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Was dem König gefällt – Predigt zu Esther 1 (BibelTV)

Sonntag 23. Juli 2023 von Pastor Dr. Stefan Felber


Pastor Dr. Stefan Felber

Zum heutigen Start der Esther-Reihe auf BibelTV bringen wir hier das Manuskript zur ersten Einheit.


Wenn wir das Estherbuch aufschlagen, betreten wir eine Welt, die der unseren viel näher ist, als der zeitliche Abstand vermuten läßt. Zwar liegen rund 2500 Jahre zwischen uns und Esther, aber vieles ist ähnlich und lädt uns ein, dieses Buch zu lesen und zu studieren.

Auf eine gewisse Weise kommt dieses Buch einem modernen Menschen, der nicht mit dem Eingreifen Gottes in die Geschichte rechnet, positiv entgegen. Denn es redet nicht dauernd von Gott. Genauer gesagt: Es erwähnt Gott überhaupt nicht! Jedenfalls nicht ausdrücklich. Wer ein Problem mit Wundern hat, sollte hier auf seine Kosten kommen.

Dadurch, daß Gott nicht erwähnt wird, entsteht auf den ersten Blick der Eindruck, Gott sei abwesend, oder anders gesagt: der Eindruck, die Dinge fänden irgendwie ganz von selbst ihren Gang. Gibt es nicht auch heute viele, die – jedenfalls dem Anschein nach – glücklich und zufrieden ihre Tage verleben, viele Länder bereisen können, von Streitigkeiten in Familie und Politik unbehelligt sind? Gott spielt keine Rolle, ja man braucht ihn nicht. So scheint es wenigstens. Und das Estherbuch spiegelt diesen Eindruck der Abwesenheit Gottes dadurch, daß tatsächlich „Gott“ oder der Gottesname Jahwe/Herr nicht vorkommt. Es ist das einzige Buch der Bibel, in dem Gott im hebräischen Text kein einziges Mal erwähnt wird. In der griechischen Fassung wird Gott einige Male erwähnt: Hier gibt es ein paar Gebete zu Gott. Der hebräische Text aber – und dieser liegt unseren Bibeln und meiner Auslegung zugrunde – läßt Gott, so scheint es, aus dem Spiel. Die Dinge gehen scheinbar von Gott unbehelligt ihren Gang. Dafür kommt der Begriff „König“ (auch „königlich“ oder „Königin“) über 250mal vor.

Ich möchte das Estherbuch als Teil der Bibel lesen, die insgesamt Gottes Weg mit dem Menschen aufzeigt. Darum möchte ich damit rechnen, daß Gott auch dort, wo er nicht genannt wird, der Hauptakteur ist. Im Estherbuch, das wollen wir Kapitel für Kapitel entdecken, wird das Wunder der Bewahrung sichtbar: Wer über das Geschehen ehrlich nachdenkt, dem werden wie von selbst die Augen dafür aufgehen, daß der Mensch in der Geschichte nicht sich selbst überlassen ist.

Wenden wir uns nun dem Anfang zu! Unmerklich bahnt sich ein Skandal an!

Das erste Kapitel malt uns die selbstgenügsame damalige Oberschicht vor Augen, die sich vom Tisch des Großkönigs Xerxes I. füttern ließ; in der Bibel heißt er mit seinem Beinamen Ahasveros. Er regierte im 5. Jahrhundert vor Christus. Ich lese:

1 Zu den Zeiten des Ahasveros, der König war von Indien bis Kusch über 127 Provinzen, als er auf seinem königlichen Thron saß in der Festung Susa, im dritten Jahr seiner Herrschaft, machte er ein Festmahl für alle seine Fürsten und Großen, die Heerführer von Persien und Medien, die Edlen und Obersten in seinen Provinzen, damit er sehen ließe den herrlichen Reichtum seines Königtums und die köstliche Pracht seiner Majestät viele Tage lang, hundertachtzig Tage.

Das persische Reich hatte seine größte Ausdehnung erreicht: Vom Indus bis zum Nil, von Indien bis Ägypten und Tunesien/Libyen, eingeschlossen: die heutigen Länder Iran, Irak, Syrien, die ganze Türkei, Palästina, Makedonien, Georgien, Teile Indiens, vom Aralsee bis zum Persischen Golf. Das Riesenreich war in 127 Provinzen aufgeteilt.

