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„Adam, wo bist Du?“ (1. Mose 3,8.9)

Samstag 6. Juni 2020 von Thomas Karker


Thomas Karker

Diese Geschichte kann man nicht als unbeteiligter Zuschauer aus sicherer Distanz zur Kenntnis nehmen. Wer in die Sündenfallgeschichte hineinschaut, wo Gott den Menschen ruft: „Adam, wo bist du?“ – der blickt in einen Spiegel. Da schaut mich doch dann mein eigenes Gesicht an. Denn in dieser Erzählung vom Anfang der Weltgeschichte kommen wir alle vor. Vielleicht sagt jetzt einer von uns: „Ach diese alte Geschichte, das ist lange her, was hat das mit uns zu tun?“ Wer so redet, hat keine Ahnung, worum es geht. Gott kämpft um Menschen. Gott ist bereit, seine Würde und Majestät zu verlieren. Er wird dreckig, blutig und arm, nur um uns zurückzugewinnen. Wir sind ihm wirklich teuer zu stehen gekommen. Begreifen wir, dass der Kampf Gottes um uns geht?

Wir sind als Menschen mitbeteiligt. Adam ist ja nicht eine Gestalt aus eisgrauer Vorzeit. Adam, das ist der Mensch schlechthin. Adam – das bin ich, und das bist du. Denn Adam heißt: der Mensch, und Eva: Mutter aller Lebendigen. Adam ist eine typische Gestalt. Und darum hat die Erzählung vom Sündenfall für uns Bedeutung. Sie will uns unterrichten über das Thema Sünde, ohne dass dieses Wort auch nur einmal erscheint. Hier bin ich selbst dabei. Und zwar nicht nur als eine Randfigur. Die Sündenfallgeschichte setzt uns auf die Anklagebank. Jeder von uns muss jetzt der Frage standhalten, die aus dem Munde Gottes an ihn ergeht: „Adam, Mensch, wo bist du?“ Ich höre hier 3 Paukenschläge, die uns in der Passionszeit unter die Haut gehen sollen:

1. Paukenschlag: Versucht und gefallen

Heute sagen ja viele voller Mitleid mit den Pastoren und der Kirche: „Wer fragt denn noch nach Gott?“ Wo keine Nachfrage, da ist es mit dem Absatz auch schlecht.

Als ob das ein neues Problem wäre! Seit dem Sündenfall ist das schon so. Der Mensch fragt nicht nach Gott. Er ist auf der Flucht vor Gott. Er versucht, Gott schweigend zu übergehen. Er hat ein großes Interesse daran, nicht an der Gottesfrage zu rühren. Alle Religionen des Menschen sind doch raffinierte Ausweichmanöver. Religion heißt, den lebendigen Gott zu verdrängen. Wir bauen uns einen Ersatz, der uns passt, der uns keine Schwierigkeiten macht, und wir gaukeln uns etwas vor.

Gott ist der wunde Punkt des Menschen. Wir müssen also davon ausgehen, dass der Mensch von sich aus nicht nach Gott fragt. Die biblische Geschichte führt uns das vor Augen. Wir wollen da mal kurz in diese Geschichte hineinschauen:

Gott hat nach der Schöpfung des Menschen sagen können: „Und siehe, es war sehr gut.“ Und auf einmal schieben sich vor die Sonne schwarze Wolken: „Aber die Schlange war listiger als alle Tiere auf dem Felde, die Gott der Herr gemacht hatte.“ Die Schlange, die unheimlich dunkle Alternative, die Gott zugelassen hat in seiner Schöpfung, damit der Mensch in der Spannung zwischen Gut und Böse seine Freiheit bewähre, seinen Mensch-Adel unter Beweis stelle.

Das Böse ist da. Und sofort wird deutlich, dass der Mensch dem Bösen gegenüber nicht neutral bleiben kann. Denn die Sünde hat die Eigenschaft, den Menschen zu reizen und zu locken. Was sind ihre Mittel?

