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Wie legen wir die Bibel in unserer Beliebigkeitskultur als verbindliches Gotteswort aus?

Freitag 9. September 2005 von Dr. Joachim Cochlovius


Dr. Joachim Cochlovius

Wie legen wir die Bibel in unserer Beliebigkeitskultur
als verbindliches Gotteswort aus?

Ein Zitat von Heinrich Heine aus seinen letzten Lebensjahren stelle ich voran: „Ich verdanke meine Erleuchtung ganz einfach der LektĂŒre eines Buches – und dieses Buch heißt kurzweg das Buch, die Bibel. Mit Fug und Recht nennt man diese auch die Heilige Schrift: Wer seinen Gott verloren hat, der kann ihn in diesem Buch wiederfinden, und wer ihn nie gekannt, dem weht hier entgegen der Odem des göttlichen Wortes. Sonderbar! Nachdem ich mein ganzes Leben hindurch mich auf den Tanzböden der Philosophie herumgetrieben, allen Orgien des Geistes mich hingegeben, mit allen möglichen Systemen gebuhlt, ohne befriedigt worden zu sein – jetzt befinde ich mich plötzlich auf dem Standpunkt der Bibel“. In der Tat, die Bibel ist ein einzigartiges Buch. Wir begegnen in ihr Texten, die den Anspruch erheben, Gottes Wort zu sein. Schon diese Tatsache nötigt uns zu einer besonderen Sorgfalt in der Auslegung. Aber heute brauchen wir nicht nur Sorgfalt, sondern auch einen Weg der Auslegung, der den Anspruch der Bibel wieder in Kraft setzt, Gottes Wort zu sein. Dieser Selbstanspruch der Heiligen Schrift ist besonders in den letzten zweihundert Jahren auf vielfĂ€ltige Weise durch Philosophen, aber auch durch Theologen in Frage gestellt worden. Das Ergebnis liegt uns vor Augen: Daß die Bibel Gottes Wort zu sein beansprucht, ist aus dem öffentlichen Bewußtsein weithin verschwunden. Unsere Frage lautet also: Wie finden wir zu einer Auslegung, die unter den Bedingungen einer Zeit absoluter Beliebigkeit und eines ausgeuferten Pluralismus der Werte dem genannten Selbstanspruch der Bibel gerecht wird?

Es kann bei unserer Suche nicht um den Bau eines Verteidigungsringes gehen, den wir um die Bibel schließen mĂŒĂŸten. Bis heute hat die Bibel sich selber behauptet, und sie wird sich auch weiterhin gegen all ihre Leugner und Demontierer behaupten und durchsetzen. Gottes Wort kann und wird nicht untergehen. Das ist allen Christen, denen sich Christus als der Herr in ihrem Herzen bezeugt, eine feste Gewißheit. Er selbst sagt es ja: „Himmel und Erde werden vergehen, aber meine Worte werden nicht vergehen“ (Mt. 24,35). Was wir brauchen und was wir suchen mĂŒssen, ist ein Zugang zur Bibel, ein AuslegungsschlĂŒssel, der dem Selbstanspruch der Bibel gerecht wird. Der Bibel wird nicht geschadet, wenn sie falsch ausgelegt wird, aber den Menschen, die sie falsch auslegen, entsteht Schaden.

1.) Die postmoderne Beliebigkeit

Einer der Propheten der Postmoderne, der Philosoph Paul Feierabend, hat den Slogan geprĂ€gt „anything goes“. Die Instanz verbindlicher Normen gilt dem postmodernen Menschen als ĂŒberwunden. Jeder entwirft sich sein Leben selber. Der frĂŒhere Kulturstaatsminister Julian Nida-RĂŒmelin hat diese Lebensauffassung folgendermaßen formuliert: „Es gibt keine externen Kriterien fĂŒr die richtige Wahl der Lebensform“ (Strukturelle Vernunft, Reclam-Verlag, Stuttgart 2001). Wir haben in solchen Auffassungen eine SpĂ€tblĂŒte des von Descartes begrĂŒndeten philosophischen Rationalismus vor uns. Ich erkenne keine Norm und AutoritĂ€t an, die ich nicht kraft meines Denkens als einleuchtend erkennen kann.