Man kann sich angesichts mancher heutiger Vorgänge leicht vorstellen, daß es nicht leicht gewesen war, die überall präsenten Unabhängigkeitsbestrebungen niederzuhalten. Denken wir nur an den Austritt Englands aus der Europäischen Union oder die Unabhängigkeitsbestrebungen im spanischen Katalonien. Die ersten Jahre von Xerxes sind bestimmt von diversen Aufständen in seinem Reich: die Ägypter und die Babylonier wollen wieder unabhängig sein. Bis 483 v. Chr. kann Xerxes diese Aufstände niederschlagen. Beim Versuch, sich Griechenland einzuverleiben, beißt er sich die Zähne aus und verliert ein riesiges Heer. Nach Norden kann er sein Reich noch etwas erweitern. Doch die Kraft des Großreiches ist gebrochen. Bauten, Intrigen und Frauengeschichten füllen mehr und mehr sein Leben aus, bis er schließlich im Schlafzimmer ermordet wird, 465 vor Christus.

In den ersten Versen von Esther 1 merken wir von derlei Spannungen nichts. Hier wird gefeiert, gebechert und gebalzt, daß sich die Balken biegen und die Bäuche überquellen. Man stelle sich das vor: 180 Tage lang, ein geschlagenes halbes Jahr werden die Reichtümer zur Schau gestellt. Raubgut aus Israel könnte auch noch dabei gewesen sein. Ein völlig abstruses Dekret besagt, daß niemand am Trinken gehindert werden solle. Ein Schlaraffenland für eine genußsüchtige Oberschicht! Es gab auch Feierlichkeiten für das normale Volk im Garten der Festung, aber nur für sieben Tage. Außerdem richtete die Königin noch ein Fest für die Frauen aus. Mit diesen drei Festmählern beginnt das Estherbuch. Es sind, genau gesagt, acht Festmähler, die sich durch das Estherbuch ziehen, angeordnet in vier Paaren. Diese Festmähler gliedern das Buch. Zugleich demonstrieren sie, wie der König die Macht und die politische Initiative an den Alkohol, an die Frauen bzw. die Juden verliert.

Um den Verfall zu zeigen, heißt es wörtlich: „daß er sehen ließe den Reichtum der Herrlichkeit seines Königtums“, und „die Köstlichkeit der Schönheit seiner Größe“ – für den jüdischen Leser ist klar: Hier macht sich jemand selbst zu Gott. Denn was hat dieser Gernegroß denn an sich, was er mit der Arbeit der eigenen Hände erarbeitet hat? Praktisch nichts – es sind Steuern, die aus allen unterworfenen Völkern in die Hauptstadt fließen.

Nicht alle Untertanen werden sich gefreut haben, ihr Geld auf diese Weise verwendet zu sehen. Aber es hilft nichts. Denn den Untertanen, die von Abraham und Mose nichts wissen, fehlt das positive Gegenmodell, der letzte Maßstab, hier einzuschreiten. War und ist es nicht überall so? Hat der König, da er doch König ist, nicht prinzipiell Recht und Gesetz auf seiner Seite? Das war die Vorstellung von Obrigkeit bei vielen nicht christianisierten Völkern.

Es demokratisch legitimiertes Gegenbild gab es nicht. Die Vorstellung eines Königs, der nicht über, sondern unter dem Gesetz steht, ist im 5. Buch Mose, Kap. 17 verankert. Ein solcher König soll weitgehend auf politische, militärische und wirtschaftliche Macht verzichten. Er soll nicht viele Frauen haben. Vor allem soll er sich täglich dem Studium von Gottes Wort widmen – und gerade so Autorität gewinnen, eine Autorität aus Gott selbst und nicht durch sein politisch-militärisch-wirtschaftliches Geschick.

Ahasveros (Xerxes) bildet das negative Gegenstück zu diesem Maßstab: Er erhob sich über seine Brüder, stellte seinen Reichtum zur Schau und wollte für irdische Dinge bewundert werden. Wer in seiner Bibel die vorangehenden Bücher gelesen hat, weiß, daß auch viele Könige Israels sich nicht daran gehalten haben – und die Juden gerade deswegen am Ende im Exil landeten und so auch Esther und Mordechai dort waren, wo wir sie hier antreffen.

Ich lese ab Vers 10:

10 Und am siebenten Tage, als der König guter Dinge war vom Wein, befahl er Mehuman, Biseta, Harbona, Bigta, Abagta, Setar und Karkas, den sieben Kämmerern, die vor dem König Ahasveros dienten, 11 daß sie die Königin Waschti mit ihrer königlichen Krone holen sollten vor den König, um dem Volk und den Fürsten ihre Schönheit zu zeigen; denn sie war schön. 12 Aber die Königin Waschti wollte nicht kommen, wie der König durch seine Kämmerer geboten hatte.

