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Zapfen an der Weisheitsreserve

Mittwoch 6. Juli 2016 von Institut fĂŒr Demographie, Allgemeinwohl und Familie e. V.


Institut fĂŒr Demographie, Allgemeinwohl und Familie e. V.

Die RĂŒckkehr der Alten in die Wirtschaft wirft die Frage nach Sinn und Definition der Arbeit neu auf

Der Trend ist lĂ€ngst gebrochen. Bis vor sechs, sieben Jahren hieß es noch: Weg mit den Alten. Jedes zweite Unternehmen in Deutschland beschĂ€ftigte bis weit ins erste Jahrzehnt dieses Jahrhunderts keine Arbeitnehmer mehr im Alter von ĂŒber 50 Jahren. Statt auf erfahrene Ă€ltere Manager, setzte man aus GrĂŒnden der Innovation und Kostenersparnis vermehrt auf den FĂŒhrungsnachwuchs. Dabei wurde stets vergessen, dass der Firma damit auch ein Großteil an Erfahrungen und Kenntnissen verloren geht. Niemand kennt ein Unternehmen so gut wie jemand, der mit ihm gewachsen ist oder es mit aufgebaut hat – und niemand kann dieses Wissen so kompetent weitergeben. Wie es Unternehmen ergehen kann, die auf die Kompetenz Ă€lterer Manager verzichten, war in den Jahren nach der Rezession 2008 und bis heute wegen des FachkrĂ€ftemangels in vielen Betrieben zu beobachten: Entweder sind sie extrem angeschlagen oder völlig vom Markt verschwunden. Heute weiß man: Die Ausgrenzung Ă€lterer Mitarbeiter ist kurzsichtig und gefĂ€hrdet die LeistungsfĂ€higkeit der Volkswirtschaft.

Also her mit den Alten. Auch das lĂ€sst sich beobachten. Der Gegentrend wĂ€chst seit Jahren an. Die Erwerbsquote der Über-60-JĂ€hrigen hat sich in den letzten zwanzig Jahren mehr als verdoppelt, besonders stark war der Anstieg seit der Jahrtausendwende. Das Statistische Bundesamt teilte vor zwei Jahren mit, dass auf Grundlage von Ergebnissen des Mikrozensus im Jahr 2012 knapp die HĂ€lfte (49,6 %) der 60- bis 64-JĂ€hrigen am Arbeitsmarkt aktiv war. Damit hat sich der Anteil im Vergleich zur Situation zehn Jahre zuvor (2002: 25,1 %) fast verdoppelt. 2012 erreichte die Quote der arbeitenden 65jĂ€hrigen ein Allzeithoch. Mit 70 sind immer noch sechs Prozent der MĂ€nner und drei Prozent der Frauen erwerbstĂ€tig. Und es ist nicht eine niedrige Rente, die zur Arbeit drĂ€ngen wĂŒrde. Nach einer Studie der UniversitĂ€t Bayreuth, die im Auftrag des Deutschen Instituts fĂŒr Altersvorsorge (DIA) erstellt wurde, ist das Engagement von Personen mit geringer Rente nicht höher als das von als Personen mit höheren Einkommen. Im Gegenteil. Die Studienautoren stellen fest: Je grĂ¶ĂŸer das Vermögen und je höher das Haushaltseinkommen, desto höher ist auch die Wahrscheinlichkeit, daß man nach dem Renteneintritt weiterarbeitet. Eine weitere Studie des Mannheimer Zentrums fĂŒr EuropĂ€ische Wirtschaftsforschung (ZEW) differenziert noch: Die LeistungsfĂ€higkeit der Rentner nehme nicht ab, sondern je nach Branche sogar zu. Generell lasse sich sagen: In Betrieben, in denen der Anteil Ă€lterer Arbeitnehmer steigt, kommt es im Schnitt nicht zu einem ProduktivitĂ€tsrĂŒckgang. Im Dienstleistungssektor steigt sogar die ProduktivitĂ€t.