Der postmoderne Menschentypus, der sich von einer solchen Beliebigkeit prĂ€gen lĂ€ĂŸt, ist tief zu bedauern. Es fehlen ihm entscheidende Wirklichkeiten, die jeder Mensch zum Leben braucht. Ich will zwei davon nennen. Wir mĂŒssen sie kennen, wenn wir so geprĂ€gten Menschen die Bibel als verbindliches Gotteswort weitersagen wollen. Ein Mensch, der allen AutoritĂ€ten gegenĂŒber kritisch eingestellt ist, kann sich niemals geborgen fĂŒhlen. Denn Geborgenheit entsteht nur dort, wo ich eine höhere AutoritĂ€t ĂŒber mir anerkenne. Ein zweites Defizit wiegt mindestens genauso schwer. Durch den Verzicht auf AutoritĂ€ten, oder um mit Julian Nida-RĂŒmelin zu sprechen, auf externe Kriterien, nimmt sich der postmoderne Mensch auch sĂ€mtliche echte VerĂ€nderungsmöglichkeiten. Wirklich Ă€ndern kann ich mich ja nur, wenn ich Vorbilder als externe Normen fĂŒr mich anerkenne. So bleibt der postmoderne Mensch immer derselbe. Wie soll man einem solchen Menschen den Selbstanspruch der Bibel vermitteln? Das ist eine außerordentliche Herausforderung, zumal dieser Selbstanspruch sich ja nicht nur auf menschliche AutoritĂ€ten, sondern sogar auf göttliche AutoritĂ€t grĂŒndet.

2.) Das postmoderne Unbehagen an der Bibel

Wenn man die Andachten in unseren Radiosendern verfolgt, fĂ€llt der RĂŒckgang normaler Bibelauslegungen auf. Man bekommt psychologische, politische oder zeitgeschichtliche Exkurse und Meinungen, oft auch MĂ€rchen- und Lebensweisheiten, aber das Wort Gottes tritt merklich zurĂŒck. In offiziellen kirchlichen Stellungnahmen zum politischen Tagesgeschehen muß man oft lange suchen, um ĂŒberhaupt einen biblischen Bezug zu finden. Ich habe neulich eine Podiumsdiskussion mit Ärzten miterlebt, – es ging um wichtige ethische Grundfragen unserer Gesellschaft – , bei welcher der eingeladene offizielle Vertreter der Landeskirche nichts weiter beizutragen hatte als eine rabbinische Legende. Das war beschĂ€mend. Als ein weiteres Beispiel möchte ich den Entwurf der Leitlinien des Kirchlichen Lebens der VELKD anfĂŒhren, der im Jahr 2001 herausgekommen ist. Im Kapitel „Ehe, Familie, Partnerschaft“ findet man einen Absatz „Andere Lebensformen“, in dem die „Leitlinien“ Stellung nehmen zu gleichgeschlechtlichen Partnerschaften. Obwohl dieser Passus unter der Überschrift „Biblische Grundlagen und theologische Orientierung“ zu finden ist, sucht man einen biblischen Bezug vergeblich. Stattdessen finden sich die SĂ€tze: „Die evangelischen Kirchen halten es wegen ihrer Verantwortung fĂŒr ihre getauften, gleichgeschlechtlich orientierten Mitglieder fĂŒr geboten, Menschen in homosexuellen Partnerschaften zu achten. Sie treten dafĂŒr ein, daß Menschen mit gleichgeschlechtlicher Orientierung nicht ausgegrenzt und diskriminiert werden. Sie sehen die Notwendigkeit, auch fĂŒr Menschen in diesen Lebensformen ethische Orientierung anzubieten, damit sie vor Gott verantwortlich gelebt werden können.“ Was die Bibel zur homosexuellen Praxis sagt, wird einfach ausgeblendet. Professor Dr. Reinhard Slenczka hat in einer dogmatischen Stellungnahme zu den Leitlinien bemerkt, daß in diesem ganzen Papier das Schriftprinzip aufgehoben ist.