Da wurde der König sehr zornig, und sein Grimm entbrannte in ihm.

Mit fortschreitender Trunkenheit des Königs wird sein Verhalten immer unberechenbarer. Wir werden später noch zweimal den König als dem Alkohol hingegeben sehen (Kap. 5 und 7). Hier nun kommt er auf die Idee, seine königliche Pracht nicht nur anhand von Gegenständen und anhand von ungezügeltem Essen und Trinken zu demonstrieren, sondern auch dadurch, daß ihm das schöne Geschlecht zu Füßen liegt. Die Königin soll kommen und sich zeigen! Manche Ausleger meinen, der Auftrag wäre gewesen, die Königin solle nackt erscheinen. Doch davon kann keine Rede sein. Sie sollte vielmehr im vollen Ornat kommen, samt der königlichen Krone. Die Königin wird hier als Objekt, als Besitztum vorgeführt. Ein Liebesverhältnis sieht anders aus. Der König, der doch schon alles hat, will prunken und punkten.

Ein Skandal bahnt sich an: Waschti weigert sich. Die Bibel sagt nicht, warum. Der Ungehorsam gegen den König ist Skandal genug, da spielen die Gründe gar keine Rolle!

Worin besteht der Skandal? Waschti war durch sieben Kämmerer ganz offiziell zum Erscheinen aufgefordert worden (V. 10). V. 12: „Aber die Königin Waschti wollte nicht kommen, wie der König durch seine Kämmerer geboten hatte. Da wurde der König sehr zornig, und sein Grimm entbrannte in ihm.“ Der König beherrscht zwar die Politik über 127 Provinzen, aber er hat weder seine Frau(en) unter Kontrolle noch sich selbst! Ein jähzorniger Mensch: ein Bild des Jammers. „Des Menschen Zorn tut nicht, was vor Gott recht ist“, schreibt Jakobus (1,20). Der Gegensatz ist scharf: Auf der einen Seite eine charakterstarke Frau, der etwas anderes wichtiger ist als die Gunst des Weltherrschers; auf der anderen Seite ein macht- und genußsüchtiger Mann, der an seine Grenzen stößt, beherrscht von Genußsucht, gierig nach Anerkennung und Bewunderung, alkoholkrank und vom Jähzorn überwältigt.

Hören wir die Verse 13 / 15:

13 Und der König sprach zu den Weisen, die sich auf die Gesetze verstanden – denn des Königs Sachen mußten vor alle kommen, die sich auf Recht und Gesetz verstanden; 14 unter ihnen waren ihm am nächsten Karschena, Schetar, Admata, Tarsis, Meres, Marsena und Memuchan, die sieben Fürsten der Perser und Meder, die das Angesicht des Königs sehen durften und obenan saßen im Königreich –: 15 Was soll man nach dem Gesetz mit der Königin Waschti tun, weil sie nicht getan hat, wie der König durch seine Kämmerer geboten hatte?

Der König ist brüskiert. Die Königin hat sich das Recht der Selbstbestimmung herausgenommen, und das bei einem Staatsfest, das die Autorität des Königs und die Stabilität seines Reiches demonstrieren sollte. Sieben Weise, die „die Zeiten verstehen“, wie es wörtlich heißt (V. 13), geben einen für den König schmeichelnden Bescheid, um seine Autorität wiederherzustellen. In den fünf Versen dieser Rede benutzt Memuchan allein 20mal „König“ oder „königlich“. Ob der König das nötig hat, so oft mit seinem Titel umschmeichelt zu werden? Wenn ja: ein schwacher Charakter!

Memuchan verschärft die Anklage: Waschti habe sich nicht nur gegen den König, sondern auch gegen alle Fürsten und alle Ehemänner vergangen: also nicht nur eine Majestätsbeleidigung, sondern eine Bedrohung der allgemeinen Rechtsordnung! Niemand nimmt Waschti in Schutz. Vielleicht gehörte sie keiner der oberen Adelsfamilien an, hatte keinen Rückhalt, und konnte leicht beseitigt werden.

Memuchan schiebt regelrecht Panik: Wird nichts unternommen, dann wird es von Seiten der Frauen Geringschätzung geben, von Seiten der Männer Zorn. Nur ein königliches Dekret könne dies verhindern: Waschti darf nicht mehr vor dem König erscheinen (V. 19f.). Ein Exempel wird statuiert. (Nicht nur wegen des Hofzeremoniells ist es also kein Wunder, daß Esther sich später fürchtet, ungebeten vor einen wankelmütigen König zu kommen!)

