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Predigt über Jeremia 23,29

Sonntag 3. Januar 2021 von Prof. Dr. Thomas Kothmann


Prof. Dr. Thomas Kothmann

„Ist mein Wort nicht wie ein Feuer, spricht der Herr, und wie ein Hammer, der Felsen zerschmeißt?“  (Jeremia 23,29)

Die Reformation begann vor gut 500 Jahren mit einigen unscheinbaren Hammerschlägen an die Tür der Wittenberger Schlosskirche. Zuvor hatte ein Augustinermönch Feuer gefangen. Gottes Wort hatte das Herz des bis dahin wenig bekannten Martin Luther entzündet und ihn nicht nur Gott, sondern auch das kirchliche Leben seiner Tage in einem neuen Licht sehen lassen. An ihm musste sich deshalb auch der Frömmigkeitsbetrieb und die verkehrte Bußgesinnung seiner Zeit messen lassen. Beides hatte für den angehenden Reformator mit der Vernachlässigung des Wortes Gottes zu tun. In These 54 gegen den Ablass stellt er klar: „Beleidigung widerfährt dem Wort Gottes, wenn in ein und derselben Predigt dem Ablass die gleiche oder mehr Zeit eingeräumt wird als ihm selbst“.

Aus Liebe zur Wahrheit und in dem Verlangen, sie ans Licht zu bringen …“ trat Luther in den 95 Thesen deswegen nicht nur für ein evangeliumsgemäßes Verständnis der Buße als Herzenshaltung der Umkehr ein, sondern auch für ein neues Hören auf Gottes Wort. Damit begann die Reformation der Kirche an Haupt und Gliedern in Wittenberg und weit darüber hinaus.

In der Auslegung zum 3. Gebot schrieb der Reformator 1529 nach den Erfahrungen in den Sturmjahren der Reformation im Großen Katechismus: „…das Wort Gottes ist das Heiligtum über alle Heiligtümer, ja das einzige, das wir als Christen wissen und haben. … Deswegen sage ich allezeit, dass unser ganzes Leben und Werk in Beziehung zum Wort Gottes stehen müsse, wenn es Gott gefällig oder heilig heißen soll“.

Die Besinnung auf Gottes Wort war die Grundlage aller evangelischen Reformen in Kirche und Christentum. Um Gottes Wort geht es auch am heutigen Reformationsjubiläum, in das hinein der Spruch des Propheten Jeremia ertönt: „Ist mein Wort nicht wie ein Feuer, spricht der Herr, und wie ein Hammer, der Felsen zerschmeißt?“ (Jer 23,29).

Liebe Gemeinde, dieser Prophetenspruch ist ein im wahrsten Sinne des Wortes „wuchtiges“ Wort: Gottes Wort – „dem Feuer gleich“ und Gottes „Erlauten … gleich einem Schmiedehammer, der Felsen zerspellt“, wie Martin Buber diese Worte übersetzt. Es fällt im Zusammenhang von Jeremias Auseinandersetzung mit den Heilspropheten am Jerusalemer Königshof.

Jeremia hat die Macht des Gotteswortes buchstäblich am eigenen Leib erfahren: In seinen Konfessionen klagt er über die Last seines Prophetenamtes, die er am liebsten abschütteln möchte, und wirft Gott vor: „HERR, du hast mich überredet, und ich habe mich überreden lassen. Du bist mir zu stark gewesen und hast gewonnen; aber ich bin zum Spott geworden täglich und jedermann verlacht mich.“ (Jer 20,7). Angesichts des Spotts und Hohns seiner Volksgenossen will er nicht länger Gottes Wort verkündigen. Doch dieses Wort ist in seinem „Herzen wie ein brennendes Feuer“, so dass er gar nicht anders kann als weiterhin zu predigen (Jer 20,9).

