Gemeindenetzwerk

Ein Arbeitsbereich des Gemeindehilfsbundes

Predigt über Mt 6,11: Die Magenfrage

Sonntag 1. Oktober 2023 von Prädikant Thomas Karker


Prädikant Thomas Karker

„Unser tägliches Brot gib uns heute.“ (Mt 6,11)

In der Brotbitte zeigt sich die Not des modernen Menschen. Die Brotbitte ist die Bitte des Vaterunsers, die heute am gedankenlosesten heruntergebetet wird. An der Brotbitte des Vaterunsers kann man den Wandel nachvollziehen, der sich in den letzten 100 Jahren in unserem westlichen Kulturkreis vollzogen hat. Über Jahrtausende hinweg war die menschliche Existenz ganz wesentlich vom Ziel des Überlebens bestimmt. Der wesentliche Lebensinhalt des Menschen in dieser Welt war es, das eigene Überleben zu sichern. Und die Brotbitte war die existentiellste Bitte, die der Christ zu bitten hatte, dass Gott einem das Überleben an diesem Tag, in dieser Woche, in diesem Jahr schenken möchte.

Leben war für die allermeisten Menschen eine sehr labile Sache. Ständig bedroht von Krankheiten, Naturkatastrophen, Hungersnöten, Kriegen. Und für diese Dinge gab es keinen ausreichenden Schutz. Die Bitte um das tägliche Brot geschah für die meisten Christen in dem Bewusstsein, dass das tägliche Brot einmal nicht mehr da sein könnte.

Dieses Problem ist zumindest in unserem westlichen Kulturkreis heute nicht mehr gegeben. Der Fortschritt im 20. Jahrhundert hat uns einen noch nie da gewesenen Wohlstand beschert. Der Überlebenskampf scheint zu Ende. Die Brotbitte überholt.

Jetzt ist es aber interessant, das Ende der existenziellen Brotbitte, bringt ein anderes Problem mit sich, das bedrohlicher ist, als das Problem des Überlebens. Problematisch ist heute nicht mehr das Überleben, problematisch ist heute der Sinn des Lebens. Wir fragen heute nicht mehr wie wir überleben können, sondern wir fragen heute danach, wieso soll ich überhaupt noch leben. Und diese Sinnfrage ist viel bedrohlicher als die Überlebensfrage. Die Sinnfrage stellt das Leben als solches infrage. Wozu soll ich überhaupt noch leben. An die Stelle der Bitte um das tägliche Brot ist für den postmodernen Menschen die Bitte um den täglichen Sinn aufgekommen. Sag mir, warum ich diesen Tag leben soll. Sag mir, was der Sinn meiner Arbeit ist. Sag mir, was der Sinn meiner Beziehungen ist.

Die Bitte um das tägliche Brot ist in den Hintergrund getreten, die Bitte um den täglichen Sinn steht im Vordergrund. Und jetzt passiert heute folgendes: Weil man den Sinn des Lebens nicht mehr begreifen kann, reduziert sich das Leben auf einmal wieder auf das Brot in ganz anderer Weise. Das Brot in Form von Torte, das Brot in Form von Kaviar, das Brot in Form von Schampus und Sekt. Weil wir nicht mehr wissen, wozu wir leben sollen, der Sinn des Lebens ist uns aus den Händen gerutscht. Jetzt sagen wir, wie die alten Griechen: Lasst uns fressen und saufen, denn morgen sind wir tot.

Wir machen einfach eine Party. Der westliche Kulturkreis hat jeder seine Wahrheit mittlerweile, und man sucht keine Antwort auf die Sinnfrage, auf die elementare Frage: Wer bin ich denn, ich Mensch? Und: Warum lebe ich eigentlich?

Nach der Aufklärung hat man Gott den Abschied gegeben und jetzt definiert sich der Mensch aus sich selber heraus. Der Verlust der Mitte führt dazu, dass wir nur noch Party machen, Feierkultur statt Diskussionskultur. Mittlerweile dreht sich alles um Lustmaximierung, wir machen eine Party, weil wir wissen: Unser Leben hat keinen weiteren Horizont mehr und der einzige Wert meines Lebens kann nur der sein, maximale Erlebnisse im Blick auf die Quantität und maximale Intensität dieser Erlebnisse zu kombinieren. Das macht dann den Wert meines Lebens aus.

Eine möglichst lange und intensive Party aus diesen 70, 80 Jahren zu machen, dann triumphiert nur noch der Tod und in der Zeit, die uns bleibt, müssen wir Spaß haben, rausholen, was geht.

