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Interview mit Peter Scholl-Latour

Mittwoch 17. August 2005 von Junge Freiheit


Junge Freiheit

Moritz Schwarz
„Dann gibt es bei uns bosnische Verh├Ąltnisse“
Interview mit Peter Scholl-Latour

Im Gespr├Ąch: Peter SCHOLL-LATOUR ├╝ber die Folgen eines EU-Beitritts der T├╝rkei – Re-Islamisierung, Destabilisierung, Massenzuwanderung – die Verantwortungslosigkeit der Politik und die kommende Terrorgefahr f├╝r Deutschland

Herr Professor SCHOLL-LATOUR, seit dem Mord an dem niederl├Ąndischen Filmemacher Theo van Gogh sind die Themen Einwanderung und Integration wieder auf der Tagesordnung. Allerdings warnte unl├Ąngst der Demographie-Experte und ehemalige Regierungsberater Theodor Schmidt-Kaler im Interview mit dieser Zeitung: „Wenn ein EU-Beitritt der T├╝rkei mit voller Freiz├╝gigkeit beschlossen wird, hat sich die Diskussion um die Einwanderung sowieso erledigt.“

SCHOLL-LATOUR: Als ich f├╝r die Arbeit an meinem Buch „Allahs Schatten ├╝ber Atat├╝rk“ Soziologen der Universit├Ąten Istanbul und Ankara befragte, ob ein EU-Beitritt ihres Landes nicht zur Folge h├Ątte, da├č wir k├╝nftig f├╝nf Millionen T├╝rken mehr in Deutschland haben w├╝rden, antworteten sie mir: Zehn Millionen!

W├╝rde ein EU-Beitritt den Wohlstand nicht so weit anheben, da├č – nach einer ├ťbergangsfrist mit Freiz├╝gigkeitsbeschr├Ąnkung – kein Grund mehr f├╝r Auswanderung aus der T├╝rkei best├╝nde?

SCHOLL-LATOUR: Das ist eine der L├╝gen, die unsere Politiker gern dem Volk auftischen. Vor allem die Gr├╝nen sind darin ge├╝bt, ebenso wie EU-Erweiterungskommissar Verheugen, der ein Meister der Desinformation ist. Ich empfehle diesen Leuten, sich einmal im t├╝rkischen Hinterland umzuschauen. Aber die T├Ąuschung der Menschen bei uns ist nur die eine Seite der Medaille, die andere ist, wie man mit den T├╝rken umgeht. Die werden genauso belogen: Einerseits macht man ihnen Hoffnung auf einen EU-Beitritt, andererseits hofft man, da├č sie auf dem endlosen Weg dorthin doch noch scheitern.

Ihre Empfehlung?

SCHOLL-LATOUR: Endlich ehrlich gegen├╝ber den T├╝rken sein! Sie an ihre Ehre und ihren Nationalstolz erinnern. Wenn ihnen die Formel „privilegierte Partnerschaft“ nicht gef├Ąllt, sollte man den Ausdruck vergessen, schlie├člich sind sie die Erben eines gro├čes Reiches und nicht nur das Anh├Ąngsel Europas.

Der Leiter des Zentrums f├╝r T├╝rkeistudien in Bonn, Faruk Sen, erkl├Ąrte allerdings erst Anfang des Jahres im Gespr├Ąch mit dieser Zeitung: „Die T├╝rken f├╝hlen sich als Europ├Ąer“.

SCHOLL-LATOUR: Ich kenne Herrn Sen pers├Ânlich, aber T├╝rken wie er sind nicht repr├Ąsentativ. Ganz ├╝berwiegend wollen die Menschen in der T├╝rkei aus wirtschaftlichen Gr├╝nden in die EU – und das ist auch verst├Ąndlich.

Sie warnen allerdings, die gr├Â├čte Gefahr droht bei einem EU-Beitritt der T├╝rkei selbst.

