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Gottesfurcht für Christen?

Mittwoch 26. April 2023 von Pastor Dr. Stefan Felber


Pastor Dr. Stefan Felber

S. Felber, Vortrag beim Bibeltag Bollewick/Mecklenburg, 22.4.2023

Das Folgende ist als Vor-Blick ein Teil des dortigen Vortrags.

Gottesfurcht für Christen?

1. Verbreitete Einseitigkeiten

Von Gottesfurcht wird, wenn überhaupt, nur verschämt geredet. Furcht ist ja gerade das, was dem Glauben und der Liebe widerspreche. Wie kann ich einen Gott lieben, wenn ihn fürchte?

Wie aber kann ich einen Menschen lieben, wenn ich ihn fürchte?

Ein Pastor aus Greifswald predigte einmal, eine schöne Umschreibung für Gottesfurcht sei „vorsichtige Achtsamkeit“. Er sagte: „Damit kann ich etwas anfangen.“ Mit „vorsichtiger Achtsamkeit“ auf den Hebräerbrief hören heiße wie bei Noah, der die Arche baute: in die Zukunft schauen. Was damals nötig gewesen sei, war, die mattgewordene Glaubenshoffnung wieder lebendig werden zu lassen.

Also „vorsichtige Achtsamkeit“. Das klingt auf den ersten Blick gut. Doch wird hier nicht Gott selbst ausgeschlossen, von Mut und Glaubenstapferkeit zur Wahrheit ganz zu schweigen? Und ich frage mich, ob man für die Erkenntnis, Achtsamkeit sei ein guter Wert, wirklich die Bibel gebraucht hat. Managerkurse und Psychologen raten uns zu vermehrter Achtsamkeit auf uns selbst und die Menschen um uns herum.

Was denken Sie? Achtung, jetzt haben Sie gleich die Wahl:

Wenn Sie der Meinung sind, Glaube und Gottesfurcht passen nicht zusammen, und kommt nicht in der Bibel 365x vor, man solle sich nicht fürchten? Nebenbei: Ich zähle hier nur halb so viele Stellen – immer noch viele genug! Wer also dieser Meinung ist, den ich lade ein, gut aufzupassen, denn es könnte etwas Neues dabei sein.

Wenn Sie aber sagen, doch, da Gott ja so gewaltig und unübertrefflich ist, müßte das schon gehen, daß Glaube und Gottesfurcht zusammengehen, dann werden Ihnen moderne Theologen und Psychologen möglicherweise eine Phobie attestieren. Wenn Sie Ihren Glauben als Gottesfurcht charakterisieren, werden Sie u.U. auf einer niedrigen Stufe der Persönlichkeitsentwicklung eingeordnet (Halten der Gebote aus Angst vor Strafe statt aus Einsicht). phobos ist das griechische Wort für Angst oder Furcht – und dient ausgerechnet als Bezeichnung der Gläubigen im Alten und im Neuen Testament. Sie sind es, die Gott fürchten – ihn eben mehr fürchten als alles andere auf der Welt.

Damit bin ich bei …

 

2. Gottesfurcht in der Bibel

Rund 1000 x kommen in der Bibel Begriffe wie Fürchten, Furcht, Angst, Erschrecken vor. Es muß so oft vorkommen, weil Furcht eine ganz häufige menschliche Befindlichkeit oder Reaktion ist. Die Bibel „zeichnet ja keine »Übermenschen«, sondern schwache, angefochtene Menschen (vgl. Ps 34,5; Mt 14,26; 28,4; Joh 7,13; Apg 2,43; 1.Kor 2,3). Nüchtern und realistisch spricht die Bibel davon, daß jeder Mensch Grund hat, sich zu fürchten vor den unheimlichen dunklen Mächten, die mit ihm und um ihn sind (Eph 6,12), vor Sünde, Tod und Teufel.“

Seit frühester Zeit war Gottesfurcht ein Begriff dafür, daß man sich aufeinander verlassen konnte – wo keine Gottesfurcht ist, da ist, wie später Dostojewski zu Recht meinte und Nietzsche als Philosoph entfaltete, alles möglich.

