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Im GesprÀch: Pfr. Dr. Theo Lehmann

Dienstag 13. November 2018 von Gemeindehilfsbund


Gemeindehilfsbund

Den Lesern des „Aufbruchs“ ist der Autor der Glosse auf der letzten Seite schon seit 2011 ein Begriff. Herzlichen Dank fĂŒr diese erfrischenden Texte! Wie kriegt man das hin, betrĂŒbliche Sachverhalte so zu servieren, dass sie genießbar werden?

Luther soll mal gesagt haben, er brauche zum Predigen immer eine gewisse Wut. Er hat aber keine Wutpredigten gehalten, sondern sein Zorn auf zahlreiche Gegner und Irrlehrer diente ihm als wĂŒrzender Antrieb seiner WortverkĂŒndigung. Er brauchte etwas, woran er sich reiben konnte, und davon gab es mehr als genug. So Ă€hnlich geht es mir bei den Glossen. Ich lag mal krank im Bett, hatte fĂŒr nichts mehr Kraft und Interesse. Eines Tages meldete ich mich zurĂŒck und schrieb dem Redakteur, ich wĂŒrde bereits an der nĂ€chsten Glosse herumformulieren. Das war also mein Thermometer: Ich rege mich schon wieder ĂŒber irgendetwas auf. Der Theo hat wieder Wut, also geht’s ihm wieder gut.

Jetzt kommt aber die Hauptsache: Solange es nur darum geht, sich ĂŒber etwas lustig oder jemanden fertig zu machen, bleibt’s nur bei Bitterbrot mit Galle. Genießbar wird die Glosse, wenn klar wird: Hier schreibt einer etwas Negatives, aber bitte mit Liebe. Mit Wut im Bauch und Liebe im Herzen augenzwinkernd ĂŒber „betrĂŒbliche Sachverhalte“ schreiben – das macht die Glosse genießbar.

Theo Lehmann ist schon lange nicht nur ein Name, sondern ein Begriff und eine Institution. Ich war Anfang der 70er Jahre im damaligen Karl-Marx-Stadt in einem der Jugendgottesdienste und traute meinen Augen nicht. Die riesige Kirche war voller junger Menschen, und das zweimal hintereinander. Bei so viel Zulauf ĂŒber die Jahrzehnte entsteht ja die Gefahr, stolz und eingebildet zu werden. Gibt es da ein Gegenmittel?

