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Predigt über Jesaja 54,13: Die hohe Schule der Kinder Gottes

Sonntag 26. Januar 2020 von Gottfried Daniel Krummacher (1774-1837)


Gottfried Daniel Krummacher (1774-1837)

Und alle deine Kinder gelehrt vom Herrn, und großen Frieden deinen Kindern. (Jesaja 54,13)

Diese Worte sind durch das Wörtlein „und“ mit den vorhergehenden verbunden und gehören also noch für die Elenden und Trostlosen, über die alle Wetter gehen. Hier werden sie Kinder genannt. Alle deine Kinder, die zu dem Hause Gottes gehören, d. i. alle wahre Christen. Sie heißen Kinder: denn sie sind erzeugt und geboren aus Wasser und Geist, aus Gott sind sie geboren und von oben her. Eben deswegen ist etwas Göttliches und Himmlisches in ihnen. Sie sind der göttlichen Natur teilhaftig geworden. Wer nun aus Gott geboren ist, der tut nicht Sünde, denn sein Same bleibt in ihm, und kann nicht sündigen, denn er ist aus Gott geboren. Wer aber Sünde tut, der ist vom Teufel, denn der Teufel sündigt von Anfang.

Die Christen haben sich selbst nicht zu Christen gemacht. Es ist nicht die Frucht ihres guten Willens und ihres eignen Fleißes, sondern Er hat uns gemacht und nicht wir selbst, zu seinem Volk und Schafen seiner Weide. Er hat uns gezeuget nach seinem Willen durch das Wort der Wahrheit, dass wir waren Erstlinge seiner Kreatur, Jak. 1. Es ist nicht die unmittelbare Wirkung der Predigt, ihrer überzeugenden, rührenden, erschütternden Kraft; nicht das Erzeugnis von Leiden oder Wohltaten, oder außerordentlichen Ereignissen; nicht die Frucht einer weisen Erziehung, einer gemütlichen Belehrung und eines musterhaften Vorbildes. Mit einem Worte: nicht aus euch; da ihr tot waret in Sünden, hat Er euch lebendig gemacht, Er, der alle Dinge wirket nach dem Rat seines Willens. Zwar braucht er die genannten und andere Mittel. Aber was ist die beste Säge ohne einen, der sie zeucht, und die schärfste Axt, ohne einen, der damit hauet? Sein Wort aber kehret nicht leer wieder, sondern wirkt, wozu Er es sendet.

1.

1.1 Kinder heißen sie, denn sie haben einen gemeinschaftlichen Vater, welcher Vater ist über alles was Kinder heißt und in welchem Sinne sich niemand Vater nennen lassen darf; denn dieser Vater ist Gott selbst, und zwar nicht nur insofern er väterlich gegen sie gesinnet ist, sondern weil er ihnen auch etwas von seiner Natur mitgeteilt hat, also im eigentlichen Sinne ihr Vater ist, der viele Kinder zur Herrlichkeit führt. Sie sind dem Vater ähnlich, und es gehört manchmal wenig Scharfsichtigkeit dazu, seine Lineamente, Züge und Art in ihrem Wandel und Wesen zu entdecken; zuweilen ist es so leicht nicht, sonderlich nicht ihnen selbst, denn es ist noch Fleisch neben dem Geist in ihnen, und neben dem neuen Menschen ein alter. Sie lieben den Vater, sonderlich wenn er sie sein Angesicht sehen lässt. Sie hoffen auf ihn. Sie vertrauen ihm und sind bereit ihm zu gehorchen. Wie könnten Kinder auch anders gegen ihren Vater? Sie haben auch eine gemeinschaftliche Mutter, die Sarah, die freie nämlich, die ist, wie Paulus redet, unser aller Mutter, das Jerusalem, das droben ist; denn es steht geschrieben: Sei fröhlich, du Unfruchtbare, die du nicht gebierest, und brich hervor und rufe, die du nicht schwanger bist: denn die Einsame hat mehr Kinder, denn die den Mann hat. Wir aber, liebe Brüder, sind, Isaak nach, Kinder der Verheißung, Gal. 4. Diese Mutter aber ist der heilige Geist, dem die Kinder in der Mutter liegen, der sie wäscht und reinigt, sie stillt und nährt, sie erfreut und pflegt, sie den Vater und seinen Sohn Jesum Christum kennen lehrt, sie reden und beten, sie lesen, hören, rechnen und verstehen lehrt und sich viel mit ihnen zu tun macht, sie auch manchmal aufs Schönste schmückt, oder auch ihren Schmuck verschließt, damit sie ihn nicht verderben. Sie haben einen erstgebornen Bruder, der im Hause Priester und König ist, und der Pfleger und Verwalter über alles; dem der Vater alle Dinge übergeben hat, durch dessen Hand alles glücklich fortgeht und in welchem alle Fülle wohnt, aus welcher alles geschöpft wird, den sollen alle ehren, wie sie den Vater ehren, ohne den er nichts tun kann und alles tut, was er den Vater tun sieht. Ist er der Erste an Würde, Weisheit und Kraft, so ist er’s auch an Liebe, an Sanftmut und Demut, und alles Heil geht von ihm auf die Übrigen aus.