Jeremia hat das Wort Gottes wahrlich nicht gesucht. Es hat sich ihm unwiderstehlich aufgedrängt. Er hat es bei seiner Berufung empfangen (Jer 1,6), nicht wie die falschen Propheten, die das Wort Gottes „stehlen, einer vom anderen“ (Jer 23,30); die von Glück und Erwählung sprechen, Jeremia dagegen von Umkehr und Gericht. Jeremia kommt mit Gottes Wort aus der Einsamkeit, der Anfechtung, die Heilspropheten suchen die Sensation im Volk: „Mir hat geträumt! Mir hat geträumt!“ (Jer 23,25).

Jeremia ruft zum Gehorsam des Glaubens, der falsche Prophet bestätigt seine Zeitgenossen auf deren verkehrten Wegen mit falschen Heilsversprechen: „Es wird euch wohlgehen!“ „Es wird kein Unheil über euch kommen!“ (Jer 23,17) Oder um es mit Karl Barth zu sagen, der in einer Predigt über den „Pfarrer, der es den Leuten recht macht“ (1916), sagte: „Er zieht sich immer gerade dann zurück, wenn es darauf ankäme, hervorzutreten. Er lässt sich nennen: einen Prediger des Evangeliums, einen Seelsorger, einen Diener Gottes, aber er ist doch nur ein Angestellter der Menschen. Er träumt davon, er rede im Namen Gottes; aber er redet ja doch nur im Namen der Kirche, im Namen der öffentlichen Meinung, im Namen der ‚anständigen Leute‘, im Namen seiner eigenen kleinen Person. … Er weiß, dass Gott den Menschen helfen will aus ihrer Gottlosigkeit und dass der Kampf der Geister, den das bedeutet, einmal durchgekämpft sein muss. Aber er predigt den ‚Frieden‘, ja den Frieden zwischen Gott und der unerlösten Welt, die in uns und um uns ist, als ob daraus etwas werden, als ob es einen solchen Frieden geben könnte. Er weiß, dass es seine Pflicht ist, den neuen Willen, das neue Leben, die Gott schaffen will, auszurufen, dass man es hört. Aber lässt das Furchtwesen, das Lügenwesen, das Eitelkeitswesen, das Mammonswesen, das Gewaltswesen ruhig stehen – das ist die Mauer, die das Volk sich gebaut hat, die lottrige, brüchige, schiefe Mauer – und tüncht sie vielmehr noch mit dem losen, sanften, tröstenden Kalk der Religion zu seiner eigenen und jedermanns Erbauung und Befriedigung.“

Diesen falschen Propheten hält Jeremia in aller Schärfe entgegen: „Ist mein Wort nicht wie ein Feuer, spricht der Herr, und wie ein Hammer, der Felsen zerschmeißt?“ Wie reimen sich eure Gesichte und Träume, das pure Stroh, mit dem Weizen des Gotteswortes zusammen? Wie reimt sich eure Heilseuphorie mit der explosiven politischen Lage, dem sozialen Unrecht und der Gottvergessenheit vieler Menschen zusammen? Wie geht eure narkotisierende Religiosität mit Gottes Wort zusammen?

Aus der Geschichte wissen wir, und das ist immer der Vorteil der später Geborenen, dass Jeremia recht behalten sollte, entgegen der Heilspropheten und der ihr folgenden Volksmehrheit. Alle miteinander bekamen die Wahrheit und Wirkmächtigkeit des Gotteswortes alsbald zu spüren: Jerusalem und der Tempel wurden 587 v. Chr. dem Erdboden gleichgemacht. Das Land ging verloren und das Volk musste ins babylonische Exil. Eine größere nationale und religiöse Katastrophe war kaum vorstellbar.

Die historischen Details brauchen uns an dieser Stelle aber nicht weiter zu interessieren. Denn das Prophetenwort und der dahinterstehende Konflikt konfrontieren uns mit einem grundsätzlichen und höchst aktuellen theologischen Problem. Das lässt sich so auf den Punkt bringen: Zwei reden – jeder im Namen Gottes und in tiefster subjektiver Überzeugung – gegeneinander. Wer im Recht ist, das offenbart – nicht nur im Falle Jeremias – erst der weitere Verlauf der Geschichte. Erst in der historischen Distanz wird die Wahrheit offenbar, wird deutlich, dass viele den falschen Propheten auf den Leim gegangen sind. Aber eben erst hinterher. Das kennen wir auch aus unserer jüngeren Geschichte.

