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Die deutsche Energiewende – Folgen und mögliche Perspektiven

Mittwoch 7. Dezember 2022 von Prof. Dr. Wolfgang Merbach


Prof. Dr. Wolfgang Merbach

1. Einführung

Beim Ersatz fossiler, CO2 – emittierender Energieträger durch „erneuerbare Energiequellen“ (Dekarbonisierung) kam es seit Mitte 2021 zur spürbaren Energieverknappung und – verteuerung, die sich 2022 durch den Ukrainekrieg und die darauf folgenden Sanktionen verschärfte und sich in Deutschland wegen des Doppelausstiegs aus Kohle und Kernkraft besonders stark ausprägte. Daher wird z. Z. in Deutschland kaum ein Thema intensiver und (neuerdings) auch kontroverser diskutiert als die Energiewende und ihre Folgen. Nachfolgend sollen Besonderheiten, Folgen und mögliche Perspektiven der deutschen Energiewende erörtert werden, wobei Vollständigkeit nicht möglich ist.

2.   Doppelausstieg aus Kohle und Kernkraft in Deutschland 

Im Rahmen des Green Deal wurde in der EU 2015 der Ausstieg aus fossilen Energieträgern (nicht aus Kernenergie) beschlossen. Dies führte u. a. zum Investitionsrückgang bei Ölbohrfirmen um zwei Drittel (3) und zu vermindertem Angebot. Es verdreifachte sich der CO2 – Zertifikatspreis allein 2020 – 2021 von 20 auf < 60 Euro pro t CO2 infolge Verknappung der Emissionszertifikate durch die EU, was auch die Gasversorgung tangierte (6).

Die deutsche Energiepolitik konzentrierte sich einseitig auf Wind, Sonne und (russisches) Erdgas und auf einen überhasteten Ausstieg aus Kohle- und Kernenergie, wie nachfolgend beispielhaft gezeigt wird:

  • Seit 1990 werden Windkraft- und Fotovoltaikstrom in Deutschland vorrangig in das Netz eingespeist und feste Vergütungen für deren Erzeuger (Stromeinspeisungsgesetz, später Erneuerbare- Energien – Gesetz (EEG)) bezahlt, die mit massiven Subventionen (jährlich 25 €, bis 2018 insgesamt ca. 240 Md. €) verbunden waren, die über die EEG – Umlage den Endverbrauchern in Rechnung gestellt wurden (2017: 6,88 ct/kWh). Da diese Energieformen bei Windstille und/oder Dunkelheit kaum oder keinen Strom erzeugen, erfolgte die Kompensation temporärer Versorgungsdefizite durch in Reserve gehaltene Kohle- und Gas- und auch Kernkraftwerke.
  • 2011 erfolgte der Ausstiegsbeschluss für Kernkraftwerke bis 2022
  • Als Reaktion auf die „Fridays For Future“ – Bewegung sowie das „Rezo“- Video wurden 2019 zusätzlich der Ausstieg aus der Kohleverstromung bis 2038 („Kohlekommission“ und „Eckpunkte zur Klimapolitk“, vgl. (24) sowie 1) und als Übergang die Errichtung neuer Gaskraftwerke auf der Basis von (russischem) Import beschlossen (geschätzte Kraftwerksleistung 23 bis 40 GW, wovon bisher nur 4 GW „angeschoben“ sind, vgl. 1).
  • Nach dem Bundesverfassungsgerichts – Urteil wurde das Klimaschutzgesetz 2021 verschärft und das Zieldatum zur Erreichung der „Klimaneutralität“ auf 2045 (eher als die übrige Welt)
  • Im Koalitionsvertrag der Ampelregierung wurde 2021 die weitere Beschleunigung des Ausstiegs aus der Kohleverstromung, eventuell bis 2030, „Und wir können es schaffen, Strom bis 2035 zu 100 Prozent aus erneuerbaren Energien zu gewinnen.“(2)
  • Zwischen 2017 und 2021 erfolgte in Deutschland (vor allem in der Coronazeit, auch in Italien, UK, Spanien und den Niederlanden) ein starker Kohleausstieg.
  • Trotz bereits hoher Gaspreise erfolgte Ende 2021 die Abschaltung von 3 Deren Stromproduktion von ca. 5 GW muss zusätzlich durch Gasverstromung kompensiert werden.

