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Der Salafismus. Zur Binnenlogik eines radikalen Denkens

Dienstag 2. Oktober 2007 von Ernst Schreckenberg


Ernst Schreckenberg

Der Salafismus. Zur Binnenlogik eines radikalen Denkens

ZurĂŒck zu den Wurzeln

Im Vorspanntext der „Hamburger Lektionen“ heißt es ĂŒber Mohammed Fazazi, daß er in Marokko die salafistische Variante des Islam gelehrt habe, nach der allein der Prophet und seine GefĂ€hrten sowie die drei folgenden Generationen der Muslime glĂ€ubig und rein genug gelebt hĂ€tten.Gemeint ist damit, daß die islamische Glaubensrichtung der Salafisten die RĂŒckkehr zu einem vermeintlichen Ur-Islam predigt, dessen religiöse Substanz durch den Koran und die ĂŒberlieferten Worte und Taten des Propheten Mohammed („hadith“) ein fĂŒr allemal kanonisch festgelegt ist. Da es sich beim Koran um eine Offenbarung unmittelbar göttlichen Ursprungs handelt, ist fĂŒr den Salafismus jede Frage nach dessen historischen Entstehungsbedingungen per se ketzerisch. Die Koraninterpretation ist nur zulĂ€ssig als wortwörtliche Auslegung der Suren und Verse. Dies hat zur Folge, daß alle im Lauf der Geschichte anzutreffenden Lesarten des Korans, die mehr InterpretationsspielrĂ€ume zugelassen haben, als verderbliche Neuerungen („bid’a“) verdammt werden. Aus diesem Ă€ußerst orthodoxen KoranverstĂ€ndnis leitet sich ein allumfassender Anspruch von Religion ab, wie ihn Fazazi in den „Hamburger Lektionen“ explizit formuliert: „Die islamische Religion ist umfassend, vollstĂ€ndig, widerstandsfĂ€hig, komplett und vollkommen. Und sie mischt sich ausnahmslos in alle Bereiche des Lebens ein. Der Islam hat Antworten auf jede Frage und fĂŒr alles ein besonderes Programm.“ Die hier selbstverstĂ€ndliche Einheit von Religion, Politik und Gesellschaft ist gegen alle Entwicklungen der Moderne gerichtet – nicht nur gegen die UnglĂ€ubigen, den „Westen“, sondern auch innerhalb des Islam.

