Gemeindenetzwerk

Ein Arbeitsbereich des Gemeindehilfsbundes

Drucke diesen Beitrag Drucke diesen Beitrag Artikel empfehlen Artikel empfehlen

Wenn er spricht, so geschieht’s. Ein Beitrag zur Wiederentdeckung des schöpferischen Gottes

Samstag 21. Oktober 2017 von Dr. Joachim Cochlovius


Dr. Joachim Cochlovius

Der mir unvergessene Prof. A. E. Wilder-Smith (1915-1995) wurde bei seinen Vorträgen nicht müde zu betonen, dass der Mensch seinen Denkapparat genauso wie auch andere Apparate zerstören kann. „Wenn wir mit einer Kaffeemühle Steine mahlen, brauchen wir uns nicht zu wundern, wenn sie bald stumpf wird. Wenn wir unserer Vernunft andauernd zumuten, Unlogisches zu denken, werden wir erleben, dass sie unbrauchbar wird“.[1] Mit diesem und ähnlichen Argumenten machte er uns klar, dass es ein Gebot der Logik sei, von den Schöpfungswerken auf den Schöpfer zu schließen, und ein Gebot der Selbstachtung, das eigene Denken an den schöpferischen Gott heranzuführen[2]. Mit den folgenden Ausführungen möchte ich dieser doppelten Ermahnung nachkommen.

Die Schöpfungsvergessenheit unserer Zeit, die zutiefst auf der Weigerung beruht, den Dreieinigen Gott als den Schöpfer des Himmels und der Erde anzuerkennen, führt unser Volk und die Gesellschaft in immer größere Probleme. Wer hinter der Schöpfung nicht mehr den Schöpfer wahrnimmt, gleitet entweder in heidnische Naturverachtung oder Naturvergötzung ab, verliert die Ehrfurcht vor der Unverfügbarkeit des Lebens, kann den Begriff der Menschenwürde nicht mehr füllen und wird anfällig für die Utopien einer sich selbst organisierenden Natur bzw. Materie (Charles Darwin und Manfred Eigen) und eines sich selbst vervollkommnenden Geistes (Georg Friedrich Wilhelm Hegel und Karl Marx). Nur eine Neuentdeckung des biblischen Glaubens an Gott den Schöpfer des Himmels und der Erde kann uns helfen, die globalen ökologischen Probleme zu meistern, eine wahrhaft soziale Ethik wiederzugewinnen, den Menschen, auch in seiner embryonalen Form und auch als Sterbenden, neu zu achten und schließlich widerstandsfähig zu werden gegenüber den trügerischen Hoffnungen auf eine immer vollkommener werdende Welt.

Ich möchte gern Mut machen zu einem konsequenten Glauben an den „Gott, der dem, was nicht ist, ruft, dass es sei“ (Röm.4,17). Dieser Glaube ist logisch, denn er führt eine genial gestaltete Schöpfung auf einen intelligenten Schöpfer zurück. Er ist Gott dem Schöpfer angemessen, denn er gibt ihm die Ehre, die ihm zukommt. Und er ist hilfreich, denn er spendet Trost und Kraft. Der schöpferische Gott, der aus dem Nichts alles erschafft, ist ja auch in der Lage, aus den Wüsten- und Krisensituationen unseres persönlichen Lebens das Gegenteil zu machen. Er, dessen Kraft Wind und Wolken bewegt, vermag auch unser Leben so zu steuern, dass wir an das richtige Ziel kommen, nämlich zur Herrlichkeit in Gottes Ewigkeit, die uns verheißen ist.

1 Die Schöpfungsvergessenheit unserer Zeit und ihre Folgen

1.1 Die Entfremdung unserer Jugend vom christlichen Glauben

Vor über 40 Jahren gab es eine Umfrage unter den Schülern eines norddeutschen Gymnasiums, was sie vom christlichen Glauben halten. Mehr als die Hälfte erklärten, dass sie deswegen nicht mehr an Gott glaubten, weil der biblische Schöpfungsbericht durch die Wissenschaft widerlegt sei[3]. Wer sich in deutschen Biologie- und Religionsbüchern umsieht, wundert sich über diese Haltung nicht. Eine Aussage, dass unsere Erde und der Kosmos auf gewaltige Schöpfungsakte Gottes zurückgeht, sucht man hier vergeblich.[4] 1982 fand im Geistlichen Rüstzentrum Krelingen ein Kongress zum Thema Schöpfung und Evolution statt, der mit einer Resolution der Teilnehmer an sämtliche deutsche Kultusministerien abgeschlossen wurde. Wir haben darin die Kultusminister gebeten, in den Rahmenrichtlinien des Biologie- und Religionsunterrichts Platz für die Darstellung des christlichen Schöpfungsglaubens und der Schöpfungswissenschaft einzuräumen. Das Echo war deprimierend. Nur drei Ministerien antworteten, und nur eins davon versprach, die Eingabe zu prüfen.

Die Folgen dieses offiziellen Schweigens für Glauben und Denken unserer Jugend sind fatal. Bei einer Schülerfreizeit stellte ich einmal einige Fragen, deren Beantwortung mich verblüffte. Ich wollte von den jungen Leuten wissen, wofür mehr Intelligenz, Kraft und Wille notwendig sei, für den Bau einer Gartenlaube, eines Autos, das aus etwa 10 000 Einzelteilen besteht, oder einer Mondrakete, die etwa 10 Millionen Teile hat. Die Antworten waren korrekt. Dann kam ich zur entscheidenden Frage: Ich schilderte das menschliche Gehirn, das aus 100 Milliarden Teilen besteht, mit 500 000 km Kabel vernetzt ist, 1 Trillion Rechenoperationen pro Sekunde ausführt, wassergekühlt ist und 1,5 kg wiegt, und fragte dann, ob es auf einen genialen Erfinder hinweise oder sich zufällig aus niedrigeren Nervensystemen entwickelt haben könnte. Nach einigem Überlegen antwortete die Mehrzahl, dass es sich zufällig entwickelt habe. Bei den drei anderen Objekten war es ihnen allen klar gewesen: Es braucht zur Ausführung Intelligenz, Kraft und Willen. Beim Gehirn vergaßen sie ihre Logik. Ich frage mich, wie lange wir als Eltern noch zusehen wollen, wie unseren Kindern durch die Schöpfungsleugnung an unseren Schulen der Glauben schwer gemacht und das logische Denken im Blick auf den Schöpfer abtrainiert wird.

1.2 Zwischen Naturverachtung und Naturvergötzung

Der Verlust des Schöpfungsglaubens und -denkens hat zwangsläufig Folgen für den Umgang mit der Natur und Umwelt. Wer sich in die Schöpfung hineingestellt und damit vor den Schöpfer gestellt sieht, ist sich seiner Verantwortung im Umgang mit ihr bewusst oder zumindest darauf ansprechbar. Gleichzeitig weiß er aber auch, dass Natur und Umwelt geschaffene und keine letzten Werte darstellen. Wer aber diesen Bezug zur Schöpfung nicht hat, steht immer in einer doppelten Gefahr, nämlich auf der einen Seite die materielle Welt nur als Verfügungsmasse zu sehen oder sie auf der anderen Seite als die letzte und eigentliche Lebensgrundlage zu hoch zu bewerten.