Der Jugendgottesdienst war gedacht fĂŒr die Jugendlichen der Gemeinde, in der ich als Pfarrer, und zwar besonders fĂŒr die Jugendarbeit, angestellt war. Schriftlich eingeladen wurden alle Getauften und Konfirmierten, die in der Kartei als Gemeindeglieder gefĂŒhrt wurden, aber nie in der Kirche gesichtet worden waren. Niemand hat geahnt oder geplant, was daraus wurde: drei Jahrzehnte lang war an jedem 2. Sonntag des Monats „Theo-Gottesdienst“, 17:00 und 19:00 Uhr. Es kamen jeweils 3000 junge Menschen. Es gab Bekehrungen und astronomische Kollekten. Da ich weder blind noch bekloppt war, blieb mir durchaus nicht verborgen, dass das eine einzigartige Veranstaltung in Deutschland war, Grund zu Dankbarkeit und Freude. Aber Grund zum Stolz? Es war ja wunderbar, dass die jungen Menschen mit Bussen und Mopeds aus dem Erzgebirge und von sonst wo angerĂŒckt kamen, aber was bedeutet so eine Zahl 3000, so schwindelerregend sie ist? In Karl-Marx-Stadt lebten tausende Jugendliche, die nicht zu diesen Gottesdiensten kamen, nicht mal eine Ahnung von deren Existenz hatten. So glĂŒcklich ich ĂŒber diese 3000 war, die kamen, so schmerzhaft war mir bewusst, dass 30000 oder mehr eben nicht kamen. Jedenfalls hat mich Gott glĂŒcklicherweise vor der stĂ€ndigen Selbstbeobachtung und Reflexionsmasche bewahrt, mit der manche ihren Dienst messen und ihre GefĂŒhlslage analysieren. Ich habe einfach meinen Dienst gemacht. In bin Jahrgang 1934. Wenn man schon als Kind erleben musste, wie hart der Überlebenskampf war, hat man spĂ€ter im Leben weder Zeit noch Lust, sich dauernd am Puls zu fĂŒhlen – wie geht es mir, wie erlebe ich das, immer ich, ich, ich und mein Befinden. Ich hatte meinen Auftrag, ich war ordinierter Pfarrer, es gab riesige Aufgaben, also packen wir’s an. FĂŒr Stolz und Einbildung war in meiner Pfarrerexistenz einfach kein Platz. Das Bibelwort von den unnĂŒtzen Knechten war mir als Pfarrer auch bekannt. Im ĂŒbrigen sorgten Staat und Kirche mit ihren QuĂ€lereien dafĂŒr, dass ich hĂŒbsch auf dem Boden blieb, ganz abgesehen davon, dass ich manchmal mit zitternden Knieen gepredigt habe, z. B. als es eine Bombendrohung gab. Und an einen Gottesdienst erinnere ich mich besonders. Ich predigte, der Mittelgang war vollgestopft mit Menschen, die KirchentĂŒren standen offen, so dass ich beim Predigen auf den Opernplatz vor der Kirche sehen konnte. Und da sah ich, wie Uniformierte von vorfahrenden Mannschaftswagen abstiegen – vor der KirchentĂŒr. Ich wusste nicht, was die wollten. Wollten die mich und alle anderen verhaften? Solche Gedanken schossen mir durch den Kopf, wĂ€hrend ich mit zitternden Knieen wie ein Weltmeister weiter predigte. Corrie ten Boom hat gesagt: „Mut ist Angst, die vorher gebetet hat.“ Und ich hatte mal den Satz gelesen: „Ein Prediger muss bereit sein, fĂŒr das, was er gepredigt hat, aufs Schafott zu gehen.“ Das war mein Grundsatz, und dass Gott mich und die Jugendlichen bewahrt hat, war kein Grund zum Stolz, sondern zur Dankbarkeit. Vielleicht ist die Dankbarkeit das beste Gegenmittel gegen den Stolz.

Im Buch „Freiheit wird dann sein. Aus meinem Leben“ sind viele Liedtexte abgedruckt. Wer kennt nicht „Dass dein Wort in meinem Herzen starke Wurzeln schlĂ€gt“? Theo Lehmann und die Musik gehören untrennbar zusammen. Wie mĂŒssen Lieder beschaffen sein, damit sie die Herzen fĂŒr das Evangelium öffnen?

Na, sie mĂŒssen vor allem Evangelium enthalten und in der Sprache der Gegenwart formuliert sein. Wenn bei stĂ€ndigen Wiederholungen, möglichst im Dreivierteltakt, der Herr und König auf den Thron erhoben wird, wird’s allmĂ€hlich langweilig. Einfache sofort mitsingbare Melodien mit ebenso einfachen Texten, das ist ein gutes Konzept. Wobei Einfachheit nicht mit Plattheit verwechselt werden darf. Mit den Liedtexten ist das wie mit den Predigten. Es ist die höchste Kunst, mit einfachen Worten die tiefsten Wahrheiten auszusprechen, lebensnah und aktuell. Wobei ja bei den Liedern die Schwierigkeit dazu kommt, dieses alles in eine bestimmte Form zu bringen. Jedenfalls brauchen wir bei Evangelisationen Lieder, die Jesus bekennen und zu ihm einladen. Deshalb ist keineswegs jeder christliche Liedermacher fĂŒr Evangelisationen geeignet, sondern nur, wer demĂŒtig alles dem einen Ziel von Zeugnis und Bekehrung unterordnet, ist zu diesem Dienst befĂ€higt. Es gehört zu dem großen GlĂŒck meines Lebens, dass ich in Jörg Swoboda und Wolfgang Tost zwei SĂ€nger gefunden habe, die sich als Evangelisten verstehen und mich bei Evangelisationen begleitet haben. Mit beiden habe ich auch viele Lieder geschrieben, z. B. auch das in der Frage erwĂ€hnte. Unsere Lieder haben das Evangelium in vielen Facetten zum Inhalt und greifen zugleich aktuelle, ethische, gesellschaftliche und politische Themen auf. Das stört mich, wenn ich das hier mal nebenbei bemerken darf, an der heutigen christlichen Liedermacherszene, dass sie die eben genannten Bereiche kaum berĂŒhrt. Themen, die unsere Gesellschaft beschĂ€ftigen und spalten und unseren christlichen Glauben speziell angehen (Abtreibung, Ehe fĂŒr alle, Islam), werden ausgeblendet. Mir ist jedenfalls nicht bekannt, dass auch nur ein einziger Liedermacher sich z. B. mit dem Islam auseinandergesetzt hĂ€tte, außer Lehmann/Tost, bei denen es in dem Bekehrungslied

