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Paradise now

Sonntag 9. Oktober 2005 von Kirchenrat Hans Lachenmann (1927-2016)


Kirchenrat Hans Lachenmann (1927-2016)

Paradise now
Die „neue Ideologie des Bösen“

I. Ideologien des Bösen

„Ideologien des Bösen“ nennt der verstorbene Papst Johannes Paul II. in seinem Buch „Erinnerung und Identität“ (1) die beiden ideologischen Großmächte Marxismus und Nationalsozialismus, die das vergangene Jahrhundert des zivilisatorischen Fortschritts in ein Jahrhundert der größten Menschheitskatastrophen verwandelt haben. Der polnische Papst hat sie in seinem Heimatland am eigenen Leib erlebt und erlitten und weiß, wovon er redet. Aufsehen erregt hat seine Frage, ob nicht in der Gegenwart schon eine „neue Ideologie des Bösen“ am Werk ist, „heimtückischer und verhohlener“ (2) als die gescheiterten Ideologien des vergangenen Jahrhunderts. Sein Blick richtet sich dabei auf die „legale Vernichtung gezeugter, aber noch ungeborener menschlicher Wesen“, von demokratisch gewählten Parlamenten beschlossen, „in denen man sich auf den zivilen Fortschritt der Gesellschaften und der gesamten Menschheit beruft“ (3). Dann spricht der Papst von anderen „schweren Formen der Verletzung des Gesetzes Gottes“. Er denkt dabei „an den starken Druck des Europäischen Parlaments, homosexuelle Verbindungen anzuerkennen als eine alternative Form der Familie, der auch das Recht der Adoption zusteht“ (4). Die lebensfeindliche und destruktive Konsequenz der schon bekannten „Ideologien des Bösen“ setzt sich fort in der millionenfachen Vernichtung von menschlichem Leben im Leib der eigenen Mutter. Die neue „Ideologie des Bösen“ richtet sich schließlich „gegen den Menschen und gegen die Familie“, (5) die unersetzliche Voraussetzung für den Fortgang menschlichen Lebens. Das alles geschieht nicht wie in den bekannten „Ideologien des Bösen“ wider Recht und Gesetz, sondern mit dem Vorgeben „die Menschenrechte auszunutzen.“(6)

Den lautesten Protest gegen solche Überlegungen erhebt der Fraktionsgeschäftsführer der Grünen im Deutschen Bundestag, Volker Beck: „Wenn der Papst Abtreibung und den Holocaust in einen Zusammenhang bringt, fehlt es ihm an moralischer und ethischer Orientierung“, und: „Die Politik zur Beseitigung der Diskriminierung von Homosexuellen als Ergebnis einer ‚neuen Ideologie des Bösen’ zu bezeichnen, ist Volksverhetzung“. „Ich fordere den Papst auf, das Buch zurückzuziehen.“ (7)

Die zu klärende Frage lautet:

Leben wir im Bann einer „neuen Ideologie des Bösen“, die „heimtückischer und verhohlener“ am Werk ist, so dass uns die gefährliche Situation gar nicht bewusst ist? Oder handelt es sich bei den Worten des verstorbenen Papstes um die Äußerungen eines Volksverhetzers, dem es „an moralischer und ethischer Orientierung“ fehlt? Das gilt es im Folgenden zu erfragen und zu erörtern.

II. Wie versteht Johannes Paul II.
das Wesen der „Ideologien des Bösen“?

Der Papst fragt nach den Wurzeln der „Ideologien des Bösen“. Dabei dringt er vor bis in die Tiefen der Erkenntnis: das Geheimnis Gottes, der Schöpfung und des Menschen. Alles Sein gründet in der Wirklichkeit der göttlichen Liebe. Gegen sie erhebt sich das Geheimnis des Bösen, (8) dessen Wesen nach einer Formulierung Augustins der „amor sui usque ad contemptum Dei“ – der „Eigenliebe bis zur Gottesverachtung“ – ist. Das Gegengewicht dazu ist deren Entsprechung im „amor Dei usque ad contemptum sui“ – „in der Gottesliebe bis hin zur eigenen Geringschätzung“, die im Geheimnis des Kreuzes Christi dem Menschen begegnet. Hier wird auch das Geheimnis des Bösen offenbar: im Menschen, der sich selbst für Gott hält. „Er glaubt, sich selbst genug sein zu können“.

Das ist die Wurzel der „Ideologien des Bösen“. Der Mensch verleugnet die Wahrheit, dass er als Geschöpf beständig auf den Schöpfer angewiesen bleibt, zu dem hin er geschaffen ist. Er wird „autonom“. Es ist das „Ihr werdet sein wie Gott und wissen, was gut und böse ist“ aus dem Mund der Schlange“ (1. Mose 3,5).