Kaum ein anderer hat die schädlichen Umwelt- und Sozialfolgen der modernen Schöpfungsvergessenheit so scharf analysiert wie der 2001 verstorbene geniale Zukunftsforscher Prof. Johann Millendorfer aus Österreich. Die immateriellen „Entsorgungsprobleme“ des modernen Menschen, d.h. seine Hilflosigkeit im Umgang mit Schuld und Versagen, führen nach Millendorfer zu den globalen materiellen Entsorgungsproblemen. Das marxistische bzw. sozialistische Menschenbild, das den Menschen wesentlich über seine Arbeitsfähigkeit und seinen Nutzen für den Staat definiert, führt zu einem Überwuchern der Produktionsbereiche über die Lebensbereiche, das die Natur ausbeutet und paradoxerweise die Produktivität und Arbeitsqualität mindert. Der Verlust der Stille und des Sinns für Schönheit führen zur Machermentalität und zu kurzgreifenden und einseitigen Diagnosen und Entscheidungen.[5] Es ist kein Ruhmesblatt für die Christen in den Industrieländern, dass sie diese schädlichen Folgen der Naturverachtung und -ausbeutung entweder gar nicht oder zu nachlässig sahen, so dass erst eine „grüne“ Bewegung, die sich weithin aus neomarxistischen Wurzeln speist, auf sie aufmerksam machen musste.

Auf der anderen Seite ist es eine schöne Utopie, gerade auch in dieser Bewegung, auf eine Welt zu hoffen, „in der die natürlichen Lebensgrundlagen geachtet und bewahrt werden“, wenn man sich gleichzeitig einem emanzipatorischen Menschenbild und einer Gesellschaft verpflichtet sieht, „in der die Menschen eine Chance haben, ihr Leben selbst zu gestalten – frei von Bevormundung“.[6] Wer Selbstbestimmung und Ökologie zu letzten Werten erhebt, der verkennt gründlich, dass es ja gerade der glaubensferne und „selbstbestimmte“ Mensch war und ist, der seine Verantwortung für die Schöpfung Gottes vergessen hat.

1.3 Der Verlust der Ehrfurcht vor dem menschlichen Leben

Die Schöpfungsvergessenheit hat auch das Menschenbild der Moderne und Postmoderne entscheidend mitgeprägt. Die Verantwortung des Menschen als Geschöpf Gottes vor seinem Schöpfer trat zurück. Andere Instanzen rückten an die Stelle Gottes. Der Rationalismus und die Aufklärungsphilosophie erklärten die menschliche Vernunft zur letzten Instanz. Diese wiederum kürte sich unter dem Einfluss der Französischen Revolution die Menschenrechte der Gleichheit, Freiheit und Brüderlichkeit zu ihren Idealen. Die Qualität und Würde des Menschen wurde nun unter dem Einfluss dieser Werte nicht mehr durch seine Geschöpflichkeit bestimmt, sondern vom Grad der Verwirklichung der Menschenrechte. Menschsein hieß jetzt, möglichst viel an Gleichheit, Freiheit und Brüderlichkeit zu erlangen. Doch die dunkle Kehrseite dieser glänzenden Ideale kam schnell ans Licht. Der Verlust der Geschöpflichkeit hatte nämlich unter der Hand dem menschlichen Leben seinen Wert genommen. Es konnte nun bedenkenlos geopfert werden, wenn es bei der Durchsetzung der Menschenrechte als hinderlich erschien. Während der Französischen Revolution wurden etwa 40 000 Menschen im Namen der Menschenrechte getötet. Francis Schaeffer hat diese Paradoxie richtig beschrieben: „Diese Zerstörung kam nicht von außerhalb des Systems, sie wurde vom System selbst produziert“.[7]

Weder die Kriege und sozialen Katastrophen noch die kirchlichen Erweckungsbewegungen des 19. und 20. Jahrhunderts haben es vermocht, das christliche Bild vom Menschen als eines Gott verantwortlichen Geschöpfes gesellschaftlich umfassend zur Geltung zu bringen. Selbst die große Erschütterung aller neuzeitlichen Ideale, die der 2. Weltkrieg und sein Ende auslöste, führte nicht zu einer umfassenden Neuentdeckung der Geschöpflichkeit des Menschen oder zu einer christlichen Neubestimmung der Menschenwürde. Zu tief hatten sich die Ideale der Aufklärung und der Menschenrechte in das Bewusstsein der Menschen eingegraben. So hatte dann auch die neomarxistische Ideologie, die seit der Studentenrevolte von 1968 die Leitideen für die weitere gesellschaftliche Entwicklung der Postmoderne lieferte, ein leichtes Spiel, ihr Ideal der absoluten Selbstbestimmung des Einzelnen weithin durchzusetzen. Und wieder, wie schon zur Zeit der Französischen Revolution, verbirgt sich hinter einem ansprechenden Ideal eine dunkle Kehrseite. Der „selbstbestimmte“ Mensch ist nämlich durchaus bereit, zur Durchsetzung seines Ideals auch gegen die Interessen des anderen zu handeln. Der Grund liegt auf der Hand. Die Tatsache der menschlichen Geschöpflichkeit ist ihm abhandengekommen. Für ihn ist dieses Menschenbild nichts anderes als eine „Fremdbestimmung“ und insofern eine Zumutung.

Wo sich aber der Mensch nicht mehr in der Verantwortung vor seinem Schöpfer sieht, degeneriert die Ehrfurcht vor dem menschlichen Leben zur bloßen Floskel. Warum sollte er denn vor dem Leben des anderen noch Ehrfurcht haben? Die öffentliche Diskussion und die Gesetzestexte zur Abtreibung und zur Embryonenforschung in den vergangenen 30 Jahren reden eine deutliche Sprache. Schon 1991 hieß es in der Stellungnahme einer deutschen evangelischen Landeskirche: „In Konfliktsituationen kann die letzte Entscheidung der betreffenden Frau von niemandem abgenommen werden; sie muss sie in ihrer Verantwortung vor Gott treffen“.[8] 1995 gab es dann den bis heute geltenden notvollen Abtreibungskompromiss, nach dem die Abtreibung in den ersten drei Schwangerschaftsmonaten zwar nicht rechtmäßig, aber dennoch straflos ist, wenn ein Beratungsgespräch nachgewiesen ist. Sieben Jahre später, im Januar 2002, stimmte der Deutsche Bundestag mehrheitlich einem Gesetzentwurf zu, der grundsätzlich den Import von menschlichen embryonalen Stammzellen ermöglicht und damit die wissenschaftliche Forschung an menschlichen Embryos freigibt. Wiederum verfügt der „selbstbestimmte“ Mensch, diesmal im Namen der Freiheit der Wissenschaft, über ihm nicht gehörendes menschliches Leben.

