die biblische Wahrheit verkĂŒrzt bzw. uminterpretiert werden? Toleranz besteht ja gerade darin, daß die Wahrheit dem Andersdenkenden in Liebe bezeugt wird, daß ich den andern in seinem Anderssein ertrage und erdulde und umgekehrt erwarten darf, daß auch der andere meine Überzeugungen respektiert. Genau diese Bedeutung steckt in dem lateinischen Wort „tolerare“. Ich muß nicht die Meinung eines anderen teilen, um meine Toleranz unter Beweis zu stellen. Im Gegenteil: „Zum Tolerantsein gehört begriffsnotwendig eine Art von Mißbilligung dessen, was einer tut oder denkt.“ So der Politologe Kurt Sontheimer. Niemand wird also im Ernst erwarten können, daß Christen mit ihrem Ja zur Toleranz damit automatisch auch Antichristliches und Unbiblisches – wie das Gedankengut des Koran oder wie in ganz anderer Weise praktizierte HomosexualitĂ€t – positiv bewerten mĂŒĂŸten. Genau dieser Trugschluß liegt aber bei vielen EntscheidungstrĂ€gern innerhalb der Kirche vor. Das fĂŒhrt zwangslĂ€ufig dazu, daß bestimmte Aussagen der Bibel uminterpretiert oder als „zeitbedingt“ entschĂ€rft werden. Die Botschaft der Bibel mĂŒsse den jeweiligen BedĂŒrfnissen der Menschen angepaßt werden. Andersherum wird aber ein Schuh draus, in dem man gehen und stehen kann: Der Mensch tĂ€te gut daran, sich den Geboten und Verheißungen der Bibel anzupassen und sie allein zum gĂŒltigen Maßstab zu nehmen.

Jesus sagt nicht: „Selig sind, die das Wort Gottes so lange uminterpretieren, bis am Ende das Gegenteil herauskommt“, sondern: „Selig sind, die das Wort Gottes hören und bewahren“ (Lukas 11,28). Jeder, der mit Ernst Christ sein will, muß es hinnehmen, daß es Aussagen der Heiligen Schrift gibt, die ihm zu schaffen machen. Vielleicht werden wir aber nirgendwo stĂ€rker gesegnet als dort, wo wir uns demĂŒtig unter die Aussagen stellen, die uns querliegen. Irgendwann werden gerade diese SĂ€tze so zu uns sprechen, daß wir dafĂŒr noch dankbar sein werden! Es ist doch auch sonst im Leben so, daß wir oftmals erst spĂ€ter erkannt haben, daß es gut war, wenn uns in der Erziehung, in der Schule, in der Ausbildung, in der Familie, aber auch in der VerkĂŒndigung der biblischen Botschaft nicht immer nach dem Munde geredet wurde. Wir mußten auch Kritik und Korrekturen hinnehmen und sind vielleicht gerade daran gewachsen. Nicht nur fĂŒr Christen, aber fĂŒr sie besonders gilt: Nur das trĂ€gt im Leben, was auf Liebe und Wahrheit grĂŒndet. Beides gehört zur echten Toleranz! Nur Liebe – das kann dazu fĂŒhren, daß alles Problematische ausgeblendet wird und der andere auf seinem Weg bestĂ€rkt wird, also auch auf einem Weg, den ich als falsch ansehe. Nur Wahrheit – das kann dazu fĂŒhren, daß der andere dies als kalte Rechthaberei versteht und sich innerlich dagegen verschließt. Denn – so hat es der Maler Heinrich Zille treffend gesagt – „man kann mit der Wahrheit jemanden erschlagen wie mit einem Ziegelstein“. Aber in Liebe die Wahrheit sagen und eventuell ertragen mĂŒssen, daß das eine oder andere oder beides zurĂŒckgewiesen wird und wir dennoch diesen andersdenkenden Menschen, der uns nicht gleichgĂŒltig sein darf, im Gebet vor Gott bringen – das ist die wahre christliche Toleranz.

Jens Motschmann
Juni 2008

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Dieser Beitrag wurde erstellt am Mittwoch 24. Juni 2009 um 16:11 und abgelegt unter Allgemein, Gesellschaft / Politik.