Fundamentalismus und Moderne

Dabei ist der Salafismus, wenn man so will, selbst ein Produkt der Moderne. Er ist ein Teil jener globalen religiösen Erweckungsbewegungen, wie wir sie bei den orthodoxen jĂŒdischen Siedlern in Israel ebenso finden wie bei den Evangelikalen in den USA: Die biblische Schöpfungsgeschichte wortwörtlich als reale Entstehungsgeschichte der Welt zu verstehen, zeugt vom selben buchstabenglĂ€ubigen TextverstĂ€ndnis wie jenes, das die drakonischen Strafen der aus dem Koran abgeleiteten Rechtsnormen der Scharia bei Diebstahl (Handabhacken) oder Ehebruch (Steinigung) als göttliche Offenbarung ansieht, die um kein Jota geĂ€ndert werden darf. Der Hinweis, daß es sich bei solchen Strafnormen um zeittypische Normen arabischer Stammeskulturen aus der FrĂŒhzeit des Islam handele, verfĂ€ngt bei Salafisten nicht. Die Scharia allerdings auf ein archaisches Strafrechtssystem zu reduzieren, wĂ€re ihr nicht angemessen. Neben ihren Rechtsnormen, die keineswegs in allen islamischen Staaten GĂŒltigkeit haben, sind es vor allem die fĂŒnf GlaubensĂŒbungen, denen sich jeder glĂ€ubige Muslim (nicht nur der Salafist) verpflichtet fĂŒhlt. Das Glaubensbekenntnis („Es gibt keinen anderen Gott als Allah…“), die tĂ€glichen Gebete, das Fasten im Ramadan, die Almosen fĂŒr die Armen und die Pilgerfahrt nach Mekka. Aus all dem ergibt sich eine Lebenshaltung, die nicht nur gegenĂŒber UnglĂ€ubigen, sondern auch gegenĂŒber anders denkenden Muslimen zu Abschottung und demonstrativer Bekundung des wahren Glaubens durch eine entsprechende Kleidung fĂŒhrt: Bei MĂ€nnern der wuchernde Bart, die weiße Kappe auf dem Kopf und der knöchellange weiße Rock, die Galabiyya, bei Frauen die GanzkörperverhĂŒllung. Noch vor zwanzig Jahren waren junge MĂ€nner mit Bart und Galabiyya in deutschen StĂ€dten, aber auch in Istanbul, Rabat oder Karatschi kaum zu sehen, inzwischen gehören sie in manchen StĂ€dten fast schon zum Alltagsbild in der Öffentlichkeit. Die beĂ€ugt sie natĂŒrlich mit Mißtrauen, denn mit dem Ă€ußeren Erscheinungsbild verbindet sich die Vorstellung, daß sich unter der Galabiyya ein SprengstoffgĂŒrtel verbergen könnte. Salafisten werden aber nicht zwangsweise zu AttentĂ€tern und Terroristen, sondern wollen in erster Linie so fromm und gottesfĂŒrchtig leben, wie ihrer Meinung nach der Prophet und dessen GefĂ€hrten gelebt haben, die „al-Salaf al-Salih“ (daher der Name Salafismus). Daß es da gerade in westlichen Gesellschaften zu Konflikten im Alltag kommt, zeigen die Fragen, die Imam Fazazi gestellt werden. Auf jeden Fall ist mit einer salafistischen Haltung aber eine klare Absage an jede Form von Integration verbunden. Auf die Frage, ob man sich denn an die Gesetze der UnglĂ€ubigen halten mĂŒsse, gibt Fazazi am Ende der „Hamburger Lektionen“ eine unmißverstĂ€ndliche Antwort: Die Gesetze und Regeln in Deutschland seien „unwirksam“, weil sie nicht der Scharia entsprĂ€chen: „Jede Bestimmung, die nicht im Buch Gottes steht, ist unwirksam.“ Ganz konkret heißt das, daß ReisepĂ€sse und Visa nicht der Scharia entsprĂ€chen (weil sie in ihr nicht vorkĂ€men) und deshalb als unwirksame Dokumente auch gefĂ€lscht werden dĂŒrften. Mit dieser Einstellung dĂŒrfte es allerdings nicht nur in Deutschland, sondern auch in Marokko oder Ägypten Probleme geben.

Das Feindbild des Salafismus

LĂŒgen und BetrĂŒgen gegenĂŒber den UnglĂ€ubigen ist also erlaubt, religiös legitimiert. Wenn man dann das klassische Bild der UnglĂ€ubigen mit seiner Unterscheidung von Schutzbefohlenen und echten UnglĂ€ubigen, wie es Fazazi in seinen AusfĂŒhrungen entwickelt, auf ein aktuelles Feinbild projiziert, könnte man, sehr vorsichtig formuliert, von psychologischer Vorbereitung gewalttĂ€tigen Handelns sprechen. Ein moderner UnglĂ€ubiger, heißt es in den „Hamburger Lektionen“, ist jemand, der „sich am Krieg gegen den Islam durch MeinungsĂ€ußerung oder durch geistige Anstrengung oder durch ein Lied oder durch ein TheaterstĂŒck oder durch eine Fernsehserie beteiligt, die die Muslime beleidigt oder sie verzerrt darstellt. Der ist ein Krieger und ist zu töten, selbst wenn es eine Frau oder ein Kind ist.“ Diese geistige Militanz, wie sie im Begriff des Kriegers zum Ausdruck kommt, lĂ€ĂŸt sich auch im salafistischen VerstĂ€ndnis nicht unmittelbar aus dem Koran oder aus der Scharia ableiten (im salafistischen VerstĂ€ndnis allein schon deshalb nicht, weil Fernsehserien dort nicht vorkommen). Sie hat etwas mit einem tief sitzenden UnterlegenheitsgefĂŒhl zu tun, das Muslime seit den kolonialistischen Eroberungen in einer auch in den „Hamburger Lektionen“ deutlich werdenden Opferrolle sieht. Immer wieder wird dem Imam die Frage gestellt, warum alle Formen von unbestreitbarem gesellschaftlichen und technischen Fortschritt nur bei den UnglĂ€ubigen anzutreffen seien. Fazazis darauf als Antwort gegebene Kolonialismuskritik, die die andauernde geistige, wirtschaftliche und wissenschaftliche EntmĂŒndigung der islamischen Welt beklagt, ist durchaus nachvollziehbar. Aber sie ist fĂŒr ihn nicht das entscheidende Moment, da seine Kritik am Westen, an den UnglĂ€ubigen viel fundamentaler ist.