Der durch die wirtschaftliche Erholung nach der Pandemie gestiegene weltweite Energiebedarf traf somit auf ein verknapptes und damit teures Angebot.

Abb. 1: Phasen des geplanten Kohleausstiegs bis 2038 (22, 24)

3.   Die derzeitige Energiekrise

Als Folge dieser energiepolitischen Entscheidungen begann Mitte 2021 eine Energieverknappung und -verteuerung, die zu massivem Anstieg der Preise für Erdgas, Kohle, Öl und Strom führte (Verfünffachung des Gaspreises, Verdreifachung des Industriestrompreises, höchste Strompreise weltweit). Diese Teuerung wurde durch den Ukrainekrieg verschärft und führte durch die Sanktionen und geringere Liefermengen speziell bei Erdgas zu einem massivem Versorgungsdefizit. Der Ukrainekrieg wirkte dabei wie ein „Brandbeschleuniger“ (4). Deutschland traf es besonders hart, weil es sich durch den Kohle- Kernkraft-Doppelausstieg und die einseitige Orientierung auf russisches Erdgas plus unsteter Wind- und Sonnenenergie verletzlich gemacht hat (5), wie bereits in der EV 7/8 (2019) prognostiziert wurde (24).  Exorbitant steigende Energiepreise und sinkende Versorgungssicherheit gefährden inzwischen Wettbewerbsfähigkeit und Wohlstand und haben das Potential, unsere Wirtschaft und unseren Lebensstandard schnell, massiv und langfristig zu schädigen (4). Dazu einige Beispiele:

  • Derzeit baut sich aufgrund der explodierenden Energiepreise eine Pleitewelle auf, die unseren über Jahrzehnte aufgebauten Wohlstand aufs Spiel setzen könnte. Vielen Unternehmen auch des Mittelstands droht das Aus. Beispielsweise ist die Produktion am Chemiestandort Leuna um ca. 30 – 40 % gesunken (8), die Stickstoffwerke Piesteritz haben wie andere Produzenten die Düngemittelproduktion zeitweilig eingestellt und Kurzarbeit beantragt.

Die dadurch stark erhöhten Düngemittelpreise führen zu Ertragseinbußen und damit zu geringerer Ernährungssicherheit (11). Die Beispiele ließen sich beliebig fortsetzen (Übersicht bei 9).

  • Der Lebensstandard vieler Menschen könnte nachhaltig sinken, weil sie ihre Energiekosten nicht mehr bezahlen können oder ihren Arbeitsplatz verlieren.
  • Die Stromversorgung in Zeiten von Dunkelflauten im Winter läuft Gefahr, zur Strommangelwirtschaft mit Energierationierung und erhöhter Gefahr gezielter oder unfreiwilliger regionaler Abschaltungen bis hin zum Blackout zu werden (6, 12).
  • Deutschland ist inzwischen zur Versorgungssicherung auf Stromimporte (einschließlich Atom- und Kohlestrom) angewiesen.

Abb. 2: Veränderungen der CO2 – Emissionen nach dem Pariser Abkommen (aus 22)