1.2 Außer diesem haben sie noch viele Brüder und Schwestern, die sich untereinander lieber haben, wie sie oft selber wissen, die ein gemeinsames Liebesband umschlingt, und die berufen sind auf einerlei Hoffnung ihres Berufs – ein Glaube, eine Taufe, ein Herr, ein Gott und Vater unser aller, der da ist über uns alle, und durch uns alle, und in uns allen.

1.3 Die wahren Christen heißen Kinder, weil sie als Kinder geliebt, erzogen, aber auch gezüchtigt werden. Sie werden kürzer gehalten wie die anderen, die man laufen lässt und die dahingegeben werden in ihres Herzens Gelüste zu tun, was nicht taugt. Nicht also die Kinder. Keine ungeregelte Handlung, kein Wort, ja kein Gedanke oder Regung geht ihnen ungeahndet hin, sondern sie müssen dafür herhalten und sich nicht selten einer sehr scharfen Zucht unterwerfen. Ihr Vater kann auch mit ihnen zürnen und schelten und sie eine Zeit lang einsperren, ihnen Tränenbrot und Wasser der Trübsal geben und sie von seinem Angesicht stoßen und tut es wirklich, so oft es nützlich und nötig ist. Er nimmt sie aber auch wohl auf seinen Schoß und hält sie auf den Knien und redet freundlich mit ihnen, wie jemand seine Mutter tröstet, und gewöhnt sie sich allmählich nach seiner Hand, dass sie ganz geschmeidig werden, ihren eigenen Willen drangeben und sich leiten lassen.

Sind sie Kinder, so sind sie auch Erben, nämlich Gottes Erben, und Miterben Christi, so wir anders mit leiden, auf dass wir auch mit zur Herrlichkeit erhoben werden. Es ist ein Erbe, also nichts Verdientes und Selbsterworbenes. Ist es ein Erbe, so ist es zugleich etwas Rechtliches, welches Recht teils in ihrer Geburt liegt, teils in dem Testament beruht, wo ihre Namen angeschrieben sind, und das fest worden ist durch den Tod dessen, der es gemacht hat, das also nie wieder umgestoßen werden kann noch wird. Das Erbe selbst ist von unbeschreiblicher Größe, Wichtigkeit und Herrlichkeit, unvergänglich, unbefleckt, unverwelklich, das im Himmel behalten wird; zu seiner Zeit wird es ihnen vollständig ausgeliefert und sie in den Besitz desselben gesetzt werden; jedoch müssen sie noch hindurch durch das Pförtchen des Todes, und gehen durch diesen Jordan in das himmlische Kanaan ein. Wohl kann es von ihnen heißen: Ich weiß deine Armut, du bist aber reich; ich weiß dein Elend, du bist aber herrlich.

Jedoch heißen sie Kinder, weil ihr Stand hienieden ein Kinderstand ist in Vergleichung mit jenem Stande der Vollendung.