SCHOLL-LATOUR: Die Bef├╝rworter des T├╝rkei-Beitritts bei uns argumentieren bevorzugt damit, da├č dies eine Verwestlichung der T├╝rkei, also die Festigung von Demokratie, Menschenrechten und Laizismus bef├Ârdern w├╝rde. Tats├Ąchlich aber w├╝rde ein Beitritt wohl das Gegenteil bewirken und die T├╝rkei in eine Krise st├╝rzen. Denn die St├Ąrkung der Minderheitenrechte etwa z├Âge unweigerlich das Verlangen der Kurden nicht nur nach kultureller, sondern auch nach politischer Autonomie nach sich. Die T├╝rkei geriete in einen inneren Konflikt und in einen Widerstreit mit den ├╝brigen Europ├Ąern. ├ťber die Kurdenfrage k├Ânnte die T├╝rkei auseinanderbrechen.

Ein Beitritt der T├╝rkei soll zudem die instabile geopolitische S├╝dost-Flanke der EU sichern.

SCHOLL-LATOUR: Ein Aufflammen des Kurdenkonfliktes in der T├╝rkei w├╝rde die Kurdenkonflikte in den angrenzenden L├Ąndern zweifellos eher anheizen als beruhigen, das Ergebnis w├Ąre nicht Stabilit├Ąt, sondern Destabilisierung der Region.

Sehen die T├╝rken nicht, da├č sie ihren Staat riskieren?

SCHOLL-LATOUR: In der T├╝rkei ist man gew├Âhnt, die Kurdenfrage m├Âglichst zu negieren, man verschlie├čt die Augen und glaubt, nach einem EU-Beitritt w├╝rde alles weitergehen wie bisher – nur mit EU-Finanzhilfe. Der andere gegenteilige Effekt, den ein Beitritt hervorrufen w├╝rde, ist die verst├Ąrkte Re-Islamisierung der T├╝rkei. Denn die westliche Orientierung des Landes beruht nicht auf der Aufkl├Ąrung, sondern auf der Macht der Armee. Es ist die Armee, die den Kemalismus, also die laizistische Ordnung der T├╝rkei garantiert. Noch unl├Ąngst wurde ein Offizier aus der Truppe ausgeschlossen, dessen Frau ein Kopftuch tr├Ągt. Bei meiner ersten T├╝rkeireise 1951durfte der Koran nicht auf arabisch gebetet werden. Es gab kaum Moscheen und keine Koranschulen. Muezzine waren nicht zu h├Âren – heute rufen sie in der T├╝rkei viel lauter als im Iran. Zigtausend Moscheen sind gebaut worden, die zu den Gebetszeiten voll besucht sind.

Woher kommt diese Re-Islamisierung?

SCHOLL-LATOUR: Die T├╝rkei ist im Grunde immer ein islamisches Land geblieben. Die Tarikat, der Volksislam in der T├╝rkei, ist sehr stark verwurzelt. Als die Nakschbandyia-Tarikat zum Beispiel 1925 einen Aufstand gegen Atat├╝rk ausl├Âste, wurde vorschnell von einem Kurdenaufstand geredet, weil er von Kurden getragen wurde. Tats├Ąchlich aber war der Beweggrund nicht kurdischer Nationalismus, sondern Emp├Ârung ├╝ber die Vertreibung des letzten Kalifen durch Atat├╝rk.

Also hat der Kemalismus nie funktioniert?

SCHOLL-LATOUR: Doch, aber nur unter der eisernen Faust Atat├╝rks.

Atat├╝rk ging es nicht um seine pers├Ânliche Herrschaft, sondern um die Modernisierung der T├╝rkei, wenn diese ohne ihn erlahmt, hat sein Prinzip dann nicht versagt?