Vor diesem Hintergrund ist es fatal, dass der nationale Alleingang Deutschlands die globale atmosphärische CO2 Konzentration nicht senken wird (10, 22). Bis 2030 darf z. B. China jährlich 14 Md. t mehr CO2 ausstoßen, während EU, USA, Japan, Russland, Australien und Brasilien zusammen genommen jährlich Emissionsminderungen von 4,4 Md. t erreichen sollen (Abb. 2). Deutschland könnte maximal 200 – 300 Millionen t/ Jahr einsparen. Also ändern die angestrebten Bemühungen Deutschlands am globalen CO2 – Emissionsanstieg gar nichts. Bis 2030 bauen China mit 280.000 MW und Indien mit 174.000 MW die 10fache Kohlekapazität auf. In 62 Ländern werden 1600 neue Kohlekraftwerke gebaut. (Quelle: Notifizierung zum Paris – Abkommen). Übrigens stoßen auch die als Brückentechnologie gedachten Gaskraftwerke CO2 aus, sind also nicht „klimaneutral“, wenn das deutsche Verbot der CO2 – Abscheidung und Verpressung bestehen bleibt.

4.  Möglichkeiten zur Krisenbewältigung

a)  Wirtschaft und Bevölkerung müssen von den gravierenden finanziellen Folgen der Energiekrise rasch entlastet werden.

Dazu gehören laut Beschluss des 35. CDU- Bundesparteitags (19) ein Preisdeckel für den Strom- und Gas – Grundbedarf für Haushalte, Entlastung beim Strompreis (Aussetzung Netzentgelte, Senkung Stromsteuer), Energiepauschale für Menschen mit geringem Einkommen, Kündigungsmoratorium für private Strom- und Gaslieferverträge, Erhöhung der Pendlerpauschale, Energiekostendämpfungsprogramm beim Mittelstand und Industriestrompreis von 4 ct/kWh.

b)  Zur Behebung des Energiedefizits und Verhinderung eines wirtschaftlichen Niedergangs sollte die Nutzung sämtlicher Energieressourcen, auf die Deutschland ohne Russland Zugriff hat, konsequent in Angriff genommen werden. Dazu gehören:

– Nutzung der heimischen Erdgasvorkommen zur Entlastung des Flüssiggas-Imports

Der weitere Ausstieg aus der Kohle und dem Rest der Kernenergie würde 30 – 50 zusätzliche Gaskraftwerke erfordern (Koalitionsvereinbarung Ampel), die ursprünglich durch zusätzliche Gasimporte über Nordstream 2 versorgt werden sollten. Zusätzlich zum Ersatz des wegfallenden russischen Gases muss dafür noch einmal eine ähnlich große Menge beschafft werden. Heute verbraucht Deutschland etwa 95 Mrd. m³, 50 Mrd. m³ davon stammen aus Russland. Der Ausstieg aus Kohle und Kernenergie würde etwa 30 – 50 Mrd. m³ zusätzlich erfordern. Das ergibt ein Defizit 80 bis100 Mrd. (Berechnungen: (5)). Die USA wollen bis 2030 ca. 50 Mrd m3 Flüssiggas (LNG) liefern. Diese Menge reicht insgesamt nicht aus und ist sehr teuer, weshalb dringend die einheimischen Gasvorkommen genutzt werden sollten. Andererseits liegen bis zu 2,8 Billionen m3 erschließbares Erdgas unter Norddeutschland (Abb. 3). Aktuell fördert Deutschland ca. 5,2 Mrd m3 Erdgas nach konventionellen Methoden und deckt damit ca. 5 % des Bedarfes (13). Dessen Anteil ließe sich in wenigen Wochen auf ca.10 – 15 % erhöhen (Prof. Amro, Institut für Bohrtechnik und Fluidbergbau, Bergakademie Freiberg, nach 14). Noch besser ist die Situation bei unkonventionellen Methoden. Gemäß einer Untersuchung der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (15) gibt es davon Vorräte bis zu 2.340 Mrd. m3. Hinzu kämen noch die Gasvorräte aus Kohleflözen (16),von denen bis 450 Mrd. m3 förderbar sind. Diese Mengen würden ausreichen, um die russischen Lieferungen bis zu 50 Jahren zu ersetzen. Die Förderung könnte mit relativ geringen Kosten innerhalb von 6 – 12 Monaten beginnen und schnell gesteigert werden (Amro, nach 14). Natürlich müsste dafür das in Deutschland geltende faktische Fracking -Verbot aufgehoben werden. Die Gegenargumente hinsichtlich der Umweltschädlichkeit des Frackings sind nicht stichhaltig (17), weil a) in Deutschland seit 1960 ca. 320 Fracking – Maßnahmen ohne Umwelt- bzw. Trinkwasserschädigungen durchgeführt wurden, b) das gashaltige Gestein sich in 1000 Meter Tiefe befindet, also weit unter den Grundwasservorkommen, die in Deutschland bei 50-200 Meter Tiefe liegen, und c) das importierte Flüssiggas aus den USA ebenfalls mit Hilfe des Frackings gefördert wird.