Wo die Brotbitte des Vaterunsers ihren Ernst verliert, weil uns das Überleben nicht mehr notvoll erscheint, da verliert irgendwann auch alles andere seine Wertigkeit. Wo die Brotbitte ihren Sinn verliert, verlieren wir früher oder später auch alles andere.

Trotz allem wollen wir uns aber doch der Bitte im Vaterunser nähern.

Im kleinen Katechismus schreibt Luther: Was ist das? Gott gibt täglich Brot auch ohne unsere Bitte allen bösen Menschen, aber wir bitten in diesem Gebet, dass er es uns erkennen lasse und wir mit Danksagung empfangen unser täglich Brot. Was heißt denn täglich Brot? Alles, was Not tut für Leib und Leben, wie Essen, Trinken, Kleider, Schuh, Haus, Hof, Acker, Vieh, Geld, Gut, fromme Eheleute, fromme Kinder, fromme Gehilfen, fromme und treue Oberherren, gute Regierung, gut Wetter, Friede, Gesundheit, Zucht, Ehre, gute Freunde, getreue Nachbarn und desgleichen. Also diese Weite Martin Luthers im Verständnis dieser Bitte.

Dann noch anschließend der Heidelberger Katechismus: Versorge uns in Gnaden mit allem, was wir für Leib und Leben nötig haben. Lehre uns dadurch erkennen, dass du allein die Quelle alles Guten bist und ohne deinen Segen, unsere Sorgen und unsere Arbeit, aber auch deine Gaben uns nichts nützen. Lass uns deshalb unser Vertrauen von allen Geschöpfen abwenden und es allein auf dich setzten. Soweit Auslegungen aus der Geschichte.

Nun lassen Sie mich ein bisschen weiter ausholen, um heranzukommen an diese Bitte. Diese Bitte steht ja mittendrin im Vaterunser. Sie ist der Mittelpunkt dieser Bitten. Voraus kommt: Sein Name, sein Reich, sein Wille und nach dieser Bitte geht es um unsere Schuld, unsere Anfechtung und unser Elend. Also mittendrin unser Brot, unsere Brötchen, 3-Kornbrot, Schwarzbrot, Weißbrot, Holzofenbrot oder Holzfällerbrot.

Aber Entschuldigung passt das hier herein. Schon bei der Aufführung dieser Brotsorten fühlt man sich irgendwo befremdet. Passt das überhaupt hinein in diese Kette der Bitten des Vaterunsers? Viele empfinden bei dieser Bitte des Vaterunsers so etwas wie einen Abstieg, alles andere sei eine Gipfelwanderung von wichtigen Themen unseres Lebens. Da auf einmal müsse man kurz dazwischen absteigen in die Niederungen unseres Lebens.

Vielen kommt diese Bitte zu wenig geistlich vor, zu materiell. Dieses Denken ist keinesfalls biblisch begründet.

Im Gegenteil. Nach dem Zeugnis der Schrift gibt es einen göttlichen Materialismus, dass Gott nämlich die Materie nicht verachtet und verschmäht. Dieser göttliche Materialismus begegnet uns in der ganzen Bibel von Anfang bis zum Schluss. 1. Mose 1 angefangen.

Und am Ende, gleichsam als Höhepunkt, ist Gott selber in Jesus Christus eingegangen ins Materielle. Das Wort war Fleisch und wohnte unter uns. Durch die Menschwerdung ist die soziale Frage, zur Gottesfrage geworden. Gott nimmt unseren Leib ernst. Gott mag keine Hungerleider, leere Mägen fechten ihn an, dem Hunger der Welt soll mit dem Brot für die Welt begegnet werden, das ist die Größe unseres Gottes, der sich so tief herab lässt und uns dort abholt, wo sich die Nöte und Sorgen unseres Lebens kreuzen.

Aber dort ist doch dieser Gott am größten, wo er sich um unser Brot bekümmert und Brot eben in dem Sinne Martin Luthers, um unsere Arbeitsstelle, unsere Lehrstelle, um unser Auskommen und unser Versorgen auch am morgigen Tag. Gib uns unser täglich Brot. D. h. doch, dann: Gib uns Arbeit, gib uns Gesundheit, gib uns Freiheit, gib uns doch ein Leben ohne die ständige Angst und menschenunwürdige Behandlung durch Nebenmenschen. Ihm ist eben doch unser Vesper wichtig.

Es geht hier um ein dreifaches Brot und so meine ich es darstellen zu können.

Von drei Seiten wollen wir dies Brot unter die Lupe, und zwar anhand von biblischen Geschichten, die Sie kennen.