1.4 Geschichtslosigkeit, Autoritätsverfall und Ungeborgenheit

In diesem Abschnitt möchte ich auf einige tiefere gesellschaftspsychologische Folgen unserer Schöpfungsblindheit hinweisen. Sir Julien Huxley, der erste Generaldirektor der UNESCO (1946-1948), feierte noch die Ausmerzung des Glaubens an den Schöpfergott aus der öffentlichen Diskussion als großen Fortschritt: „Darwins eigentliche Leistung war die Entfernung der Idee eines Gottes, der die Organismen geschaffen hat, aus der Sphäre der rationalen Diskussion.“[9]

Wer sich jedoch heute mit den hintergründigen Folgen dieser Abschaffung des Schöpfergottes beschäftigt, kommt zu einer ganz anderen Einschätzung. Die von Hegel, Marx und Darwin entwickelten atheistischen Ersatzideen eines allmählich zu sich findenden Weltgeistes, einer sich selbst zum Guten hin entwickelnden menschlichen Gesellschaft und einer sich selbst vervollkommnenden Natur haben den abendländischen Menschen nicht nur dem christlichen Glauben entfremdet, seinen Umgang mit der Natur geschädigt und ihm die Ehrfurcht vor dem menschlichen Leben genommen, sie haben auch seine Seele tief geschädigt. Ich möchte drei negative Auswirkungen nennen: 1.) Der Mensch wird von seiner eigenen Geschichte entfremdet; 2.) Ihm wird ein grundsätzliches Misstrauen gegen alle Autoritäten eingepflanzt; 3.) Er vereinsamt und erfährt keine Geborgenheit.

Die Geschichtslosigkeit. Wer glaubt, dass sich die Menschheit immer mehr vervollkommnet, sieht die Vergangenheit mit Vorbehalt. Die Geschichte wird anrüchig. Das Denken, Fühlen und Wollen früherer Generationen fand ja auf einer niedrigeren Stufe statt. Warum sollte ich mich überhaupt noch mit vergangenen Epochen beschäftigen, wenn sie mir ohnehin nichts für mein Leben heute vermitteln können? Ist nicht der niedrige Stellenwert des Geschichtsunterrichts an unseren Schulen eine Langzeitfolge der Schöpfungsvergessenheit?

Der Autoritätsverfall. Eng mit unserer postmodernen Geschichtsüberheblichkeit ist der Autoritätsverfall verbunden. Der neomarxistische Philosoph Jürgen Habermas forderte bereits vor über 40 Jahren die Infragestellung aller „herrschaftslegitimierenden Weltbilder“, die andauernde „Problematisierung“ der geltenden Normen und den Übergang vom sog. „zweckrationalen“ zum „kommunikativen“ Handeln, das seiner Meinung nach von neuen Normen bestimmt wird, die durch gesellschaftliche Dauerdiskussionen gefunden werden sollen.[10] Der Mensch wird hier aufgefordert, alle Autoritäten kritisch zu hinterfragen und letztlich nur noch die Autorität seiner eigenen Vernunft gelten zu lassen. Das gleiche Konzept vertritt Julian Nida-Rümelin, wenn er erklärt, dass es „keine externen Kriterien für die richtige Wahl der Lebensform“ gebe.[11] Alle Lebensfragen und alle Antworten soll der Mensch letztlich aus sich selbst heraus entwickeln. Der persönlichkeitsprägende Wert von Vor- und Leitbildern kommt in dieser Philosophie nicht mehr in den Blick. Was sind die Folgen? Der in dieser Weise antiautoritär geschulte Mensch bleibt immer derselbe. Er nimmt sich selbst die Entwicklungs- und Veränderungschancen, denn er will sich ja von niemand prägen lassen. Er wird lernmüde und reagiert aufsässig und aggressiv, wenn er sich einer Autorität unterordnen soll. Im Endeffekt schadet er sich selbst am meisten.

Die Ungeborgenheit. Aus dem Autoritätsverfall entspringt eine große Beziehungsnot. Der Mensch hat niemand mehr, dem er sich ganz und gar anvertrauen will. Wer keine Autoritäten außer seiner eigenen Vernunft anerkennt, bleibt mit sich allein und wird einsam. Damit bleiben aber entscheidende Bedürfnisse und Anlagen seiner Persönlichkeit unbefriedigt und ungenutzt, denn der Mensch ist ein Beziehungswesen, und er kann zu wirklichem Lebensglück und Lebenssinn nur finden, wenn seine Beziehung zu Gott dem Schöpfer und zu seinen Mitmenschen stimmt. Eine tiefe seelische Traurigkeit und ein krankmachender Lebensfrust sind die Folgen dieser seelischen Ungeborgenheit.

1.5 Schöpfungsvergessenheit – eine folgenreiche Schuld vor Gott

Aus Römer 1,18-31 wissen wir, dass ein falsches Denken über die Schöpfung Schuld vor Gott ist und verhängnisvolle Folgen hat. Wer die immensen sozialen, ökonomischen und ökologischen Probleme am Anfang des dritten Jahrtausends sieht, dem fallen hier innere Zusammenhänge mit der herrschenden Schöpfungsvergessenheit ins Auge. Machen wir uns noch einmal die Schau des Apostels klar.

Von Anfang an hat Gott den Kosmos als eine Predigt an die Menschheit gemeint. An den Schöpfungswerken sollen die Menschen seine unendliche Kraft und seine göttliche Majestät erkennen und daraus die richtigen Schlussfolgerungen ziehen (Röm. 1,20). Jeder Mensch hat also eine Grundkenntnis von Gottes Existenz, Größe und Pracht (V. 19). Aber er unterdrückt diese Wahrheit (V. 18b), er verleugnet sie, er vergisst sie, er problematisiert sie. Anstatt die einzig richtige Schlussfolgerung zu ziehen, nämlich ein Leben zu Gottes Ehre zu führen und Gott für die Schöpfung zu danken, wendet er sich mit seinen Gedanken nichtigen Dingen zu und wird ein Narr und macht sein ganzes Wesen damit finster (V. 21). Die Schöpfungsvergessenheit ist also für Paulus eindeutig Schuld vor Gott. Wer sich der Predigt der Schöpfung verschließt, beleidigt den Schöpfer. Gilt nicht diese Mahnung des Apostels in unserer Zeit in ganz besonderem Maß?