Abb. 3: Erdgasvorkommen in Deutschland (gelb unterlegt, nach 23)

– Aufhebung des Verbots der CO2 – Abscheidungs- und Speicherungs – Technologien (CCS, CCUS)

Das CCS – Verfahren (Abscheidung von CO2 aus Kohlekraftwerken und die Verpressung in tiefe Schichten weit unterhalb des Grundwassers) wurde in einem Pilotprojekt in der Schwarzen Pumpe entwickelt und in Ketzin erprobt. Obwohl dadurch die Produktion CO2 – freien Stroms aus Kohle und Gas möglich wurde, ist die Technologie verboten und nach Kanada verkauft worden. Dieses Verbot gehört längst auf den Prüfstand.

– Erzeugung CO2 –freien Kohlestroms vorrangig aus eigenen Vorräten

Zur Milderung der Energieversorgungskrise setzt die Ampelregierung stark auf die Einfuhr von teurer Kohle (z. B. aus Kolumbien), die weitgehend ohne Beachtung von Umwelt- oder Arbeitschutzstandards gefördert wird. Zur schnellen Krisenbewältigung wäre ein Moratorium zum Kohleausstiegsgesetz und zur Schließungsabsicht der Ampel bis 2030 nötig, so dass unser, mit strengen Umweltstandards bewehrter und preiswerter Kohleabbau weiter genutzt werden könnte. Wie erwähnt, müsste zur Vermeidung von CO2 – Emissionen das Verbot des CCS Verfahrens annuliert werden. Dies wäre ein Weg für umweltfreundliche und CO2 – freie Kohle- und Gasverstromung, wie sie auch für die von der Ampelregierung deklarierte teilweise Kohlekraftwerks Reaktivierung erforderlich ist. Dies wäre ein gutes Beispiel für die Dekarbonisierungsbemühungen großer Länder (wie China) und könnte zudem Gasverstromung vermindern, so dass das Gas für Heizung und Industrie bereit stünde.

–  Laufzeitverlängerung der noch betriebenen Kernkraftwerke sowie die Reaktivierung der Ende 2021 geschlossenen drei Kernkraftwerke

Angesichts des massiven Versorgungsdefizits bei Erdgas ist es essenziell, dieses nicht zu verstromen, sondern für Wärmeversorgung bzw. Industrieprozesse im Winter vorzuhalten. Die Abschaltung der letzten Kernkraftwerke (KKW) Ende 2022 würde die Energiemangelsituation deutlich verschärfen, denn der dadurch wegfallende Strom müsste durch Gas- oder Kohlekraftwerke, eventuell auch durch erneuerbare Energieträger kompensiert werden und würde damit die Energieversorgungssicherheit Deutschlands gefährden. Die Reaktivierung der Ende 2021 abgeschalteten KKW würde durch Lieferung zusätzlichen Stroms das Energieversorgungsdefizit mildern. Zur Sicherung der Energieversorgung im kommenden Winter und darüber hinaus ist die Laufzeitverlängerung der noch am Netz befindlichen und die Reaktivierung der Ende 2021 abgeschalteten KKW essenziell. Die Wirtschaftsweisen empfehlen den Weiterbetrieb der KKW bis 2024 (18). Da KKW kaum CO2 emittieren und daher sowohl der Weltklimarat als auch die EU sie als grüne Stromquellen einstufen, wäre dies auch aus klimapolitischer Sicht sinnvoll.