Salafisten als AttentÀter

Daß wir es im Falle von Mohammed Fazazi nicht mit einem geistlichen Vertreter „des“ Islam, sondern mit einer fundamentalistisch zugespitzten Variante des Islams zu tun haben, wird im abschließenden Insert des Films deutlich. Nach seiner RĂŒckkehr nach Marokko wurde er als geistiger Inspirator der Selbstmordattentate von Casablanca im Jahr 2003 von einem marokkanischen Gericht zu dreißig Jahren Haft verurteilt. Dieses Attentat von 2003 verdeutlicht eine Stoßrichtung, wie sie in den „Hamburger Lektionen“ als legitime Tötung von UnglĂ€ubigen in der Tat schon vorgedacht wurde. Damals hatten sich in Casablanca vierzehn marokkanische SelbstmordattentĂ€ter in die Luft gesprengt und mehr als vierzig Menschen mit in den Tod gerissen, fast alle Marokkaner. Ziele der parallel erfolgten AnschlĂ€ge waren das spanische Kulturzentrum, das belgische Konsulat, ein vor allem von Touristen besuchtes Hotel in der Altstadt, ein jĂŒdischer Friedhof und das Gemeindezentrum marokkanischer Juden. Laut Insert wurde Fazazi ein Jahr spĂ€ter auch mit den TerroranschlĂ€gen in Madrid in Verbindung gebracht, da einige der in Madrid lebenden AttentĂ€ter (die keine SelbstmordattentĂ€ter waren) aus Tanger stammten und Kontakt zu Fazazi gehabt haben sollen. Auch das ist in den „Hamburger Lektionen“ schon angelegt, wenn gesagt wird, daß der gesamte Westen der Feind des Islam sei, weil er islamisches Territorium besetzt halte. BeschĂ€mendstes Beispiel sei Spanien: „Al Andalus (Andalusien) ist ein islamisches Land, und ist besetzt von den Spaniern.“ Zusammenfassend lĂ€sst sich sagen, daß die „Hamburger Lektionen“ einen tiefen Einblick in die „Binnenlogik“ eines radikalen Denkens zulassen, wie Romuald Karmarkar das genannt hat. Diese Binnenlogik mag man realitĂ€tsfremd, verzerrt, pathologisch oder wie auch immer nennen. Daß eine solche Logik keine islamische SpezialitĂ€t ist, hat Karmarkar schon einmal mit seinem Film „Das Himmler-Projekt!“ gezeigt.

Impressum

© Bundesverband kommunale Filmarbeit 2007 (www.kommunale-kinos.de) Autoren: Gisela Gerst, Ernst Schreckenberg. Redaktion: Eckhard Schleifer

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Dieser Beitrag wurde erstellt am Dienstag 2. Oktober 2007 um 17:18 und abgelegt unter Gesellschaft / Politik, Weltreligionen.