In dramatischer Weise steigert sich das Böse in der abendländischen Geschichte, zunächst als neues Denken. Bei Descartes gründet die Philosophie nicht mehr – wie bei Thomas von Aquin – im „esse“ (9), also im Sein, das seinen Grund im Sein Gottes hat, sondern im „ens cogitans“ – dem denkenden Subjekt des menschlichen Geistes. Gott wird reduziert „auf einen Inhalt des menschlichen Bewusstseins“; er ist nicht mehr der Schöpfer, der ins Leben ruft, erlöst und vollendet, sondern „der Gott der Philosophen“. Damit gerät das Böse aus dem Blickfeld des menschlichen Bewusstseins. Zugleich verschwindet aus der „aufklärerischen Mentalität“ „das große Drama der Heilsgeschichte“. (10) Der Mensch bleibt allein „als derjenige, der entscheidet, was gut und böse ist.“ Er lebt und handelt „etsi Deus non daretur – auch wenn es Gott nicht gäbe.“ (11)

Diese Verkehrung im Bewusstsein des Menschen dominiert die Neuzeit. Das beginnt in der Aufklärung im 18. Jahrhundert. Im 19. und 20. Jahrhundert kristallisieren sich aus dieser Ursuppe schließlich die „Ideologien des Bösen“ im Marxismus und im Nationalsozialismus. Das Böse hat aber kein „Sein“, es ist eine Perversion des Seins, die sich wieder auflösen muss. Alle „Ideologien des Bösen“ tragen ihr Verfallsdatum schon in sich.

III. Überlegungen zur „Ideologie des Bösen“

Was ist eine „Ideologie“?

Die Rede vom „ideologischen Überbau“ stammt aus der marxistischen Theorie und Propaganda. Sie hat den Zweck, Religion, Philosophie, aber auch Kunst und Kultur als „ideologischen Überbau“ zu entlarven, der handfeste wirtschaftliche und politische Interessen verdeckt. Ideologien sind Schein und Betrug. Die Philosophie des Marxismus selbst ist im Gegensatz dazu die einzige zutreffende Analyse und Deutung der Wirklichkeit. Sie ist nicht Ideologie, sondern Wissenschaft.

Bei den „Ideologien des Bösen“ jedoch handelt es sich um Realitäten. Sie gleichen den „kosmischen Mächten“ im Kolosserbrief (2,20), unsichtbaren dämonischen Machtzentren, in deren Anziehungsbereich die Menschen geraten und unter deren „Satzungen“ sie versklavt werden. Die „kosmischen Mächte“ stehen in Konkurrenz zur befreienden Macht des erhöhten Christus (Kol 1,12-20).

Nur am Rande ist in den Darlegungen des Papstes vom „Drama der Heilsgeschichte“ die Rede, das aus der „aufklärerischen Mentalität“ verschwunden ist. Allerdings – und das muss hier ergänzend bemerkt werden – ist das „Drama der Heilsgeschichte“ aus der „aufklärerischen Mentalität“ in verwandelter Form alsbald wieder aufgetaucht, nämlich als „Ideologie des Bösen“.

Das Drama der Heilsgeschichte

Es gibt keinen Marxismus ohne Heilsgeschichte. Sie beginnt mit den heilen Anfängen in der Vorzeit, als der Mensch mit seinem Werk noch in Harmonie lebte. Mit der Entwicklung der Technik und der zunehmenden Spezialisierung der Arbeit kommt es zur „Entfremdung“, der Trennung von Arbeit und Kapital, den Eigentümern der Produktionsmittel und denen, die nur von ihrer Hände Arbeit leben können, zur Ausbeutung, zur Verelendung des „Proletariats“ und zur Vermehrung des Kapitals bei den Besitzern der Produktionsmittel. Die Logik der Geschichte führt zur Aufladung der gesellschaftlichen Spannung, die sich im Aufstand der Proletarier, der Weltrevolution, entladen wird. Zu ihrem Ziel aber kommt die Geschichte in der neuen Harmonie von Mensch und Arbeit, der Vergesellschaftung der Produktionsmittel, schließlich im „kommunistischen Paradies.“

Es gibt keinen Nationalsozialismus ohne Heilsgeschichte. In Natur und Geschichte herrscht der Kampf, notwendig und heilsam, um die Besten als Sieger an die Macht zu bringen, die Minderwertigen und die Schmarotzer aber auszumerzen. Die jüdischen „Untermenschen“ zerstören Leben, Kultur und Frieden. Sie sind „unser Unglück“. Gegen ihre finstere Macht erhebt sich der nordische Mensch als eine rettende Lichtgestalt. Es kommt zum Kampf der Söhne des Lichts gegen die Mächte der Finsternis. Der nordische Mensch ist gefordert, in der Nachfolge des von der „Vorsehung“ gesandten „Führers“ zu kämpfen und den „Endsieg“ zu erringen.

Beide Ideologien sind Zerrbilder der biblischen Heilsgeschichte. Das „aus der aufklärerischen Mentalität“ verschwundene „Drama der Heilsgeschichte“ erscheint wieder – als „Ideologie des Bösen“. Denn es hat eine Verkehrung des Subjekts stattgefunden, genau das, was Joh. Paul II. als das Wesen der “Ideologien des Bösen” beschreibt. Der Mensch ist nicht mehr das bedürftige, auf Gott angewiesene und von ihm geliebte Geschöpf, sondern nun selbst als „Gott“ das Subjekt der Geschichte geworden. Im Marxismus als der arbeitende Mensch, im Nationalsozialismus als der Kämpfer gegen die Macht der Finsternis.

Geschichte und Geschichten – story und history

Das „Drama der Heilsgeschichte“ ist unverzichtbar. Die christliche Botschaft gibt es nicht ohne „Geschichten“ und ohne „Heilsgeschichte“. Es ist kein Zufall, dass Jesus Geschichten erzählt hat. Sie sind kein schlaues pädagogisches Mittel, nützlich, um einfältige Menschen zu belehren. Auch kein Mittel, um den Hörer bei Laune zu halten. Geschichten erweisen sich als Macht, die Menschen in der Tiefe verändert, darin anders als abstrakte Darlegungen, dogmatische Begriffe oder verbrauchte erbauliche Sprüche.