Aus dieser bitteren Erfahrung heraus, auf die falschen Propheten gehört zu haben, wurde das Buch Jeremia aufgeschrieben. Man sollte eben nicht immer erst hinterher merken, wer der richtige Prophet war und vor allen Dingen wissen: Gottes Wort ist verlässlich. Es ist bedeutsam für das Leben jetzt und für die Zukunft (Jer 30,2; 36,2). Denn Gottes Wort wirkt, was es sagt. Es ist das Kriterium, das die Wahrheit von der Lüge unterscheidet. Lüge meint hier nicht die persönliche Unwahrhaftigkeit im Sinne subjektiver Unehrlichkeit. Nein, es geht um die „Lüge“ im Sinne der objektiven Falschheit. Die falschen Propheten sind darum „falsch“, weil sie ohne Auftrag Gottes aus ihrem eigenen Wollen sprechen.

Was heißt das nun aber für uns heute? Woran lässt sich prophetisches Reden aus Gottes Wort heute erkennen? Ich will das in drei kurzen Punkten etwas erläutern.

  1. Gottes Wort deckt auf

Unsere menschliche Natur befindet sich offensichtlich von Haus aus nicht im Einklang mit Gottes Willen (Röm 3,9-20). Sie hat vielmehr eine Schlagseite zum Bösen durch unseren unausrottbaren Egoismus. Deswegen lassen wir uns gerne von Rednern und Predigten schmeicheln, die uns nicht allzu sehr in Frage stellen, die uns der Nähe und Begleitung Gottes vergewissern und unsere Hoffnungen und Wünsche mehr oder weniger bestätigen. So wie das bei den Heilspropheten zu Jeremias Zeiten der Fall war, die von Träumen sprechen, die aus ihrem Herzen kommen, während das Wort des richtigen Propheten aus Gottes Mund kommt und alle menschliche Selbstgewissheit und Selbstzufriedenheit erschüttert. Die falschen Propheten räuchern dem Götzen des „religiösen Gefühls“, der Prophet Gottes sagt, was ist: der nahe Gott kann sich auch zurückziehen; der „liebe“ Gott – oder noch schlimmer der „verlieblichte Gott“ – ist auch der „gerechte“ Gott. Die falschen Propheten geben den zeitgeistigen Ideologien eine religiöse Weihe, der echte Prophet weiß um die Strenge des göttlichen Gebotes und den Zorn Gottes.

Falsche Propheten sind in der Regel sehr verschwenderisch mit heilvollen Versprechen und dem Segen Gottes. Dietrich Bonhoeffer hat das in seinem Buch „Nachfolge“ als „billige Gnade“ bezeichnet. „Billig“ im Sinne einer „Sündenvergebung als allgemeine Wahrheit“, als „Rechtfertigung der Sünde und nicht des Sünders“, als „Gnade, die wir mit uns selbst haben“. Dieser billigen Gnade als „Schleuderware“ stellt Bonhoeffer die „teure Gnade“ des Evangeliums gegenüber, die „die Sünde verdammt“ und den „Sünder rechtfertigt“. Teuer ist diese Gnade vor allem darum, „weil sie Gott teuer gewesen ist, weil sie Gott das Leben seines Sohnes gekostet hat … und weil uns nicht billig sein kann, was Gott teuer ist. … Teure Gnade ist Gnade als das Heiligtum Gottes, das vor der Welt behütet werden muss, das nicht vor die Hunde geworfen werden darf; sie ist darum Gnade als lebendiges Wort, Wort Gottes, das er selbst spricht, wie es ihm gefällt.“