Abraham sprach: Ich dachte, gewiß ist keine Gottesfurcht an diesem Orte, und sie werden mich um meiner Frau willen umbringen. (1.Mose 20,11)

Es ist unschwer auszumachen, was das für heute bedeutet. Ist keine Gottesfurcht da, ist also, wie gesagt, alles erlaubt. In Röm 3,18 zitiert Paulus aus Psalm 36 (und belegt so die allgemeine Sündhaftigkeit nicht mit seiner persönlichen Erfahrung, sondern aus der Bibel!):

„Es ist keine Gottesfurcht bei ihnen.“

Andersherum: Ist Gehorsam gegen Gott da, so ist auch Gottesfurcht vorhanden. In Ägypten sagte Josef zu seinen Brüdern, bevor er sich ihnen zu erkennen gab:

Am dritten Tage aber sprach er zu ihnen: Wollt ihr leben, so tut nun dies, denn ich fürchte Gott [d.h. ihr könnt euch auf mich verlassen]: Seid ihr redlich, so laßt einen eurer Brüder gebunden liegen in eurem Gefängnis … (1.Mose 42,19f.)

Am Gehorsam wird die Gottesfurcht erkannt, 1.Mose 22,12:

Er sprach: Lege deine Hand nicht an den Knaben und tu ihm nichts; denn nun weiß ich, daß du Gott fürchtest und hast deines einzigen Sohnes nicht verschont um meinetwillen.

Dies hat später der Jakobusbrief aufgenommen und die Werke als Indiz für den rechten Glauben genommen (vgl. Gal 5,6).

Furcht in zwei Richtungen:

5.Mose 7,21: Laß dir nicht grauen vor ihnen [d.h. vor den Ureinwohnern in Kanaan]; denn der Herr, dein Gott, ist in deiner Mitte, der große und schreckliche Gott.

Dieser Vers macht sehr schön deutlich, daß wer Gott fürchtet, keine Menschen mehr fürchten muß! Denn Gott hat seinem Volk geboten, nur ihn zu fürchten. Vor dem Einzug ins gelobte Land predigt Mose (aus 5.Mose 6):

Dies sind die Gesetze und Gebote und Rechte, die der Herr, euer Gott, geboten hat, euch zu lehren, daß ihr sie tun sollt in dem Lande, in das ihr zieht, es einzunehmen, damit du dein Leben lang den Herrn, deinen Gott, fürchtest und alle seine Rechte und Gebote hältst, die ich dir gebiete, du und deine Kinder und deine Kindeskinder, auf daß du lange lebest. Israel, du sollst es hören und festhalten, daß du es tust, auf daß dir’s wohlgehe und du groß an Zahl werdest, wie der Herr, der Gott deiner Väter, dir zugesagt hat, in dem Lande, darin Milch und Honig fließt.

Höre, Israel, der Herr ist unser Gott, der Herr ist einer. Und du sollst den Herrn, deinen Gott, lieb haben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit all deiner Kraft. Und diese Worte, die ich dir heute gebiete, sollst du zu Herzen nehmen … … 13 sondern du sollst den Herrn, deinen Gott, fürchten und ihm dienen und bei seinem Namen schwören.

… … 24 Und der Herr hat uns geboten, nach all diesen Rechten zu tun, daß wir den Herrn, unsern Gott, fürchten, auf daß es uns wohlgehe allezeit und er uns am Leben erhalte, sowie es heute ist.

Die „Gottesfürchtigen“: Das ist der Ausdruck für die Gläubigen überhaupt

Beispiel: Ps 22,24: Rühmet den HERRN, die ihr ihn fürchtet; ehrt ihn, all ihr Nachkommen Jakobs, und scheut euch vor ihm, all ihr Nachkommen Israels!

Denjenigen rühmen, den ich zugleich fürchte – für Außenstehende ein Paradox, aber für die im Glauben die einzig angemessene Möglichkeit, gleichzeitig die Nähe und den bleibenden Abstand zum Herrn auszudrücken.

Bedenken wir noch ein paar weitere lehrreiche Psalm-Worte!

27,1: Von David. Der HERR ist mein Licht und mein Heil, vor wem sollte ich mich fürchten? Der HERR ist meines Lebens Kraft; vor wem sollte mir grauen?

33,18: Siehe, das Auge des HERRN ruht auf denen, die ihn fürchten, die auf seine Gnade harren.

34,10: Fürchtet den HERRN, ihr seine Heiligen! Denn keinen Mangel haben die, die ihn fürchten.

86,11: Weise mir, HERR, deinen Weg, daß ich wandle in deiner Wahrheit; erhalte mein Herz bei dem einen, daß ich deinen Namen fürchte.