Das gilt erst recht für die Geschichte. Die Vorstellung der Unendlichkeit von Raum und Zeit beherrschte lange das Denken von Philosophen und Naturwissenschaftlern. In östlichen Kulturkreisen aber regiert der ewige Kreislauf. Wenn wir für den Zeitstrom das gleiche Wort gebrauchen, wie für eine dem Kind erzählte Geschichte, so sagen wir damit, dass die „history“ – Weltgeschichte, Naturgeschichte, Geschichte des Universums – die gleiche Struktur hat wie die „story“: Glück oder Unglück, Guttat oder Untat kehren den Lauf der Zeit zu Heil oder Unheil, teilen den Zeitstrom in Vergangenheit und Zukunft und stellen den Menschen mit seiner Sehnsucht, seiner Hoffnung und Angst in das Hier und Jetzt der Gegenwart. Die „history“ gewinnt die Zeitstruktur der „story“. Wir erfahren uns hineingeworfen in die Geschichte als den Zeitraum der Entscheidung, der Veränderung und der Erwartung. So geschieht es in der Bibel im „Drama der Heilsgeschichte“. So geschieht es auch in den „Ideologien des Bösen“ und ihrer verzerrten heilsgeschichtlichen Dramaturgie.

Ideologie als Macht

Das „Drama“ der Heilsgeschichte ist deshalb keine Spekulation und kein Mythos, allenfalls dazu geeignet, Spekulanten und Träumer zu beglücken, sondern Macht. So kommt es im Neuen Testament zu Wort: „Die Zeit ist erfüllt und das Reich Gottes nahe herbeigekommen, ändert euren Sinn und glaubt an das Evangelium“ (Mk 1,15). Es ist das Thema der Predigt Jesu, das die Menschen erschüttert und in der Tiefe verwandelt hat.

Die „Ideologien des Bösen“ aber werden unter entgegengesetztem Vorzeichen zum zauberischer Bann. So haben wir es selbst im „Dritten Reich“ erlebt: normale Menschen, akademisch Gebildete, sogar Intellektuelle, verfielen der Vision vom germanischen Weltreich, das sich aus dem Untergang des jüdischen „Untermenschentums“ als ein gottgleiches Licht aus der Finsternis erheben sollte. Sie „glaubten“ und behaupteten die verrücktesten Dinge. Unbescholtene Bürger, brave Familienväter, junge Leute aus bürgerlichen Familien wurden unter diesem Bann zu Massenmördern. Menschen mit einem fühlenden Herzen mutierten zu Folterknechten. Die Ordnung der Dinge verkehrte sich: aus Gut wurde Böse, aus Böse Gut. Was bisher als schändlich galt, wurde ehrenhaft, das Achtenswerte aber geschändet. Ein neues Menschenbild, eine neue Moral wird einprogrammiert – das alte, christliche jedoch gelöscht.

Den „Ideologien des Bösen“ gemeinsam ist, dass sie sich mit dem weißen Mantel der „Wissenschaft“ umkleiden. Das gilt nicht nur vom Marxismus, der sich als reine Wissenschaft verstand, sondern auch vom Nationalsozialismus, der Biologen, Philosophen und Mediziner anwarb, um die Wissenschaftlichkeit des Wahngebildes zu bestätigen.

Die schlimmsten Verbrechen geschahen durch Menschen, die sich als die „Anständigen“ verstanden. So war es bei den SS-Schergen in den Vernichtungslagern. Was sie taten, geschah, wie man ihnen sagte, aus der Not und mit dem Ziel, Deutschland und die Welt vom Bösen zu retten. Sie taten es angeblich aus edlen, selbstlosen Motiven, stellvertretend für die anderen, die mit dieser notwendigen Säuberungsarbeit nicht belastet und behelligt werden sollten. (12)

Die „Ideologien des Bösen“ führten zu Diktatur, maßlosen Verbrechen, Krieg, und Vertreibung, zu Realitätsverlust und einem schauerlichen Finale. Zurück blieben Gräber, Ruinen, zerstörte Seelen und verwirrte Geister.

IV. Paradise now – die „neue Ideologie des Bösen“

Symptome

Die von Joh. Paul II. postulierte „neue Ideologie des Bösen“ lässt sich nicht leicht feststellen. Vieles fehlt, was zum typischen Inventar einer „Ideologie“ gehört: ein Manifest, eine Großorganisation, eine Partei, eine Führergestalt. Vor allem ist eine typische „Heilsgeschichte“ und eine aufrüttelnde Zukunftsvision nicht zu erkennen. Nach Joh. Paul II. ist die „neue Ideologie des Bösen“ „heimtückischer und verhohlener“ am Werk. Wie kann man sie aufspüren und identifizieren?

Gerade das Fehlen einer heilsgeschichtlichen Dramaturgie kann uns den Weg weisen. Dieses Fehlen ist ein allgemeines Phänomen unserer Zeit. Noch in den 70er Jahren hatten die „Visionen“ kommenden Heils Hochkonjunktur. Der Fortschrittsglaube weckte Hoffnung besserer Zeiten. Die Träume der 68er Generation blühten.