SCHOLL-LATOUR: Das Problem ist, da├č das Prestige Europas seitdem so gesunken ist. Atat├╝rk stand auf dem Standpunkt, da├č es „nur eine echte Zivilisation“ gebe, die europ├Ąische. Europa aber hat diese Leitfunktion in der Welt eingeb├╝├čt. Zudem hat die westliche Orientierung der T├╝rkei nach Atat├╝rks Tod zur Einf├╝hrung eines Mehrparteiensystems gef├╝hrt, wie es im Westen ├╝blich ist. Damit kamen aber auch religi├Âse Parteien auf.

Wie kemalistisch ist die T├╝rkei also heute noch?

SCHOLL-LATOUR: Allein die Armee hat Atat├╝rk wirklich weltanschaulich in den Griff bekommen und damit die T├╝rkei nach seinen Regeln beherrscht. Trotz des Trends hin zur Religion und der stramm antiislamistischen Ausrichtung der Streitkr├Ąfte, bleibt die Armee der T├╝rkei ├╝brigens ausgesprochen beliebt. Auf dem Land etwa – dort, wo gleichzeitig kein Parlamentsabgeordneter gew├Ąhlt werden kann, wenn er nicht die Unterst├╝tzung der lokalen Tarikat genie├čt – kann ein junger Mann nicht einmal heiraten, wenn er nicht gedient hat. Der Kern des Kemalismus ist also noch intakt, eine Demokratisierung w├╝rde das allerdings wohl beenden. Statt Verwestlichung w├╝rde Islamisierung einsetzen.

Demokratie minus Nationalismus gleich Islam?

SCHOLL-LATOUR: Der t├╝rkische Nationalismus ist nach wie vor ausgesprochen stark. Das Gerede von den Minderwertigkeitskomplexen der Muslime trifft auf die T├╝rken nicht zu: Ein T├╝rke hat keinen nationalen Minderwertigkeitskomplex! Zu beobachten ist allerdings – parallel zum Niedergang des Kemalismus – eine st├Ąrker werdende Identifizierung des t├╝rkischen Nationalgef├╝hls mit dem wiedererstarkenden Isalm. Das findet seinen historischen Ankn├╝pfungspunkt ├╝brigens in der Tradition im Osmanischen Reich, wo der Sultan gleichzeitig Kalif und die osmanisch-t├╝rkische mit der islamischen Identit├Ąt verkn├╝pft war. Als Muslim f├╝hlt sich der T├╝rke allen anderen Religionen ├╝berlegen, denn er betrachtet den Islam als das Siegel der Offenbarung.

Ist also der t├╝rkische Islam zu z├Ąhmen, oder droht auch hier das Umschlagen in Islamismus?

SCHOLL-LATOUR: Es gibt keinen „t├╝rkischen“ Islam, der Islam in der T├╝rkei besteht aus zahlreichen ├Ârtlichen Tarikat, die man auch Derwischorden oder Sufi-Gemeinschaften nennt. Im ├╝brigen w├╝rde ein T├╝rke das Wort „gez├Ąhmt“ sofort zur├╝ckweisen, da es als unehrenhaft gilt, gez├Ąhmt zu sein. Es ist nat├╝rlich auff├Ąllig, da├č T├╝rken ihre Moscheen auch in Deutschland bevorzugt nach Sultan Mehmet II Fatih nennen, dem Eroberer Konstantinopels. Andererseits war das islamische Osmanische Reich im Vergleich zur nationalistisch orientierten T├╝rkei der Kemalisten relativ tolerant gegen├╝ber seinen ethnischen und religi├Âsen Minderheiten.

Damals spielte allerdings der politische Islamismus noch kaum eine Rolle, ganz anders als heute. K├Ânnte die T├╝rkei zu einem zweiten Iran werden, wenn der Kemalismus verschwindet?

SCHOLL-LATOUR: Die iranische Revolution von 1979 war durchaus gerechtfertigt. Damit haben die Iraner nach langer Zeit westlicher Bevormundung ihr Schicksal selbst in die Hand genommen. Das ist doch eine Voraussetzung, die man diesen V├Âlkern zubilligen mu├č.

Was ist mit Folter, Diktatur und Todesurteilen im Iran?

