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Wenn das Abnorme zur Norm erhoben wird – Eine Auslegung von Jesaja 5,20

Freitag 24. Februar 2023 von Dr. Martin Lloyd-Jones (1899-1981)


Dr. Martin Lloyd-Jones (1899-1981)

Weh denen, die Böses gut und Gutes böse nennen, die aus Finsternis Licht und aus Licht Finsternis machen, die aus sauer sĂŒĂŸ und aus sĂŒĂŸ sauer machen! (Jesaja 5,20)

Es ist sehr wichtig zum VerstĂ€ndnis dieser Botschaft – der des ganzen Kapitels wie auch der einzelnen hier in Vers 20 –, dass wir sie als eine Äußerung fĂŒr die Zeit begreifen, in der sie gemacht wurde. Der Prophet, daran möchte ich erinnern, wurde von Gott berufen, um zu seinen Zeitgenossen, dem Volk Juda, in einer besonders schwierigen Situation zu sprechen. Dieses Volk existierte bereits Jahrhunderte, nachdem es von Abraham gegrĂŒndet worden war. Aber hier, an diesem speziellen Punkt seiner Geschichte im achten Jahrhundert vor Christus, begannen die Dinge auf ĂŒble und gefĂ€hrliche Art falsch zu laufen. Israel stand unmittelbar vor einer Katastrophe, und nun hatte Gott den Propheten berufen, die Menschen zu warnen vor dem totalen Zusammenbruch, wenn sie nicht Buße tun und zu Gott umkehren.

Andererseits leben wir heute in einer Zeit und einer Generation, die leider nur zu gut der hier beschriebenen entspricht. Außerdem sind die Menschen nach der Lehre der Bibel immer sĂŒndig gewesen, seit sie einst im Paradies in Ungehorsam fielen. Aber – und das ist ein Grundsatz – es gab bestimmte Epochen und Abschnitte, in denen sie außergewöhnlich und herausragend sĂŒndigten, oder anders gesagt, ihre SĂŒnde besonders sichtbar wurde.

Sie können die Bibel, dieses große Lehr- und Geschichtsbuch, nicht lesen, ohne zu bemerken, dass es diesbezĂŒglich eine Wiederkehr in erstaunlich regelmĂ€ĂŸigen AbstĂ€nden gibt. Wir stoßen auf Phasen, in denen die Israeliten sicherlich nicht vollkommen nach Gottes MaßstĂ€ben lebten, aber vergleichsweise gut waren; dann wieder andere, in denen sie sozusagen „mit Wagenseilen“ sĂŒndigten, so extrem, dass ihre Lage verzweifelt wurde. Manchmal schien also die SĂŒnde einen schrecklichen Höhepunkt zu erreichen, und auf diesen Gipfel folgte stets eine Katastrophe.

Das ist eine einfache historische Feststellung. Wir sehen diese Art von Schwankungen wie ein wellenförmiges Diagramm, das die Menschheitsgeschichte, das Alte und Neue Testament und ebenso die Folgezeit durchzieht. Nehmen Sie zum Beispiel den Bericht der Bibel ĂŒber die Zerstörung der Welt in der Sintflut: Adams und Evas Sohn, Kain, fiel in SĂŒnde. Seine Nachfahren machten genauso weiter, und die SĂŒnde nahm bestĂ€ndig zu. Schließlich war sie so extrem, dass Gott sich an die Menschen wandte: „Mein Geist soll nicht immerdar im Menschen walten“ (1.Mose 6,3). Deshalb ließ er einen Mann namens Noah heranwachsen, um die Menschen zu warnen, dass – wenn sie nicht bereuten – ihre Welt zerstört werden wĂŒrde. Jene Generation zĂ€hlt zu denen, die mit aller Kraft sĂŒndigten und Gott mit ungewöhnlicher Arroganz herausforderten. Es folgte die Katastrophe der Flut.