Dem König gefällt der Vorschlag. In dem Schreiben, das in allen Sprachen in alle Provinzen hinausgeht, heißt es dann aber nicht nur, daß Waschti nicht mehr vor den König kommen durfte, sondern es wird verallgemeinert: Jeder Mann soll Herr in seinem Hause sein, so der letzte Vers des Kapitels. Wörtlich: „Es sei jeder Mann herrschend in seinem Hause.“ Es wird also nicht nur berichtet, was am Königshof geschehen ist, sondern es wurden auch familienrechtliche Bestimmungen erlassen – zu Ungunsten der Frauen.

Was ist davon zu halten?

Der Erzähler selbst hat seine Wertung nicht direkt in den Text eingebracht. Xerxes kommt nicht gut weg, aber das erschließt sich erst, wenn man das Königsgesetz und überhaupt die alttestamentlichen Wertungen der Könige einbezieht – meist waren es Abwertungen, ja scharfe Kritik an ihnen.

Durch ein staatliches Gesetz sicherzustellen, daß ein Mann der Herr im Hause ist, klingt für einen gesunden Menschenverstand etwas lächerlich, und zwar nicht erst für unsere genderbewußte Zeit. Es ist aber nicht nur lächerlich, sondern bringt etwas reichlich Hartes in die Ehe. Soll nicht ein jeder in Demut und Liebe den anderen höher achten als sich selbst? So schreibt Paulus, und es gilt für die ganze Gemeinde, nicht nur für Eheleute.

Über den Eheleuten, aber auch über allen Beziehungen, in denen Christen stehen, glauben sie einen dritten, größeren: Jesus Christus.

Christus ist es, der den Platz zuweist. Wo Männer sich per Gesetz oder per Muskelkraft Respekt erzwingen, haben sie ihn schon verloren. Wo sie sich aber durch Liebe und Demut dem Herrn und seiner Berufung unterstellen, für Frau und Familie mehr sorgen als für sich selbst, da dürfen sie eine Anerkennung empfangen und eine Autorität leben, die reiner und lieblicher ist als je durch ein Gesetz angestoßen werden kann. Liebe und Anerkennung muß von innen kommen. Wie kann ein staatliches Gesetz das Herz einer Frau einem Mann zukehren, oder das Herz eines Mannes zu einer Frau? Was für ein lächerliches Dekret! Der Machbarkeitswahn widerlegt sich selbst.

In einer Zeit, in der die Klügsten des persischen Reiches solche Torheiten als angebliches unveränderliches Gesetz der Meder und Perser hinausgehen ließen (denken wir auch an das Dekret, man dürfe niemanden am Trinken hindern), wuchs das Mädchen Esther auf. Wir werden beim nächsten Mal hören, wie sie, ohne sich beworben zu haben, zur Königswürde gelangt und später – mit großem Glaubensmut – das Herz des Königs und die Geschicke ihres Volkes vor weitreichenden Grausamkeiten bewahrt.

Es ist eins der Zielpunkte des Estherbuches zu zeigen, wie man in einem kulturell fremden, ja tendenziell feindlichen Umfeld leben kann: klug wie die Schlangen und ohne Falsch wie die Tauben. Man kann dieses Leben nicht durchplanen, aber man muß bereit sein, an der Hand des verborgenen Gottes in die Höhle des Löwen zu gehen.

Vom Erzähler des Buches wird nicht kritisiert, daß Mordechai und Esther den Weg zurück nach Israel unterlassen haben. Er schenkt ihnen sogar den Moment, an dem sich entscheiden wird, ob es überhaupt noch ein Israel geben würde, egal wo.

Das Leben des Gläubigen in einem Land ohne Bibelkenntnis – das ist das Leben, das auch für Christen in Europa immer mehr zur Wirklichkeit wird. Das Estherbuch will uns mit hineinnehmen, und ich bin sicher, daß es uns hilft, uns geistlich vorbereiten, wenn für uns der Zeitpunkt kommt, zu handeln wie Esther oder ihr Adoptivvater Mordechai.


 

Hinweis: Das Buch „Gerade um dieser Zeit willen – Predigten zum Estherbuch“ (146 S.) von Stefan Felber kann beim Gemeindehilfsbund bestellt werden (info@gemeindehilfsbund.de, Tel. +49 5161 911 330).

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Dieser Beitrag wurde erstellt am Sonntag 23. Juli 2023 um 17:19 und abgelegt unter Predigten / Andachten.