Die „teure Gnade“ ist das Wort Gottes, das uns „trifft wie ein Hammer, der Felsen zerschmeißt“, das unseren Eigensinn, unsere Rechthaberei und unsere Verblendung heilsam erschüttert. So wie die Hörer der ersten Pfingstpredigt, von denen es in der Apostelgeschichte heißt: „Es ging ihnen durchs Herz“ (Apg 2,37). Diese Erfahrung geht dem Glauben und der Nachfolge Jesu immer voraus: dass ein Mensch in der Begegnung mit dem lebendigen Gotteswort zutiefst erschrickt über die Verkehrtheit und Verlorenheit seines eigenen Lebens, wenn es in seinem Gewissen zu hämmern beginnt und ihm bewusst wird: „Jetzt weiß ich, dass in mir nichts Gutes wohnt. Wollen habe ich wohl, aber das Gute vollbringen kann ich nicht. Denn das Gute, das ich will, das tue ich nicht; sondern das Böse, das ich nicht will, das tue ich“ (Röm 7,18f.).

Wer demgegenüber die Gnade ohne Gesetz, wer Gnade ohne Gericht predigt, wer nur das Evangelium von der „solidarischen Lebenshilfe“ und der „Lebensdienlichkeit des Glaubens“ predigt, sagt Richtiges, aber nicht die ganze Wahrheit. Im 3. Leitsatz des im Sommer veröffentlichten Zukunftspapiers der EKD – „Kirche auf gutem Grund“ – heißt es: „Die Kirche folgt Christus und seinem Geist, wenn sie sich für die Schwachen, Ausgegrenzten, Verletzten und Bedrohten einsetzt“ und wenn sie „bestehende Strukturen für Kooperationen“ öffnet und „in enger und nachhaltiger Abstimmung mit zivilgesellschaftlichen Partnern eigene Angebote“ profiliert, konzentriert und gegebenenfalls reduziert. Als aufmerksam-kritisches Gemeindeglied sucht man in diesem Leitsatz zum – wohlgemerkt – „missionarischen Handeln der Kirche“ vergeblich nach dem offensichtlich verloren gegangenen „Wort“, das uns „trifft wie ein Hammer, der Felsen zerschmeißt“, das Sünde beim Namen nennt, zum Glauben und in die Nachfolge Jesu ruft. Offensichtlich erging es den Verfassern wie Goethes Faust, der meint: „Ich kann das Wort so hoch unmöglich schätzen. Ich muss es anders übersetzen.“ Und das hat er auch getan und das „Wort“ durch die „Tat“ ersetzt.

Der Versuch den christlichen Glauben sozialethisch zu plausibilieren und durch die „Tat“ als glaubwürdig zu erweisen, ist angesichts des gesellschaftlichen Gegenwindes, der den Kirchen zunehmend heftiger ins Gesicht bläst, zwar irgendwie verständlich und auch berechtigt. Dennoch ist die Ethisierung oder Moralisierung des Evangeliums eine Verkürzung des christlichen Glaubensverständnisses. Im christlichen Glauben geht es nicht nur um Weltgestaltung und Solidarität mit irgendwelchen „zivilgesellschaftlichen Partnern“, sondern es geht immer zugleich und zuerst um das Verhältnis des einzelnen zu Gott und seines Selbstseins vor Gott. Der in unserer pluralen Gesellschaft häufig zu vernehmende du gewiss wohlmeinende Rat, einem jeden seinen Glauben zu lassen, hilft da nicht wirklich weiter. Dann hätte sich Jeremia die Auseinandersetzung mit den falschen Propheten schenken können. Nein, in jeder Form eines gelebten Gottesverhältnisses geht es aufs Ganze. Es geht um die Wirklichkeit Gottes, es geht um die Wahrheit, um das, was im Leben und Sterben unbedingt gilt.