Dieses weit verbreitete Unbehagen an der Bibel im Protestantismus kontrastiert scharf zur Renaissance der jeweiligen Heiligen Schriften im Judentum und im Islam. Zweifellos wirkt sich in diesem Unbehagen eine tiefsitzende Unsicherheit in der Auslegung der Bibel aus. Anfang der fĂŒnfziger Jahres haben die Kirchenleitungen der EKD die historisch-kritische Auslegungsmethode akzeptiert und damit das reformatorische Schriftprinzip de facto preisgegeben. Der bekannte Theologe Gerhard Ebeling hat damals einen Aufsatz geschrieben mit dem Titel „Die Bedeutung der historisch-kritischen Methode fĂŒr die protestantische Theologie und Kirche.“ Darin fĂŒhrt er aus, daß die Bibelauslegung im Protestantismus den „Denkvoraussetzungen“ und dem „WirklichkeitsverstĂ€ndnis“ der Neuzeit folgen muß. Damit wurde das von der AufklĂ€rungsphilosophie bestimmte menschliche Denken zur Letztinstanz der Auslegung der Bibel. Die Auslegungsprinzipien „Kritik“, „Analogie“ und „Korrelation“, die Ernst Troeltsch 1898 formuliert hatte, bestimmen seitdem auf breiter Front die Bibelauslegung. Der Selbstanspruch der Bibel, Gottes Wort zu sein, wurde ausgehöhlt und aufgehoben.

3.) Unsicherheiten bei den Evangelikalen

Francis Schaeffer hat in seinem viel zu wenig bekannten Buch „Die große Anpassung“ von 1988 das BibelverstĂ€ndnis und die Bibelhaltung der evangelikalen Bewegung einer kritischen Analyse unterzogen. An vielen Beispielen, etwa in der Frage der Ehescheidung und Wiederheirat, kommt er zu dem Schluß, daß auch unter den Evangelikalen die Verbindlichkeit des biblischen Wortes stark zurĂŒckgegangen ist. In der „Glaubensbasis der Evangelischen Allianz“ heißt es zwar noch unter Abschnitt II „Wir bekennen uns zur göttlichen Inspiration der Heiligen Schrift, ihrer völligen ZuverlĂ€ssigkeit und höchsten AutoritĂ€t in allen Fragen des Glaubens und der LebensfĂŒhrung.“ Doch blickt man in die Gemeinden, findet man viel Verwirrung. In elementaren theologischen und ethischen Fragen gibt es unter Evangelikalen keinen Konsens mehr. Der Schöpfungsbericht wird von vielen nicht mehr als tatsĂ€chliche Beschreibung des Schöpfungsherganges aufgefaßt. Die bleibende Bedeutung des Abraham- und Sinaibundes fĂŒr Israel wird teilweise bestritten. In den Fragen von SexualitĂ€t und HomosexualitĂ€t gibt es keine EinmĂŒtigkeit mehr. Das voreheliche Zusammenleben von befreundeten und verlobten Paaren wird auch in evangelikal ausgerichteten Gemeinden und Gemeinschaften toleriert. In der Frage der Ehescheidung und Wiederheirat haben viele Seelsorger Wege gefunden, die klaren Aussagen des Apostels Paulus in 1.Kor.7, 10 und 11 zu umgehen. Auch die Gemeindeleitung der Frau, die Paulus ausdrĂŒcklich bestreitet, ist unter Evangelikalen mittlerweile weithin akzeptiert. Man kann nicht umhin festzustellen, daß die postmoderne Beliebigkeit voll und ganz Einzug gehalten hat auch unter denjenigen Christen, die mit Ernst Jesus nachfolgen möchten.

4.) Persönliche Voraussetzungen fĂŒr eine Auslegung der Bibel
als verbindliches Gotteswort

Ich komme nun zu meinem zweiten Hauptteil, in dem ich eine Antwort auf die Frage des Hauptthemas geben möchte. Die Frage, wie man heute die Bibel als verbindliches Gotteswort auslegen kann, ist eng verknĂŒpft mit der eigenen Verbindlichkeit des Glaubens. Sie ist also nicht nur eine Erkenntnis -, sie ist vor allem auch eine Lebensfrage. Verbindlicher Glaube ist die Voraussetzung fĂŒr eine Bibelauslegung als verbindliches Gotteswort. Paulus gibt im 2. Timotheusbrief eine allgemeingĂŒltige apostolische Wegweisung fĂŒr den Gebrauch und die Auslegung der Bibel. Er nennt dort drei unabdingbare Voraussetzungen.

4.1 „Du aber bleibe in dem, was du gelernt hast“ (2. Tim. 3,14). Im tĂ€glichen Umgang mit Gottes Wort liegt ein Geheimnis. In Psalm 1 heißt es von demjenigen, der bestĂ€ndig ĂŒber Gottes Wort nachsinnt, daß er an WasserbĂ€chen gepflanzt ist. Der Heilige Geist vermag uns nur dann zu prĂ€gen und umzuprĂ€gen, wenn wir am Wort Gottes bleiben. In unserer schnellebigen und abwechslungsreichen Zeit ist das eine besondere Herausforderung. Trotz aller Ablenkungen und tĂ€glichen Verpflichtungen gilt es, bestĂ€ndig in der Wirklichkeit des Wortes Gottes zu bleiben. Ebenso gilt es, angesichts der vielen Wahrheiten, die heute auf dem Markt der Post-moderne angeboten werden, konsequent bei der einen Wahrheit zu bleiben, die uns in der Bibel offenbart ist.