Nach dem Ende der SED-Diktatur 1989 konnte man auf Ernüchterung hoffen. Was jedoch kam, war die Resignation – und die „Spaßgesellschaft“. Nun lautet die Losung: „Ich will alles, ich will alles – und das sofort“, wie damals eine Frauenstimme aus dem Radio kreischte. Das ersehnte Paradies muss hier und jetzt wahr werden: paradise now. Das Drama der Heilsgeschichte ist nämlich an sein Ende gekommen, darum muss es nicht mehr erzählt werden.

Einen Vorgeschmack des Paradieses suchte der Mensch schon immer: im Glück der Liebe, beim Tanz, beim Festmahl, in der Musik. Ernst Bloch ist dem in den zwei Bänden seines großen Werkes „Das Prinzip Hoffnung“ nachgegangen. Aber immer war das eine Unterbrechung des normalen Lebens, das Mühe und Arbeit ist. Erst nach der Anstrengung des Werktages wartete die Erquickung des Festtages. Und erst diese Anstrengung machte das Fest zum Fest.

„Paradise now“ jedoch läuft anders. Die Arbeitszeit macht kaum Freude. Sie muss verkürzt werden. Kann auch ganz ausfallen. Dann aber der „Spaß“. Weil er nicht als Belohnung für die vollbrachte Arbeit erlebt wird, sondern als einklagbares Recht, und weil der Spaß durch ständige Wiederholung langweilig wird, bedarf es einer beständigen Steigerung. Beim Abenteuer immer noch ein neuer „Kick“. Bei den Tafelfreuden immer noch raffiniertere Genüsse. Desgleichen beim Sexvergnügen. Letzeres wird herausgelöst aus den alten Regeln von Anstand und Sitte, befreit von allen „Tabus“, auch dem Schamgefühl, abgeschnitten von seinem biologischen Sinn – dem Fortgang des Lebens – und dient jetzt nur noch dem persönlichen Lustgewinn. Er ist das Surrogat für das himmlische Freudenreich, von dem das Lied bekennt: „da die Lust, die uns erhöht nie vergeht“ (EG 450,5).

„Paradise now“ bedeutet das Ende allen Streits, aller Spannungen – wieder mit dem Kirchenlied – : „nun ist groß Fried ohn Unterlass, all Fehd hat nun ein Ende“ (EG 179,1). Der Streit der Religionen und Weltanschauungen, Quelle blutiger Kriege, darf nicht mehr sein. Die Philosophie des Pluralismus lehrt, dass es sich bei ihnen nur um unterschiedliche Wahrnehmungen und Deutungen der vieldeutigen Wirklichkeit handele, die alle denkbar, möglich und berechtigt seien. Der „Kampf der Kulturen“ – auch wenn er vor der Haustür steht – darf einfach nicht sein. Juden-Christen-Moslems – alle glauben sie an den einen Gott, haben ihren Ursprung im Vater Abraham – sollen sich im friedlichen Dialog zusammenfinden. Toleranz ist das höchste Gebot. Es löst die Intoleranz des ersten Gebots im Dekalogs ab: „Ich bin der Herr dein Gott, du sollst keine anderen Götter neben mir haben“.

Aus der „Toleranz“, der Anstrengung, auch den anderen, selbst wenn wir dessen Meinung und Moral ablehnen, dennoch zu „ertragen“, ihm sein Recht und seine Freiheit nicht zu verkürzen und so das Zusammenleben der Verschiedenen zu ermöglichen, wird nun der völlige Verzicht auf die Auseinandersetzung, die Unterscheidung von richtig und falsch, gut und böse: anything goes.

„Paradise now“ bedeutet, dass jetzt alle in der Natur vorgegebenen Unterschiede, Regeln und Hierarchien ihr Recht verlieren. Sie sind nun alle gleich: Mann und Frau. Letztere nicht nur auf dem Chefsessel des Betriebes – wogegen nichts spricht – sondern auch im Cockpit des Kampfjets und in Blut und Dreck des Schützenlochs. Warum soll ein Mann nicht einen Mann, eine Frau nicht eine Frau lieben und heiraten können? Sind sie doch alle „gleich“. Warum noch Vater und Mutter sagen, warum nicht Jürgen und Heide? Égalité ist die heilige Ordnung des „paradise now“.

Allerdings: Das „paradise now“ ist von Feinden bedroht. Sie bestehen darauf, dass zwischen Mann und Frau, Eltern und Kindern zu unterscheiden ist. Dass es da doch den Unterschied und Konflikt der Religionen gibt. Dass Unterscheiden und Entscheiden notwendig zum Leben gehört. Und sie weigern sich, alles zu tolerieren, sie verderben der Spaßgesellschaft den Spaß. Sie sind gefährlich und böse: Fundamentalisten, intolerant, vorgestrig, Homohasser, Spießer, Faschisten. Deshalb: mit ihnen kein Dialog! „Gegen Intoleranz – Null-Toleranz“. Sie müssen mit allen Mitteln bekämpft und moralisch niedergemacht werden. Nicht nur ihre Taten sind kriminell, sondern schon ihre Gesinnung. Zu spüren bekam das Rocco Buttiglione im Europäischen Parlament. (13) Ein „Antidiskriminierungsgesetz“ soll den Feinden den Mund verbieten. Die Toleranzrhetorik kippt um in Gesinnungsdiktatur.

Hier zeigt sich der ideologische und diktatorische Zug, der die „neue Ideologie des Bösen“ mit den anderen „Ideologien des Bösen“ verbindet.

