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Rosaria Butterfield – das Zeugnis ihrer Umkehr

Donnerstag 4. August 2022 von Prof. Dr. Rosaria Butterfield


Prof. Dr. Rosaria Butterfield

Als ĂŒberzeugte Linke und lesbische Professorin verachtete ich Christen total. Und dann wurde ich selbst eine Christin. Der Name “Jesus” blieb mir immer in der Kehle stecken, ja er schnĂŒrte mir irgendwie die Kehle zu. Ganz gleich wie hartnĂ€ckig ich versuchte ihn irgendwie zu verstehen. Diejenigen die sich zu diesem Namen bekannten, erregten meinen Zorn und gleichzeitig auch mein Mitleid. Als UniversitĂ€tsprofessorin wurde ich auch den Studenten gegenĂŒber Ă€rgerlich, die sich gedrĂ€ngt fĂŒhlten, mich immer wieder auf Jesus anzusprechen. Diese nervigen Christen schienen nach Möglichkeiten zu suchen, Bibelverse in unsere GesprĂ€che einzustreuen. Leider mit dem traurigen Ergebnis, dass diese somit beendet waren. Dumm. Sinnlos. Bedrohlich. So dachte ich ĂŒber Christen und ihren Gott Jesus.

Als Professorin fĂŒr Englisch und Frauenforschung war ich auf bestem Weg, richtig radikal darin zu werden, Moral, Gerechtigkeit und MitgefĂŒhl zu fordern. Dabei war ich auch noch eine glĂŒhende AnhĂ€ngerin der Philososphien von Freud, Hegel, Marx und Darwin. Außerdem hatte ich noch den tiefen Wunsch im Herzen, den Schwachen dieser Welt beizustehen. Moral war mir eben wichtig. Wahrscheinlich hĂ€tte ich (die Lehre) Jesus und (die) seine(r) Mitstreiter besser packen können, wenn sie nicht so von den christlichen Konservativen in unserem Land unterstĂŒtzt worden wĂ€ren.

Einer dieser Moralapostel und seine geistreiche Bemerkung im Jahr 1992 auf dem Republikanischen Parteitag brachte mich auf „hundertachtzig“. „Der Feminismus“, spöttelte er, „ermutigt Frauen ihre MĂ€nner zu verlassen, ihre Kinder umzubringen, Zauberei zu praktizieren, den Kapitalismus zu zerstören, und lesbisch zu werden.“ In der Tat. Der Gesamtumschlag von christlichen GlaubenssĂ€tzen, vermengt mit der republikanischen Politik, forderte meine volle Aufmerksamkeit. Nachdem mein Buch veröffentlicht wurde, habe ich meine Stellung dazu benutzt, den Zielen der linksgerichteten lesbischen Professorinnen (ich war auch eine), nĂ€her zu kommen. Mein Leben schien glĂŒcklich und sinnerfĂŒllt. Meine Partnerin und ich hatten viele wichtige gemeinsame Interessen: Aids-Aktivismus, die Gesundheit von Kindern und deren Alphabetisierung, Golden Retriever Rescue (eine Tierschutzorganisation), oder unsere Unitarierkirche, um nur einige zu nennen. Selbst wenn du den Gespenstergeschichten, die dieser Moralprediger und seinesgleichen veröffentlicht haben, Glauben schenken solltest, wird es schwer zu bestreiten sein, dass meine Partnerin und ich keine hilfsbereiten BĂŒrgerinnen waren.

Die GLBT-Community (Organisation für Lesben, Schwule, Bisexuelle und Trans sexuelle) legt viel Wert auf Gastfreundschaft und setzt sich mit Geschick, Opferbereitschaft und IntegritĂ€t auch dafür ein. Ich fing an die „Politik des Hasses“ der religiösen Rechten gegen Homosexuelle wie mich zu erforschen. Um dies tun zu können, musste ich das eine Buch lesen, das meiner Meinung nach so viele Menschen aus der Bahn geworfen hatte: die Bibel. Auf der Suche nach einem Bibelgelehrten, der mich bei meinen Recherchen unterstĂŒtzen könnte, startete ich meinen ersten Angriff auf die unheilige Dreifaltigkeit: Jesus, republikanische Politik und die Patriarchie (Gesellschaftsform, in der VĂ€ter / MĂ€nner das Sagen haben), in Form von einem Artikel in der Lokalzeitung ü ber die „Promise Keepers“. Das war im Jahr 1997.

Es gab viele Leserbriefe als Reaktion auf meinen Artikel. So viele, dass ich je einen BehĂ€lter auf beiden Seiten meines Schreibtisches anbrachte: einen fĂŒr Hass-Briefe, einen fĂŒr Fanpost. Aber ein Brief, den ich erhielt, hebelte mein Ablagesystem aus. Er kam vom Pfarrer der Reformierten Syracuse Presbyterian Church. Es war ein gĂŒtiger und zugleich herausfordernder Brief. Ken Smith ermutigte mich, durch seine Art mir Fragen zu stellen: Wie sind Sie zu Ihrer Sichtweise gekommen? Woher wissen Sie, dass Sie Recht haben? Glauben Sie an Gott? Er kommentierte meinen Artikel nicht, sondern er bat mich, die Theorien, die ich verteidigte, zu hinterfragen und zu belegen.