  1. Der Zweifel: „Ja, sollte Gott gesagt haben?“ Ganz harmlos fängt sie an. Zuerst will sie unser Interesse wecken; sie möchte, dass wir uns mit ihr in eine Diskussion einlassen. Wenn ihr das gelungen ist, führt sie den nächsten Stoß.
  2. Die Lüge: „Ihr werdet keineswegs des Todes sterben, sondern ihr werdet sein wie Gott.“ Das klingt verlockend, das ist eine handfeste Aufforderung zum Misstrauen gegen Gott. Sie will uns einflüstern: Ihr habt Gott missverstanden. Man darf seine Gebote nicht so genau nehmen. Und im Übrigen: Gottes Gebote hemmen die Lebensentfaltung. Wer es mit Gott hält, kommt zu kurz im Leben. Ihr wollt doch etwas vom Leben haben! Ihr seid doch moderne, aufgeklärte Menschen! Darum: setzt euch ruhig über diese alten Ordnungen hinweg. Einmal ist keinmal!
  3. Die Verführung der Sinne: „Und das Weib sah, dass von dem Baum gut zu essen wäre und dass er eine Lust für die Augen wäre und verlockend.“ Es ist hier offenkundig: Wer sich mit dem Versucher auch nur an einer Stelle einlässt, wer ihm nur eine Spur von Glauben schenkt, der verfällt ihm mit Haut und Haaren. „Sie sah. . .“ und dann geht es Schlag auf Schlag: sie sah – sie nahm – sie aß – sie gab. Es ist wie bei einer schiefen Ebene. Wer das Gefälle einmal betreten hat, für den gibt es kein Halten mehr. Vor dem Sündenfall wussten Adam und Eva, was gut ist und böse wäre. Nach dem Sündenfall wussten sie was böse ist und gut wäre. Versucht und gefallen – das ist der erste Paukenschlag.

Wie wird Gott nach der Rebellion des Menschen reagieren? Gott braucht uns doch nicht. Seine Heiligkeit und Majestät verlangen nach Gericht. Gott ungehorsam zu sein, ist doch Wahnsinn und Selbstmord. Wird Gott schweigen? Werden wir in der Nacht und der Einsamkeit der Hölle versinken? Rebellion gegen Gott? Damit hat der Mensch sich doch selbst die Luft abgedreht.

2. Paukenschlag: Versteckt und gefunden

Ja, so harmlos fängt es meistens an. Und dann kommt Gott und spricht: „Wo bist du, Adam?“ Gott fragt nach dem Menschen. Das ist der Beginn des Kampfes Gottes um den Menschen. Hier ist die wichtigste Entscheidung der Weltgeschichte gefallen: Gott gibt uns nicht auf, er rennt denen nach, die sich verrannt haben. Es ist ihm nicht egal, dass wir weggelaufen sind. Mit dieser Frage Gottes fängt es an und mit dem Kreuz Jesu kommt es zum Höhepunkt.

Es ist unbegreiflich, aber wahr. Wer es noch nicht gemerkt hat, der sollte es jetzt schleunigst merken. Sie sind so fern von Gott, dass sie Gott nicht einmal mehr als Frage spüren? Sie hören ihn nicht mehr? Sie haben ein hartes Gewissen? Das ist unsere Not. Aber Gott fragt nach uns. Das ist unsere Chance!

Aber die Sünde hat auch Konsequenzen.

Ich hörte vor einiger Zeit folgende Geschichte. Die Polizei hält einen Wagen an. Der bremst auch, wendet dann aber und flieht. Der Polizeiwagen nimmt die Verfolgung auf. Einer kann den Wagen bremsen. Aber die zwei Insassen fliehen zu Fuß. Sie verstecken sich im Gebüsch. Die Tarnung ist zu schlecht. Schließlich werden sie festgenommen.

Ich sehe Gott, wie er durch den Garten eilt, unter jedem Strauch nachschaut, unter jeder Hecke, und ruft: „Adam, wo bist du?“ Schließlich hat Gott ihn gestellt. Aber Adam geht erneut auf die Flucht. Er fängt mit Ausreden an. Er kommt auf seine Nacktheit zu sprechen, und dass er sich schämt. Er hält sich mit Äußerlichkeiten auf. Er redet von den Folgen anstatt von der Ursache, Er schiebt es auf andere, auf die Frau, auf Gott, auf die Schlange. Was wir in dieser Geschichte hier sehen, das ist ja die große Welt im Kleinen.

Der Dichter Heinrich Böll hat ein Buch mit dem Titel „Wo warst du, Adam?“ herausgegeben. Diesem Buch stellt er ein Zitat von Theodor Haecker voraus, das folgendermaßen lautet: „Eine Weltkatastrophe kann zu manchem dienen. Auch dazu, mein Alibi vor Gott zu finden. ‚Wo warst du, Adam?‘ – ‚Ich war im Weltkrieg.‘“ Das war da eben mit Hass und Mord so. Die Zeit war so. Das Temperament war so. Die Verhältnisse waren so. Ich wusste es nicht anders. Die anderen …

So sind wir auf der Flucht, und die Jagd geht weiter. Gott kämpft um uns. Wir meinen, der Kampf Gottes wäre gegen uns gerichtet. Wir ärgern uns, dass Gott uns aufstöbert. Wir fühlen uns verletzt. Gott schneidet uns immer wieder den Fluchtweg ab, bis wir wissen, was unsere Sünde ist, dass wir verloren sind, dass wir umkehren müssen, dass wir Vergebung brauchen. Gott bemüht sich, unsere Selbstgerechtigkeit zu durchbrechen. Werden wir uns freiwillig stellen und gerettet werden, oder werden wir an Gott zugrunde gehen?