1. Das stinkende Brot.

Das gehortetes Brot wird stinkend. Wem fällt dabei nicht sofort 2. Mose 16 ein. Und Jesus hat seine Bitten formuliert, auf dem Hintergrund der biblischen Geschichten. In der heißesten Wüste pfiffen diese Leute aus dem letzten Loch. Tagelange Märsche durch die Steinwüste, ständige Scharmützel mit anderen Landfahrern hat sie mürbe gemacht. Aber die Katastrophe kam: Es ist kein Brot mehr da! Die Kinder hingen den Müttern an den Rockschößen: Mutter! Brot! Brot!, aber diese Mütter zeigten nur die leeren Brotbeutel. Selbst die härtesten, die verschimmeltsten Brotreste waren schon längst aufgezehrt. Und dann ging es gegen die Führer los: Warum Mose! Warum hast du uns überhaupt aus Ägypten geführt? Sie brüllten, und mitten in dieses Gebrüll und die Verzweiflung hinein, mitten in diese Not hinein, da regnete es. Und da regnete es keine Regentropfen, da kam kein Schnee vom Himmel, da regnete es, man höre und staune, Brot vom Himmel! Manna! Wie die liefen, mit ihren Schürzen, mit ihren Körben, mit ihren Eimern. Nicht Ährenlese, nein Brotlese! Und es schmeckte wie Honig, Honigbrot. Man muss nicht frühe da sein. Man muss nicht günstige Plätze wissen, wie damals beim Ährenlesen. Es reicht für alle, es macht alle satt.

Das ist Gottes Grundsatz, jedem nach seinen Bedürfnissen. Das ist ein biblischer Satz. Die Israeliten sammeln. Der eine viel, der andere wenig. Und als sie abmessen, hatte der, der viel gesammelt hat, keinen Überschuss und der, der wenig gesammelt hat, keinen Mangel. Nur eines, und das merken diese Obersammler, die schon für den nächsten Tag vorgesorgt hatten. Also gleich zwei Eimer sich hinter das Zelt stellten. Die stellten nämlich am andern Morgen fest, dass ihr Brot stinkend geworden war, nicht mehr genießbar. Gehortetes Brot ist immer stinkend, immer ungenießbar, nicht essbar. Also nichts darf bis zum andern Morgen gehortet werden.

Und damit sind wir eigentlich am schwierigsten Punkt dieser Bitte überhaupt, nämlich das tägliche Brot. Unser tägliches Brot. Haben Sie schon einmal überlegt, was das eigentlich bedeuten könnte. Bei Lukas heißt es: Gib es uns pro Tag für Tag, oder gib uns die Ration für einen Tag. Viel hängt von der Deutung des „täglichen“ ab. Dieses ‚täglich‘ kommt nämlich im ganzen griechischen Testament nur hier vor. Es gibt nur zwei kleine Handschriften, wo dieses Wörtlein noch einmal auftaucht und man hat dann versucht dieses Wort herzuleiten und gedeutet als Brot, das zur Existenz beiträgt oder welches alle irdischen Substanzen übertrifft. Wenn sie verstehen wollen, was es wirklich heißt, dann müssen Sie zurück auf die Mannageschichte, dort meine ich, sei es doch für alle Zeiten schon erklärt worden.

Das Brot, das täglich gesammelt wird. Das ist das tägliche Brot. Am sechsten Tag aber wird ohne mehr Anstrengung wunderbarerweise die doppelte Menge eingesammelt. Nun darf das überschüssige für den nächsten Tag aufbewahrt werden. Und jetzt wird es wunderbarerweise nicht stinkend. Sollte am Sabbat jemand sammeln, so findet er wunderbarerweise nichts. Gott entledigt den Menschen seiner übertriebenen Besorgtheit, und hält ihn in seiner Gegenwart fest. D. h. diesen sabbatlichen Lebensstil sollten die Jünger, sollten wir neu lernen, der tut uns allen gut.

Jeder hat seinen eigenen Lebensstil. Wir haben heute viele verschiedene Lebensstile. Der eine hat noch einen altväterlichen Lebensstil. Er lebt ebenso wie der Opa auch gelebt hat. Wie vor 100 Jahren. Daneben da ist einer mit einem modernen Lebensstil. Er fährt die 100 m zum nächsten Laden mit dem Auto, der lebt von Urlaub zu Urlaub, das ist ein moderner Lebensstil. Der dritte hat einen Öko-Lebensstil. Ja einen gesunden Lebensstil, da gibt es nur Körner zum Frühstück und abends Müsli, dazwischen eine gestauchte Milch, aber gesund ist es, gesunden Lebensstil. Mich wundert, dass diese Leute überhaupt noch sterben. Egal mit welchem Lebensstil wir auch leben. Wir alle brauchen diesen sabbatlichen Lebensstil. Was heißt das?