Ein anderes Mal geht es um den Turmbau von Babel. Auch da erreichte die SĂŒnde der Menschen ein so enormes Ausmaß, dass Gott herabstieg, ihre Sprache verwirrte und den Turm zerstörte, der in den Himmel ragte, und wieder endete alles verheerend. Hier nun, im Buch Jesaja, haben wir ein weiteres Beispiel. Juda sĂŒndigte in der Art, wie Jesaja es beschreibt, und bewegte sich in einer letzten großen Orgie erneut auf die Katastrophe zu. Die ChaldĂ€er standen auf, sammelten eine Armee, kamen und plĂŒnderten Jerusalem und fĂŒhrten die Mehrzahl der Juden als Gefangene in das Land Babylon. So endet eine schreckliche Periode voll SĂŒnde und Abkehr. Genau das Gleiche in der Zeit unseres Herrn und Heilands auf Erden. Die Juden hatten erneut begonnen, sich auf diese Weise an Gott zu versĂŒndigen. Johannes der TĂ€ufer warnte sie, der Sohn Gottes selbst warnte sie – doch sie ignorierten es. Auch als spĂ€ter die Apostel predigten, blieben sie hoffnungslos in SĂŒnde verhaftet, und wieder fĂŒhrte dies zu dem schon erwĂ€hnten Ergebnis: Im Jahr 70 nach Christus umzingelte die römische Armee die Stadt Jerusalem, eroberte und plĂŒnderte sie, machte alles dem Erdboden gleich, und die Juden wurden unter die anderen Völker verstreut.

Dies sind nur einige drastische Beispiele jenes Prinzips, das so deutlich in der Bibel vermittelt wird. WĂ€hrend die Menschen immer SĂŒnder sind, gibt es Zeiten, in denen die SĂŒnde, wie man sieht, sich selbst ĂŒbertrifft. Sie spielt sozusagen verrĂŒckt, Und die Menschen sĂŒndigen auf eine schier unglaubliche Art und Weise und fordern Gott derart lĂ€sterlich und ĂŒberheblich heraus, dass dies in eine Phase namenlosen Schreckens mĂŒndet. Die Bibel lehrt uns, dass Gott in solchen Zeiten seine erhaltende Macht zurĂŒckzieht und den Menschen erlaubt, sich in ihren Schandtaten zu suhlen, um sie schließlich mit Bestrafung in Form einer entsetzlichen Katastrophe heimzusuchen. Doch zuvor sendet er Propheten, seine Boten, mit der Aufgabe, den Einzelnen und das Volk als Gemeinschaft aufzurĂŒtteln.

Die Wahrheit verdrehen

Zu solchen Zeiten ist bei den Menschen kein sĂŒndhaftes Verhalten beliebter als das, worum es im vorliegenden Vers geht: moralische Verdorbenheit. „Weh denen, die Böses gut und Gutes böse nennen, die aus Finsternis Licht und aus Licht Finsternis machen, die aus sauer sĂŒĂŸ und aus sĂŒĂŸ sauer machen!“ (Jes 5,20). In allen Zeitabschnitten der Menschheitsgeschichte, in der die SĂŒnde jedes Maß verlor, ist dies unabĂ€nderlich ihr herausragendstes Kennzeichen. Und hier wird es uns eindrucksvoll vor Augen gefĂŒhrt. Auch weil es leider ein allzu bekanntes Merkmal der heutigen Welt ist, lenke ich Ihre Aufmerksamkeit darauf.

Gibt es im Licht dieser Ereignisse irgendetwas in der Geschichte, das so sehr unsere Aufmerksamkeit verdient? Hat irgendetwas soviel Bedeutung? Welche Bedeutung hat, verglichen damit, die grĂ¶ĂŸte Konferenz aller StaatsmĂ€nner der Welt? Wenn dieser Verlauf fĂŒr die Geschichte gilt, sind wir in einer verzweifelten Lage. Wenn dies ein Gesetz der Geschichte ist, dann bleibt uns am Ende nur die Katastrophe – sofern wir nicht bereuen und zu Gott umkehren. Lassen Sie uns also die Lehre der Schrift in diesem Zusammenhang betrachten.