103,11: Denn so hoch die Himmel über der Erde sind, so übermächtig ist seine Gnade über denen, die ihn fürchten.

103,13: Wie sich ein Vater über Kinder erbarmt, so erbarmt sich der HERR über die, die ihn fürchten.

103,17: Die Gnade des HERRN aber währt von Ewigkeit zu Ewigkeit über denen, die ihn fürchten, seine Gerechtigkeit bis zu den Kindeskindern,

115,11+13: Die ihr den Herrn fürchtet, hoffet auf den Herrn! Er ist ihre Hilfe und Schild. … Er segnet, die den HERRN fürchten, die Kleinen und die Großen.

119,120: Ich fürchte mich vor dir, daß mir die Haut schaudert, und ich entsetze mich vor deinen Urteilen.

Buber-Rosenzweig: Von deinem Schrecken grieselts durchs Fleisch mir, ich fürchte mich vor deinen Gerichten.

145,19: Er tut, was die Gottesfürchtigen begehren, und hört ihr Schreien und hilft ihnen.

147,11: Der HERR hat Gefallen an denen, die ihn fürchten, die auf seine Güte hoffen.

 

Zusammenfassung zu den Psalmen:

Wer oder was wird gefürchtet bzw. soll gefürchtet werden?

    • Jahwe
    • Gott
    • der Name Gottes (86,11).

Wer oder was soll nicht gefürchtet werden?

    • Menschen (Völker, Fürsten; 56,5.12; 118,6).
    • andere Götter (96,4)

Wer fürchtet Gott?

    • seine Heiligen (89,8)
    • viele (40,4)
    • alle Enden der Erde (67,8)
    • die ganze Erde (47,3)

Wer fürchtet Gott nicht?

    • die Ungerechten (55,20)

 

3. Wie kommen wir nun von Furcht oder Angst und von der Scham, die vor Gott flieht, zur rechten Gottesfurcht, die, wie Luther sagt, Gott über alle Dinge fürchtet, liebt und vertraut (1.Gebot)?

Der Schlüssel, o meine lieben Freunde!, liegt beim Kreuz bzw. beim Wort vom Kreuz!

Der Gottessohn hat die äußerste Höllenangst am Kreuz durchlitten. Wenn wir glauben, daß er sie um unseretwillen und an unserer Stelle durchlitten hat, dann ist uns die Angst und Scham vor Gott genommen und die rechte Ehrfurcht geschenkt, die jeder haben sollte, der einem barmherzigen König, dem König der Gerechtigkeit und dem Guten Hirten begegnet.

Aufgrund der Heiligkeit und Schöpferkraft des allmächtigen Gottes ist Gottesfurcht auch noch neutestamentlich ein geistliches Grund-Datum.

«Schrecklich ist’s, in die Hände des lebendigen Gottes zu fallen» (Hebr 10,31). Das gilt auch für Jesus selbst. Er hat seine Angst am Kreuz bewußt mit den Worten ausgesprochen, die auch in unser Gebetbuch, nämlich in den Psalmen niedergelegt sind. Psalm 22:  «Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? Ich schreie, aber meine Hilfe ist ferne … Sei nicht ferne von mir, denn Angst ist nahe; denn es ist hier kein Helfer» (Ps 22,2+12).

Damit unsere Gottesbeziehung geheilt wird, hat Christus unsere Gottverlassenheit erlitten. Als er starb, zerriß der Vorhang im Tempel – Gott selbst kommt heraus und geht den Weg zu uns. Die Todes- und Höllenangst Christi nimmt der Gekreuzigte auf sich und überwindet sie in seiner Auferstehung Christi – wie könnte unsere Angst kräftiger besiegt werden?

Also: Nicht eine allgemeine Gottesfurcht unsererseits befreit also vor Menschenangst oder Gefahrenangst oder gar Höllenangst, sondern Christus, der Gekreuzigte und Auferstandene, schenkt uns die rechte Gottesbeziehung und die rechte Gottesfurcht, die uns freisetzt:

«Weil wir wissen, daß der Herr zu fürchten ist, suchen wir Menschen zu gewinnen …» (2.Kor 5,11).

Laßt uns «die Heiligung vollenden in der Furcht Gottes» (2.Kor 7,1)!

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Dieser Beitrag wurde erstellt am Mittwoch 26. April 2023 um 16:09 und abgelegt unter Allgemein.