Genauso wie das menschliche Versagen schildert Paulus auch die göttliche Antwort ohne Schonung (V. 22-32). Gott gibt den Menschen an seine selbstgewählte Dummheit und Herzensfinsternis dahin. Wer den Abschnitt V. 22-32 sorgfältig liest, erkennt eine dreifache Antwort Gottes, die jeweils genau der menschlichen Schuld entspricht. 1.) Der Mensch nimmt Gott die Ehre, indem er Bilder vergänglicher Lebewesen verehrt. Gott nimmt dem Menschen die Ehre, indem er ihn den unreinen sexuellen Begierden des anderen Geschlechts preisgibt (V. 22-24). 2.) Der Mensch vertauscht die göttliche Wahrheit mit Lüge, indem er anstelle des Schöpfers das Geschöpf anbetet. Gott gibt den Menschen an schändliche homosexuelle Leidenschaften hin, so dass Männer und Frauen den natürlichen sexuellen Umgang vertauschen mit dem widernatürlichen (V. 25-27). 3.) Der Mensch verachtet seine Kenntnis von Gott. Gott gibt ihn an die Folgen einer verachtenswerten, zum Guten unfähigen Gesinnung hin (V. 28-31).

Wenn man die Zunahme der heterosexuellen und homosexuellen Unzucht und der Kriminalität in den letzten 50 Jahren beobachtet, muss man unwillkürlich an die geistlichen Mahnungen des Apostels Paulus im Römerbrief denken. Wir haben uns angewöhnt, diese gesellschaftlichen Entwicklungen als Ausdruck überzogener Liberalität und einer Zunahme des menschlichen Egoismus zu beklagen. Doch im Licht von Römer 1,18-31 bekommen sie eine ganz neue Wertigkeit. Sie sind dann nämlich unmittelbare Antworten Gottes an eine Menschheit, welche die Schöpfungswerke und das Schöpfertum Gottes missachtet. Wie wichtig wird dann aber auch, in diesem Horizont gesehen, eine Wiederentdeckung des schöpferischen Gottes!

  1. Die Wiederentdeckung des schöpferischen Gottes

2.1 Verschiedene Wege zum gleichen Ziel

So wie oft verschiedene Pfade zu einem Berggipfel führen, so kann man den schöpferischen Gott auf verschiedenen Wegen finden. Ich möchte drei Wege nennen: die Logik, die Forschung und den Glauben an Christus.

Der Weg der Logik. Vor Studenten der Universität Erlangen-Nürnberg hielt der eingangs schon erwähnte Prof. Wilder-Smith in den 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts einmal einen Vortrag über Schöpfung und Evolution. Ich erinnere mich noch genau, wie mich eines seiner Argumente für die Sechs-Tage-Schöpfung total verblüffte und mir schließlich zur Brücke für ein wörtliches Verständnis des Schöpfungsberichts wurde. Er wies auf die Aussage im Hebräerbrief 1,2 hin, wonach Gott durch seinen Sohn die Welt erschaffen hat, und er fügte hinzu: „Wenn Jesus, der Sohn Gottes, beim Schöpfungshergang dabei war, wenn er sogar dabei in Person die ausführende Hand Gottes war, und wenn er es nicht für nötig befunden hat, den alttestamentlichen Schöpfungsbericht zu korrigieren, dann sollten auch wir diesen Bericht so nehmen, wie er dasteht, als Darstellung des Schöpfungshergangs innerhalb sechs normaler 24-Stunden-Tage.“ Die Logik dieses Arguments hatte mir geholfen. C. S. Lewis berichtet einmal, wie er im Lauf seines Lebens aufgrund der Unlogik des Zufallsglaubens immer skeptischer gegen den von ihm sogenannten Evolutionsmythos geworden ist: „Wenn das Sonnensystem durch eine zufällige Kollision entstanden wäre, müsste auch das organische Leben auf dieser Erde ein Zufall sein. Die ganze Evolution des Menschen wäre dann Zufall. Dann wären aber auch alle unsere Denkprozesse zufällig, das zufällige Nebenprodukt atomarer Bewegungen. Das gilt sowohl für Materialisten, Astronomen und alle übrigen. Wenn aber die Gedanken, wie z.B. diejenigen der Materialisten und Astronomen zufällige Nebenprodukte sind, warum sollten wir dann glauben, dass sie stimmen? Ich sehe keinen Grund dafür, zu glauben, dass mir der Zufall die richtige Antwort auf all die übrigen Zufälle gibt“.[12]

Der Weg der Forschung. Naturwissenschaftler verschiedener Wissenschaftszweige kommen zunehmend aufgrund ihrer empirischen Forschungen zu dem Resultat, dass die Annahme einer zufälligen Entstehung des Lebens und der komplexen Vielfalt des Mikro- und Makrokosmos einen Grad an Wahrscheinlichkeit hat, der gegen Null geht, und dass die Annahme einer spontanen Erschaffung des Kosmos durch einen hochintelligenten Schöpfungsakt wesentlich wahrscheinlicher ist.[13] Der englische Kosmologe Fred Hoyle hat die Wahrscheinlichkeit, dass Leben durch Zufallsprozesse entstanden sein könnte, genauso gering eingeschätzt wie die zufällige Entstehung einer funktionsfähigen Boeing 707 durch einen Tornado, der durch einen Schrottplatz gejagt ist.[14] Das empfehlenswerte Buch „Evolution. Ein kritisches Lehrbuch“ gibt eine gute Einführung in den derzeitigen Forschungsstand der verschiedenen Wissenschaftsbereiche der Schöpfungswissenschaft.[15]

Der Weg des Glaubens an Christus. Der Glaube an den schöpferischen Gott ist ein Glaube, der Gott das Unmögliche zutraut. Wenn wir an Christus glauben, dann sollten wir uns auch in diesen Glauben an den schöpferischen Gott einüben. Als der betagte Patriarch Abraham vor Gott klagte, ohne Kinder sterben zu müssen, und Gott ihn aufforderte, die Sterne anzublicken, weil genauso zahlreich seine Nachkommen sein würden, glaubte Abraham dem Herrn (1. Mose 15,6). Paulus beschreibt diesen Glauben Abrahams in Römer 4 näher. Es ist ein Glaube, der Gott zutraut, Tote lebendig zu machen und dem, was nicht ist, zu rufen, dass es sei (Röm. 4,17). Es ist ein Glaube, der aufs allergewisseste weiß, dass Gott tun kann, was er verheißt (Röm. 4,21). Einen solchen Glauben können wir natürlich nicht aus uns selbst produzieren. Aber wir können uns einüben, auf Gottes Verheißungen zu vertrauen und sie wichtiger zu nehmen als eigene Erfahrungen, Gefühle oder Verstandesbedenken. Das gilt für den ersten Glaubensschritt genauso wie für alle weiteren.