Das ist logisch: TĂ€tigkeiten im verarbeitenden Gewerbe sind oft mit starker körperlicher Beanspruchung verbunden. Die Arbeit im Dienstleistungssektor hingegen erfordert QualitĂ€ten, die mit wachsender Berufserfahrung eher zunehmen. Dazu gehören Kommunikations-und TeamfĂ€higkeit, Ausdauer, Selbstorganisation, Motivation. Eine dritte Studie, diesmal von Ernst & Young, bescheinigt der Generation 60 plus, sie sei am stĂ€rksten motiviert und engagiert, 68 Prozent bezeichneten sich als „uneingeschrĂ€nkt zufrieden“ mit ihrer Arbeit. Keine andere Altersgruppe erreicht solche Werte.

Die Bild-Zeitung meinte schon mal flapsig, Rentner sollen es nun machen. Aber sie machen es schon seit Jahren, in organisierter Form sogar seit Jahrzehnten. Der Senior Experten Services (SES) mit Sitz in Bonn zum Beispiel hilft in Deutschland und darĂŒber hinaus, Unternehmen ĂŒber Wasser zu halten oder auch zu retten. Ihr Motto: Zukunft braucht Erfahrung. Dieser ehrenamtliche Dienst der deutschen Wirtschaft schickt seine mittlerweile mehr als 12000 rĂŒstigen Rentner in alle Welt. In weit mehr als dreißigtausend Projekten sind sie tĂ€tig, meistens in Entwicklungs-und SchwellenlĂ€ndern, aber eben auch in Deutschland. Erfahrung wird ĂŒberall gebraucht. Denn was Unternehmen auch in diesen Zeiten des digitalen Umbruchs mehr brauchen als dynamische Antreiber oder autistische Nerds sind die ruhigen aber sicheren HĂ€nde von Patriarchen oder die gestandenen Persönlichkeiten, die dem Leben durch manche FĂ€hrnisse hindurch Gelassenheit und Sinn abgetrotzt haben und es auch weiter tun.

Das ist mehr als eine Mode-Erscheinung in schwierigen Zeiten. Das Bild der Wirtschaft wird auch hier medial oft verzerrt dargestellt. Man berichtet halt gern von jungen, coolen Start-up-Managern oder von gescheiterten Alten in großen Unternehmen. Moderne Unternehmen aber setzen heute auch auf die Erfahrung der kompetenten Alten. Bei Daimler etwa versammelt eine Initiative unter dem Namen „Space Cowboys“ RuhestĂ€ndler fĂŒr SondereinsĂ€tze. Mittlerweile sind es mehr als 600, vor einem Jahr war es gerade mal die HĂ€lfte. Bei Bosch hat man einen Ă€hnlichen Tool eingerichtet, den Senioren-Express, mit mehr als 1700 Ingenieuren, Technikern und anderen Fachleuten. Es ist eine Antwort auf den FachkrĂ€ftemangel auf Betriebsebene. Alle wissen und sehen es: Die Oldies sind oft belastbarer, kreativer, ausdauernder, motivierter und zeigen mehr Improvisationsgeschick.