„Wendet euch zu mir, so werdet ihr gerettet“ heißt:

„Buddha, Allah oder Krishna
kannst du alle glatt vergessen.
Wer die falschen Götter ehrt,
der verliert und lebt verkehrt.
Niemand kann mit Gott sich messen.“

Manchmal wird gesagt, dass die Zeit der Evangelisationen vorbei sei. Lassen sich die Menschen heute noch öffentlich zur Bekehrung aufrufen, und wenn ja, wie muss das geschehen?

Diesen Schwachsinn höre ich nun schon seit 50 Jahren, vor allem aus dem Mund von denen, die Evangelisation grundsĂ€tzlich ablehnen. Mir hat es, zusammen mit anderen Evangelisten, nie an Arbeit gefehlt, und auch das sĂ€chsische Evangelisationsteam hat keinen Mangel an Einladungen. Wir haben inzwischen seit Jahren sogar ein Zelt! Vorbei ist lediglich der ĂŒberholte Stil mit Posaunen- und MĂ€nnerchören, Liedern in der Sprache Kanaans usw. Aber wenn man es richtig anpackt und bei der biblischen Botschaft bleibt, bleibt das Zelt nicht leer. Im Gegenteil, es ist nach wie vor eine der besten Möglichkeiten, die Botschaft von Jesus unter die Leute zu bringen. Bei uns im Zelt steht vorne auf der BĂŒhne ein großes Kreuz. Am Ende der VerkĂŒndigung stelle ich mich daneben und sage:

„Wir haben hier vorne ein Kreuz aufgestellt.
Das ist ein Zeichen, ein Symbol fĂŒr Jesus Christus.
Es bedeutet: Wir Christen glauben, dass Jesus jetzt hier ist.
Und wenn du zu Jesus kommen willst, kannst du das jetzt auch in der Zeichensprache ausdrĂŒcken, indem du aufstehst (du verlĂ€sst dein altes Leben) und hierher zum Kreuz kommst wĂ€hrend des folgenden Liedes. Ich bleibe hier nur stehen, um dir zu helfen.
Denn wenn du hier vor dem Kreuz stehst, werden wir ein Gebet sprechen.
Ich sage es in kurzen SÀtzen vor, und du sprichst es mir nach und machst es dadurch zu deinem eigenen Gebet. Damit sprechen wir den auferstandenen gegenwÀrtigen Jesus an,
und das ist der entscheidende Schritt.
Dem folgen dann gleich die nÀchsten Schritte.
Denn wenn du hier vorne stehst, wirst du nicht alleine stehen.
Er werden sich Mitarbeiter zu dir stellen,
die wollen hinterher noch mit dir reden und dir helfen
damit aus dem ersten Schritt ein Weg wird. Und jetzt kannst du kommen.“