Sich selbst aber zählt man zu den „Anständigen“. Sie grenzen sich ab gegen die „Unanständigen“, die samt Faschisten, Neonazis, Antisemiten, Rassisten derselben Verdammnis verfallen. Wird einer in deren Nähe vermutet, startet alsbald eine öffentliche Kampagne, bis der Abweichler von der „Political Correctness“ gesellschaftlich vernichtet ist. Es ist ein Ritus, der in der Abgrenzung von den „Unanständigen“ der Selbstversicherung dient, zu den „Anständigen“ zu gehören.

„Die neue Ideologie des Bösen“, „heimtückischer und verhohlener“ als die alten, ist zu beschreiben als Zeitgeist, als Tendenz, allgemeines Milieu. Sie sickert auf unzähligen Kanälen – Medien, Werbung, Kulturbetrieb – in das allgemeine Bewusstsein ein, gewinnt darin die Vorherrschaft, zielt auf eine Kulturwende, wird allgemein gültige Meinung, der man nicht ungestraft widersprechen darf.

Konkretionen

Die beiden Punkte, die Joh. Paul II. anspricht, die massenhafte Abtreibung und die „Homo-Ehe“ sind Konkretionen der „neuen Ideologie des Bösen“.

Abtreibung hat es schon immer gegeben. Meist als eine Tat der Not – wohl wissend, dass es sich um menschliche Wesen handelt – von den Mitmenschen geächtet, der Obrigkeit hart bestraft. Das ist zum Glück vorbei. Neu ist, dass dies massenhaft geschieht, obgleich es im Zeitalter der Geburtenregelung nicht sein müsste, obgleich wir in einer Wohlstandsgesellschaft leben, obwohl der Verlust angesichts des alarmierenden Kindermangels nicht zu verantworten ist; ferner dass dies vom Gesetzgeber unter Verzicht auf seinen Strafanspruch toleriert wird und so de facto zu einem Rechtsanspruch geworden ist, dass dies von feministischen Lobbygruppen als eine der Frau zustehende freie Entscheidung reklamiert wird bis zu der Losung: „Mein Bauch gehört mir“.

Nicht nur Millionen getöteter ungeborener Kinder sind zu beklagen, sondern auch in der Seele verletzte Frauen, die Beschädigung der Gewissen, die Verletzung des Rechtsbewusstseins, alles dies die Folgen eines schon zur Selbstverständlichkeit gewordenen Denkens und Handelns „etsi Deus non daretur – als wenn es keinen Gott gebe.“ Möglich geworden ist das im Mileu der „neuen Ideologie des Bösen“ und im Strahlungsbereich des „paradise now“.

Zu den erstaunlichsten Phänomenen der Gegenwart gehört, dass es in der Beurteilung der Homosexualität binnen einer Generation zu einem tiefgreifenden Bewusstseinswandel gekommen ist. Was seit Menschengedenken als sexuelle Fehlhaltung galt, ist nun eine der Heterosexualität gleichwertige, gesetzlich geschützte Lebensform geworden. Die meisten Zeitgenossen sind heute überzeugt, Homosexualität sei eine angeborene, unveränderliche, genetisch bedingte und völlig gleichwertige sexuelle „Identität“. Die als „Lebenspartnerschaft“ der Ehe fast gleichgestellte und durch das Adoptionsrecht zur „Familie“ aufgewertete „Homo-Ehe“ ist der bisherige Höhepunkt der Entwicklung. An dieser Stelle fragt Joh. Paul II, ob nicht eine „Ideologie des Bösen“ am Werk sei.

Erstaunlich ist diese Entwicklung, weil sie an keinem Punkt durch solide wissenschaftliche Forschung, statistische Zahlen und glaubhafte Erfahrungen gedeckt ist. Weder die um ein Viertel verkürzte Lebenserwartung von Homosexuellen, noch die kaum zu überwindende Schwierigkeit, eine der Ehe vergleichbare dauerhafte Lebensgemeinschaft aufzubauen, darf ein Thema sein. Nicht die bei vielen Betroffenen immense Zahl von Sexualpartnern, nicht der psychische Stress, den das zur Folge hat. Dass eine durch die Gene bedingte unveränderliche „Identität“ nicht festzustellen ist, vielmehr eine frühkindliche Prägung wahrscheinlich ist – alles dies bleibt unbekannt. Man weiß es nicht – und will es auch nicht wissen. Dass es heute eine wachsende Zahl von „Exhomosexuellen“ gibt, denen aus ihrer Not geholfen werden konnte, dass dies selbst durch Robert Spitzer, den maßgebenden Experten für psychiatrische Prognose und die Klassifizierung psychischer Störungen bestätigt worden ist (14) – das alles darf einfach nicht sein.

Heute zeigt sich deutlich, dass weltweit gut aufgestellte, untereinander vernetzte, mit Finanzmitteln reich ausgestattete Lobbygruppen seit Jahren durch öffentlichen Druck, durch semantische Manipulation, vor allem aber durch an raffinierten Marketingmethoden ausgerichtete Überredungskünste am Werk sind. (15) Sie gewinnen Einfluss in den Medien, in der Politik, auch in der Pädagogik. Schon im Kindergarten sollen die Kleinen über die verschiedenen sexuellen „Orientierungen“ und „Identitäten“ Bescheid wissen. Das erstrebte Ziel geht weit über die Aufhebung von Diskriminierung hinaus. Ein neues Menschenbild, ein radikaler Kulturbruch soll die „schöne neue Welt“ heraufführen.