Zuerst mĂŒssen wir die Anzeichen fĂŒr den beschriebenen Zustand ins Visier nehmen. Das Prinzip bleibt sich gleich, aber ich möchte es hier vor allem in seiner modernen Erscheinung darstellen. SĂŒnde ist immer SĂŒnde, doch es gibt verschiedene Stufen; sie tritt in verschiedenen Formen und unter verschiedenen Masken auf. Manchmal sĂŒndigen die Menschen und schĂ€men sich dafĂŒr. Auch so kann SĂŒnde aussehen. Daneben gibt es Situationen – wir kennen sie bereits –, in denen die Menschen keine Scham mehr fĂŒhlen. Sie sĂŒndigen offen, sind noch stolz darauf und prahlen sogar damit. Das ist ein gewaltiger Unterschied, nicht wahr?

Und es gibt weit Schlimmeres. NĂ€mlich Zeiten, in denen die Menschen ĂŒberhaupt kein GespĂŒr fĂŒr Moral mehr zu haben scheinen, wobei dies nicht nur auf die Allgemeinheit, sondern auch auf den Einzelnen zutrifft. Wir alle kennen Menschen, die gesĂŒndigt haben und sich dafĂŒr schĂ€men. Ich hoffe, dass Sie selbst auch dazugehören. Andererseits kennen wir solche, die gesĂŒndigt haben und sich nicht schĂ€men. Und vielleicht einige, die jeden Sinn fĂŒr Moral verloren haben und offensichtlich zwischen richtig und falsch nicht unterscheiden können. Sie sind amoralisch, also völlig ohne Moral.

Als wĂ€re das nicht schon schlimm genug, lĂ€sst es sich noch steigern, wie in diesem Vers beschrieben wird: durch VerfĂ€lschung der Wahrheit. Dinge derart zu verdrehen ist noch ĂŒbler als nur amoralisch zu sein. Unmoral bedeutet negatives Verhalten, aber hier wird darĂŒber hinausgegangen bis zu einem Punkt, an dem Menschen die Moral umkehren und Böses gut und Gutes böse nennen. Sie erklĂ€ren Finsternis zu Licht und Licht zu Finsternis, Saures fĂŒr sĂŒĂŸ und SĂŒĂŸes fĂŒr sauer – ein Zustand, der sĂ€mtliche MaßstĂ€be auf den Kopf stellt, eine absichtliche Umkehrung ins Positive von allem, was bisher mehr oder weniger generell als negativ akzeptiert wurde.

Dies kann man, wie die Schrift zeigt, bei Einzelpersonen sehen, aber auch bei ganzen Völkern, bei bestimmten Gruppen und manchmal weltweit. In diesem Zustand verdrehen die Menschen alles und rĂŒhmen sich noch der Tatsache, es zu tun. Genauso war es in Jerusalem zu jener Zeit, als Jesaja das Volk mit seiner Prophetie warnte, weiter auf die Katastrophe zuzugehen.

Trifft das nicht ebenfalls auf die Welt von heute zu? Ist das nicht eines ihrer offensichtlichsten Merkmale? Dieses Element der Verdrehung als das herausragende Kennzeichen einer Zeit, die alles umkehrt, alles aufhebt, was zuvor allgemein akzeptiert und anerkannt wurde? Das Symptom durchzieht sĂ€mtliche Bereiche des Lebens, ein Indiz fĂŒr einen weit verbreiteten Zustand. Sie finden es in jeder Art von Kunst, wo man Schönheit verachtet, Form und Linie vernachlĂ€ssigt und die HĂ€sslichkeit auf den Thron setzt.