SCHOLL-LATOUR: Die sind dort weniger verbreitet als etwa bei den US-Verb├╝ndeten Saudi-Arabien oder Pakistan oder sogar in Tunesien, dem Lieblingsurlaubsland der Europ├Ąer in Nordafrika. Dem Iran wirft man vor, da├č er die Menschenrechte nicht respektiere, gleichzeitig aber wirft man sich nun dem Oberst Gaddafi von Libyen an die Brust – das ist doch Heuchelei! Im Iran folgte auf die Hitze der Revolution eine Katharsis, und im Moment ist das Land das toleranteste des ganzen Orient.

Ist die Re-Islamisierung in der T├╝rkei Ihrer Meinung nach also eine Gefahr f├╝r uns oder nicht?

SCHOLL-LATOUR: Ich finde es nicht gef├Ąhrlich, wenn ein Land zu seinen religi├Âsen Wurzeln zur├╝ckkehrt. Es ist nicht angemessen, von vornherein eine strenge Auslegung des Islam zu verdammen, nur weil wir im Westen uns die v├Âllige Relativierung der Religion angew├Âhnt haben und der Bundeskanzler noch nicht einmal mehr ein „So wahr mir Gott helfe“ ├╝ber die Lippen bringt. Man lacht bei uns ├╝ber die Jungfrauengeburt Mariae, aber sie steht auch im Koran und geh├Ârt deshalb zum festen Glaubensgut des Islam. Die R├╝ckkehr zur Verbindlichkeit des Islam ist kein Islamismus, wie wir das gerne unterstellen, es ist lediglich das Wesen des wahren Islam. Und da├č eine Religion ein Grundgesetz als nachgeordnet betrachet, das liegt im Wesen einer jeden Religion, die sich noch selbst ernst nimmt. Ich halte eine gewisse Re-Islamisierung f├╝r das gute Recht der T├╝rken, und eine vergleichbare christliche Renaissance w├╝rde auch uns Europ├Ąern ganz guttun. Aber das Wort „Fundamentalist“ hat bei uns ja bereits eine ausschlie├člich pejorative Bedeutung angenommen. Nat├╝rlich folgt der Islam in der T├╝rkei einem Selbstverst├Ąndnis, f├╝r das viele Zeitgenossen, die sich f├╝r besonders aufgekl├Ąrt halten, bei uns kein Verst├Ąndnis haben. Stichwort Kopftuchverbot in Deutschland oder Frankreich, das ich f├╝r einen Fehler halte. Islam gleich Islamismus – da├č das nicht so einfach ist, zeigt zum Beispiel, da├č schon die Refah-Partei, die Vorl├Ąuferin der heutigen islamischen Regierungspartei AKP, stets Kontakte zu Israel unterhielt. Andererseits wird nat├╝rlich mit der Hinwendung zum Islam auch eine verst├Ąrkte Solidarisierung mit den Muslimen in der ganzen Umma, die weltweite Glaubensgemeinschaft, bewirken.

Also ist doch eine R├╝ckkopplung mit dem Islamismus m├Âglich?

SCHOLL-LATOUR: Die Attentate von Istanbul 2003 sprechen da schon eine deutliche Sprache.

W├Ąhrend die Beitritts-Bef├╝rworter daraus schlie├čen, man m├╝sse die T├╝rkei gerade deshalb aufnehmen, wollen das die Beitrittsgegner „gerade deshalb“ nicht.

SCHOLL-LATOUR: Die T├╝rkei mal als Bollwerk gegen, mal als Sprungbrett f├╝r den Terrorismus – oder als Br├╝cke zur islamischen Welt. Jede Seite hat f├╝r ihre Zwecke die passenden Schlagworte und Irref├╝hrungen parat.

Joschka Fischer hat den Beitritt der T├╝rkei als „D-Day f├╝r den islamischen Terrorismus“ bezeichnet.