Die wichtigste Verheißung Gottes ist und bleibt die Zusage des ewigen, göttlichen Lebens für alle, die Jesus Christus ihr Leben anvertrauen (Joh. 3,16). Wer sich auf diese Verheißung einlässt, empfängt ein göttliches Licht in seinem Herzen, wie es Paulus in 2. Korinther 4,6 ausdrückt. Wo er vorher in sich Dunkelheit, Ratlosigkeit, Leere und eine unbestimmte Suche spürte, erfährt er nun eine Helligkeit, die ihm Wärme, Orientierung und Geborgenheit gibt. Er merkt, dass ein Schöpfungsakt Gottes an ihm und in ihm vollzogen wurde. Gott hat in ein Nichts hineingesprochen und in ihm etwas wunderbares Neues erschaffen. Wer Christus findet, hat damit den schöpferischen Gott gefunden.

Aber auch das Leben mit Christus führt zum schöpferischen Gott. Es besteht ja aus vielen Glaubensschritten, die sich auf Verheißungen Gottes verlassen. Der Christ erlebt dabei, dass Gott zwischenmenschliche Verhältnisse erneuern, vielfältig helfen und auch in ausweglos erscheinenden Situationen trösten und Hoffnung schenken kann. Er lernt Gottes Wort als Licht auf dem Wege schätzen und sieht, dass Gott schöpferisch in seinem Leben handelt. Damit wird ihm auch der Glaubenszugang zu den großen Schöpfungswerken geöffnet. Es ist ja ein und derselbe Gott, der einst gesprochen hat „Licht soll aus der Finsternis hervorleuchten“, und der hier und heute sein Licht in unsere Herzen gibt. So sieht es Paulus in der schon zitierten Stelle 2. Kor. 4,6. Das gewaltige schöpferische Geschehen, das sich an allen ereignet, die Christus vertrauen, ist der Schlüssel, der uns Christen die Tür zur Erkenntnis des schöpferischen Gottes im Kosmos aufschließt.

2.2 „Wenn er spricht, so geschieht‘s“(Ps. 33,9)

Die Evolutionslehre fußt auf drei Axiomen, d.h. auf drei unbeweisbaren Voraussetzungen: Die erste Annahme ist das sog. Uniformitätsprinzip. Es besagt, dass in der Vergangenheit die gleichen Rahmenbedingungen für die natürlichen Prozesse wie heute geherrscht haben. Die zweite Annahme ist der riesige, auf mehrere Milliarden Jahre geschätzte Zeitrahmen für die in der Vergangenheit stattgefundenen Prozesse. Die dritte Annahme ist die Entstehung von Information ohne einen intelligenten Urheber. Alle drei Axiome sind Postulate, also in den Rang von Denknotwendigkeiten erhobene Vermutungen, durch die das Denkmodell der Evolutionslehre plausibel gemacht werden soll. Nachweisbar sind sie nicht.

Die kosmischen Rahmenbedingungen können früher anders als heute gewesen sein, so dass heute beobachtbare natürliche Prozesse in der Vergangenheit in ganz anderen zeitlichen Abläufen stattgefunden haben können. Das vorausgesetzte sehr hohe Alter des Kosmos kann bei der Annahme eines Schöpfungsaktes als scheinbares Alter verstanden werden, genauso wie ja auch für die beiden ersten Menschen ein ihnen anerschaffenes scheinbares Alter angenommen werden muss. Und die Annahme einer von selbst, ohne Urheber entstehenden Information ist eine reine Hypothese, die weder logisch noch wissenschaftlich begründbar ist. Alle drei Axiome der Evolutionslehre sind also keineswegs zwingend.

Der biblische Schöpfungsglaube fußt demgegenüber auf dem einen Axiom der Annahme eines intelligenten Schöpfers und seiner Schöpfungsakte. Auch dieses Axiom ist nicht beweisbar. Aber es bietet den unschätzbaren Vorzug, dass es Intelligenz aus Intelligenz und Leben aus Leben ableitet und damit sowohl der menschlichen Logik als auch der wissenschaftlichen Beobachtung entspricht. Denn weder in der Logik noch in der Beobachtung kann aus Nicht-Intelligenz entsprungene Intelligenz und aus Materie entsprungenes Leben gedacht oder festgestellt werden.[16]

Der Glaube an einen schöpferischen Gott bietet darüber hinaus noch einen weiteren Vorzug. Er traut Gott dem Schöpfer spontane und komplexe Schöpfungsakte aus dem Nichts zu. Damit kann die Ordnungsstruktur der Schöpfung viel besser als mit der auf Zufall und Entwicklung aufgebauten Evolutionslehre erklärt werden. Die der menschlichen Beobachtung zugänglichen kosmologischen, biologischen oder mikrokosmischen Ordnungen fußen nämlich auf dem Prinzip der Komplementarität, d.h. der gegenseitigen Bedingung. Sie funktionieren nur als gegenseitiges Zusammen- und Wechselspiel. Die Bestäubung der Blütenpflanzen ist ein anschauliches Beispiel für diese Komplementarität.[17] Komplementäre Ordnungen müssen aber spontan entstanden sein, weil sie nur komplett funktionieren. „Noch in Entwicklung befindliche“ Teile oder Faktoren anorganischer oder organischer Systeme wären gar nicht existenz- bzw. lebensfähig und würden die Komplementarität verhindern. Die Evolutionslehre vermag für die Entstehung der komplementären Ordnungen keine Erklärung zu geben. Demgegenüber vermag die Annahme ihrer spontanen Erschaffung durch einen komplex komplementär denkenden Schöpfer dieses Rätsel durchaus zu erklären.

Psalm 33,9 bezeugt, dass Gottes schöpferisches Handeln spontan und sofort erfolgt, nicht in Form von „Entwicklungen“. Sein Wort hat schöpferische Kraft und ist nicht auf die Faktoren Raum und Zeit angewiesen. Die uns im Neuen Testament überlieferten Wunder und Zeichenhandlungen Jesu waren sämtlich Spontanakte mit sofortiger Wirkung. Als Beispiele wähle ich die sieben Wundertaten Jesu aus, von denen Johannes in seinem Evangelium berichtet. Bei der Hochzeit zu Kana wurde von Jesus mit sofortiger Wirkung Wasser in Wein umgewandelt (Joh. 2,1-11). Der Sohn des königlichen Beamten wird durch ein Wort Jesu augenblicklich geheilt (Joh. 4,46-54). Der Gelähmte am Teich Bethesda wird unmittelbar, nachdem Jesus ihn angesprochen hat, gesund (Joh. 5,1-9). Bei der Speisung der 5000 Männer (zuzüglich ihrer Angehörigen!) auf einem Berg beim See Genezareth erschuf Jesus unmittelbar aus dem Nichts Brot und Fische, so dass alle satt wurden (Joh. 6,1-13). Als Jesus seine Jünger bei Nacht und Sturm auf dem See sah, gebot er dem Sturm und dem Wasser und versetzte das Boot augenblicklich an Land (Joh. 6,16-21). Der Blindgeborene wird sofort sehend, als er sich auf Geheiß Jesu im Teich Siloah wusch (Joh. 9,1-7). Nachdem Jesus dem verstorbenen und begrabenen Lazarus geboten hatte herauszukommen, kam dieser sofort lebendig heraus (Joh. 11,43f.).