Es gibt ein Kinderwesen, was sehr nötig und sehr empfehlenswert ist, und wovon Christus sagt: Wer das Reich Gottes nicht empfanget wie ein Kindlein, der kommt nicht hinein, – und abermal: So ihr euch nicht bekehret und werdet wie die Kinder, so könnt ihr nicht ins Reich Gottes kommen. Er meint hiermit sonderlich die Demut, worin sich alle Kinder gleich sind, so dass ein Königskind nicht meint, etwas vor einem Bettlerskinde voraus zu haben, oder das schöne vor dem hässlichen und das geschmückte vor dem zerlumpten. Sie wissen nicht einmal dass sie sind, und sind auf Stroh in sich eben so vergnügt als auf Seide, und in einer Hütte wie im Palast. Lob blähet sie nicht auf und Tadel bekümmert sie nicht, – und was denn ihrer seltsamen und bewundernswürdigen Eigenschaften mehr sind, welche die Kinder zieren, so lange sie noch in dem zartesten Alter sind, denn sie brauchen nur ein wenig heranzuwachsen, so zeigt sich auch an ihnen viel Unliebenswürdiges, ein starker Egoismus, der alles auf sich beziehen und besitzen will, eine Eigenliebe die sich selbst lobt und gelobt sein will, eine große Meinung von sich selbst, als ob sie allerlei könnten und wüssten, Eigenwille, Habsucht, Verdrießlichkeit, Lügen und Streitlust: und allerlei Albernheit – Unarten, welche die großen Kinder wohl an sich zu erkennen und abzulegen haben, da sie durch dieselben nur gar zu häufig verunstaltet werden. – In Vergleichung mit der himmlischen Vollendung sagt der Apostel von dem Stande der Christen hier auf Erden, insbesondere in Absicht der Erkenntnis und Heiligkeit: Da ich ein Kind war, war ich klug wie ein Kind und hatte kindische Anschläge, als ich aber ein Mann ward, tat ich ab, was kindisch war. Es gibt hier Staffeln. Aber alle haben doch noch so viel Unartiges an sich, dass sie mit einstimmen müssen wenn gesungen wird: Denn des Vaters Liebesrut, ist uns allewege gut. Doch wohl uns, wenn wir als Kinder gezüchtigt, und nicht als Sklaven gepeitscht und aus dem Hause verstoßen werden in die äußerste Finsternis, wo Heulen und Zähneklappen sein wird, wie wir verdient haben.

Was jetzt gesagt ist von Erzeugung und Geburt der Gotteskinder, von ihrem himmlischen Vater und göttlichen Mutter, von ihrem erstgebornen Bruder, ihrer Gesinnung, Erziehung und Erbe, gilt von allen und von keinen andern. Alle deine Kinder. Sind sie sich auch nicht alle gleich, gilt es gleich von einigen besonders, dass sie noch klug sind, wie ein Kind, und kindische Anschläge haben, von andern aber mehr, dass sie, was kindisch ist, abgelegt haben und ein Mann geworden sind; müssen alle vergessen, was dahinten, und sich strecken nach dem, was vor ihnen ist und nachjagen dem Kleinod, welches da vorhält die himmlische Berufung Gottes in Christo Jesu; sind gleich manche nicht gesund im Glauben, sondern krank und wanken auf gelähmten Füßen, bald strauchelnd hier, bald fallend dort, während andere laufen mit Geduld in dem Kampf, der ihnen verordnet ist; sind sie gleich nirgends die zahlreichsten, sondern aller Orten die wenigsten, und zugleich mehrenteils verachtet, bestritten, geplagt, so machen sie doch eine Familie Gottes aus und sind seine Hausgenossen, und an ihnen allen sind die unterscheidenden Züge ihres himmlischen Vaters unverkennbar, mögen sie auch das eine mal sichtbarer hervortreten, wie das andere, und bei diesem mehr wie bei jenem. Eben hierdurch entstehen die zweierlei Menschen auf Erden, die Kinder Gottes und des Teufels, der Weibes- und der Schlangensame, und ein jeder gehört zu der einen oder zu der andern Klasse. Prüfe sich ein jeder, zu welcher er gehört, und sehe zu, ob er Grund und Recht hat, sich zu den Kindern Gottes zu rechnen, oder ob er zu den Kindern des Teufels gehört: denn eine dritte Klasse von Menschen gibt es nicht.