Gerade weil der lebendige Gott keine bloße Idee ist, über die man unverbindlich diskutieren könnte, sondern ein Gott, der in seinem richtenden und verheißenden Wort gegenwärtig ist, ist die Unterscheidung von Wahrheit und Irrtum nicht gleichgültig. Im Hebräerbrief heißt es im 4. Kapitel: „Das Wort Gottes ist lebendig und kräftig und schärfer als jedes zweischneidige Schwert und dringt durch, bis dass es scheidet Seele und Geist, auch Mark und Bein, und ist ein Richter der Gedanken und Sinne des Herzens“ (V.12). Gottes Wort ist lebendig, in ihm begegnet er uns wie im Feuer auf dem Sinai, in der Feuersäule und im brennenden Dornbusch. Vor dem heiligen Gott wird jeder Bereich unseres Lebens einer trennenden Durchdringung zur Scheidung von Gut und Böse, Licht und Finsternis unterzogen. Es ist eine Scheidung, die nicht den Tod des Sünders will. Die Aufdeckung unserer Schuld geschieht zur Rettung, zu unserem Heil.

  1. Gottes Wort rettet

Jeremia geht mit den Heilspropheten scharf ins Gericht: „Sie betrügen euch!“ (Jer 23,16) – Martin Buber übersetzt: „Sie umdunsten euch“-. Sie „vernebeln das Gelände“. Von ihren Illusionen könnt ihr nicht leben. Das hat keine Zukunft. Denn „Träume“ halten der Wirklichkeit nicht stand. Gottes Wort dagegen gibt Klarheit. Es vertreibt den Nebel der Beschwichtigungen und macht ein Ende mit den Illusionen menschlicher Machbarkeit. Rettung kommt allein von Gott her. Wer an ihn glaubt, „der hört auf an sich selbst zu glauben“ (Gottfried Voigt). Der weiß, wie der Apostel Paulus, dass aus der allgemein-menschlichen Grundsituation des Schuldigseins gegenüber Gott und den Mitmenschen (Röm 3,23) allein das Evangelium von Christus dem Gekreuzigten einen befreienden Ausweg eröffnet; der weiß, dass er, wie alle anderen Menschen, darauf angewiesen ist und froh sein kann, dass er „aus Gnade, um Christi willen, durch den Glauben“ (CA Art. 4) vor Gott als gerecht gelten darf.

Die Botschaft des Evangeliums lautet: Christus, „der Herr“, wurde um unseretwillen zum „Knecht“ (Phil 2,11). Er nahm die Strafe auf sich, die wir für unsere Sünden verdient haben, damit wir Frieden haben (Jes 53,5). Kraft seiner Auferweckung von den Toten, dürfen auch wir auf ein ewiges Leben in der Gemeinschaft mit Gott hoffen (1 Kor 15,20f.) Auf diesen Heilstatsachen gründet das alte urchristliche Bekenntnis: „Herr ist Jesus“ (1 Kor 12,3; Röm 10,9). Und das lässt sich nicht im Sinne einer „Wahrheit für mich“ begrenzen bzw. zurücknehmen. Denn wenn es stimmt, dass Gott in Christus war und die Welt mit sich versöhnte (2 Kor 5,19), so geht diese rettende Botschaft auch heute noch alle Menschen an – auch wenn das missionarische Wortzeugnis gegenwärtig für viele unserer Zeitgenossen den Tatbestand des „religiösen Hausfriedensbruchs“ erfüllt.

In seiner im vergangenen Jahr erschienenen Autobiographie „Streiflichter meines Lebens“ (2019) schreibt der frühere württembergische Landesbischof Gerhard Maier an einer Stelle: „Früher hatte ich Mühe, zu verstehen, wie die rein christlichen Länder des Orients mehrheitlich zum Islam konvertieren konnten, voran die Begabten. Jetzt ist das so leicht verständlich. Was die moderne protestantische Theologie von Christus sagt, ist nur noch eine Handbreit vom Islam entfernt: Er sei nicht Gottessohn im essenziellen Sinn und wollte es auch nicht sein. Sein Tod war kein Sühnetod, das Kreuz habe keine Heilsbedeutung, die Auferstehung sei nicht real, sondern nur hinein in den Glauben und ins Bewusstsein. Der Ausgleich mit dem Islam wird dem Protestantismus gegenwärtig wichtig. Wichtiger jedenfalls als die Mission. Was sollte dann unsere jungen Menschen abhalten, muslimische Ehepartner zu suchen und zu ihrem Glauben zu konvertieren. Teile des Protestantismus sind sogar stolz darauf, als Anwalt der Muslime vor die Öffentlichkeit zu treten. Dabei fehlt uns der Austausch mit dem christlichen Schwesterkirchen, die schon lange unter dem Islam gelebt haben.“