All diese schöpferischen Akte des Sohnes Gottes übersteigen unsere Vorstellungskraft. Weder unsere Logik noch unsere Beobachtung können uns eine Brücke zu ihrem Verständnis bauen. Die creatio ex nihilo, die Erschaffung aus dem Nichts, ist und bleibt uns ein Rätsel. Doch einen Zugang zu diesem Rätsel gibt es: den Glauben. „Durch den Glauben erkennen wir, dass die Welt durch Gottes Wort erschaffen ist, so dass alles, was man sieht, aus nichts geworden ist“ (Hebr. 11,3). Der lebendige Glaube an Christus, der selber das Wunder einer Neuschöpfung an sich erfahren hat, ist die Brücke auch zu diesen gewaltigen und alle Vorstellungen übersteigenden Schöpfungsakten der Weltentstehung.

Das Zeugnis von Psalm 33,9 hilft auch zum Verständnis des Schöpfungsberichts. Viele Christen tragen bezüglich des Schöpfungsberichts noch Denk- und Glaubensbarrikaden mit sich, ausgelöst durch das an Schulen und Universitäten herrschende Evolutionsdenken und durch die eigene Schwierigkeit, sich spontane Schöpfungsakte vorzustellen. Der hebräische Wortlaut in 1. Mose 1 weist jedenfalls eindeutig auf eine Welterschaffung an sechs 24-Stunden-Tagen hin. Der hebräische Begriff für Tag (jom), der manchmal auch „Zeitraum“ bedeuten kann, meint nämlich in Verbindung mit einer Zahl (1. Tag, 2. Tag usw.) oder mit den Begriffen „Abend“ und „Morgen“ immer den normalen 24-Stunden-Tag. Wer sich von Psalm 33,9 von der Art des schöpferischen Handelns Gottes überzeugen lässt, wird auch zu einem wörtlichen Verständnis des Schöpfungsberichts finden. Es gibt nach meiner Überzeugung keine schwerwiegenden Gründe, weder logische noch wissenschaftliche noch Glaubensgründe, die gegen eine spontane, augenblickliche Erschaffung von Himmel und Erde sprechen.[18] „Wenn er spricht, so geschiehts“.

2.3 Die Erneuerung des christlichen Gottes- und Menschenbildes

Wer durch den jüdischen Teil der Jerusalemer Altstadt geht, kann fast an jeder Ecke eine „Jeshiva“, eine Talmudschule finden. Sie sind meistens bis auf den letzten Platz belegt, und man kann in ihnen viele junge schwarzgekleidete orthodoxe Juden beobachten, die mit erstaunlichem Eifer die jüdischen heiligen Bücher studieren. In gleicher Weise gibt es in vielen islamischen Ländern ein neuerwachtes Interesse am Koran und der islamischen Glaubensüberlieferung. Es gibt zahlreiche öffentliche Wettbewerbe im Auswendiglernen des Korans, und man staunt, dass schon Achtjährige den kompletten Koran zitieren können. Ein ähnliches Interesse an den Grundlagen des christlichen Glaubens möchte man sich auch in unseren Gemeinden wünschen. Wir haben zwar unser ehrwürdiges apostolisches Glaubensbekenntnis, und als evangelische Christen darüber hinaus auch die reformatorischen Katechismen, doch der Eifer für die vertiefende christliche Lehre ist weithin erlahmt.

Eine der Hauptursachen liegt m.E. im inneren Verlust des 1. Glaubensartikels. „Ich glaube an Gott den Vater, den Allmächtigen, den Schöpfer des Himmels und der Erde“ – das ist bei vielen Christen zur bloßen Formel erstarrt. Dass Gott als mein allmächtiger Vater jederzeit und überall schöpferisch eingreifen, verändern und helfen kann, ist ihnen nicht mehr bewusst. Das erkaltete und erstarrte Gottesbild wirkt sich aber auch unmittelbar auf das christliche Menschenbild aus. Der Glaube der Christen, dass der Mensch Geschöpf ist und vor seinem Schöpfer Verantwortung trägt, tritt zurück hinter den gesellschaftlich aktuellen Menschenbildern, die den Menschen von seinem öffentlichen Nutzen (Karl Marx), von seinen Trieben und Veranlagungen (Siegmund Freud) oder von seiner Vernunft und Selbstbestimmung her (Neomarxismus) bestimmen. Wenn man die gesellschaftliche Entwicklung der letzten Jahrzehnte in Westeuropa verfolgt, kann man sogar von einer weitgehenden geistigen Kapitulation des christlichen Menschenbildes vor den genannten konkurrierenden Menschenbildern sprechen. Eine Wiederentdeckung des schöpferischen Gottes kann dagegen sowohl unser Gottes- als auch unser Menschenbild erneuern.

Das Gottesbild. Wie verhängnisvoll sich die Schöpfungsvergessenheit im Glaubensleben der Christen auswirkt, kann man z. B. in der Eheseelsorge feststellen. Zunehmend lassen sich Eheleute in Krisen von resignativen Gefühlen leiten. Der Gedanke an eine Ehescheidung wird schneller als noch vor einer Generation gedacht, geäußert und in die Tat umgesetzt. Dass Jesus von sich gesagt hat, dass er der Weg ist (Joh. 14,6), also in jeder Krise helfen kann, und dass Gott ein schöpferischer Gott ist, der dem, was nicht ist, ruft, dass es sei (Röm. 4,17), also spontan eingreifen und verändern kann, wird nur noch selten geglaubt. Wie wichtig kann für solche Menschen, aber auch für andere in anderen Lebenskrisen, der Durchbruch zum schöpferischen Gott sein! Oder denken wir an die in unserer antiautoritären Zeit immer schwieriger werdende Erziehung. Wieviel Hoffnungspotential können Eltern gewinnen, wenn sie im Blick auf ihre Kinder an einen schöpferischen Gott zu glauben beginnen! Ähnliches gilt natürlich auch für Menschen, die sich gegen Gott auflehnen, krank sind oder am Sterben sind. Der schöpferische Gott kann augenblicklich neue Situationen und neue Einsichten schenken und Glauben erwecken. Unser ganzes Glaubensleben wird revolutioniert, wenn wir uns aus dem Bann der Schöpfungsvergessenheit lösen.