Dann singt der SĂ€nger ein sogenanntes Ruflied, und diese paar Minuten sind Ă€ußerst kostbar. So etwas kommt sonst nie und nirgends bei kirchlichen Veranstaltungen und Gottesdiensten vor. Selbst wenn niemand nach vorne kommt – es fallen in diesen Minuten Entscheidungen fĂŒr die Ewigkeit. Es geht da nur um die eine Frage: Gehe ich jetzt zum Kreuz oder nicht? Werde ich Christ, oder lasse ich es bleiben? FĂŒr den Evangelisten ist das der schwerste Moment der Evangelisation, der nur im Gebet durchgestanden werden kann. Billy Graham erzĂ€hlte, dass er da immer ein Hemd durchschwitzt. Das ist nĂ€mlich der Moment, wo man es praktisch mit HĂ€nden greifen und mit Augen sehen kann, dass wir es nicht mit Fleisch und Blut, also mit menschlichen Argumenten zu tun haben, sondern mit dĂ€monischen MĂ€chten, die die Angesprochenen auf ihrem Stuhl, also ihrem alten Leben, festhalten wollen. Wenn jemand zum Kreuz gekommen ist, bete ich Satz fĂŒr Satz das Übergabegebet, und die Gekommenen sprechen es laut nach:

„Herr Jesus Christus, ich brauche dich.
Ich habe bisher mein Leben selbst bestimmt.
Ich habe gegen dich gesĂŒndigt.
Ich bitte dich: Vergib mir meine Schuld.
Ich gebe dir jetzt mein Leben
mit Leib, Seele und Geist,
mit Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.
Übernimm die Herrschaft in meinem Leben
und verÀndere mich so, wie du mich haben willst.
Ich danke dir, dass du mich angenommen hast.

Amen.“

Im „Dr. Blues-Lied“ von Lutz Scheufler heißt es: „Seine Worte konnten treffen, dafĂŒr schlug man auf ihn drauf. Deshalb fand er nicht nur Freunde, manche wollten ihn nicht hör‘n. Legten viele Stolpersteine, um sein Predigen zu stör’n.“ Im genannten Freiheitsbuch kann man von diesen WiderstĂ€nden eine Menge lesen. Wie kann man trotz Gegenwind ein fröhlicher Christuszeuge bleiben?

Ich war nie so naiv zu denken, ich könnte als Prediger der Wahrheit ohne Widerstand leben. Im Gegenteil. Als Prediger der Wahrheit in einem System der LĂŒge – das konnte nicht gut gehen und musste zu Konflikten fĂŒhren. Man muss sich mal klar machen, wo ich gepredigt habe – in Karl-Marx-Stadt. Schon der aufgezwungene Name sagt alles. Es war die Stadt, die als Vorbild einer sozialistischen Metropole galt. Und die Lehre der herrschenden Ideologie war ja, dass die Kirche ausstirbt. Und nun passierte es, dass nicht nur ein paar halb taube alte Weiblein in die Kirche kamen, sondern tausende junge Menschen. Ausgerechnet in dieser Stadt! Das passte natĂŒrlich ĂŒberhaupt nicht in die Köpfe und Konzepte der Kommunisten. Hier prallten zwei TotalansprĂŒche aufeinander. Der totalitĂ€re DDR-Staat verlangte die totale Hingabe seiner BĂŒrger an das sozialistische System, und da trat ein junger Pfarrer auf, der die Jugendlichen zur totalen Hingabe an Gott aufforderte, zur sofortigen Bekehrung und Nachfolge ohne RĂŒcksicht auf andere Meinungen, Menschen und MĂ€chte. Damit war der Krach programmiert. Ich habe immer mit Gegenwind gerechnet, z. B. mit Verhaftung. Gleichzeitig war ich so naiv zu denken, meine Kirche wĂŒrde zu mir halten. Dass ich dann von meinen eigenen „BrĂŒdern“ die schwerste Dresche bezog, traf mich völlig unerwartet. Im Lauf der Jahre kam ich in einem schmerzhaften Prozess zu der Erkenntnis, dass es sinnlos ist, sich auf Menschen (Pfarrer, Bischöfe, Kirchenleitungen, usw.) zu verlassen. Ich beschloss, mich nur noch auf Jesus, meinen Auftraggeber und BeschĂŒtzer, zu verlassen. Das hat mich freier, unabhĂ€ngiger und mutiger gemacht. Jesus allein!