Zwischenfazit: Diese und weitere Maßnahmen könnten durch höheres und billigeres Energieangebot die Versorgungssicherheit erhöhen und die Energiepreise senken. Natürlich müssten sie durch sparsamen Umgang mit Energie auf allen Ebenen ergänzt werden.

Weiterhin sollte man versuchen, den Strom – Großhandelspreis in Europa zu regulieren (Deckelung, Herausnahme der Gaskraftwerke (19).

c)   Die deutsche Energiewende muss überdacht und korrigiert werden.

Man muss akzeptieren, dass die deutsche Energiewende mittelfristig im bisherigen Ansatz undurchführbar geworden ist. Die Aussage von Ampelkoalition und Grünen, bis 2030 aus der Kohle auszusteigen und bis 2035 den Strom ausschließlich aus „erneuerbaren Energien“ (Wind, Sonne, Biogas etc.) zu gewinnen (2), setzt voraus, dass aus diesen Quellen der Bedarf des Industriestandorts Deutschland zu decken sei. Diese Annahme gehört zu den gefährlichsten Illusionen der Gegenwart (4), und zwar u. a. aus folgenden Gründen:

Zur vollständigen Deckung des Primärenergiebedarfs (also Strom + Verkehr + Heizung + Industrie) sind die „Erneuerbaren“ nicht geeignet. Derzeit beträgt der Anteil von Wind und Fotovoltaik an der Primärenergie 5,1%. Bis zu 100% ist es also ein weiter Weg. Zu bedenken ist auch, dass der heutige Strombedarf (Jahresmittel ca. 65 – 80 GW) massiv zunehmen wird, wenn Mobilität, Heizung und Industriewärme elektrifiziert würden. Allein für die Chemieindustrie wird eine Vervierfachung erwartet (20). Für die Erzeugung dieser Strommengen durch Windkraft und Fotovoltaik werden die verfügbaren Flächen Deutschlands wohl nicht ausreichen. Stromgewinnung aus Biomasse lässt sich wegen der Konkurrenz zu Nahrungs- und Futtermittelproduktion nur begrenzt und aus Wasserkraft gar nicht steigern.

Abb. 4: Schwankende Stromproduktion im Januar 2019 (21)

Wenn wir vorwiegend auf fluktuierend einspeisende Systeme (Sonne, Wind) setzen, funktioniert das nur, wenn die täglichen sporadischen und saisonalen Versorgungslücken (Abb. 4), die unabhängig von der Zahl der Anlagen auftreten, zuverlässig geschlossen werden. Das erfordert großtechnische und rentable Stromlangzeitspeicher, die aber auf absehbare Zeit nicht zur Verfügung stehen. Aktuell kann Versorgungssicherheit in Deutschland nur in Verbindung mit konventionellen Kraftwerken („Back – up – Systemen“) gewährleistet werden, und zwar nicht (wie oft angenommen) als Brückentechnologie, sondern als Dauerlösung (12). In Frage kommen dafür (allein oder in Kombination):

  •  Gaskraftwerke (Empfehlung der Kohlekommission 2019), die ausreichend Erdgas unter Einbeziehung heimischen Vorräte (mit Fracking) erfordern.
  • Kohlekraftwerke möglichst mit billiger heimischer Kohle
  • Kernkraftwerke

Dabei müssen Gas- und Kohlekraftwerke mit CO2 –Abscheidung und –Verklappung kombiniert werden, um CO2 – Emissionen zu vermeiden. Da Kernkraftwerke weitgehend CO2 – emissionsarm arbeiten und die begrenzten fossilen Rohstoffvorräte in der Industrie für Stoffsynthesen langfristig benötigt werden, sind Kernkraftwerke aus Gründen der Ressourceneffizienz grundsätzlich zu bevorzugen, weshalb sie vom Weltklimarat und der EU empfohlen werden. Bei gleichzeitigem Kohle- und Kernenergieausstieg ist der Erhalt und Neubau von Gaskraftwerken in großem Stil unumgänglich, die je nach Elektrifizierungs – Szenario 2030 mit ca. 75 GW und 2050 bis zu 117 GW beziffert werden (DENA, zit. nach 12) und sich bei steigendem Zubau von Wind- und Solaranlagen erhöhen.