Auch das ist nicht so neu. Vor fast fĂŒnfzig Jahren schon schrieb der amerikanische Ökonom John K. Galbraith seinen Weltbestseller ĂŒber die „Überflussgesellschaft“. In ihm analysierte er die AntriebskrĂ€fte der modernen Wirtschaft und Gesellschaft und das Konsumverhalten des modernen Massenmenschen. Seine wichtigsten Kapitel behandeln die Begriffe Motivation und Identifikation. Es sind, so Galbraith, die tragenden SĂ€ulen jedes Unternehmens. Sie reichten in die Tiefe des menschlichen Daseins. Wer die Mitarbeiter eines Unternehmens nur als Instrumente oder reine Produktionsfaktoren sieht, der baut ein goldenes Kalb, ein Ding, das glĂ€nzt aber nicht lebt, totes Kapital, das seinen Wert schnell verlieren kann. Die andauernde demographische und in ihrem Gefolge auch Wirtschaftskrise der letzten Jahre lehrt, worauf es als konstante GrĂ¶ĂŸe ankommt: Auf Humanvermögen. Das tritt bei Ă€lteren Arbeitnehmern und Unternehmern naturgemĂ€ĂŸ gehĂ€ufter auf als bei jĂŒngeren. Es handelt sich dabei um Daseinskompetenzen, um grundlegende FĂ€higkeiten des Menschen, das Miteinander-Umgehen-Können, Ausdauer, teilen und selbstlos geben können, nach Lösungen suchen statt zu jammern, GefĂŒhle erkennen und einordnen, Vertrauen schenken ohne naiv zu sein, FĂ€higkeiten und Fertigkeiten zur Lösung von Alltagsproblemen, es sind die Kompetenzen zum Lernen und zur Anwendung des Gelernten, es ist die soziale Kompetenz und die FĂ€higkeit emotionale Intelligenz zu steuern und viele Eigenschaften mehr. Das ist mehr als Wissen. Der amerikanische NobelpreistrĂ€ger Gary Becker, ein liberaler Ökonom, der den Begriff des Humankapitals in die Wirtschaft eingefĂŒhrt und dafĂŒr den Nobelpreis erhalten hat, sagte 2002 auf dem Kongress „Demographie und Wohlstand“ in Berlin: „Das grundlegende Humanvermögen wird in der Familie erzeugt. Die Schule kann die Familie nicht ersetzen“.

Die RĂŒckkehr der Alten zeigt: Die Wirtschaft kommt ohne dieses Humanvermögen nicht mehr aus. Investition in die Gewinnung und Förderung dieser Ressource bringt gute Rendite, nicht nur durch die WeiterbeschĂ€ftigung von rĂŒstigen Rentnern. Bisher haben die Betriebe und die Wirtschaft diese Ressource gratis ausgebeutet, denn es sind die Familien, die diese Investition mit der Erziehung aufbringen. Hier spielt die emotionale StabilitĂ€t eine tragende Rolle. Sie ist weitgehend ein Ergebnis der PrĂ€senz der ersten Bezugsperson – in der Regel die Mutter. Ohne diese StabilitĂ€t sinken Bereitschaft und FĂ€higkeit zur Aufnahme neuer Lerninhalte und zum Meistern neuer Situationen. Die dafĂŒr notwendige emotionale Kraft (Motivation, Offenheit, FlexibilitĂ€t etc.) ist ohne diese StabilitĂ€t weitgehend absorbiert. Lern-und KonzentrationsschwĂ€chen haben hier eine Wurzel. Das PhĂ€nomen ist bekannt: Scheidungskinder fallen in der Schule tief, ihr Humanvermögen wird aufgerieben und verschlissen.

In den Erziehungswissenschaften, der Hirn-und Bindungsforschung oder auch der Entwicklungspsychologie sind solche ZusammenhĂ€nge bekannt. In Politik und Wirtschaft verweigert man sich ihnen, trotz erkenntnisreicher Langzeit-Studien. Dieses gesellschaftspolitische Fehlverhalten setzte sich lange Zeit auch bei den Alten fort. Man hat sie mit ihrem Erfahrungsschatz auf die Parkbank gesetzt, man hat die Großeltern aussortiert, in Heime ausgelagert oder abgeschoben, so wie man die ganz Kleinen in Krippen und Kitas parkte. Das geschah oft mit gutem Willen, weil die vielfach geforderten und nicht selten ĂŒberforderten Eltern Betreuung und / oder Pflege nicht mehr leisten können. NatĂŒrlich ist jeder Fall einzeln zu sehen. Aber auch hier ist ein Gegentrend zu beobachten. Es gibt WohnhĂ€user fĂŒr Jung und Alt, beide Generationen brauchen einander, es gibt Stellen, wo bedĂŒrftige Familien fĂŒr ein paar Stunden oder manchmal auch lĂ€nger eine Oma, einen Opa ausleihen können, ein Senior-Experten-Service fĂŒr das Kleinunternehmen Familie. Die Idee kommt aus Paris, ist aber auch in MĂŒnchen und Hamburg zuhause. Vor allem die Oma-Opa-Kinderhilfe in MĂŒnchen expandiert krĂ€ftig. In der Psychologie und in den Erziehungswissenschaften weiß man, dass Großeltern eine besondere Rolle spielen. Sie haben Zeit und kommunizieren anders. Der amerikanische Jugendpsychotherapeut Arthur Kornhauser siedelt die Bedeutung der Großeltern ganz oben an: „Sie sind wie lebende BĂŒcher und Familienarchive. Sie vermitteln Erfahrung und Werte. In der Kinder-Hierarchie der Zuneigung stehen nur noch die Eltern ĂŒber Oma und Opa“.