Wer heute 84 Jahre alt ist und in der Ex-DDR gelebt hat, kann zwei Diktaturen und eine Demokratie ĂŒberblicken. Wie können Christen das demokratische System der Bundesrepublik Deutschland gegen Ideologien von links und rechts stĂŒtzen und stĂ€rken?

Das demokratische System der Bundesrepublik existiert real immer weniger, und wir bewegen uns immer mehr in Richtung Diktatur. Was ich allein bei der Ideologisierung der Gesellschaft vom Kindergarten bis zur Wissenschaft und Forschung erlebe, kommt mir sehr bekannt vor. Das hatten wir alles ja schon mal. Jeder Andersdenkende, der seinen eigenen Kopf bewahrt, zumal wenn da lange Haare drauf waren, wurde als dekadent und Friedensfeind betrachtet und behandelt. Als dann prominente Politiker der Bundesrepublik einen Teil der eigenen BĂŒrger, die sich erlaubten selbststĂ€ndig zu denken, als „Pack“ bezeichneten, klingelten bei mir die Alarmglocken. Den Ton kannte ich! Ich habe mich sofort mit dem „Pack“ solidarisiert und ging seitdem zu den Montagstreffen der Chemnitzer Pegida, die meistens am „Nischel“, also dem riesigen Karl-Marx-Kopf stattfanden. Genau dort stand ich 1989 und demonstrierte mit den Tausenden fĂŒr die Freiheit. Es ist tragisch, dass ich jetzt als alter Mann wieder am gleichen Platz stehe, weil ich die damals schwer erkĂ€mpfte Freiheit nicht verlieren möchte. Da mag jeder sich seine Möglichkeit suchen, seine Meinung zu Ă€ußern. Ob es was nĂŒtzt, mit Pegida vor dem antichristlichen Islam zu warnen, weiß ich nicht. Ich mache es eben, weil es wichtig ist. Freiheit, wie wir sie als Demonstranten 89 verlangten, war praktisch unmöglich. Und dann wurde das Unmögliche plötzlich doch möglich! Und zwar, weil Gott eingegriffen hat. Ob er noch mal so eingreift? Oder gilt fĂŒr die jetzige Lage das Pauluswort von Römer 1,34: „Gott hat sie dahingegeben.“? Ich will mich jetzt nicht in Spekulationen ĂŒber den Lauf der Weltgeschichte verlieren. Kehren wir zum Leben von Theo Lehmann zurĂŒck. Ich fĂŒr meinen Teil rufe die Menschen, zu denen ich predige, zur Bekehrung zu Gott auf, und das will ich machen, solange ich predigen kann.

Erstaunlicherweise haben viele evangelische Pfarrer und auch manche Superintendenten die Theo-Lehmann-Jugendgottesdienste im frĂŒheren Karl-Marx-Stadt und die Evangelisationen im Lande behindert und boykottiert. Woran liegt das? Und: gab und gibt es eigentlich Unterschiede in der Aufnahmebereitschaft fĂŒr das Evangelium in Ost und West?