Ebenso erstaunlich ist, wie leicht sich die Eliten gewinnen lassen. Hier zeigt sich das Problem der Ideologieanfälligkeit moderner Gesellschaften. Ein vergleichbares Phänomen, die Scientology-Church, begegnete noch ernstem Widerstand. Im Falle der Schwulen- und Lesbenbewegung jedoch versagen alle rationalen und moralischen Sicherungssysteme gegen eine destruktive Ideologie. „Heimtückischer und verhohlener“ ist die „neue Ideologie des Bösen“ unter dem zauberischen Sternbild des „paradise now“ am Werk.

V. Das Scheitern der „Ideologien des Bösen“

Die „Ideologien des Bösen“, Nationalsozialismus und Marxismus, sind gescheitert. Das „1000 jährige Reich“ dauerte 12 Jahre. Dann brach es zusammen. Für die vielen, die daran geglaubt und dafür gekämpft hatten, bis zuletzt noch auf ein Wunder hofften, war es eine Katastrophe ohnegleichen. Für die jedoch, die unter dem Terror gelitten, die im KZ überlebt hatten, die klar sahen und widerstanden, war es das Ende eines Albtraums. Der Sowjetunion, die das kommunistische Friedensreich schaffen wollte, blieb eine längere Frist: von der Oktoberrevolution 1917 bis zum Ende im Frühjahr 1991. Auch hier betrogene Betrüger und enttäuschte Menschen.

Das Scheitern kam nicht zufällig. Denn die Welt ist anders als die beiden Plagiate des „Dramas der Heilsgeschichte“ es wähnen. Ihr Thema ist nicht der gnadenlose Kampf des nordischen Lichtmenschen gegen die jüdischen Untermenschen. Deshalb richtete er sich schließlich gegen jene, die ihn vom Zaun brachen und endete im Inferno. Das Thema ist auch nicht der Kampf zwischen Kapital und Arbeit. Aus dem Krieg ging das Sowjetreich zwar als Sieger hervor. Doch die „Diktatur des Proletariats“ erstickte die Freiheit im sozialistischen Kollektiv, zerfiel in einem längeren Prozess und brach schließlich in sich zusammen. Nicht eine dramatische Explosion beendete den Traum, sondern eine Implosion. Am Ende heruntergewirtschaftete Länder und desorientierte Menschen.

Wie aber ist es mit der „neuen Ideologie des Bösen“? Wird sie auch scheitern? Ist das schon zu erkennen? Die Aggression geschieht nicht mit Krieg und Terror, sondern gewaltfrei und unter Berufung auf die Menschenrechte. Sie richtet sich nicht gegen Rassen und Klassen; sie zielt auf das biblische Menschenbild. Gleich im ersten Kapitel der Bibel steht die Magna Charta des Schöpfers für sein geliebtes Geschöpf: „Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn; und schuf sie als Mann und Frau“ (1. Mose 1,27). In der Polarität von Mann und Frau spiegelt sich wie in einer Ikone das Geheimnis Gottes. Auf ihr liegt der Segen zur Weitergabe des Lebens und zum Regiment über die Mitgeschöpfe: „Und Gott segnete sie und sprach zu ihnen: Seid fruchtbar und mehret auch und füllet die Erde und macht sie euch untertan“ (1. Mose 1,29).

Die Aggression der „neuen Ideologie des Bösen“ zielt ins Herz der Schöpfung und richtet sich deshalb gegen den Schöpfer selbst. Sie geschieht im Namen der „Gleichheit“. Die Frau soll nicht nur gleichberechtigt sein, sondern dem Manne völlig gleich, ihm nacheifern, ihn geradezu nachäffen. Ihre biologische Natur soll sie verleugnen. Ihr Privileg, dass sie allein Leben schenken kann und mit reichen Gaben dazu ausgestattet ist, ihr Kind zu nähren, zu pflegen und ins Leben zu führen, wird zum Hemmnis, sich im Leben „verwirklichen“ zu können, einen Beruf auszuüben und das Leben zu genießen.

Die Aggression richtet sich gegen die Polarität der Geschlechter, gegen Ehe und Familie. Hat nicht jeder Mensch beide Geschlechtsanteile schon in sich? Bedarf er der Ergänzung durch das andere Geschlecht? Hat er nicht die Freiheit, sich auch dem eigenen Geschlecht zuzuwenden? Bedarf es wirklich der Zwangsinstitution einer lebenslänglichen Ehe? Ist sie nicht ein Auslaufmodell, an dessen Stelle schon längst verschiedene „Lebensformen“ – auch homosexueller Art – entstanden sind? Sind diese nicht auch „Ehe“ oder „Familie“ und können gleiches Ansehen und gleiches Recht für sich beanspruchen? Gérard-François Dumont bringt es auf den Punkt: „Die Strategie dieser Ideologien besteht deshalb darin, Alternativen zur Familie zu vermehren mit dem Ziel, die Familie als Grundlage der Gesellschaft zu ersetzen. Die Familie hat vollständig zu verschwinden. Sie fällt einfach einer utopischen Sicht des Fortschritts zum Opfer.“ (16)

Der Mensch lehnt sich auf gegen Jahrtausende Menschheitsgeschichte und Millionen Jahre Evolution. Gegen seine eigene Natur. Er erfindet sich selbst neu. Er kämpft gegen seinen Schöpfer. Nicht dessen Ebenbild will er sein, sondern sein eigener Schöpfer und Herr.