Ich wusste nicht, wie ich darauf reagieren sollte und warf seinen Brief weg. SpĂ€ter an dem Abend fischte ich ihn aber dann wieder aus dem Papierkorb und legte ihn wieder auf meinem Schreibtisch, von wo aus er mich eine Woche angestarrt hat. Er konfrontierte mich mit der Kluft zwischen den beiden Weltanschauungen und verlangte eine Antwort darauf. Als postmoderne Intellektuelle argumentierte ich gewöhnlich aus einer historisch- materialistischen Perspektive – aber das Christentum ist eine andere, ĂŒbernatĂŒrliche Weltsicht! Ken‘s Brief hatte – ohne sein Wissen – die IntegritĂ€t meiner Recherche ramponiert. Mit seinem Brief leitete Ken einen Prozess ein, mir, einer Heidin, den Glauben nĂ€her zu bringen. Ich hatte vorher schon viele Bibelverse auf Plakaten wĂ€hrend der MĂ€rsche der „Gay Pride“ gesehen! Es war mir klar, dass die Christen, die mich verspotteten, gerne gesehen hĂ€tten, wie ich und Menschen die ich liebte, in der Hölle schmorrten. Ken war aber anders: er spottete nicht, er setzte sich ein. Als er mir dann eine Einladung zum Abendessen zuschickte, nahm ich sie an. Meine BeweggrĂŒnde zu diesem Zeitpunkt waren klar: sicherlich sollte dieses Treffen fĂŒr meine weiteren Recherchen hilfreich sein.

Etwas völlig Anderes passierte jedoch. Ken, seine Frau Floy und ich wurden Freunde. Sie betraten meine Welt. Sie trafen sich mit meinen Freunden. Wir empfahlen uns gegenseitig BĂŒcher. Wir sprachen ganz offen ĂŒber SexualitĂ€t und Politik. Sie reagierten nicht so, als wenn solche GesprĂ€chsthemen sie verschmutzen wĂŒrden. Sie behandelten mich nicht wie eine Außenseiterin. Wenn wir zusammen aßen, betete Ken in einer Art und Weise, die ich davor nie gehört hatte. Seine Gebete waren innig und vertraut. Geradezu verletzlich. Er bereute seine Sünden in meiner Gegenwart. Er dankte Gott für alle Dinge. Ken‘s Gott war heilig und unerschĂŒtterlich, dennoch voller Gnade. Und weil Ken und Floy mich nicht zur Kirche eingeladen haben, wusste ich, dass wir Freunde bleiben konnten.

Ich fing an die Bibel zu lesen. Ich las ungefĂ€hr so, wie ein Vielfraß frisst. WĂ€hrend dieses Jahres las ich sie einige Male, in mehreren Übersetzungen. Bei einem Abendessen trieb mich meine geschlechtsumgewandelte Partnerin in die Enge. Sie legte ihre große Hand auf meine. „Das Lesen der Bibel verĂ€ndert dich, Rosaria“, warnte sie mich. Zitternd, flüsterte ich, „J., was ist, wenn dies alles wahr ist? Was ist, wenn Jesus wiklich der auferstandene Herr ist? Was ist, wenn wir alle in der Klemme sitzen?“ J. atmete tief aus. „Rosaria“, sagte sie, „15 Jahre lang war ich eine presbyterianische Geistliche. Ich habe gebetet, dass Gott mich heilen wĂŒrde, aber er tat es nicht. Wenn du willst, werde ich fĂŒr dich beten.“ Ich fuhr fort in der Bibel zu lesen. Die ganze Zeit kĂ€mpfte ich gegen die Idee, dass sie inspiriert und wahr sein könnte.

Aber die Bibel wurde immer grĂ¶ĂŸer in mir, bis sie meine Welt ganz ĂŒberströmte. Ich kĂ€mpfte mit aller Kraft dagegen an. An einem Sonntagmorgen stieg ich aus dem Bett meiner lesbischen Geliebten und saß eine Stunde spĂ€ter in einer Kirchenbank der Syracuse- reformierten Presbyterianischen Gemeinde. Ich fiel auf durch meinen maskulinen Haarschnitt, erinnerte mich aber daran, dass ich dort war, um Gott zu begegnen, nicht um dort hineinzupassen. Die Vorstellung, die mich wellenartig ergriff, dass ich und alle Menschen, die ich liebte, in der Hölle leiden wĂŒrden, brach in mein Bewusstsein hinein und liess mich nicht mehr los. Ich kĂ€mpfte mit allen Mitteln, die mir zur VerfĂŒgung standen. Ich wollte dies nicht, hatte darum auch nicht gebeten. Der Preis war höher als mir lieb war.