d) Die Erforschung, Entwicklung und Praxisüberführung von neuartigen, CO₂-emissionsfreien, praxistauglichen, ökologisch und ökonomisch nachhaltigen Stromerzeugungssystemen (z. B. Protonenfusion, Brennzellentechnik, Dual-Fluid-Reaktor), die grundlast-, regelungs- und schwarzstartfähig sind, sowie von Speicherungsmöglichkeiten großer Strommengen sind technologieoffen voranzutreiben (32. CDU –Parteitag Leipzig 2019)

6. Politische Aktivitäten zur Energiekrise

Trotz hektischer Betriebsamkeit (dubiose Entlastungspakete, Einmalzahlungen, 9-Euro Ticket, Tankrabatt , Gasumlage, unerbetene Ratschläge zum Energiesparen) scheint die Ampelregierung weder kurz- noch langfristig einen realistischen Ansatz zur Energiepolitik zu haben.

Bis 2030 will sie die Kohleverstromung beenden und bis 2035 den Strom zu 100% ausschließlich aus erneuerbaren „Freiheitsenergien“ („Osterpaket“) gewinnen (2) und verkennt dabei (siehe Abschnitt 3c), dass der diskontinuierliche Anfall von Sonnen und Windenergie auch bei massivem Ausbau entsprechender Anlagen bestehen bleibt. Da in absehbarer Zeit keine rentablen großtechnischen Stromspeicher verfügbar sind, kann durch Sonnen- und Windenergie die deutsche Energieversorgungssicherheit dauerhaft nur in Verbindung mit konventionellen Kraftwerken gewährleistet werden (12). Das sollte auch die CDU bei der Erstellung des vom 35.

Bundesparteitag in Auftrag gegebenen Energiesicherheitskonzeptes (19) bedenken.

Auch die Abhilfemaßnahmen der Ampelregierung zur kurzfristigen Bewältigung des Strom- und Gasdefizits der nächsten Jahre erscheinen eher hilflos.

Statt die Laufzeit der letzten Kernkraftwerke (KKW) zu verlängern und die Ende 2021 vom Netz genommenen KKW zu reaktivieren, will sie zwei der letzten drei KKW bis Winterende in Reserve schicken und eines abschalten. Dadurch entsteht ein zusätzliches Stromdefizit bei gleich bleibenden Kosten! Dafür will die Regierung Ölkraftwerke in Form von Kraftwerksschiffen nutzen, eine Technik, die sonst Entwicklungsländer einsetzen – mit schlechter CO2 – Bilanz. Die CDU schlägt hierfür verlängerte Laufzeiten für KKW vor. Aber auch die Reaktivierung der Ende 2021 geschlossenen KKW könnte eine sehr sinnvolle energiepolitische Maßnahme sein, weil sie das Stromangebot erhöhen würde.

Die Ampelregierung will mit dem EKWG (Gesetz zur Bereithaltung von Ersatzkraftwerken zur Reduzierung des Gasverbrauchs im Stromsektor im Fall einer drohenden Gasmangellage durch Änderungen des Energiewirtschaftsgesetzes und weiterer energiewirtschaftlicher Vorschriften) einige abgeschaltete Kohlekraftwerke reaktivieren, natürlich mit bürokratischem Vorbehalt. Bei Inkrafttreten dieses Gesetzes wirken zwei bestehende Gesetze gleichzeitig und gegensätzlich: Über das Kohleverstromungsbeendigungsgesetz (KVBG) werden Kohlekraftwerke abgeschaltet, über Ersatzkraftwerkebereitstellungsgesetz (EKWG) werden sie teilweise wieder aktiviert; ein typisches Konfusionssymptom! Da wundert es nicht, dass bis dato erst zwei Kohlekraftwerke zugeschaltet wurden. Wenn man die Dekarbonisierung ernst meint, müsste bei der Kohle- und Gas -Verstromung das faktische Verbot der CO2 Abscheidungs- und Speicherungs Technologien (CCS und CCUS) aufgehoben werden. Das lehnt die Ampelregierung seltsamerweise strikt ab, im Unterschied zur CDU, die zum jüngsten 35. Bundesparteitag das Wiederanfahren der Kohlekraftwerke forderte und die Erarbeitung eines Konzeptes zum Umgang mit CO2 beschlossen hat (19).