Eine „neue Moral“

Viel schwerwiegender ist solch eine Verdrehung der MaßstĂ€be natĂŒrlich auf dem Gebiet der Moral. „Neue Moral“ – das ist etwas, dessen sich viele Zeitgenossen rĂŒhmen. Sie wird ĂŒberall offen gepredigt. Im Dezember 1962 hielt Professor Carstairs (ein bekannter britischer Psychologe) seine berĂŒhmten Vorlesungen, in denen er unumwunden die traditionelle Moral angriff und fĂŒr die so genannte „neue Moral“ eintrat. Er plĂ€dierte fĂŒr sexuelle Experimente vor der Ehe, ebenso wie fĂŒr außereheliche Erfahrungen. Und damit steht er nicht allein. Es gibt zahllose andere, die nicht zögern, entsprechende BĂŒcher oder Artikel zu verfassen oder im Fernsehen fĂŒr eine „neue Moral“ zu werben, die uns lehrt, dass das, was wir ĂŒber Generationen als SĂŒnde ansahen, gar keine ist. Sie alle sind sich einig, dass es falsch ist, solche Entgleisungen zu verurteilen, und sie verstehen als eine Form der Selbstverwirklichung.

Damit erleben wir nicht nur einen Angriff auf die Religion, sondern auf die Moral als Ganzes, und dies tagtĂ€glich in krasser Weise. Mehr noch: Manche greifen gar den Verstand des Menschen an. Dies war der Kern der Position von D.H. Lawrence (1885-1930, englischer Schriftsteller. Sein Grundthema war der Kampf gegen verfestigte bĂŒrgerliche Konventionen, denen er die Forderung nach freier individueller Entfaltung mit Betonung des Naturverbundenen und Erotisch-Sexuellen gegenĂŒberstellte.). Er meinte, das große Problem mit der Menschheit sei, dass sie zu viel denkt und sich ihr Großhirn zu sehr entwickelt hat. Das Geheimnis von GlĂŒck und Erfolg liegt demnach darin, dem niederen Teil des Ichs die Kontrolle zu ĂŒberlassen, frei nach dem Motto „zurĂŒck zur Natur“ – ein Generalangriff auf den Verstand und alles, wodurch wir UrteilsfĂ€higkeit und Kontrolle erlangen. Letzten Endes ist es ein Spottlied auf Selbstbeherrschung, Disziplin und Anstand, es ist eine Aufforderung zu tun, was wir wollen, und jeden Gedanken an Ordnung und gutes Benehmen aufzugeben.

Lassen Sie mich Ihnen ein Beispiel geben. In der Zeitung fiel mir eine Überschrift ins Auge, so dass ich die Rezension eines StĂŒckes las, das gerade in London lief. Da schrieb ein wohlbekannter Kritiker: „Vor einem Jahrzehnt mag diese trĂ€nenreiche Seifenoper gewagt und realistisch gewesen sein. Ihre Moralpredigt ĂŒber Untreue und die Heiligkeit der Familie im Oberlehrerton der Mittelklasse wirkt ebenso altmodisch wie prĂŒde.“ So weit sind wir schon! Dies war also offensichtlich ein StĂŒck, das man vor zehn Jahren als mutig und möglicherweise schockierend bezeichnet hĂ€tte; aber heute wird jeder noch so dezente Versuch, die Moral zu verteidigen oder an die GefĂ€hrlichkeit der Untreue und die Heiligkeit der Familie zu erinnern, mit großer Verachtung als „Mittelklassemoral“ abgetan, „ebenso altmodisch wie prĂŒde“.

Einerseits ist es reine Zeitverschwendung, solche Kritiken zu lesen, andererseits aber nicht. Ich fĂŒr meinen Teil lese viele Theater- und Filmkritiken und beobachte dabei Folgendes: Wenn in einem StĂŒck nur ein Hauch von Anstand durchbricht, wird es sogleich abschĂ€tzig beurteilt und lĂ€cherlich gemacht. Gelobt wird nur das, was pervertiert ist, das Anormale, HĂ€ssliche oder Obszöne. Dies scheint allgemeiner Standard zu sein, und Szenen, die romantisch oder schön sind, werden spöttisch belĂ€chelt.