Die Folgen sind nicht zu übersehen. Denn das „paradise now“ ist eine Lüge; wir leben immer noch „jenseits von Eden“. Ein Hinweis sind die „Risiken und Nebenwirkungen“ der Ideologie in epidemisch sich ausbreitenden Suchterkrankungen und psychischen Depressionen. Sichtbar werden die Folgen in der immer größeren Zahl von Scheidungen und dem Elend der Scheidungswaisen. Das kann nicht anders sein, wenn Menschen unter der Machteinwirkung der Ideologie des „paradise now“ aus dem Strom der Generationen und zugleich aus dem Netzwerk von Familie und Verwandtschaft herausgerissen zu bindungsunfähigen Narzissten verkümmern.

Dramatisch werden die Folgen beim Geburtenrückgang. Wir lesen von der Bestanderhaltungszahl von durchschnittlich 2,1 Kindern pro Frau. Wir hören, dass diese Zahl mit 1,2 Kindern pro Frau in Deutschland erheblich unterschritten wird und wir darum in Europa beinahe das Schlusslicht bilden. Diese Tatsache, die möglichen Folgen und die erforderlichen Maßnahmen, um die bedrohliche Entwicklung zu stoppen, sind heute Gegenstand öffentlicher Diskussion. Die Krise der sozialen Versorgungssysteme angesichts einer zunehmenden Überalterung hat sie erzwungen.

Vor wenigen Jahren war das anders. Zwar wurden die Zahlen der statistischen Ämter regelmäßig veröffentlicht, den Verantwortlichen auch bekannt gemacht; die Reaktion aber war gleich Null. Das Thema stand unter einem stillschweigenden Tabu. Wollte man nicht wahrhaben, dass wir die eigene Zukunft verhütet und abgetrieben haben? So verhinderte eine hartleibige Faktenresistenz die längst überfällige Reaktion.

An Vorschlägen, was nun zu tun sei, besteht kein Mangel: Bau von Kindertagesstätten, finanzielle Besserstellung von Familien mit Kindern bei der Steuer und der Rente, bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie und vieles mehr. Die Frage bleibt, ob dies zur Lösung des demographischen Problems führen wird. Oder verdeckt hier eilfertiger Aktivismus die Realität?

Unsere Gesellschaft gleicht einem Unternehmen, dessen Chef es seit Jahren unterlassen hat, die erforderlichen Abschreibungen zu finanzieren und die anstehenden Investitionen zu realisieren. Er verfrühstückt den gesamten Ertrag seines Unternehmens für sich und seinen üppigen Lebensstil. Sein Betrieb wird vom Markt verschwinden.

Wenn sich die demographische Entwicklung fortsetzt, lässt sich abschätzen, dass es binnen weniger Generationen mit unserem Volk zu Ende sein wird. Weil das demographische Problem alle westlichen hochentwickelten Völker betrifft, stehen alle gemeinsam vor dem drohenden Ende des Abendlandes. Es wird untergehen wie einst das antike Griechenland und das Römische Weltreich. Mit welchen sozialen Verwerfungen, welchen Krisen und Katastrophen dieser Weg verbunden ist, das ist kaum auszudenken.

In jedem Lebewesen können wir den unbändigen Willen beobachten, sich in eigenen Nachkommen fortzupflanzen und so die eigene Art über das unvermeidliche Todesgeschick hinaus zu erhalten. Wenn bei uns dieser Wille langsam erlischt, dann offenbart das die lebensgefährliche Erkrankung unserer Kultur und damit die größte Krise der abendländischen Geschichte seit ihrem Ursprung am Ausgang der Antike. Die vorgeschlagenen Maßnahmen zur Verbesserung der Geburtenzahl sind nützlich und wichtig, sie werden aber nicht greifen und kaum durchsetzbar sein, solange kein Heilmittel gegen die tödliche Krankheit gefunden ist.

Nur im Machtbereich der „neuen Ideologie des Bösen“, unter der Losung „paradise now“ konnte diese Krankheit entstehen. Wo das Leben sich auf die Gegenwart reduziert, Vergangenheit und Zukunft hinter verengten Horizonten verschwinden, kommt es zu dieser kurzsichtigen und egoistischen Lebensweise, die das Erbe der Väter verschleudert und das der eigenen Kinder frisst.

Die „neue Ideologie des Bösen“ trägt ihr Verfallsdatum schon in sich. Auch wenn der Tag unbekannt ist und die gewährte Frist länger währen sollte als die der beiden anderen „Ideologien des Bösen“: sie zerstört unsere Zukunft – aber sie hat auch keine Zukunft.

VI. Ausblicke

Nicht dem autonomen Menschen, der sich gegen seinen Schöpfer stellt, sich und die Welt neu erfinden will, gehört die Zukunft. Sie gehört Christus, dem „Ebenbild des unsichtbaren Gottes“, der für die Welt den Weg in die Tiefe gegangen ist bis zum Kreuz, den Gott von den Toten auferweckt hat, der zum Herrn über alles geworden ist – und der kommen wird zum Gericht und zur Vollendung seiner Reichs.