Der Theologe Thomas Schirrmacher hat in einer kritischen Besprechung von Positionspapieren der EKD zum islamisch-christlichen bestätigt, dass es sich dabei nicht nur um einen subjektiven Eindruck handelt, sondern um eine offenkundige Tendenz: „Jesus Christus scheint dem Dialog zwischen Christen und Muslimen im Weg zu stehen. Allerlei Politiker, Medien, ja auch Kirchen sehen in einem allzu eindeutigen Bekenntnis dazu, dass Jesus Christus, wahrer Gott und wahrer Mensch, durch sein Leiden und Sterben am Kreuz und durch seine Auferweckung der einzige Weg zum Heil ist, eine Gefahr für den gesellschaftlichen Frieden. Es wird dabei unterstellt, dass eine solche Sicht einen gesellschaftlichen Dialog von Christen mit Muslimen für eine friedliche und gerechte Gesellschaft unmöglich macht.“ Aus diesem Grund, so Professor Schirrmacher weiter, haben etliche Kirchenleitungen bzw. Synoden von Gliedkirchen der EKD beschlossen oder zur Diskussion aufgefordert, „die Verkündigung des Evangeliums gegenüber Muslimen mit dem Ziel der Taufe ganz zu unterlassen, den Dialog mit Muslimen an die Stelle missionarischer Absichten zu stellen, sich umfangreich mit dem Jesusbild des Islam anzufreunden oder etwa Muslime regelmäßig an der Gestaltung der Liturgie evangelischer Gottesdienste einzubeziehen.“ (CA II/2019, 25f.)

Wer dieser Aufforderung nachkommt, so Professor Schirrmacher, entwertet seine „Ausweiskarte“ als Christ. Denn allein Jesus Christus, der Gekreuzigte und Auferstandene ist das einzig spezifisch Christliche, das wir in die Debatten auf dem religiösen Markt einbringen können. Er, das menschgewordene Gotteswort, rettet diese Welt durch seine dienende Selbsthingabe. Jesus offenbart in seinem Leiden und Sterben: „Gott ist die Liebe“ (1 Joh 4,8). Im Verzicht auf jegliche Macht sucht sie das Vertrauen und die Gegenliebe des Menschen zu gewinnen. Wer von dieser Liebe getroffen ist, in dem wird ein Feuer entzündet. Der wird zum Botschafter und Zeugen Jesu Christi. Denn dem Evangelium ist der Impuls zum Weitersagen quasi eingebaut. Ein Christ kann gar nicht anders, als von Jesus Christus als dem Grund und Ziel christlicher Hoffnung zu sprechen, in dem tiefen Wunsch, dass das Funke überspringt, dass Gottes Wort auch im anderen ein Feuer entzündet, Glauben weckt. Und wo immer das geschieht, geschieht es unter der Verheißung, dass Gottes Wort „nicht wieder leer“ zurückkommt, sondern dass es tun wird was Gott „gefällt“ und ihm „gelingen wird“ wozu er es sendet (Jes 55,11).

Das Worte Wirklichkeiten schaffen, kennen wir vielfach aus eigenem Erleben. Wir wissen, wie die Welt um uns dunkel wird, wenn wir als Kinder zu hören bekommen: „Aus dir wird nie etwas! Schau den Sohn vom Nachbarn an, was das für ein toller Kerl ist!“ Am Arbeitsplatz ist es nicht viel anders. Auch Arbeitnehmer sind darauf angewiesen sind, dass ihnen ab und zu ein gutes Wort, eine Anerkennung zugesprochen wird. Negative, herabsetzende Worte mit denen nur Druck und Lieblosigkeit erzeugt wird, können krank machen. Worte schaffen Wirklichkeiten.