SCHOLL-LATOUR: Ganz abgesehen von dem inhaltlichen Unsinn, was f├╝r eine ungeheuerliche Formulierung! F├╝r die Alliierten war der D-Day ein gro├čer Sieg, f├╝r die Franzosen der Beginn der „Lib├ęration“, f├╝r die Deutschen war er der Tag der „Invasion“ – ich habe mehrere Klassenkameraden, die in der Normandie gefallen sind.

Fischer spielt nat├╝rlich auf die alliierte Interpretation an.

SCHOLL-LATOUR: Ich glaube, die Politiker wissen einfach nicht mehr, was das Volk denkt. F├╝r den einfachen Deutschen ist der Startschu├č f├╝r eine solche Einwanderung per EU-Beitritt der T├╝rkei genausowenig ein Gl├╝ck, wie f├╝r den Durchschnittsdeutschen von damals die Landung der Alliierten in der Normandie. Ich pers├Ânlich habe kein Problem damit, wenn in Deutschland schlie├člich Millionen weiterer T├╝rken leben, aber man denke an den einfachen Arbeiter, in dessen Nachbarschaft sich pl├Âtzlich alles ver├Ąndert, um den herum pl├Âtzlich lauter Fremde wohnen und ihre islamische Sitten und Gebr├Ąuche leben. Was f├╝r ein Identit├Ątsverlust! Den Leuten nimmt man doch die Heimat!

Angenommen, die T├╝rkei wird Mitglied der EU, wie w├╝rde sich das konkret auswirken?

SCHOLL-LATOUR: Erstens bek├Ąmen die t├╝rkischen Abgeordneten ein gro├čer Anteil der Sitze im Europ├Ąischen Parlament – denn die T├╝rkei wird bald das mit Abstand bev├Âlkerungsreichste Land der EU sein – und dementsprechend gro├čen Einflu├č im Parlament aus├╝ben. Zweitens k├Ąme es zu einer enormen wirtschaftliche Belastung f├╝r die EU. Drittens w├╝rden in Deutschland t├╝rkische Parteien entstehen, denn ich glaube nicht, da├č die T├╝rken, sich darauf beschr├Ąnken w├╝rden, unsere Etablierten zu w├Ąhlen. Schlie├člich k├Ąme es – wie schon gesagt – zur millionenfachen Einwanderung nach Deutschland. An Integration ist dann nicht mehr zu denken, dann haben wir hier bosnische Verh├Ąltnisse! Eine solche Einwanderung zu tolerieren, w├Ąre eine eklatante Vernachl├Ąssigung unserer nationalen Interessen und w├╝rde eine verh├Ąngnsivolle Kluft zwischen Deutschen und T├╝rken aufrei├čen.

Welche Politik w├╝rde eine t├╝rkische Partei in Deutschland machen?

SCHOLL-LATOUR: Das kann ich nicht vorhersagen, aber sie w├╝rde nat├╝rlich t├╝rkische und nicht deutsche Interesse vertreten, und das ist auch ganz normal. Und sie tr├Ąte wohl um so selbstbewu├čter auf, je gr├Â├čer ihre wachsende Volksgruppe wird. Zu bef├╝rchten ist sogar, da├č der Islam in Deutschland eine neue Dynamik gewinnt. Die Gefahr besteht, da├č sich gerade in der schwierigen Situation t├╝rkischer Einwandererghettos die „religi├Âse Welle“ besonders dominant ausbreitet. In den meist verwahrlosten Ghettos, in die sich wie etwa in Frankreich vielfach nicht einmal mehr die Polizei hineintraut, sorgen die Religi├Âsen f├╝r Ordnung, Disziplin und Sicherheit.

Endziel Kalifat Europa, wie manche bef├╝rchten?

SCHOLL-LATOUR: Zwar ist eine Zwangsbekehrung von Christen und Juden nicht erlaubt, aber nat├╝rlich ist der Islam eine Religion mit dem Anspruch weltweiter G├╝ltigkeit – so wie einstmals auch das Christentum.