Aber Gottes Verheißungen rollten wie große Wellen in meine Welt hinein. An einem Sonntag predigte (Pastor) Ken über den Text aus Johannes 7,17: „Wenn jemand Gottes Willen tun will, wird er erkennen, ob diese Lehre von Gott ist, oder ob ich aus mir selbst rede.“ Dieser Vers stellte den Treibsand bloß, auf dem meine FĂŒĂŸe standen. Ich war eine Denkerin. Ich wurde ja bezahlt, BĂŒcher zu lesen und Kritiken darĂŒber zu schreiben. Ich ging davon aus, dass in allen Bereichen des Lebens, die Erkenntnis vor dem Gehorsam stehen musste. Und ich wollte, dass Gott mir – zu meinen Bedingungen – zeigen sollte, weshalb die HomosexualitĂ€t eine SĂŒnde ist. Ich wollte eben die Richterin sein, nicht diejenige, die beurteilt wird.

Dieser Vers versprach Erkenntnis nach dem Gehorsam. Ich rang mit der Frage: wollte ich die HomosexualitĂ€t wirklich aus Gottes Sicht verstehen – oder lediglich mit ihm streiten? An diesem Abend betete ich, dass Gott mir die Bereitschaft gebe, zu gehorchen, bevor ich verstand. Ich betete lange bis in den Morgengrauen. Als ich in den Spiegel schaute, sah ich genauso aus wie davor. Aber als ich aus der Perspektive der Bibel in mein Herz hineinschaute, fragte ich mich ehrlich: bin ich tatsĂ€chlich eine Lesbin, oder habe ich nur eine falsche IdentitĂ€t? Wenn Jesus die Welt entzwei spalten kann und Knochenmark von der Seele trennen kann (Anspielung auf HebrĂ€er 4,12) wĂ€re er dann nicht auch imstande, meine wahre IdentitĂ€t ans Licht zu bringen? Wer bin ich? Wer soll ich in Gottes Augen sein?

Dann spĂ€ter an einem der folgenden Tage, kam ich mit offenen HĂ€nden und offenem Herzen zu Jesus. Ganz offen. In all diesen Auseinandersetzungen zwischen den krass verschiedenen Weltanschauungen standen mir Ken und Floy stets bei. Ebenso auch die Gemeinde, die seit Jahren fĂŒr mich gebetet hatte. Jesus triumphierte. Und ich war zerbrochen. Meine Bekehrung glich einem ZugunglĂŒck. In all meiner Schwachheit glaubte ich, dass, wenn Jesus den Tod besiegen konnte, er auch mein Leben in Ordnung bringen konnte.

Ich steckte total tief im Schlamassel. Ich wollte nicht alles verlieren, was mir lieb und teuer war. Es war jedoch, als wĂŒrde die Stimme Gottes ein hoffnungsfreudiges Liebeslied zwischen den TrĂŒmmern meiner zerbrochenen Welt singen. Ich nahm, zunĂ€chst zaghaft, dann leidenschaftlich, den Trost des Heiligen Geistes an. Heute genieße ich den inneren Frieden und die Gemeinschaft mit meinem Ehemann. Ich vergesse das Blut nicht, das Jesus fĂŒr mein Leben vergossen hat. Mein frĂŒheres Leben lauert aber immer noch in den Ecken meines Herzens.

Rosaria Champagne Butterfield ist die Autorin des Buches “The Secret Thoughts of an Unlikely Convert” (Crown & Covenant). Sie wohnt mit ihrer Familie in Durham, North Carolina, wo ihr Ehemann Pastor der „First Reformed Presbyterian Church“ ist.

Quelle: https://www.wolfgang-nestvogel.de/app/download/12320365157/Rosaria+Butterfield_Zeugnis+einer+Umkehr.pdf?t=1616239317 (04.08.2022).

Eine etwas kĂŒrzere und neuere Darstellung findet man unter

https://www.livenet.ch/themen/people/erlebt/413406-was_eine_lesbische_feministin_zum_umdenken_brachte.html?utm_source=dlvr.it&utm_medium=facebook (30.07.2022).

Von Rosaria Butterfield erschien zuletzt:
* (zusammen mit Mark Jones:) Knowing Sin. Seeing a Neglected Doctrine Through the Eyes of the Puritans, 2022, 201 S.
* Offene TĂŒren öffnen Herzen. Radikal einfache Gastfreundschaft in einer nachchristlichen Welt, Dillenburg 2021, 289 S.

AngekĂŒndigt fĂŒr 2023:

* Five Lies of our Anti-Christian Age, Crossway 2023.

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Dieser Beitrag wurde erstellt am Donnerstag 4. August 2022 um 12:24 und abgelegt unter Ehe u. Familie, Gesellschaft / Politik, Sexualethik.