Beim Ersatz des Ausfalls von russischem Erdgas setzt die Regierung vornehmlich auf den Import von teurem (gefracktem) Flüssiggas. Die Nutzung der umfangreichen, billigeren und relativ schnell erschließbaren heimischen Erdgasvorkommen und die Aufhebung des Fracking – Verbots lehnt sie (mit Ausnahme weniger FDP – Politiker) ab (2).  Die CDU sollt die  Ermöglichung des Frackings ernsthaft in Erwägung ziehen.

Die Vorschläge der Ampelregierung und der CDU zur Regulierung des europäischen Strom- Großhandelspreises sind zu begrüßen.

Die vorstehende exemplarische Kommentierung zeigt, dass die Ampelregierung offensichtlich den Herausforderungen nicht gewachsen ist, die sich aus der Energiekrise ergeben. Nur durch rasche Umsteuerung können Energieversorgungssicherheit und – bezahlbarkeit, Wettbewerbsfähigkeit, Wirtschaftskraft und Lebensstandard Deutschlands erhalten werden. Der 35. CDU – Bundesparteitag hat mit seiner Entschließung für sichere Energie und starke Wirtschaft (22), den Beschlüssen zur Erarbeitung von Konzepten zur Energiesicherung, zum Umgang mit CO2 und zur Entlastung der Wirtschaft und der Bevölkerung dazu richtige Maßnahmen formuliert, die es nun rasch zu realisieren und weiter auszubauen gilt. Zu nennen sind hier u. a.: Diversifizierung der Energieversorgung (Energiemix), Reaktivierung der 2021 geschlossenen KKW, Nutzung einheimischer Gasvorkommen sowie technologieoffene Entwicklung nachhaltiger Stromerzeugungs- und – speichersysteme.

7.   Zusammenfassung

Im Zuge der Ablösung fossiler, CO2 – emittierender Energieträger durch erneuerbare Energiequellen (Dekarbonisierung) kam es seit Mitte 2021 zur Energieverknappung und – verteuerung – die sich 2022 durch den Ukrainekrieg und die Sanktionen noch verschärfte -, von der Deutschland durch den gleichzeitigen Kohle- und Kernkraft -Ausstieg besonders stark betroffen ist. Diese Entwicklung hat das Potential, die Wirtschaft und den Lebensstandard schnell, massiv und langfristig zu schädigen, und birgt die Gefahr der Deindustrialisierung in sich. Daher sind alle Maßnahmen zu treffen, Wirtschaft und Bevölkerung von den finanziellen Folgen dieser Krise zu entlasten und das Energiedefizit durch die unverzügliche Erschließung und Nutzung sämtlicher Energieressourcen, auf die Deutschland ohne Russland Zugriff hat, zu beheben. Dazu gehören:

  • Nutzung der heimischen Erdgasvorkommen zur Entlastung des teuren Flüssiggasimports und Aufhebung des faktischen Fracking Verbots
  • Aufhebung des Verbots der CO2 – Abscheidungs- und Speicherungs – Technologien
  • Erzeugung CO2 –freien Kohlestroms vorrangig aus eigenen Vorräten durch ein Moratorium zum Kohleausstiegsgesetz und zur vorgezogenen Schließungsabsicht der Ampelkoalition und kurzfristige Reaktivierung der Kohlekraftwerke
  • Laufzeitverlängerung der drei noch betriebenen Kernkraftwerke und Reaktivierung der Ende 2021 geschlossenen drei Kernkraftwerke