Das ist die Position, mit der wir konfrontiert sind. Und vielleicht haben Sie noch etwas anderes bemerkt. Entdecken nicht auch Sie die Tendenz, heute mehr VerstĂ€ndnis fĂŒr Kriminelle zu haben als fĂŒr die Opfer, die durch sie leiden? Habt Mitleid mit den armen Kriminellen! Viele ziehen umher, sammeln Unterschriften und erklĂ€ren, wie Leid ihnen diese Leute tun und dass man sie auf keinen Fall zu hart anfassen darf.

Das Gleiche gilt fĂŒr abnormes Verhalten. Wir haben inzwischen ein Stadium erreicht, in dem es nicht mehr normal ist, nicht abnorm zu sein. Es gibt nichts Wundervolleres als abnorme Liebe!

Das alles lĂ€sst sich in einem Satz zusammenfassen, der unserer Generation auf den Leib geschrieben ist: „Das Böse sei mein Gutes.“ „Weh denen, die Böses gut und Gutes böse nennen …“ Genau das geschieht heute in so vielen LĂ€ndern, in gebildeten Kreisen, unter Intellektuellen und solchen, die von sich behaupten, in der Gesellschaft den Ton anzugeben. Ist dies nicht eine exakte Kopie aus den Tagen des Propheten Jesaja?

Mit welchen GrĂŒnden warten die BefĂŒrworter der „neuen Moral“ auf? Ich kann sie gar nicht alle nennen, sondern nur versuchen, Ihnen einen Überblick zu geben. Eine starke Rechtfertigung liegt fĂŒr die Verfechter darin, dass diese Sicht frei von Heuchelei ist. Heuchelei betrachten sie als das Schlimmste, was man sich vorstellen kann, und dies ist ihre Antwort darauf: Verdrehung – das Abnorme wird zur Norm!

Wohl niemand möchte Heuchelei in Schutz nehmen. Es gibt nichts, was zu ihrer Verteidigung vorgebracht werden könnte. Doch der berĂŒhmte Franzose La Rochefoucauld (Herzog von La Rochefoucauld, Francois VI (1613-1680), französischer Schriftsteller, zĂ€hlt zu den bekanntesten Moralisten seiner Zeit.), der so viele Maxime ausgegeben hat, hat folgende Wahrheit ĂŒber die Heuchelei ausgegeben: „Heuchelei ist der Tribut des Lasters an die Tugend“ – in der Tat eine sehr tiefgrĂŒndige Feststellung. Mit anderen Worten, ein Heuchler ist jemand, der weiß, dass er etwas Falsches tut, und dies zu verbergen sucht. Er möchte vortĂ€uschen, es nicht getan zu haben. Damit erkennt er jedenfalls moralische Vorstellungen an und entrichtet ihnen seinen Tribut. Soviel zur Heuchelei. FĂŒr den Heuchler gibt es deshalb immer Hoffnung, denn er ist ein Schwindler, aber wenigstens weiß er es.

Der zweite Grundpfeiler in der Rechtfertigung der „neuen Moral“ ist folgendes Argument: Es ist richtig, die Existenz jedes von außen kommenden, objektiven und allgemein gĂŒltigen moralischen Standards zu bezweifeln. Bis jetzt haben die Menschen im Allgemeinen geglaubt, dass es einen solchen Standard gibt. Manchmal wurde er als „natĂŒrliches Gesetz“ bezeichnet und mehr oder weniger in allen Gesellschaften anerkannt, ob christlich oder nicht. Heute leben wir in einer Zeit, da dies ernsthaft ins Wanken geraten ist. Und einige fĂŒhrende Philosophen erlĂ€utern uns, dass es so etwas wie einen von außen kommenden moralischen Standard gar nicht gibt und dass jeder Mensch sein eigenes Maß ist. Was ich fĂŒr richtig halte, ist fĂŒr mich moralisch; und wenn ich etwas tue, was andere fĂŒr falsch halten, so spielt das keine Rolle. Ich muss nach meinem individuellen Standard und meiner persönlichen Einsicht handeln – da haben wir es! So wird jeder Mensch sein eigenes Gesetz und tut, was er will und was er fĂŒr das Beste erachtet.