Das ist die Wirklichkeit, an der die Ideologien des Bösen scheitern. Sie kommt zu uns in der Geschichte des Jesus von Nazareth. Der vierte Evangelist stellt sie in den weitesten nur denkbaren Horizont (Joh 1,1-14). Da steht am Anfang das „Wort“, das bei Gott war, durch das alles geschaffen ist und besteht. Es wird „Fleisch“ und wohnt unter uns. Zeigt uns seine „Herrlichkeit“, geht den Weg ins Leiden und wird im Kreuz „erhöht“. Die Weltgeschichte steht unter den drei Vorzeichen der Schöpfung, der Sünde und der Erlösung. Es ist die Geschichte der unsagbaren Liebe Gottes und zugleich die Geschichte seines leidenschaftlichen Kampfes um das verlorene Geschöpf gegen die Verderbensmächte. Die Geschichte wird zum Interim zwischen dem „von Ewigkeit zu Ewigkeit“ der Gottesherrlichkeit.

Der Hörer des Worts aber kommt unter die heilende und befreiende Prägekraft von Christus, dem „Ebenbild des unsichtbaren Gottes“. Es entsteht die Gemeinde der Jünger, die Licht der Welt und Salz der Erde sein werden.

Paul Schütz, der begnadete Künder der „Parusia“ – der Gegenwart des Kommenden – schreibt dazu: „Geschichte wäre dann mit ihren Brüchen, Erhebungen und Abstürzen als Ganzes eine Krisis, ein Sturm der Verwandlungen. In paulinischer Bildersprache wäre sie eine Geburtswehe einer neuen, zweiten Schöpfung. In diesem schöpferischen Akt hätte auch das Katastrophische eine positive Bedeutung: als Reinigung, Beiseiteräumen von Hindernissen, als Öffnung für das Kommende.“ (17) Auch das Scheitern der „Ideologien des Bösen“ gehört dann zum „Beiseiteräumen von Hindernissen, als Öffnung für das Kommende“.

Anmerkungen

1 Johannes Paul II. Erinnerung und Identität – Gespräche an der Schwelle zwischen den Jahrtausenden, Weltbild Buchverlag, Augsburg 2005, S.18-27.

2 A.a.O. S.26.

3 A.a.O.

4 A.a.O.

5 A.a.O.

6 A.a.O.

7 Volker Beck in: NETZZEITUNG-DE vom 10. Febr.2005
http://www.netzzeitung.de/deutschland/326382.html.

8 Die folgenden Zitate in „Erinnerung und Identität“ S. 19-21.

9 Joh.Paul II. A.a.O. S.22.

10 A.a.O. S.25.

11 A.a.O. S.25.

12 „Von euch werden die meisten wissen, was es heißt, wenn 100 Leichen beisammen liegen, wenn 500 daliegen oder wenn 1000 daliegen. Dies durchgehalten zu haben, und dabei – abgesehen von Ausnahmen menschlicher Schwächen – anständig geblieben zu sein, das hat uns hart gemacht. Dies ist ein niemals geschriebenes und niemals zu schreibendes Ruhmesblatt unserer Geschichte … Und wir haben keinen Schaden in unserem Inneren, in unserer Seele, in unserem Charakter daran genommen.“ So Heinrich Himmler am 4. Oktober 1943 in Posen vor versammelten SS-Offizieren zur Judenvernichtung. (Text aus: http.//www.cyberussr.com/hcunn/q.himmler.htlm.

13 Rocco Buttiglione, Professor für Recht und Philosophie, Vertrauter und Berater des Papstes, sollte Kommissar für Justiz, Gesellschaft und Sicherheit in der EU werden. Eine Mehrheit mit nur einer Stimme im Ausschuss für Grundrechte des Europäischen Parlaments hat dies verhindert. B. hatte bei der Befragung erklärt, dass er Homosexualität zwar für Sünde halte, sich aber strikt an geltendes Recht halte, nach dem Homosexualität kein Strafbestand ist. Das führte zu einem Entrüstungssturm bei den linken Parteien, zur Ablehnung des designierten Kommissar am 13.10.2004 und zu einem völlig neuen Kommissionsvorschlag.

14 Robert L. Spitzer, Professor für Psychiatrie an der Colombia University, war die Schlüsselperson bei der Streichung der Homosexualität aus der Liste der psychischen Störungen in den USA im Jahre 1973. Nach einer umfangreichen, positiv verlaufenen Studie im Jahr 2001 über die Frage, ob ihm berichtete Veränderungen tatsächlich stattgefunden haben, revidierte er seine ursprüngliche Überzeugung von der Unveränderbarkeit der Homosexualität und erregte damit weltweites Aufsehen.

15 Paul E. Rondeau, Wie Homosexualität in den USA vermarktet wird, in: Bulletin des Deutschen Instituts für Jugend und Gesellschaft Nr.8, S.3-28, Reichelsheim 2004. Dazu Hans Lachenmann, Marketing im Dienst von Ideologie – Ein Lehrstück aus den USA, in: www.nbc-pfalz.de

16 G.-F. Dumont, Nur Gesellschaften von Familien haben Zukunft, in: Familie ist Zukunft, Dokumentation des XIX. internat. Kongresses f.d. Familie, hrsg. v.d. Schweizerischen Stiftung f.d. Familie, Zürich 2000, S. 58ff.

17 Paul Schütz, Widerstand und Wagnis, 1982, S. 186.

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Dieser Beitrag wurde erstellt am Sonntag 9. Oktober 2005 um 15:04 und abgelegt unter Gesellschaft / Politik.