Aus welchen GrĂŒnden kirchliche AmtstrĂ€ger gegen die Jugendgottesdienste und Evangelisationen waren, weiß ich nicht. Unterschiede in der Aufnahmebereitschaft fĂŒr das Evangelium in Ost und West sind mir nicht aufgefallen. Schon als ich zum ersten Mal im Westen predigte, sagte Jörg Swoboda, der als SĂ€nger dabei war, mitten wĂ€hrend einer Veranstaltung zu mir: „Es ist alles wie zuhause.“ Bei diesem Eindruck ist es geblieben. In den Jahren nach der friedlichen Revolution wurde ich immer wieder gefragt: Gibt es einen Unterschied zwischen Ost und West? Lange wusste ich darauf keine Antwort. Dann ging ich in westdeutsche Schulen. Oft bombardierten mich die SchĂŒler mit den gleichen Fragen, mit denen uns schon die Kommunisten genervt hatten – KreuzzĂŒge, Hexenverbrennung, usw. Da wusste ich die Antwort. Sie heißt: Im Westen sind viele getauft, aber ohne persönliche Gottesbeziehung. Im Osten sind die wenigsten getauft, aber meist ohne persönliche Gottesbeziehung. Folgerung: Ob Ost oder West – alle brauchen eine persönliche Beziehung und Bekehrung zu Gott. Es muss evangelisiert werden!

In puncto Frauenordination, Abtreibung, HomosexualitĂ€t und vorehelichen Sex gehen die Meinungen auch im frommen Lager weit auseinander. Die Diskussionen darĂŒber sind oft strapaziös und binden KrĂ€fte. Wie kann die evangelikale Bewegung in diesen ethischen Fragen wieder zu einer einheitlichen, auf dem Wort Gottes gegrĂŒndeten Haltung finden?

Indem sie das Wort Gottes wieder als Wort Gottes, also als oberste AutoritÀt anerkennt. Die Poussiererei mit dem Zeitgeist muss endlich aufhören!

Der Gemeindehilfsbund plĂ€diert seit 20 Jahren fĂŒr die Einberufung einer evangelischen Bekenntnissynode, weil wir davon ĂŒberzeugt sind, dass die bekenntnis- und bibelgebundenen Christen in den Landeskirchen eine eigenstĂ€ndige Vertretung in und gegenĂŒber der EKD brauchen. Liegen wir da richtig, oder ist dieser Zug schon lĂ€ngst abgefahren?

Nein, der muss erst richtig in Fahrt kommen. Genau das, eine Bekenntnissynode, hatte auch das Evangelisationsteam vorgeschlagen, und dazu stehe ich auch heute noch. Aber entweder ist der Druck noch nicht groß genug, oder die Evangelikalen sind zu zersplittert oder was weiß ich, jedenfalls ist der Zeitpunkt, der kairos, offensichtlich noch nicht da. Aber Gott wird ihn bestimmen. Die Bekenntnissynode muss kommen, wird kommen, wenn Gott grĂŒnes Licht gibt. DafĂŒr mĂŒssen wir beten und arbeiten.

Zum Schluss bitte ich noch um eine kleine Wegweisung. Was braucht die Gemeinde Jesu in unserem Land am dringendsten? Wie kann sie im Glauben, in der Hoffnung und in der Liebe wachsen? Wie kann sie in einer weithin zeitgeistabhĂ€ngigen evangelischen Kirche Salz und Licht fĂŒr die Welt sein und werden?

Wer bin ich, um eine Wegweisung geben zu können? Das ist zu viel verlangt. Salz und Licht fĂŒr die Welt kann man nicht werden, denn Jesus sagt: Ihr seid es. Das brauchen wir nur zu glauben.

Die Fragen stellte Pastor Dr. Joachim Cochlovius.

Quelle: Aufbruch – Informationen des Gemeindehilfsbundes (Oktober 2018)

Die aktuelle Ausgabe des „Aufbruch“ kann hier heruntergeladen werden. Wenn Sie den „Aufbruch“ kostenlos abonnieren möchten, teilen Sie uns Ihren Wunsch gerne mit. (GeschĂ€ftsstelle des Gemeindehilfsbundes, MĂŒhlenstr. 42, 29664 Walsrode, Tel.: 05161/911330; info@gemeindehilfsbund.de).

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Dieser Beitrag wurde erstellt am Dienstag 13. November 2018 um 16:23 und abgelegt unter Gemeinde, Gesellschaft / Politik, Kirche.