2.

Diesen Kindern wird ein köstliches Gut von dem Herrn zugesagt, wenn es heißt: Alle deine Kinder, gelehrt vom Herrn. Dies ist die Erleuchtung, welche vorhin unter dem Bilde der kristallenen Fenster vorgestellt ward, – Belehrung, Unterweisung von oben. Diese ist notwendig, nicht nur weil wir überhaupt die Kenntnis der Wahrheit zur Seligkeit, namentlich zur Seligkeit des Sünders, nicht aus uns selbst oder der Betrachtung der Natur schöpfen können. Davon mag Hiob, Kap. 28,7, wohl sagen: Was dem Auge des Raubvogels verborgen bleibt, und was kein scharfsehender Geier entdeckt, das findet der Mensch. – Wo will man aber Weisheit finden, und wo ist die Stätte des Verstandes? Der Abgrund spricht: Sie ist bei mir nicht! und das Meer spricht gleich also. Gott allein weiß den Weg dazu, und kennet ihre Stätte. Möchte der Mensch auch allenfalls bloß mit Hilfe seines Verstandes eine Religion entdecken können, wie sie hinreichen würde, wenn er kein Sünder wäre: so zeiget doch die Vernunft dem Sünder keinen Weg zum Heil, und kann es nicht, sondern verurteilt ihn und lässt ihn liegen. Für Krankheiten des Leibes weiß sie Heilmittel, aber nicht für die der Seele. Das ist unmöglich, und sie muss es anstehen lassen ewiglich. Aber das ist nicht die einzige Ursache, warum der Mensch bedarf, vom Herrn gelehrt zu werden, sondern dies ist nötig, wegen seiner geistlichen Blindheit und Unwissenheit. Wir nennen sie geistlich: denn im Natürlichen hat der Mensch oft sehr viel Einsicht. Jedoch ist sie auf jeden Fall sehr beschränkt, wie denn überhaupt kein geschaffener Geist ins Innere und in das Wesen auch nur der natürlichen Dinge dringen kann. Überhaupt wissen wir wenig oder nichts. Wir hören, sehen, schmecken, riechen und fühlen, aber wie das zugeht, ist unbegreiflich. Wir denken, wir behalten, erinnern uns, vergessen, aber wie es zugeht, ist unerklärbar. Der Ackermann bestellt sein Land, aber kein Mensch ist so gelehrt, dass er erklären könnte, wie es zugeht, dass seine Saat aufgeht und wächst. Wie geht es zu, dass jeder Obstbaum seine besondere Frucht bringt? Wie fangen die Blumen es an, um eine jede aus dem nämlichen Erdreich ihre besondere Farbe, Gestalt und Geruch zu nehmen? Das weiß kein Salomo! Wie fängt unser Magen es an, die genossenen Speisen zu verdauen, durch welchen chemischen Prozess werden sie in Fleisch und Blut verwandelt, wie wird dieses Mark, jenes Knochen, das Haut, Sehnen, Nerven, Haare, Nägel, und was färbt die Haare bei dem einen so, bei dem andern so? Alle Weisen wissen eben so viel, d. h. so wenig, das Geringste davon, wie die Dümmsten. Sie müssen verstummen. Der Arzt kann euch vielleicht vom Fieber heilen, aber euch sagen, was denn eigentlich ein Fieber sei, das vermag er so wenig, als ihr selbst. Die Naturkundigen können vielleicht von der Statur und ihren Gesetzen reden, aber angeben, was denn eigentlich Luft, Wasser, Feuer, Erde, Gold, Silber, Eisen sei, das müssen sie anstehen lassen. Je gelehrter deswegen jemand ist, desto bescheidener und demütiger ist er auch: denn je mehr und je gründlicher er es weiß, desto tiefer sieht er auch ein, wie groß die Summe dessen sei, was er nicht weiß. Übrigens hat der Mensch, und oft einer vor