Das Menschenbild. Der vorhin schon erwähnte Neomarxist Jürgen Habermas hat am 14. Oktober 2001 in der Frankfurter Paulskirche eine interessante Rede über das Verhältnis von Glauben und Wissen gehalten.[19] Er reflektiert dort über die Sinnlücke, die durch die Säkularisierung in den postmodernen Gesellschaften des Westens aufgebrochen ist, und er empfiehlt eine „Übersetzung“ des Glaubens in die Sprache der säkularen Gesellschaften. Dabei geht er besonders auf den jüdisch-christlichen Glauben an Gott den Schöpfer ein und bekennt sich – als Atheist – zu der in 1. Mose 1,26f. ausgedrückten Ebenbildlichkeit des Menschen und dem daraus resultierenden Menschenbild. Und er warnt vor den Konsequenzen, „wenn die im Schöpfungsbegriff angenommene Differenz verschwände“ und der Mensch sich, indem er „in die Zufallskombination von elterlichen Chromosomensätzen“ eingreift, zum Schöpfer des Menschen machte. Ein erstaunlicher Vorgang: ein Neomarxist, der sich zu den „religiös Unmusikalischen“ zählt, bekommt Angst vor den Konsequenzen des von ihm selbst über lange Jahre empfohlenen Menschenbildes der radikalen Selbstbestimmung und sucht Zuflucht in dem von ihm ebenso über lange Jahre bekämpften christlichen Menschenbild. Die Rede zeigt die ungebrochene Aktualität des christlichen Menschenbildes. Wenn doch wir Christen selber überzeugter davon wären und die unverfügbare Geschöpflichkeit des Menschen stärker in die öffentlichen Diskussionen einbrächten!

Von derselben Aktualität ist der christliche Begriff der Menschenwürde. Für die Evolutionsanhänger ist die Würde des Menschen lediglich „eine kulturell-sozial begründete Attribution“, wie es der frühere und 2015 verstorbene Präsident der Max-Planck-Gesellschaft, der Biologe Hubert Markl, in einer Grundsatzrede im Juni 2001 ausdrückte.[20] D.h. jede menschliche Gesellschaft füllt den Begriff des Menschseins neu und anders, eine in der Geschöpflichkeit des Menschen liegende unveräußerliche Würde gibt es nicht. Die schon erwähnten Mehrheitsentscheidungen des Deutschen Bundestags zur Abtreibung von 1995 und zur Embryonenforschung von 2002 zeigen, dass die Menschenwürde heute von unseren Volksvertretern tatsächlich mehrheitlich nicht geschöpflich begründet, sondern „kulturell-sozial“ zugewiesen wird. Die gesellschaftliche Hauptfolge dieses evolutionistischen Begriffs von Menschenwürde haben wir schon jetzt alle zu tragen: Die Deutschen sind ein allmählich aussterbendes Volk.

Der christliche Begriff der Menschenwürde hält gegenüber diesen willkürlichen Würde-Zuschreibungen an der in Gottes Schöpfertum begründeten Würde fest. Jeder Mensch, auch der ungeborene, der abgetriebene, der zu Forschungszwecken im Embryonalstadium „verbrauchte“, der unheilbar kranke, ist von Gott „bereitet“ und „gebildet“ (Ps. 139,13-16) und vom lebensschaffenden schöpferischen Wort Christi „getragen“ (Hebr. 1,3). Jeder Mensch ist berufen zur Würde der Ebenbildlichkeit (1. Mose 1,26f.). Jeder ist von Gott „wenig niedriger gemacht als Gott“, jeder ist als Geschöpf „mit Ehre und Herrlichkeit gekrönt“ (Ps.8,6). Und jedem gilt die Liebe Gottes uneingeschränkt, der seinen Sohn für alle Menschen dahingegeben hat, um ihnen durch ihn das wahre Leben zu schenken (Joh. 3,16). Der Glaube an den schöpferischen Gott erneuert das Gottesbild und das Menschenbild. Es ist unsere Aufgabe, dies offen zu bezeugen.

2.4 Die Schöpfungswerke predigen

Die Psalmisten wussten, dass die Werke der Schöpfung eine Predigt sind. „Die Himmel erzählen die Ehre Gottes, und die Feste verkündigt seiner Hände Werk“ (Ps. 19,2). „Die Hügel sind erfüllt mit Jubel“ (Ps. 65,13). „Die Himmel werden, Herr, deine Wunder preisen“ (Ps. 89,6). „Die Himmel verkündigen seine Gerechtigkeit“ (Ps. 97,6). „Die Ströme sollen frohlocken, und alle Berge seien fröhlich“ (Ps. 98,8; vgl. Ps. 96,11f.).

Was ist nun aber der Inhalt dieser Predigt? Die Pläne Gottes mit der Menschheit, sein Erlösungs- und Vollendungswerk hat Gott seinen Propheten anvertraut (Röm. 1,3), dies predigen die Schöpfungswerke nicht. Aber sie verkündigen nach Römer 1,20 die unendliche Kraft und die Majestät Gottes und nach Römer 8,19-22 ihre Sehnsucht nach Unvergänglichkeit. Wir wollen uns noch kurz diesen drei Predigtthemen der Schöpfungswerke zuwenden.

Die Predigt der unendlichen Kraft Gottes. Die Schöpfungswerke bezeugen die unfassliche, ewige Kraft Gottes. Die Intelligenz, die den Makrokosmos mit seinen unvorstellbaren Dimensionen erschaffen hat und die Bahnen und Standorte der Himmelskörper nach festen Ordnungen und Gesetzen steuert, muss über eine unermessliche Kraft verfügen (Hiob 38,31-38). Wer aus kleinsten Samenkörnern gewaltige Bäume wachsen lassen kann (Hiob 38,22-30), wer Festland und Meer trennen kann (Hiob 38,8-11), wer die tektonischen Kräfte der Erde beherrscht (Hiob 38,16-21), verfügt über unvorstellbare Kraftreserven. Seine riesige Kraft, und das ist der eigentliche Inhalt dieser Predigt, kann und will Gott aber auch für uns Menschen einsetzen. „Der Wolken, Luft und Winden gibt Wege, Lauf und Bahn, der wird auch Wege finden, da dein Fuß gehen kann“ (Paul Gerhardt).

Die Predigt der göttlichen Majestät. Die Schöpfungswerke weisen auch auf die liebevolle und wunderbare göttliche Fürsorge und Verantwortung hin, die der Schöpfer für seine Schöpfung übernimmt. Dem Makrokosmos, der den Menschen unmittelbar umgebenden Natur und dem Mikrokosmos liegen hochintelligente komplementäre Muster und Strukturen zugrunde, die durch das Zusammenwirken unendlich vieler Faktoren die Funktion der Schöpfungswerke gewährleisten. Weil Gott selbst ein kommunikativer Gott ist, der als Vater, Sohn und Geist in engster liebevoller Gemeinschaft steht, trägt seine ganze Schöpfung kommunikative Züge. Eins dient dem anderen und dem Ganzen. Sowohl in der anorganischen als auch in der organischen Natur sorgt Gott für die Existenz und das Leben jedes Teils seiner Schöpfung (Hiob 38,39-39,30). Die Predigt der göttlichen Majestät besteht also im Hinweis auf die fürsorglichen Wesenszüge Gottes für seine Schöpfung, die in ganz besonderer Weise dem Menschen gelten. „Fürchtet euch nicht, ihr seid besser als viele Sperlinge“ (Matth. 10,31).