Der ehemalige „FAZ“-Journalist Udo Ulfkotte warnt vor einem „Krieg in unseren St├Ądten“ .

SCHOLL-LATOUR: Den f├╝rchte ich ebenfalls, allerdings kommt dieser Krieg nicht unbedingt aus der T├╝rkei.

Anders als die Anschl├Ąge vom 11. September 2001, die von ausl├Ąndischen, eingereisten Terroristen ver├╝bt wurden, prophezeit er auch Terror durch einheimische, hier aufgewachsene Islamisten.

SCHOLL-LATOUR: Diese Gefahr ist l├Ąngst offenkundig, denken Sie an den M├Ârder Theo van Goghs, der ein integrierter, in Amsterdam aufgewachsener Marokkaner mit niederl├Ąndischer Staatsangeh├Ârigkeit war. Man mu├č aber unterscheiden, da├č es sich hierbei nicht um einen Widerstandkampf wie zum Beispiel im Irak handelt. Hier haben wir es mit einer Verf├Ąlschung des Islam zu tun und mit einer Verwilderung der Sitten. Fr├╝her h├Ątten etwa moslemische K├Ąmpfer niemals eine Frau als Geisel genommen und hingerichtet, wie j├╝ngst die Leiterin von Care im Irak, zumal wenn sie zuvor so viel Gutes getan hat wie Margaret Hassan. Ich erinnere mich noch, wie sich Beate Klarsfeld einmal als Austauschgeisel f├╝r im Libanon entf├╝hrte Juden anbot. Sie wartete und wartete in ihrem Hotel, da├č sie jemand abholen w├╝rde. Aber keiner kam, weil man eine Frau nicht als Geisel wollte. Denn das ist unislamisch und gilt auch den Muslimen als unehrenhaft.

Wie wird dieser enthemmte Krieg aussehen?

SCHOLL-LATOUR: Das k├Ânnen wir uns nicht vorstellen. Das Szenario von New York wird sich wohl nicht wiederholen. Ein Anschlag mit Radioaktivit├Ąt – Stichwort „schmutzige Bombe“ – ist vermutlich recht interessant f├╝r Terroristen.

Wann k├Ânnte es zu Anschl├Ągen in Deutschland kommen?

SCHOLL-LATOUR: Jeden Tag! Ich hoffe nat├╝rlich, da├č sie weder morgen noch zu einem anderen Zeitpunkt kommen, aber m├Âglich ist es bereits heute.

Haben wir in der Vergangenheit Fehler gemacht, die diese Terrorgefahr f├╝r uns erst heraufbeschworen haben?

SCHOLL-LATOUR: Nat├╝rlich waren wir den USA eine gewisse Dankbarkeit f├╝r ihren Schutz im kalten Krieg und ihre Unterst├╝tzung bei der Wiedervereinigung schuldig, und au├čerdem hatten sie nach den furchtbaren Terroranschl├Ągen vom 11. September 2001 unsere Solidarit├Ąt verdient, aber die Tatsache, da├č die Bundeswehr in Afghanistan steht, kann die Ursache daf├╝r sein, da├č wir schlie├člich auch Anschl├Ąge in Deutschland erleben. Denn eines Tages geht auch die Affenliebe der Afghanen f├╝r uns Deutsche einmal vorbei.

Helmut Schmidt nannte unl├Ąngst in einem Interview mit dem „Hamburger Abendblatt“ die Einwanderung „seit Beginn der sechziger Jahre“ einen „Fehler“. Teilen Sie diese Sicht?

SCHOLL-LATOUR: Ja, allerdings betrachte ich auch die Einwanderer als Opfer der Einwanderung.

Inwiefern?