vielen andern her, großen, bewundernswürdigen Verstand und Einsicht. Er weiß den Lauf der Gestirne, und vermag ihre Verfinsterungen jahrelang vorher auf die Minute zu bestimmen. Er weiß die Wege mitten im Meer, und weiß, wo er auf demselben sich befindet, und vieles andere, was jetzt nicht namentlich zu rühmen ist. – Aber so hellsehend der Mensch auch in natürlichen Dingen sein mag, so blind ist er im Geistlichen. Dies bezeuget uns die heilige Schrift, und die tägliche Erfahrung bestätigt es reichlich an uns selbst, wie an andern. Die Schrift redet von Blindheit des Herzens, die in uns sei, von der Notwendigkeit, dass uns die Augen geöffnet werden, dass Christus uns erleuchte, dass er gekommen sei, den Blinden das Gesicht zu predigen, dass Gott erleuchtete Augen gebe, welches von ihm erbeten werden müsse; sie sagt: Da sei kein Verständiger, auch nicht einer, nämlich, so lange er nicht von oben herab erleuchtet ist. Ja, die Schrift nennt uns Menschen, so lange wir im Naturstande stecken, nicht nur Irrige, sondern sogar Finsternis. Ihr waret ehemals Finsternis; das Licht, sagt sie, sei in die Welt gekommen, aber die Finsternis habe es nicht begriffen. Wenn Moses zu seinen Zeitgenossen sagt: Gott hat euch bis auf den heutigen Tag kein Herz gegeben, das verständig wäre, – und wenn der Herr durch den Propheten Jeremias verheißet, er wolle ihnen ein Herz geben, das ihn kenne, – beweisen dann nicht beide Stellen, dass uns der wahre Verstand geschenkt werden müsse, weil wir ihn sonst nicht haben? Wer beschreibt aber diesen Teil unseres Elendes deutlicher, als Paulus in seinem ersten Korintherbriefe. Zuvörderst erklärt er alle Weisheit dieser Welt, in religiöser Beziehung nämlich, für Torheit, obschon sie damals einen Gipfel erreicht hatte, den die Weltweisen noch bewundern. Er sagt geradezu, bei aller ihrer Weisheit hätten sie doch Gott nicht erkannt, ja, sie sei ihnen nur ein Hindernis, statt Förderungsmittel. Er will, derjenige, der sie besitze, solle sich ihrer so gänzlich entledigen, dass er von der Welt und ihren Weisen einem Narren und unwissenden Menschen gleichgerechnet werde. Er gibt die Einsicht, die er besitze, nicht für eine Frucht seines eigenen Scharfsinnes und Nachdenkens aus, sondern erklärt, sie sei nie von selbst in eines Menschen Herz gekommen, sondern Gott habe sie uns offenbaret durch seinen Geist. Sodann schließt er das Ganze mit dem Ausspruch: Der natürliche Mensch vernimmt nichts von den Dingen, die des Geistes Gottes sind, es ist ihm eine Torheit, und kann sie nicht erkennen. Er beschreibt die Personen. Nicht sind es etwa vernachlässigte und ohne gehörigen Unterricht aufgewachsene Personen, oder gar Heiden, nicht sind es mit Vorurteilen und mit einmal eingesogenen Irrtümern angefüllte Menschen, nicht sind es Ruchlose, welche wegen ihrer Gottlosigkeit, die sie nicht drangeben wollen, die Lehre hassen, nicht sind es Spötter, die am liebsten über die ernstesten und heiligsten Dinge lachen, nicht sind es einzelne feindselige Gemüter, die kaum eine Silbe vom Christentum ohne Erbitterung und Wut hören können, von denen der Apostel sagt, sie verstehen nichts vom Geiste Gottes. Nein. Es ist überhaupt der natürliche Mensch, der weiter