Ein weiterer wichtiger Aspekt der „neuen Moral“ ist, dass diese Menschen alles infrage stellen, was als natĂŒrlich oder normal gilt. Die Bibel misst diesem Umstand viel Aufmerksamkeit bei. So lesen wir zum Beispiel in 2. Timotheus 3,2.3: „LĂ€sterer, 
 gottlos, lieblos, unversöhnlich, verleumderisch, zuchtlos, wild, dem Guten feind.“ Ähnlich die zentrale Aussage im ersten Kapitel des Römerbriefes, wo Paulus in einer großen Anklage gegen sein und andere Zeitalter eine solche Sprache benutzt: „Desgleichen haben auch die MĂ€nner den natĂŒrlichen Verkehr mit der Frau verlassen und sind in Begierde zueinander entbrannt und haben Mann mit Mann Schande getrieben und den Lohn ihrer Verirrung, wie es ja sein musste, an sich selbst empfangen“ (V. 27). Und weiter, in Vers 28: „
 hat sie Gott dahingegeben in verkehrtem Sinn, sodass sie tun, was nicht recht ist.“ Das gilt ebenso fĂŒr Frauen. Und er verwendet das Wort „natĂŒrlich“.

Heute aber wird es bestritten. Uns wird gesagt, wir dĂŒrfen diesen Begriff nicht benutzen. Man fragt: „Was meinen Sie mit ,natĂŒrlich‘ und ,normal‘?“ Und man fĂŒgt hinzu: „Was Sie wirklich meinen, ist, ,natĂŒrlich‘ fĂŒr Sie. Aber wenn ein anderer anders ist, so ist das fĂŒr ihn natĂŒrlich.“ Letztlich ist kein Unterschied zwischen den Geschlechtern, und etwas „NatĂŒrliches“ gibt es gar nicht. Auf diese Weise rechtfertigen sie ihr abweichendes Verhalten, indem der natĂŒrliche Unterschied zwischen Mann und Frau und das natĂŒrliche Begehren einer Frau im Hinblick auf den Mann und eines Mannes im Hinblick auf die Frau als fragwĂŒrdig hingestellt wird. TatsĂ€chlich leugnen sie alles und postulieren, dass es fĂŒr einen Mann „natĂŒrlich“ sein kann, MĂ€nner zu begehren, und fĂŒr Frauen, Frauen zu begehren. Alle MaßstĂ€be sind abgeschafft, weil der Bereich des NatĂŒrlichen fĂŒr diese Leute nicht mehr existiert.

Eine Moral ohne SĂŒnde

Und der Gipfel ihrer Argumente? So etwas wie SĂŒnde gibt es nicht, weil es nĂ€mlich keinen Gott gibt. Wo keine universalen moralischen GrundsĂ€tze – da keine SĂŒnde. Und eigentlich gibt es auch keine Verbrechen.

Abschrift (als Leseprobe) aus dem Buch von D. Martyn Lloyd-Jones mit dem Titel:

Total fatal –  Gottes Antwort an die Spaßgesellschaft  – Predigten ĂŒber Jesaja 5 (2002 – 3L Verlag)

Martyn Lloyd-Jones war 30 Jahre lang Prediger im Westminster Chapel in London. Durch sein Leben und seine Predigten hat er viele Christen entscheidend geprĂ€gt. Aber auch nach seinem Tod „predigten“ seine BĂŒcher weiter und laden zu einem entschiedenen und konsequenten Leben mit Christus ein.

Die Predigten in dem oben genannten Buch hielt Dr. Martyn Lloyd-Jones erstmals an der Westminster Chapel in London zwischen Januar und MĂ€rz 1964.

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Dieser Beitrag wurde erstellt am Freitag 24. Februar 2023 um 9:06 und abgelegt unter Ehe u. Familie, Gemeinde, Gesellschaft / Politik, Kirche, Theologie.