Doch wenn die Frage Gottes, „Adam, Mensch, wo bist du?“, unausweichlich in unser Leben hineinzielt: wenn Gott uns einholt und stellt, dann hört das Weitergeben der Schuld auf. Wir müssen Gott Antwort geben, wir können ihm nicht ausweichen. Es gibt keinen Ort auf dieser Erde, an dem wir uns auf Dauer vor ihm verstecken könnten. „Adam – wo bist du?“ – Versteckt und gefunden.

3. Paukenschlag: Gestraft und bewahrt

Nun straft Gott den Ungehorsam der Menschen. „Irret euch nicht! Gott lässt sich nicht spotten. Denn was der Mensch sät, das wird er ernten“ (Gal. 6,7). Täuschen wir uns nicht, wenn wir vielleicht meinen, bisher straffrei ausgegangen zu sein! Die Sündenfallerzählung zeigt uns, dass wir an den Strafen, die Gott verhängt hat, bis heute zu tragen haben: Die Frau bei ihrer Mutterschaft, der Mann bei seiner beruflichen Arbeit. „Mit Schmerzen sollst du Kinder gebären …“ heißt es für Eva. Mann und Frau werden durch Gottes strafende Hand mitten im Nerv ihrer Existenz getroffen, da, wo ihr Herz schlägt, die Frau in der Mutterschaft, der Mann bei seiner beruflichen Arbeit. Und daneben steht Adam: „Mit Mühsal sollst du dich nähren dein Leben lang.“ Wie die Frau, so ist auch der Mann im Zentrum seines Menschseins getroffen. Dornen und Disteln auf dem Acker der täglichen Arbeit sind sein Los.

Jenseits von Eden – die Tür ist zu. Und wir stehen draußen. Hier endet die Erzählung vom Sündenfall. Doch Gott hat schon vorgeplant, damit das Ganze nicht in der endgültigen Katastrophe ‚Mensch‘ endet. Jetzt schon hat Gott den Reparaturplan in der Tasche: „Da wird einer kommen, der wird dem Teufel den Kopf zertreten!“ – So steht es im Alten Testament.

Und dennoch hat diese alte Geschichte eine Fortsetzung. Sie steht im Neuen Testament im Römerbrief: „Wie nun durch des einen Sünde die Verdammnis über alle Menschen gekommen ist so ist auch durch des einen Gerechtigkeit die Rechtfertigung zum Leben für alle Menschen gekommen“ (Röm. 5,1.8). Adam hat die Menschheit auf die Bahn des Todes gebracht. Er hat uns alle hineingerissen in den Strudel des Verderbens. Aber nun ist ein zweiter Adam gekommen. „Fragst du, wer der ist? Er heißt Jesus Christ!“ Dieser andere Adam hat die Todeswand durchbrochen. So wie Adam der Anfang der gefallenen Welt ist, so ist Christus der Anfänger einer neuen Schöpfung. An seinem Kreuz ist das reißende Wasser der sündigen Menschheit aufgestaut. Die zerbrochene Gemeinschaft mit Gott ist wiederhergestellt. Denn Gottes Vergebung ist größer als alle menschliche Schuld.

Und nun geht Jesus Christus durch die Welt und ruft uns zu: „Kommet her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken“ (Mt. 11,28). An seinem Kreuz hat er die Arme ausgebreitet und mit letzter Kraft gerufen: „Es ist vollbracht.“ Das Werk des Brückenschlags zwischen Gott und der Menschheit ist vollbracht. Nun lädt er uns ein zum Leben in Freiheit und Freude, zum Leben mit ihm, dem Lebendigen. Die Tür zu Gottes Reich ist uns nicht mehr verschlossen. Jesus Christus hat sie aufgetan. Und wir dürfen kommen. Er wartet auf uns.

Ach, dass wir dieses Brennen des väterlichen Herzens heute spüren würden: „Hättest du dich nicht zuerst an mich gehangen, ich wäre von selbst dich wohl nicht suchen gegangen. Du suchtest mich und nahmst mich mit Erbarmen in deine Arme.“ Kommt mit, alle miteinander. Ich sehe unseren Gott, wie er blutet und stirbt, nachdem sie ihn ans Kreuz genagelt haben. Seine ausgebreiteten Arme sind wie ein letztes Seufzen, das die Welt erschüttert: Ich suche dich; ich will keinen lassen! Ich suche dich!

„Heut schleußt er wieder auf die Tür zum schönen Paradeis; der Cherub steht nicht mehr dafür. Gott sei Lob, Ehr und Preis.“

Amen

Prädikant Thomas Karker, St. Markus-Gemeinde Bremen, Passions-Andacht 14.3.2019

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Dieser Beitrag wurde erstellt am Samstag 6. Juni 2020 um 9:09 und abgelegt unter Predigten / Andachten.