Es ist ein rückhaltloses Vertrauen zu Gott und Gottes Güte, kein Vertrauen darauf, es selber machen zu wollen und seine Zukunft abzusichern. Es gibt heute genug und für den andern Morgen lassen wir einen anderen sorgen. Das ist keine Gleichgültigkeit, aber eine Sorglosigkeit, die uns gut ansteht. Gibt uns unser täglich Brot! Gib uns kein gehortetes Brot, gib uns die Gewissheit, dass es heute reicht und auch morgen reichen wird. Ich bin doch diesen Gott so viel wert wie ein Spatz. So geht es eben, im Blick auf den Studienplatz, im Blick auf die Lehrstelle, im Blick auf den Arbeitsplatz, im Blick auf den Heimplatz. Auf all diese Plätze gilt es doch: Sorge Vater, sorge du. Sorge für mein Sorgen, sorge Jesu immerzu, Sorge heut sowohl als morgen, Sorge für mich allezeit, Sorge für das Meine, o du Gott der Freundlichkeit, Sorge, du alleine.

Lass uns diesen ganzen Packen abgeben, Sorge, du alleine, unser täglich Brot gib uns heute. Das ist kein Abstieg in der Mitte des Vaterunsers. Es ist fast der höchste Gipfel überhaupt, wenn ich nicht mehr zu sorgen brauche, was morgen sein wird.

2. Geteiltes Brot.

Geteiltes Brot macht alle satt. Jesus hatte die Bitte nicht nur gelehrte, er hat sie bewiesen. Unser täglich Brot gib uns heute, wie damals in der Wüste. Das ist eben jene zweite berühmte Brotgeschichte der Bibel, die Speisung der 5000. Da hatte sich ja keiner auf eine längere Tour eingestellt, sie waren einfach alle mitgelaufen, Kind und Kegel. Selbstverständlich blieb das Gerstenbrot und der Ziegenkäse zu Hause, man glaubte ja, bis zum Einbruch der Finsternis wieder zu Hause zu sein. Aber jetzt wurden die Schatten länger und die Mägen auch. An einen Rückweg war überhaupt nicht mehr zu denken. Und Jesus kümmert sich um die angespannte Versorgungslage. Deshalb fragt er seine aufgeschreckten Jünger: Wo kaufen wir Brot? Sie knöpfen dem Judas den Beutel ab, aber in der Zentralkasse ist eben Ebbe. Genau 200 Silbergroschen. Das macht pro Nase einen Pfennig. Schon damals reichte das nicht für ein Abendbrot. Und der Kassensturz macht den Philippus bestürzt, mit dem Geld können wir keine hohlen Zähne füllen. Die Finanzdecke ist absolut zu knapp. Nun schaut Andreas nach den Reserven. Vielleicht hatte jemand etwas mitgebracht und wir können es zusammenlegen, dann reicht’s vielleicht doch. Aber eine schnelle Umfrage bringt: Fehlanzeige, kein Wüstenpicknick. 5 Brote, 2 Fische, die man bei einem Buben requiriert hat. Das reicht hinten und vorne nicht.

So ist es immer, wenn wir auf das schauen, was wir in unseren Taschen in unseren Händen haben. Wenn wir auf das sehen, was in dieser Welt wächst. Und dann noch 8 Milliarden Menschen im Jahr 2020. Das reicht hinten und vorne nicht, so höre ich es. Jede Woche, lese ich es in vielen Artikeln, das reicht nicht. Die Bevölkerung muss gestoppt werden. Aber dieser Herr ist doch erst am Anfang, wenn wir schon am Ende mit unserem Latein sind. Er übernimmt nicht unseren Realismus, der immer nur ein verkappter Pessimismus ist. Er kommandiert, wo wir kapituliert haben: Schaffet, dass das Volk sich lagere, und auf dem Gras sollen sie es sich bequem machen, das ist kein Hokuspokus, das ist kein Tischlein-deck-dich, das ist Eingreifen Gottes in dieser Welt.