SCHOLL-LATOUR: Weil die erste Generation von Einwanderern aus blinder Gewinnsucht und ohne R├╝cksicht auf ihre Bed├╝rfnisse ins Land geholt wurde. Sie verrichteten die schwierigen Arbeiten. Da├č das Menschen sind, die ihre Familien, ihre Kultur und ihre Religion haben, daran hat kaum einer gedacht. Auch heute steht hinter der EU-Beitrittslobby die Raffgier der deutschen Wirtschaft.

Inwiefern sehen Sie die Einwanderung f├╝r Deutschland als Fehler an?

SCHOLL-LATOUR: Weil wir dadurch auf der einen Seite eine postchristliche, weitgehend atheistische, auf der anderen Seite eine fromm-islamische Gesellschaft im Land haben. Das gibt auf lange Sicht B├╝rgerkrieg, dazu bedarf es keiner Attentate wie in Holland. Wenn schon die Kurden und die T├╝rken nicht zusammenleben k├Ânnen, wie soll das dann zwischen Deutschen und T├╝rken gehen?

Leiden unsere Politiker also an Realit├Ątsverlust?

SCHOLL-LATOUR: Es herrscht viel Ignoranz, aber auch Heuchelei und L├╝ge. Die CDU sollte sich da nicht auf das hohe Ro├č schwingen. Die Erkenntnisse von Frau Merkel kommen reichlich sp├Ąt.

L├╝ge? Warum, glauben Sie, tun sie das?

SCHOLL-LATOUR: Die einen, weil sie nicht zugeben wollen, da├č ihre Achtundsechziger-├ťberzeugungen Lebensl├╝gen sind, die anderen aus Feigheit, weil sie es f├╝r bequemer halten, sich dem Zeitgeist anzupassen.

Bassam Tibi h├Ąlt immerhin einen Euro-Islam f├╝r m├Âglich.

SCHOLL-LATOUR: Bassam Tibi ist mir wirklich ein lieber Freund, aber in diesem Punkt stimmen wir nicht ├╝berein. Es hat schlie├člich auch kein deutsches Christentum gegeben, obwohl die Nazis versucht haben, eines zu schaffen.

Also ist Multikulti am Ende?

SCHOLL-LATOUR: Was ist das nur f├╝r ein unsinniges Modewort? Das ist Popsprache, nichts weiter, ├╝berhaupt nicht ernst zu nehmen! Ich nenne Ihnen ein Beispiel f├╝r das ganz „allt├Ągliche“ Unheil, das solche Gesellschaftstheorien anrichten k├Ânnen. Der Sohn meiner damaligen t├╝rkischen Haushaltshilfe bekam dank eines „gutmenschlich“ veranlagten Pr├╝fers – eben weil er Ausl├Ąnder war – sein Diplom in Volkswirtschaftslehre. Seine Mutter bat mich, ihn bei Gruner und Jahr, wo ich damals arbeitete, unterzubringen. Er war aber de facto einfach nicht gut genug f├╝r die Stelle. Wahrscheinlich glaubt er heute noch, er sei als T├╝rke – trotz Diplom – abgelehnt und also diskriminiert worden. Das Schlimme ist, wie leichtfertig die Politiker heute alles in Gefahr bringen, was wir zum Teil ├╝ber Jahrhunderte an politischem „Kapital“ angesammelt haben: die europ├Ąische Integration durch die ├ťberdehnung der EU-Osterweiterung, die wertvolle, traditionelle deutsch-t├╝rkische Freundschaft durch das Wecken von Erwartungen, die nicht erf├╝llt werden k├Ânnen, unsere gesellschaftlichen Standards wie auch Frieden und Stabilit├Ąt. Sehen unsere Politiker denn nicht, da├č man eine Zivilisation zugrunde richten kann, wenn man ihre Substanz verleugnet? Der franz├Âsische Schriftsteller und Philosoph Paul Val├ęry hat vor solcher Selbstaufgabe gewarnt: „Im Abgrund der Geschichte ist Platz f├╝r uns alle“.

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Dieser Beitrag wurde erstellt am Mittwoch 17. August 2005 um 10:50 und abgelegt unter Interview.