4.2 „Die Heilige Schrift unterweist dich zur Errettung durch den Glauben an Jesus Christus“ (2. Tim. 3,15). Wir mĂŒssen uns angewöhnen, die Bibel als Heilsbuch zu lesen, als ein Buch, daß uns unser persönliches Heil fĂŒr Zeit und Ewigkeit offenbart. Dazu muß uns natĂŒrlich selber bewußt sein, daß in uns selbst kein Heil liegt, daß wir selber heillos sind. Wir sind kraft unserer Erfahrung und auch mit grĂ¶ĂŸter BemĂŒhung nicht in der Lage, die richtigen PrioritĂ€ten zu setzen, das richtige Wort zur richtigen Zeit im richtigen Tonfall zu sagen und die richtigen Entscheidungen zu treffen. Wir brauchen andauernd Gottes Hilfe zur Gestaltung unseres Alltags, mit anderen Worten, wir brauchen das Heil Gottes in jeglicher Weise zum Leben. Damit der Mensch die Bibel als Heilsbuch lesen lernt, haben die Reformatoren gelehrt, daß man die Bibel immer als Gesetz und als Evangelium hören und auslegen muß. Das Gesetz erhebt Gottes Anspruch an den Menschen und zeigt ihm sein Unheil, das Evangelium stellt ihm Christus vor Augen und lockt ihn zum Heil. Wir dĂŒrfen die Bibel nicht unter ihrem Wert nutzen. Es geht ihr immer ums Ganze, um unser Heil, und deswegen sollten wir immer dieses Heil in ihr suchen.

4.3 „Alle Schrift ist von Gott gehaucht“ (2. Tim. 3,16a). Die dritte Voraussetzung ist die persönliche Ehrfurcht vor der Heiligen Schrift. Die gilt es wieder zu gewinnen. Die Heilige Schrift ist ein ganz unvergleichliches Wort, und sie steht unendlich ĂŒber der sonstigen Weltliteratur. Ehrfurcht vor der Schrift heißt, daß wir uns in keinem Fall ĂŒber sie stellen, sondern uns von ihr korrigieren lassen. Wir stellen uns auch dort unter sie, wo wir sie nicht verstehen, wo sie in frĂŒhere Zeiten hineinspricht, wo sie Gesetze formuliert, die uns nicht mehr gelten wie z.B. das israelitische Opfer- und Zeremonialgesetz. Luthers bekanntes Zeugnis an seinem Sterbebett ist und bleibt die Richtschnur fĂŒr die persönliche Ehrfurcht: „Wir sind Bettler, das ist wahr“.

5.) Die Arbeit der Bibel an uns

Paulus fĂŒhrt in der zitierten Stelle aus dem 2. Timotheusbrief weiter aus, daß die Bibel „Lehre“ ist. Dazu muß man wissen, was im Alten Testament „Lehre“ bedeutet. Nicht in erster Linie Wissensvermittlung, sondern EinĂŒbung in ein neues Verhalten. In diesem Sinn war Jesus Lehrer fĂŒr seine JĂŒnger. In diesem Sinn gebraucht Paulus dieses Wort, ja er personifiziert die Bibel förmlich. Sie lehrt uns, indem sie uns ĂŒberfĂŒhrt, zurechtbringt und erzieht. Die Auslegung der Bibel als verbindliches Gotteswort bedeutet also zunĂ€chst, daß die Schrift an uns handelt. Wenn wir sie mit den genannten Voraussetzungen lesen, fĂ€ngt sie an, an uns zu arbeiten, uns zu fordern, uns zu trösten, uns zu verĂ€ndern. Paulus spricht hier von einer dreifachen Wirksamkeit der Schrift an uns.

5.1 Sie fĂŒhrt uns immer zur Umkehr und zur Beichte. „Ich armer, elender, sĂŒndhafter Mensch“, so hat Luther sein bekanntes Beichtgebet begonnen. Damit spricht er die Wirklichkeit an, in die uns die Bibel immer wieder hineinfĂŒhrt. Ein „Halleluja-Christentum“ ist der Bibel fremd. Der Mensch wird immer wieder auf seine eigene Heillosigkeit hingewiesen.