Die Alten sind die „Weisheitsreserve der Gesellschaft“ (Papst Franziskus). Ihre RĂŒckkehr in den Arbeitsprozess wirft aber auch die Frage nach der Definition und dem Sinn der Arbeit auf, gerade wenn sie ehrenamtlich geschieht. Der Mensch definiert sich auch ĂŒber die Arbeit, es gibt ein VerhĂ€ltnis zwischen Arbeit und WĂŒrde des Menschen. Durch die Arbeit verwirkliche sich der Mensch, werde er „gewissermaßen mehr Mensch“, schrieb Johannes Paul II. 1981 in seiner Enzyklika Laborem exercens. Die menschliche Arbeit sei der „wesentliche SchlĂŒssel in der gesamten sozialen Frage“.

Wenn der Begriff der Arbeit nicht weiter gefasst, neu definiert wird, wird der Mensch zum bloßen Kostenfaktor. Seine WĂŒrde aber geht der Arbeit voraus. Sie ist. Die Arbeit hat eine subjektive Dimension. Der Mensch steht in ihrem Mittelpunkt, nicht umgekehrt. Arbeit und Arbeitsplatz sind nur Instrumente, wenn auch unabdingbare, fĂŒr die Verwirklichung des Menschen und seiner Persönlichkeit. Hier könnte eine Strukturreform der Gesellschaft ansetzen. Nicht nur bei der Verteilung des vorhandenen Vermögens und der vorhandenen Arbeit, sondern vor allem da, wo der Mensch im Mittelpunkt steht, konkret da, wo Humanvermögen geschaffen wird: In der Erziehung, in der Hausarbeit, in der Bildung. Das ist, blickt man zur Diskussion ins Ausland oder auf die Arbeiten von NobelpreistrĂ€gern wie Gary Becker, Investition in die Zukunft.

Diese „universale Dimension der Arbeit“ wird von der Politik hierzulande jedoch kaum wahrgenommen. Aber sie scheint der Sehnsucht der Menschen zu entsprechen. Sie gehört gleichsam zum genetischen Programm, mit dem der Mensch der Welt und der Gesellschaft begegnet. In seinem Gesellschaftsroman mit dem programmatischen Titel „Arbeit“ lĂ€sst Emile Zola die Hauptfigur, den RevolutionĂ€r Luc Froment, diese Sehnsucht in den Ausruf kleiden: „Die Arbeit, ach die Arbeit! Wer nur könnte ihre Bedeutung so in das allgemeine Bewusstsein heben, wer nur sie neu organisieren nach den Naturgesetzen der Wahrheit und der Gleichheit, um ihr diese edle und ordnende Allmacht in der Welt zu verleihen, damit endlich die ReichtĂŒmer dieser Erde zum GlĂŒck aller Menschen gerecht verteilt werden!“ Froment stirbt am Ende des Romans, seine Sehnsucht ist geblieben. Es ist die Sehnsucht nach einem neuen Konzept von Arbeit, das auch die menschliche Dimension umfasst. Insofern könnte man die RĂŒckkehr der Alten auch als Hinweis der Geschichte sehen. Ein Hinweis, dass die Arbeit mehr ist als das Rechnen und Aufrechnen von Nebenkosten und Gehaltsforderungen, mehr ist als Produktion und sinnvolle BeschĂ€ftigung. Sie ist eine Chance zum volleren Menschsein.

JĂŒrgen Liminski

Aufsatz des Monats 6/2016
www.i-daf.org

 

 

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Dieser Beitrag wurde erstellt am Mittwoch 6. Juli 2016 um 15:07 und abgelegt unter Gesellschaft / Politik, Wirtschaftsethik.