Wie viel mehr Gottes Wort. Es verändert die Wirklichkeit, indem es eine neue Wirklichkeit schafft. Gottes Wort lässt uns nicht nur erschrecken über unsere Schuld, es tröstet auch, wenn wir hören: „Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst, ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein.“ (Jes 43,1). Gottes Wort zerstört nicht nur alle Illusionen, die wir uns über uns selbst machen, es versichert und auch der unverbrüchlichen Liebe in Jesus Christus, von der uns „weder Tod noch Leben…, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges“ scheiden kann (Röm 8,38f.).

  1. Gottes Wort ruft zur Umkehr

Jeremia wirft den Heilspropheten seiner Tage vor, sie hätten Gottes Wort nicht verkündigt, weil sie sonst alles unternommen hätten, um das Volk „von seinem bösen Wandel und seinem bösen Tun zu bekehren“ (Jer 23,22). „Bußprediger“ sind in der Regel selten gefragt, damals nicht und heute nicht. Unterhaltungswert haben sie höchstens, wenn sie den anderen gehörig die Meinung sagen, einen selbst aber verschonen. Die erste der 95 Thesen Martin Luthers lautet bekanntlich: „Wenn unser Herr und Meister Christus sagt: Tut Buße usw., so will er, dass das ganze Leben der Gläubigen auf Erden eine stets Buße sein soll.“ Nicht nur die Außenstehenden, auch wir Christen sind immer gehalten, unser Herz im Lichte von Gottes Wort zu prüfen und umzukehren. Aber was heißt das konkret? Wo trifft uns heute der Hammerschlag des richtenden Gotteswortes? Oder ist das heute eher der Hieb der Political Correctness?

Mit Umkehrforderungen werden wir gegenwärtig auch innerhalb der Kirche vielfach konfrontiert: der Umkehr zu einem gendersensiblen Umgang miteinander, einem klimaneutralen und nachhaltigen Lebensstil, einer möglichst fleischlosen Ernährung, einer antirassistischen Haltung und dergleichen mehr. Auch wenn manches davon inzwischen skurrile Blüten treibt und der neuen Sensibilität wegen inzwischen auch der schwarze Melchior aus alten Traditionskrippen wie der im Ulmer Münster entfernt wurde, die deutsche Sprache durch die allgegenwärtigen Gendersternchen zunehmend verhunzt wird, die Klimarettung inzwischen fast einer Religion gleichkommt und sich die Hypermoral in Sachen Seenotrettung gar nicht so recht mit dem großen Schweigen in der Abtreibungsfrage zusammenreimt, so kann man über all diese „Umkehrrufe“ durchaus sachlich und mit gesundem Menschenverstand diskutieren.

Zu fragen bleibt dennoch, wie wir als Gemeinde Jesu Christi in der Polyphonie der verschiedenen christlichen, halb- und auch unchristlichen Stimmen den Willen Gottes feststellen und erkennen, was „das Gute“, ist, das wir tun, und was „das Böse“ ist, von dem wir uns fernhalten sollen? Martin Luther würde dazu vielleicht zweierlei sagen:

Erstens: wir lernen Gottes guten Willen nicht anders kennen und tun, als dass wir im Glauben das erste Gebot erfüllen. Was das heißt, will ich mit einem Stück aus dem alten Württemberger Fragbüchlein zum Kleinen Katechismus (1535) beantworten. Dort heißt es unter der Frage 25: „Was heißt Buße tun? Buße tun heißt: „umkehren in die offenen Arme Gottes“. Dazu gehört, dass wir die Sünden herzlich erkennen, vor Gott und in gewissen Fällen auch vor Menschen bekennen, bereuen, hassen und lassen und im Glauben an Jesus Christus in einem neuen Leben wandeln“.