5.2 Die Bibel fĂŒhrt uns immer zu Christus. Man muß das lernen, auch dort Christus zu finden, wo gar nicht von ihm namentlich die Rede ist. Eine exzellente Anleitung gibt z.B. Wilhelm Busch in seinem Buch „Spuren zum Kreuz“. Einige Beispiele: Nehmen wir eine Stelle wie Hiob 1,1. Wenn uns dort Hiob vorgestellt wird als ein Mensch, der fromm und rechtschaffen war, gottesfĂŒrchtig und der das Böse gemieden hat, dann ĂŒberfĂŒhrt uns die Bibel und macht uns klar, daß wir eben aus uns heraus weder fromm noch rechtschaffen sind, aber sie zeigt uns gleichzeitig Christus, der uns hilft, in Wahrheit fromm zu werden. Oder nehmen wir eine biblische Lebensweisheit wie sie z.B. in SprĂŒche 6,6 niedergeschrieben ist. Dort werden wir aufgefordert, zur Ameise zu gehen und von ihrem Fleiß zu lernen. Auch eine solche Stelle fĂŒhrt zu Christus, wenn wir sie als verbindliches Gotteswort auslegen. Dann werden wir ĂŒberfĂŒhrt von unserer Faulheit und von den vielen falschen PrioritĂ€ten, die wir im Alltag setzen. Gleichzeitig zieht uns die Schrift aber wieder zur Christus, der als Helfer und Heiland bereitsteht und uns beistehen will, unser Leben effektiver zu gestalten und einzusetzen.

5.3 Die Bibel lĂ€ĂŸt uns reifen. Die Apostel legen großen Wert auf das Reifwerden der Gemeinde, auf das Wachsen zu Christus hin. Paulus schreibt in Epheser 4,11ff, daß Christus die gemeindeleitenden Dienste eben zu diesem Zweck eingesetzt hat, damit sie der Gemeinde helfen, zu Christus hinzuwachsen. Durch den bestĂ€ndigen Umgang mit der Heiligen Schrift, durch ihren Heilsdienst an uns und durch unsere ehrfĂŒrchtige Haltung vor ihr werden wir reife Christenmenschen, die sich nicht mehr von jedem Wind der Lehre hin und her bewegen lassen. Wir werden lebenstauglich und lebensfroh.

6.) Die Auslegung der Bibel als verbindliches Gotteswort

Ich sagte schon, daß die Verbindlichkeit der Bibel eng mit unserer eigenen Glaubensverbindlichkeit zusammenhĂ€ngt. Der Theologe Martin KĂ€hler hat dies einmal so ausgedrĂŒckt: „Wir glauben nicht an Christus um der Bibel willen, sondern an die Bibel um Christi willen. Wir setzen unser Vertrauen auf die Bibel als auf das Wort unseres Gottes um ihres Christus willen“. Er wollte damit sagen, daß unsere Bibelhaltung immer eine Funktion unseres Glaubens ist. Christus selber schafft in uns die Verbindlichkeit seiner Worte. Er macht uns begierig nach seinem Wort, er öffnet uns das VerstĂ€ndnis des Wortes. Er zieht unser Herz, so daß es sich immer fester im Wort Gottes verankern kann. Unsere Glaubensgemeinschaft mit Christus ist also immer das primĂ€re, und unsere Bibelhaltung und Bibelauslegung das sekundĂ€re.

Wo Christus in einem Christen in dieser Weise wirksam wird, hat das immer Konsequenzen fĂŒr seinen Umgang mit dem Wort Gottes. Ich nenne einige dieser Konsequenzen.

6.1 Wir beginnen, das Selbstzeugnis der Bibel, Gottes verbindliches Wort zu sein, ernst zu nehmen. Wir stellen sie ĂŒber uns und beerdigen den Hochmut, der schlauer sein will als die Heilige Schrift. Schwierige Texte stellen wir in das Licht der Christusoffenbarung und versuchen, der dreifachen Arbeit der Bibel an uns auch dort standzuhalten.