Die deutsche Energiewende muss überdacht und neu justiert werden, zumal der deutsche Sonderweg z. Z. wegen Tolerierung von Emissionssteigerung großer Länder (China, Indien) keinen wirklichen Beitrag zur Senkung der globalen CO2 – Emissionen bringt. Der durch die Ampelregierung angekündigte forcierte Ausbau von Windkraft und Fotovoltaik kann den Energiebedarf des Industriestandortes Deutschland allein nicht gewährleisten, weil deren sporadischen und saisonalen Versorgungslücken nur in Verbindung mit konventionellen Kraftwerken zuverlässig schließbar sind.

Die Erforschung, Entwicklung und Praxisüberführung von nachhaltigen Stromerzeugungssystemen sowie großtechnischer Stromspeichermöglichkeiten ist voranzutreiben.

Prof. Dr. Wolfgang Merbach

Anmerkung: Dieser Beitrag ist eine leicht modifizierte Fassung eines Artikels aus „Evangelische Verantwortung“, Heft 9 / 10 (2022), S. 6 – 11.

Quellen:

(1) Hennig, : Focus online 25.3.2022

(2) Lang, R: Interview Welt 9.2022

(3) Aust, S.: Video Youtube 31. 8. 2022 (https://www.youtube.com/watch?v=s435wQjm9QQ)

(4) Aust, S.: Interview Welt 25. 6. 2022

(5) Vahrenholt, F.: Newsletter März 2022

(6) Vahrenholt, F.: Newsletter 12. 10. 2021

(7) Blackout in Deutschland. Horrorszenario oder reale Gefahr. Video WISO ZDF 1. 8. 2022

(8) Höhne, S.: MDR 18.9. 2022

(9) Akademie Bergstraße: Deindustrialisierung Deutschlands Europas. Doku 2022

(10) Merbach, : Rundbrief EAK Sachsen – Anhalt Dez. 2019

(11) Zinke, : Agrarheute online, 2.9.2022

(12) Paulitz, : Strommangelwirtschaft, Akademie Bergstraße 5. Auflage 2021

(13) https://bveg.de/die-branche/erdgas-und-erdoel-in-deutschland/erd gas-in-deutschland/

(14) Limburg, M.: Schiefergas- und Flözgasgewinnung mittels unkonventioneller Methoden. Admin 2. 5. 2022 (https://eike-klima-energie.eu)

(15) https://www.bgr.bund.de/DE/Themen/Energie/Downloads/Abschlussbericht13MBSchieferoelgas potenzial_Deutschland_2016.htmlundhttps://www.bgr.bund.de/DE/Gemeinsames/Oeffentlichkeitsarbeit/Pressemitteilungen/BGR/bgr-160118_studie_schiefergas-oel.html

(16) https://bveg.de/die-branche/erdgas-und-erdoel-in-deutschland/fracking-in-Deutschland/

(17) Kaufmann : Fracking. Salonkolumnisten 23. 3. 2022

(18) Heinrich: Welt 13. 9. 2022

(19) Beschlüsse 35. CDU – Bundesparteitag Hannover

(20) Brudermüller, M.: Handelsblatt 24. 9. 2022

(21) Vahrenholt: IHK Halle-Dessau in Halle 27. 9. 2021

(22) Bennert, W. et al.: Kann der Mensch das Klima retten. 5. Auflage Erfurt 2019

(23) Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (Hrsg.): Abschätzung des   Erdgaspotentials aus dichten Tiefengesteinen (Schiefergas) in Deutschland. Hannover 2012

(24) Merbach, W.: Ev. Verantwortung 7/8 (2019), S. 3 – 8

 

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Dieser Beitrag wurde erstellt am Mittwoch 7. Dezember 2022 um 8:33 und abgelegt unter Gesellschaft / Politik, Klima.