Nur dort, wo wir im Glauben „Gott über alle Dinge fürchten, lieben und vertrauen“ wird uns die Kraft geschenkt -so zumindest eine Grundüberzeugung lutherischer Theologie-, die anderen Gebote und damit Gottes Willen für unser Leben recht zu verstehen und zu tun. Ohne den Glauben kann man weder das erste noch eines der übrigen Gebote erfüllen. Der Glaube ist der „Werkmeister und Hauptmann“ in allen guten Werken, wie Martin Luther im „Sermon von den guten Werken“ (1520) darlegt. Das Prä liegt also nicht bei den sogenannten „Werten“, um die es heute in Kirche und Gesellschaft so häufig geht, sondern in der Gottesbeziehung des Menschen. Entscheidend ist zunächst, dass Menschen zum Glauben finden, im Sinne einer „lebendigen, verwegenen Zuversicht auf Gottes Gnade“ (Martin Luther). Dieser Glaube ist weder Ausdruck eines schwachen Denkens noch eine unspezifische Form religiöser Erregung. Er besteht in der festen Zuversicht, dass durch den stellvertretenden Sühnetod des Gottessohnes die Sünde vergeben ist (Röm 3,24-25) und wir „Frieden haben mit Gott durch unseren Herrn Jesus Christus“ (Röm 5,1). Dieser Glaube ist nie ohne die Liebe (Gal 5,6). Im Leben eines Christenmenschen gehören beide untrennbar zusammen. In einer Auslegung zu Lukas 17,11-19 schreibt Martin Luther: „Glaube und Liebe ist das Wesen eines christlichen Menschen. Der Glaube empfängt, die Liebe gibt. Der Glaube bringt den Menschen zu Gott, die Liebe bringt ihn zu den Menschen.“

Dazu gehört ein Zweites: dass wir unsere Gewissen schärfen am Wort Gottes, das uns nur der Heilige Geist recht zu verstehen lehrt. In einer Tischrede sagt der Reformator einmal: „Man soll die Heilige Schrift nicht nach unserer Vernunft messen, richten, verstehen und deuten, sondern sie mit Gebet fleißig bedenken und ihr nachtrachten. … Der Heilige Geist muss da allein Meister und Lehrer sein: er muss es uns lehren. Und der Jünger oder Schüler schäme sich nicht, von diesem Lehrer zu lernen…

Luther war sich sicher, dass die Heilige Schrift im Wesentlichen, ihrem Christuszeugnis, nicht nur klar ist, sondern er war auch zutiefst davon überzeugt, dass sich die Schrift selbst auslegt, besser als wir das tun können. Dabei ging es ihm nicht nur um die Freiheit des Christenmenschen von jeglicher Bevormundung durch theologische und kirchliche Autoritäten. Er war sich -nicht zuletzt aus eigener Erfahrung- gewiss, dass Gott den nach Wahrheit suchenden Glaubenden, der sich nicht als Meister über die Schrift, sondern unter sie stellt, selbst zu einem richtigen Schriftverständnis führt. Die Bibel erweist sich darin als lebendiges Wort Gottes, dass sie in den wesentlichen, das heißt den heilsrelevanten Aussagen, klar ist und sich selbst auslegt. Luther hat wie der Prophet Jeremia dem Wort Gottes eine gewaltige Macht zugetraut: Es führt uns zur Begegnung mit dem lebendigen Gott und seinem Willen für unser Leben.

Gott schenke uns an diesem Reformationstag, dass auch wir heute die Macht des richtenden und begnadenden Gotteswortes neu sehen lernen, das „wie ein Feuer“ sein kann und „wie ein Hammer, der Felsen zerschmeißt“.

Predigt beim Regionaltreffen des Gemeindehilfsbundes am 31.Oktober 2020 in München

 

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Dieser Beitrag wurde erstellt am Sonntag 3. Januar 2021 um 0:39 und abgelegt unter Gemeinde, Predigten / Andachten, Theologie.