6.2 Wir nehmen das Wort der Apostel als das an uns Heidenchristen gerichtete Wort Gottes ernst. Paulus wurde ja von Jesus persönlich zum Heidenmissionar berufen. Viele Konfliktfragen in der Gemeinde heute bekamen ihre zersetzende und spaltende Wirkung deshalb, weil Paulus nicht mehr als der fĂŒr uns Heidenchristen maßgebliche Apostel anerkannt wird. Man fĂ€ngt z.B. an, Jesus und Paulus gegeneinander auszuspielen, und damit hat man schon verloren. In den aktuellen Fragen der Charismatik, der gemeindlichen TĂ€tigkeit der Frau, der Ehescheidung und Wiederheirat oder der SexualitĂ€t ist Paulus der fĂŒr uns maßgebliche Mann.

6.3 Wir nehmen den zentralen Dienst, den Jesus Christus immer wieder an uns tut, nĂ€mlich seine Vergebung, als Lebenswirklichkeit und Lebensnorm fĂŒr uns persönlich wahr und ernst. Wir ĂŒben uns selber ein ins Vergeben und geben die Vergebung, die wir empfangen, weiter.

6.4 Wir lassen uns unser Gottesbild allein von der Heiligen Schrift zeichnen. Viele Christen haben noch ein ganz diffuses Gottesbild, das eher von Goethe und Lessing als vom Dreieinigkeitszeugnis der Heiligen Schrift geprĂ€gt ist. Doch gerade die Dreieinigkeit ist der Kern unseres Glaubens. Der Gott der Liebe bleibt eben nicht bei sich allein, sondern er wird durch die ewigkeitliche Zeugung seines Sohnes zum Vater. Und der Geist ist die Person, durch die der Vater und der Sohn schöpferisch handeln und im Christen Wohnung nehmen. Angesichts der konkurrierenden Gottesbilder in einem multikulturellen Europa wird es immer wichtiger, daß Christen sich verbindlich zum Dreieinigen Gott der Bibel bekennen.

6.5 Wir nehmen das Menschenbild der Heiligen Schrift als verbindlich und als nicht revidierbar an. Nach der Bibel ist der Mensch Geschöpf Gottes und empfĂ€ngt seine WĂŒrde nicht durch Menschen, sondern durch den göttlichen Schöpfungsakt. Er ist von Gott zweigeschlechtlich erschaffen und trĂ€gt als Mann und Frau unverĂ€ußerliche GrundwesenszĂŒge. Als Geschöpf eines kommunikativen Gottes ist und bleibt er auf Gemeinschaft angelegt und wird zu einem sinnerfĂŒllenden Leben nur finden, wenn seine Gemeinschaft mit Gott und dem NĂ€chsten gelingt.

6.6 Wir nehmen auch das Schöpfungszeugnis der Bibel ernst. „So er spricht, so geschieht’s“ (Ps. 33,9). Der heimgegangene geniale Professor Wilder-Smith hat einmal gesagt: Jesus war bei der Schöpfung dabei, und er hat keinen Anlaß gesehen, den Schöpfungsbericht zu relativieren. Mit unserem Bekenntnis zum biblischen Schöpfungszeugnis weisen wir die Spekulationen der Evolutionstheorie zurĂŒck, die so viel Schaden unter unserer Jugend anrichten.

6.7 Wir erkennen aus der Heiligen Schrift den Heilsplan Gottes mit Israel und mit der Gemeinde Jesu. Wir erkennen, daß Gottes Eigentumsvolk seit der Abrahams- und Sinaiverheißung zum Priester- und Königsvolk fĂŒr die ganze Menschheit berufen ist. Wir erkennen auch, daß der Antijudaismus eine bleibende Gefahr fĂŒr das Volk Israel darstellt und lassen uns aus der Heiligen Schrift unsere Platzanweisung geben als eingepfropfte Zweige, die sich nicht ĂŒber Israel erheben dĂŒrfen.

6.8 Und schließlich lassen wir unsere persönliche Hoffnung ganz allein von der Heiligen Schrift formen. Wir wissen, daß „unser BĂŒrgerrecht im Himmel ist“ (Phil.3, 20). Wir wissen, daß wir auf dieser Erde nur GĂ€ste sind, die in geliehener Zeit in geliehenem Besitz leben. Aber weil wir die Ewigkeit im Glauben haben, sind wir frei fĂŒr die Zeit. Wir mĂŒssen nicht das Vorletzte zum Letzten machen, aber wir können im Vorletzten das Letzte bezeugen.

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Dieser Beitrag wurde erstellt am Freitag 9. September 2005 um 14:22 und abgelegt unter Theologie.