Wenn wir mit Vertrauen auf seine Hände schauen, so nähret aller Wegen uns ein geheimer Segen. Gottes Hände machen alle satt. So war das bei ihm, und deshalb schickt er später seine Jünger ohne Reisegepäck und Wegzerrung zum Botendienst. Nichts für den Kopf, keine Bleibe. Habt ihr je Mangel gehabt, fragt er später. Nein, niemals! So haben es viele kapiert und daran will ich mich halten, an diesen guten Hirten. Er führt seine Herde zur grünen Weide und gibt allen Brot ohne Geld. Wo er teilt und wo geteilt wird, da ist das tägliche Brot. Gib uns unser tägliches Brot, gib uns Brot, dass auch wir teilen können und weitergeben. Und sie werden es erleben, dass bei ihm und in seiner Hand keiner, auch nicht ein einziger hungern wird.

3. Das gesegnete Brot.

Gesegnetes Brot. Das Brot hat natürlich auch eine geistliche Dimension. Und auch daran ist zu denken. Jesus sagt, ich bin das Brot des Lebens, wer zu mir kommt, der wird nicht hungern, wer dieses Brot isst, der wird leben in Ewigkeit. Es gibt eben nicht nur einen Hunger nach Brot, sondern auch einen Hunger nach Erfüllung, nach Liebe, nach Leben. Und diesen Hunger will er auch stillen. Der Hunger nach Leben hört dann nicht auf, wenn unser Hunger nach Brot gestillt ist. Jesus kennt das. Deshalb ist er nicht nur bei unserem Abendessen dabei, sondern er ist der Gastgeber eines Abendmahles. Die Mahlgemeinschaft am galiläischen Meer deutet auf die Tischgemeinschaft in Jerusalem, und wieder nahm er das Brot, brach es, und gab es und sprach: Nehmet hin und esset, das ist mein Leib. Das ist die Speise, so sagt es Johannes, die nicht vergänglich ist, sondern die da bleibt in das ewige Leben. Gibt uns unser täglich Brot, ist dann auch die Bitte um das gesegnete Brot, Jesus selber.

Da ist nur die Frage, ob nicht gerade im Hinblick auf das Abendmahl uns diese Bitte in eine neue Richtung bringen soll. Immer wieder hört man, dass das Abendmahl uns Protestanten ja eigentlich sehr fern ist. Wir haben’s schon gelernt im Konfus, und wir gingen auch vielleicht regelmäßig einmal im Jahr, oder zweimal im Jahr, das wäre schon richtig. Einmal im Frühjahr und Herbst, das sei schon genug.

Aber wenn man schon so sagt: Du musst zweimal die Oma besuchen im Jahr, ja, dann ist schon etwas faul im Verhältnis zwischen Oma und uns. Wir haben keinen richtigen Geschmack an diesem Brot. Wir haben kein Bedürfnis, kein Magendrang, uns hungerts nicht danach. Braucht’s denn das? Das Wort alleine, so haben wir es von Luther gehört. Mit dem kann man leben, mit dem kann man sterben. Braucht’s denn dieses Brot beim Abendmahl? Liebe Gemeinde, ich kann nur sagen, Gott hat gemeint, dass wir es brauchen. Sonst hätte er es durch seinen Sohn nicht angeboten. Das tut, zu meinem Gedächtnis. Sein Wort und Sakrament. Ob wir uns nicht mehr nach diesem Brot sehnen sollten? Ob wir uns nicht mehr öffnen sollten?

Ein Pfarrer sagt dazu: Eines habe ich gelernt, an den Betten der Sterbenden. In jenen Augenblicken wo sie nichts mehr hören, wo sie nichts mehr sehen und die Körper erfüllt waren vom Todesschmerz. In dieser Stunde, wenn man dann mit dem Abendmahlskelch kam und dieses Brot eintaucht in den Wein und ein kleines Stück auf diese trockene, heiße Zunge legt. Dann konnte er es schmecken, wie freundlich der Herr ist.

Man kann nur das schmecken, was man kennt. Ob nicht dieses gesegnete Brot gemeint sein könnte. Ja, es ist gemeint, wenn wir beten, gib uns unser täglich Brot, gib uns auch dieses gesegnete Brot, dass wir schmecken können, wie freundlich du bist. So lasst uns mit dieser Bitte neu unsere ganze Sorge ihm übertragen, lassen ihn sorgen, ihn allein.

Und zum andern, bleiben wir bei diesem Brot für heute nicht gehortet und stinkend, bleiben wir bei diesem geteilten Brot und beim gesegneten Brot.

Amen

Prädikant und Rel.-Päd. Thomas Karker, Predigt im Erntedankgottesdienst 2023

Dieser Beitrag wurde erstellt am Sonntag 1. Oktober 2023 um 5:04 und abgelegt unter Kirche, Predigten / Andachten.