nichts hat als was Natur und deren Ausbildung vermag, und der immer noch ein bescheidener, artiger und tugendhafter Mensch, ein rechtlicher, verständiger Bürger, ein rechtschaffener Geschäftsmann, ein guter Hausvater, Untertan und Vorgesetzter, der selbst religiös und gewissenhaft sein kann, aber doch noch nicht im eigentlichen Sinne Christ ist, dieser natürliche Mensch. Demselben spricht der heilige Apostel die wahre Einsicht ab. Er vernimmt nichts vom Geiste Gottes, was er auch von Wissenschaften besitzen mag. Er versteht’s so wenig, als ein Blindgeborner von den Farben versteht, möchte er auch den Himmel blau und den Scharlach rot nennen. Ein Denkbild kann er sich davon gemacht haben, vieles kann er auch wirklich einsehen, aber das Eigentliche, der Punkt worauf es eben ankommt, bleibt ihm verborgen, nämlich die Erkenntnis seiner selbst und Jesu Christi. Den Umfang dieser Blindheit bezeichnet das Wörtlein nichts, welches alles ausschließt. Er vernimmt nichts. Es sind also nicht einige außerordentliche Teile der Wahrheit, deren Einsicht etwa besondere Schwierigkeiten hätte, sondern alle, keinen ausgenommen. Zwar ist ihm einiges weniger unverständlich wie anderes; aber die Sache wird ihm in dem Maße mehr unverständlich, als sie sich dem eigentlichen Punkte nähert. Ja, nicht nur unverständlich, sondern selbst Torheit und Ungereimtheit dünket’s ihm zu sein, so dass ihm ein gewisser Grad von Dummheit, Unwissenheit und Beschränktheit als notwendige Erfordernisse erscheinen, um denselben als Wahrheiten zuzustimmen, weswegen auch gewöhnlich die Anhänger derselben als Dummköpfe oder Finsterlinge verschrien, die Anbeter ihres eigenen Verdienstes aber als Aufgeklärte und denkende Leute gepriesen werden. Schon zu Christi Zeiten hießen diejenigen, welche an ihn glaubten, ein Volk, das nichts vom Gesetze weiß, diejenigen, die nicht glaubten, nannten sich selbst die Sehenden. So ist’s auch noch. Man schämt sich ordentlich der Worte und Lehre Christi, und wer sie nicht ganz von sich weisen, doch aber noch für einen Mann von wissenschaftlicher Bildung, von Verstand und Gelehrsamkeit gelten will, unterwirft sich ihr nicht ganz und überall, sondern hat noch allerhand eigene Gedanken und Meinungen, mit denen er sich viel weiß und die doch höchstens Stoppeln sind. Welch‘ ein Elend aber, welche Verdrehtheit, eine so unglückliche Art zu sehen haben, dass einem die schönsten Dinge als ekelhaft erscheinen! Welch‘ ein Elend, welche Verdrehtheit, dass dem natürlichen Menschen das Torheit dünket, was doch des Geistes Gottes ist! Und in diesem Elende stecken wir, ohne es zu bedenken. – Aber woher kommt es? Vernimmt der natürliche Mensch deshalb nichts vom Geiste Gottes weil er keinen Fleiß anwendet? Erscheint’s ihm deswegen als Torheit, weil er sich keine Mühe gibt? Beides ist wahr. Aber der Apostel sagt: Er kann es nicht erkennen. Er hat kein Vermögen, kein Organ dazu. Warum denn nicht? Es muss geistlich gerichtet werden und das kann er nicht, weil er Fleisch vom Fleisch geboren und also fleischlich ist. Er muss derhalben geistlich werden, – und das wird man durch die Wiedergeburt, – dann versteht er’s und es dünket ihm nicht mehr Torheit, sondern Weisheit.

