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Die abgesagte Reformation

Mittwoch 31. Oktober 2018 von Dr. Klaus-RĂŒdiger Mai


Dr. Klaus-RĂŒdiger Mai

Zum 500. ReformationsjubilĂ€um letztes Jahr erweckte der Apparat der evangelischen Kirche den Eindruck, dass er sich der Reformation, vor allem Martin Luthers (1483–1546) schĂ€mte. Dabei verband sich mit der Reformationsdekade die Hoffnung auf eine Vergewisserung im Glauben und eben nicht auf eine Selbstbespiegelung in wohlfeiler Hypermoral. So war ausgerechnet der Glaube der große Verlierer des Kirchentags in Berlin 2017. Der Journalist Ferdinand Knauss fragte in seiner Kolumne in der Wirtschaftswoche: „Ist es ein purer Zufall, dass es in keiner dieser Veranstaltungen um Seelsorge, die Bibel, Jesus, Gottvater oder sonst ein religiöses Thema geht?“

 Wo das JubilÀum gelang und wo nicht

Dort, wo glaubensferne Großveranstaltungen oder die Weltausstellung rot-grĂŒne Gesellschaftspolitik, Genderismus und Esoterik in den Mittelpunkt stellten, misslang das JubilĂ€um. Im Gegenzug stießen die historischen StĂ€tten der Reformation und Veranstaltungen, die Glauben und lutherische SpiritualitĂ€t zum Thema wĂ€hlten, auf ein reges Interesse. Wo Glauben und Geschichte konkret und erlebbar wurden, leistete das JubilĂ€um Hervorragendes. Nur stand das auf der Agenda der EKD eher weiter unten als ganz oben. Bis zur Grenze des Ge­schichtsrevisionismus und oft anachronistisch thematisierte die Reformationsbeauftragte der EKD, Margot KĂ€ĂŸmann, Luthers angeblich „dunkle Seiten“ und verstiegen sich Kirchenhistoriker wie Thomas Kaufmann zu der Vorstellung, dass Luther fĂŒr uns heute fremd und unverstĂ€ndlich, ein Mensch des beginnenden 16. Jahrhunderts wĂ€re. Wer das Gegenwartspotenzial Martin Luthers ĂŒbersieht, ist als Historiker geschichtsblind und wer als Kirchenleitung Politik und Moral, statt den Glauben in den Mittelpunkt stellt, sĂ€kularisiert sich selbst.

Auf die Hauptaufgaben konzentrieren

Die Vergewisserung im Glauben und die Überwindung der Krise der Kirche hĂ€tten von der Reformationsdekade starke Impulse erhalten, wenn man sich konsequent von dem Grundsatz hĂ€tte leiten lassen, dass der Grund der Kirche im Glauben besteht. Es wird also Zeit, dass die Kirche sich wieder auf den Glauben und auf ihre sechs Hauptaufgaben (Gottesdienst, Seelsorge, Bibellesung, Diakonie, Bildung, Mission) konzentriert. Doch nach den Erfahrungen der Reformationsdekade ist das vom Apparat der EKD, der lieber Sonderpfarrerstellen schafft und parteiische Propagandabereiche finanziert, nicht zu erwarten, auch nicht, dass die Ortsgemeinden gestĂ€rkt und der Beruf des Pfarrers aufgewertet wird.

Der Apparat der Kirche hat zu viel Geld

Eine Lehre des ReformationsjubilĂ€ums scheint indes auch darin zu bestehen, dass dem Apparat der Kirche zu viel Geld zur VerfĂŒgung steht. Vielleicht gelingt die Erneuerung der Kirche im Glauben nur noch ĂŒber eine „arme“ Kirche, die sich am Glauben als Gnade und an Christus allein orientiert. Das ReformationsjubilĂ€um endete, die Notwendigkeit einer neuen Reformation bleibt bestehen und wird von Tag zu Tag unabweisbarer.

Dr. Klaus-RĂŒdiger Mai (Zossen) ist promovierter Historiker und Literaturwissenschaftler sowie Schriftsteller. Zuletzt erschien sein Buch „Geht der Kirche der Glaube aus?“

Quelle: ideaSpektrum, Nr. 43/2018 (www.idea.de)

Mit freundlicher Genehmigung von ideaSpektrum

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Dieser Beitrag wurde erstellt am Mittwoch 31. Oktober 2018 um 6:00 und abgelegt unter Kirche.