Die Predigt der Sehnsucht nach Unvergänglichkeit. Wir wissen aus Römer 8,20, dass Gott nach dem Sündenfall des ersten Menschenpaares seine gesamte Schöpfung der Vergänglichkeit unterworfen hat. Der sog. zweite thermodynamische Hauptsatz der Physik formuliert eine langsame, aber stetig fortschreitende Minderung der ausnutzbaren Energie und bestätigt damit diese paulinische Aussage. Der Apostel hört das angstvolle Seufzen der Schöpfung (Röm. 8,22). Sie sehnt sich nach dem Tag der Wiederkunft Christi, wenn alle Kinder Gottes Anteil an Gottes Herrlichkeit in Gestalt eines Herrlichkeitsleibes empfangen (Röm. 8,11.17.23). Dann werden auch Himmel und Erde in einem gewaltigen schöpferischen Akt erneuert (2. Petr. 3,13). Der Fluch der Vergänglichkeit wird von ihnen genommen. Ganz neue, für uns heute noch unvorstellbare Lebens- und Wachstumsbedingungen werden dann diese erneuerte Schöpfung bestimmen (Jes. 65,17-25; Offb. 22,1-5). Die Predigt dieser Sehnsucht soll uns Menschen auf die gewaltigen kommenden Ereignisse vorbereiten. Wir Christen sollen in der uns geschenkten lebendigen Hoffnung gestärkt werden (1. Thess. 4,13-18). Unser Umgang mit der von Gott geschaffenen Kreatur soll vom Hören auf ihren Schrei nach Unvergänglichkeit mitbestimmt sein. „Mich sollte nicht jammern Ninive…und der vielen Tiere?“ (Jona 4,11).

2.5 Der Jubel über den Schöpfer

Die innere Haltung des Menschen, der den schöpferischen Gott wiederentdeckt, besteht in Ehrfurcht, Lobpreis und Anbetung. Was derjenige, der die Predigt der Schöpfungswerke nicht hören will, schuldhafterweise vernachlässigt und vergisst, nämlich Gott den Schöpfer zu preisen und zu danken (Röm. 1,21), das wird nun zum Lebensinhalt bei allen, die den Blick auf den schöpferischen Gott wieder neu gefunden haben. Sie preisen Gott für die Schönheit der Natur (Ps. 104,1f.), sie staunen über seine Schöpferkraft (Ps. 104,3-9), sie freuen sich über seine Fürsorge (Ps. 104,10-18), sie beten seine Weisheit an (Ps. 104,19-24), sie erbitten in Ehrfurcht seine Gnade (Ps. 104,25-30) und sie wollen Gott ihr Leben lang loben (Ps. 104,31-35).


Anmerkungen

[1] Im letzten Buch von Prof. Wilder-Smith gibt es einen lesenswerten Bericht über seine Teilnahme an einer öffentlichen Diskussion zum Thema „Schöpfung und Evolution“ in Oxford, der seine Position kurz und prägnant wiedergibt: A. E. Wilder-Smith, Beate Wilder-Smith, Es war ein reiches Leben. Holzgerlingen 2000, S. 412-416

[2] Mit dem Begriff „schöpferischer Gott“ meine ich den Dreieinigen Gott, der nach 1. Mose 1,26 als Vater, Sohn und Heiliger Geist schöpferisch tätig ist (vgl. auch 1. Mose 1,1; Hebr. 1,2 und  11,3; 1. Mose 1,2).

[3] Werner Gitt, In 6 Tagen vom Chaos zum Menschen. Neuhausen-Stuttgart 5. Aufl. 1998, S. 49

[4] Statt dessen findet man diffuse Formulierungen wie diese: „Irgendwann in der Erdurzeit muss das Leben entstanden sein.“ Biologie heute 2 G. Ein Lehr- und Arbeitsbuch für das Gymnasium. Hannover 1991, S. 322

[5] Johann Millendorfer, Ökonomie und Ökologie. Die Industrieländer vor den Herausforderungen der Zukunft. In: Joachim Cochlovius (Hrsg.), Das Evangelium und die ökologische Katastrophe, Moers 1990, S. 40ff.

[6] „Grün 2020. Wir denken bis übermorgen“. Grundsatzprogramm von Bündnis 90/Die Grünen zur Vorlage für die Bundesdelegiertenkonferenz im März 2002

[7] Francis Schaeffer, Wie können wir denn leben? Aufstieg und Niedergang der westlichen Kultur. Neuhausen-Stuttgart 1977, S. 119

[8] Rosenheimer Erklärung der Landessynode zum Schutz des ungeborenen Lebens und zu Fragen des Schwangerschaftsabbruchs. April 1991

[9] John F. Ashton, Die Akte Genesis. Warum es 50 Wissenschaftler vorziehen, an die Schöpfung in 6 Tagen zu glauben. CH Berneck 2001, S. 299

[10] Jürgen Habermas, Zur Rekonstruktion des Historischen Materialismus, 2. Aufl. Frankfurt/M. 1976; Theorie des kommunikativen Handelns, 2 Bde. Frankfurt/Main 1981

[11] Julian Nida-Rümelin, Strukturelle Rationalität. Ein philosophischer Essay über praktische Vernunft, Stuttgart 2001

[12] C. S. Lewis, God in the Dock, Grand Rapids 1970, S. 52f. Zitiert in dem Anm. 9 genannten Buch „Die Akte Genesis“ S. 63

[13] Die Akte Genesis (Anm. 9)

[14] Die Akte Genesis (Anm. 9), S. 176

[15] Reinhard Junker, Siegfried Scherer, Evolution. Ein kritisches Lehrbuch, 7. Aufl. Gießen 2013

[16] „Die von Pasteur formulierte Aussage omne vivum ex vivo steht bis in die Gegenwart in voller Übereinstimmung mit allen experimentellen Daten der präbiotischen Chemie. Bis heute konnte nicht plausibel gemacht werden, dass die ersten Zellen hier eine Ausnahme darstellen“. Zitat aus dem unter Anm. 9 genannten Buch, S. 149

[17] Werner Gitt in dem unter Anm. 3 genannten Buch, S.161-165

[18] In dem von Don Batten herausgegebenen Buch „Fragen an den Anfang. Die Logik der Schöpfung“ (Bielefeld 2001) werden im 2. Kapitel ausführlich die Einwände gegen die Welterschaffung in sechs Tagen behandelt.

[19] Die Rede ist dokumentiert in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 15.10.2001

[20] Die Rede ist im Auszug dokumentiert in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 25.6.2001


Aktualisierte Fassung eines 2002 verfassten Aufsatzes

Drucke diesen Beitrag Drucke diesen Beitrag Artikel empfehlen Artikel empfehlen

Dieser Beitrag wurde erstellt am Samstag 21. Oktober 2017 um 21:36 und abgelegt unter Schöpfung / Evolution.