Bei dieser Blindheit ist der arme Mensch stolz, hält sich selbst für sehend, und weiß nicht, dass er blind ist und Augensalbe bedarf. Er ist feindselig, hasset das Licht, verhöhnt es, und geht bestreitend und oft wütend dagegen an. Diese Blindheit ist auch unheilbar, d. h. für alle kreatürlichen Mittel. Mag jemand einen noch so fähigen, natürlichen Verstand haben und noch so viel Bildung besitzen, mag er noch so sorgfältig in den christlichen Wahrheiten unterwiesen werden, sie buchstäblich kennen, und sogar glauben, – es heilt ihn nicht. Sie macht ihn dem Teufel ähnlich, in welchem kein Licht und keine Wahrheit ist. Sie macht ihn unfähig, selig zu werden. Sie ist demnach ein erschrecklicher Teil unseres Elendes, worin alle Menschen stecken, die nicht durch Christum davon erlöset sind, und auch bei diesen ist noch viel Blindes anzutreffen.

Und bestätigt die Geschichte und Erfahrung das nicht zum Übermaß, was die Schrift von unserer Blindheit in geistlichen Dingen so deutlich lehrt, sowohl bei den natürlichen als wiedergebornen Menschen? Ist nicht das ganze Benehmen der Unbekehrten ein kläglicher Beweis der Blindheit ihres Herzens? Wie wäre es möglich, dass sie so sorglos und sicher in Absicht ihres ewigen Schicksals, ja, in einem steten Zuge von Sünden ohne Gott und ohne Christum dahinleben könnten, waren sie nicht so blind, wie sie sind? Würde dann wohl die Erde mit ihrer Lust und ihrem Gut ihr einziges Ziel sein und sie ihre ewige Bestimmung so weit links liegen lassen? Unmöglich. Aber nun sind sie blind; dadurch erklärt es sich, dass sie so irre gehen, und doch sprechen sie: Wir sehen. Darum bleibet ihre Sünde. O, wer soll euch heilen? Wer soll eure Augen auftun, euch zu bekehren von der Gewalt des Satans zu Gott, zu empfangen Vergebung der Sünden und das Erbe, samt denen, die geheiliget werden?

Wache auf, der du schläfst, und stehe auf von den Toten, damit Christus dich erleuchte!

Aber wie blödsichtig wenigstens erweisen sich nicht auch durchgängig Wiedergeborne, und wie blind! Zeugen davon nicht die Ermahnungen, die ihnen, und zwar keineswegs zum Überfluss, gegeben werden: nach dem zu trachten, was droben, und nicht, was auf Erden ist; nicht lieb zu haben die Welt, und was in der Welt ist. Wie matt ist häufig ihre Liebe zu Gott, wie lau ihre Liebe zu Jesus! Wäre das aber wohl möglich, wären sie nicht noch so blind an seiner großen Liebe und Schönheit? Würde ihr Herz nicht entbrennen, sähen sie die Herrlichkeit Gottes mit aufgedecktem Angesicht? – Ist nicht der Altar noch immer voll Seufzer und Tränen, und ist nicht die Blindheit an der Güte Gottes Schuld, dass des Trauerns unter den Christen noch so viel ist, sich aber allewege in dem Herrn zu freuen, fast für eine Unmöglichkeit gehalten wird? Entspringt nicht die Undankbarkeit aus derselbigen sträflichen Quelle, weil man die göttlichen Wohltaten nicht sieht? – Beweisen nicht die vielen Zweifel und Unglauben, wie so gar wenig man noch das Herz Gottes und die Gnade seines Sohnes kenne, und beweisen nicht die vielen Klagen über unser Elend, wie wenig wir noch die gestiftete Erlösung und den Christum kennen, der uns von Gott gemacht ist zur Weisheit, zur Gerechtigkeit, zur Heiligung und zur Erlösung? Sehen wir die Züchtigungen und Trübsale wohl in demjenigen Lichte an, dass uns das Wort darüber aufsteckt, und beweisen wir dies durch unser Verhalten in denselben? Sind unsere steten Siege über unser eigen Herz so viel Beweise von unserer Einsicht, die wir von der geistlichen Kriegskunst empfangen haben, oder zeugen unsere Niederlagen vom Gegenteil? Beweiset unsere Demut und unsere Freimütigkeit zu Gott, wie gründlich wir’s erlernt haben, dass wir in Christo Gerechtigkeit und Stärke haben?

Ach! eröffne unsere Augen
mit deinem Glanz und Gnadenlicht,
zu sehen, was sonst nicht zu sehen,
wenn wir in deinem Licht nicht stehen:
Lass dein Licht leuchten, so genesen wir!

Amen

Gottfried Daniel Krummacher

Herausgegeben von Thomas Karker, Bremen (www.karker.de)

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Dieser Beitrag wurde erstellt am Sonntag 26. Januar 2020 um 6:00 und abgelegt unter Predigten / Andachten.