Gemeindenetzwerk

Ein Arbeitsbereich des Gemeindehilfsbundes

Der vernünftige Gottesdienst. Predigt über Röm 12,1-8.

Sonntag 17. Januar 2016 von Pfr. Thomas Hilsberg


Pfr. Thomas Hilsberg

Warum sind Sie zum Gottesdienst gekommen? Die Konfirmanden müssen. Das haben sie mit dem Pfarrer gemeinsam. Aber all die anderen? Konnten Sie nicht mehr schlafen? Oder schläft es sich hier besser? Und Sie sind doch auch nicht alle Paul-Gerhardt-Fans. Oder besondere Liebhaber der Fünfzigerjahre-Architektur. Nein. Sie sind hier, weil es Ihnen was bringt. Oder weil Sie zumindest hoffen, dass Ihnen dieser Gottesdienst was bringt. Im Predigttext ist heute auch vom Gottesdienst die Rede. Sogar vom vernünftigen Gottesdienst. Aber was ein vernünftiger Gottesdienst ist, darüber gehen hier die Meinungen sicher auseinander.

Vernünftig wäre statt der Orgel eine Thrash-metal-Band. Oder vielleicht doch lieber was Richtung Florian Silbereisen? Die Predigt auf jeden Fall unter fünf Minuten. Und, wie wär’s, danach Käsewürstchen statt Kirchenkaffee?

Paulus versteht unter einem vernünftigen Gottesdienst natürlich etwas ganz anderes. Unser Gottesdienst soll in erster Linie nicht uns was bringen. Umgekehrt: Wir sollen Gott was bringen. Und nicht nur was. Sondern alles. Uns selbst. Ich ermahne euch, dass ihr eure Leiber hingebt als ein Opfer, das lebendig, heilig und Gott wohlgefällig ist. Das sei euer vernünftiger Gottesdienst!

Gottesdienst, vernünftiger Gottesdienst, das heißt, dass wir uns für Gott hingeben. Als Opfer. Sie kennen den Unterschied zwischen einer Gabe und einem Opfer? Wenn die Kuh einen Liter Milch gibt, ist es eine Gabe. Aber wenn das Schwein ein Eisbein beisteuert, ist das ein Opfer. Die zwei Euro am Ausgang sind eine milde Gabe. Ein Opfer ist es, wenn wir uns selbst dem Herrn Jesus zur Verfügung stellen. Als lebendiges, heiliges und Gott wohlgefälliges Opfer.

Lebendiges Opfer. Das ist klar. Im Alten Bund hat Gott in der Regel totes Viehzeug als Opfer bekommen. Das hatte auch seinen Sinn. Es sollte die Menschen immer daran erinnern, dass Schuld kostet. Dass der Lohn für unsere Sünde der Tod ist. Aber das braucht es bekanntlich längst nicht mehr. Seit Jesus Christus am Kreuz mit seinem eigenen Leben für uns bezahlt hat. Seit der Herr Jesus unsere Schuld auf sich genommen hat, braucht es keinen anderen Sündenbock mehr. Seit Golgatha braucht es keine blutigen Opfer mehr. Es ist alles bezahlt. Ein- für allemal.

Jetzt will Gott lebendige Opfer. Uns alle, dich und mich. Am Stück, mit Haut und Haaren. Mit allen unseren Gaben und Talenten. Wir sollen ihm gehören. Als heiliges Opfer, schreibt Paulus hier. Heilig ist bekanntlich kein Qualitätsbegriff. Heilig bezeichnet ein Besitzverhältnis. Heilig ist, was Gott gehört. Heilig ist alles, was Gott dient. Heilig ist das goldene Gefäß, das in Jerusalem im Tempel gebraucht wurde. Heilig ist die Heilige Schrift, die Bibel, aus der wir Gottes Wort hören. Heilige sind die Menschen, die Gott gehören und ihm dienen: Paulus und Luther, Mutter Theresa und Bodelschwingh und Bonhoeffer, du und ich. Alle, die dem Herrn Jesus ihr Leben zur Verfügung gestellt haben. So, wie es Paulus uns hier nahelegt: Ich ermahne euch, dass ihr eure Leiber hingebt als ein Opfer, das lebendig, heilig und Gott wohlgefällig ist.

Hingabe. Nicht nur unser Herz soll Jesus gehören. Auch unser Leib. Will heißen: Christsein ist keine bloß spirituelle Aktion. Alles soll Jesus gehören. Auch unsere Hände. Unsere Füße. Unsere Stimmbänder. Unsere kleinen grauen Zellen. Unsere Autos und Häuser. Unsere Geldbeutel und Bankkonten. Unsere Kraft uns unsere Zeit. Unsere Fantasie und unsere Beziehungen. Unsere Gaben und Talente Mit einem Wort: Alles.

So ein Opfer ist Gott wohlgefällig. So ein Opfer ist für Gott akzeptabel. Natürlich nicht, weil wir so toll wären. Sondern weil Christus uns für Gott annehmbar gemacht hat. Und dann? Wenn wir unser Leben Christus gegeben haben? Und wenn der dieses Opfer angenommen hat? Was wird er dann mit uns tun? natürlich wird er dann noch ein bisschen an uns arbeiten. Christus hat uns für Gott annehmbar gemacht, hatte ich gesagt. Aber der Heilige Geist macht uns immer noch ein bisschen brauchbarer für Gott. Paulus deutet das hier an: Stellt euch nicht dieser Welt gleich, sondern ändert euch durch Erneuerung eures Sinnes, damit ihr prüfen könnt, was Gottes Wille ist.

Ändert euch durch Erneuerung eures Sinnes! Das klingt nach einer Menge Arbeit. Aber das ist hier im griechischen Originaltext ein Satz, der im Passiv steht. Werdet verändert! Oder auch: Lasst euch verändern! Passiv bedeutet in der Bibel ganz oft: Hier ist Gott am Werk! Die Erneuerung unseres Sinnes, das ist das Werk des Heiligen Geistes. Er verändert uns. Er macht uns brauchbar für Gott. Das nennt man Heiligung.

Und dann gliedert er uns ein in seine Gemeinde. Gerade Paulus beschreibt die christliche Gemeinde nicht als Organisation, sondern als Organismus. Als den Leib Christi. Leib Christi. Will heißen: Der Herr Jesus ist der Kopf. Und wir sind seine Glieder. Hören wir Paulus im Original: Denn wie wir an einem Leib viele Glieder haben, aber nicht alle Glieder dieselbe Aufgabe haben, so sind wir viele ein Leib in Christus, aber untereinander ist einer des anderen Glied. Und wir haben verschiedene Gaben nach der Gnade, die uns gegeben ist.

Manche erleben Gemeinde als etwas, das mit allen Händen nach einem greift: Du machst die Jungschar so toll, da könntest du dich sicher auch gut im Kirchenvorstand einbringen. Und Leute, die den Gemeindebrief austragen, suchen wir auch noch. Wer anfängt, sich so in der Gemeinde zu engagieren, dem droht der Burn-out. Aber hier läuft etwas gewaltig schief. Wir haben es gehört, Jesus sucht lebendige Opfer. Und keine potentiellen Herzinfarktopfer. Jedes Glied am Leib Christi hat bestimmte Gaben. Und dann entsprechende Aufgaben. Nämlich im Normalfall genau die, für die er begabt ist. Und nicht alle möglichen anderen. Und schon gar nicht die Aufgaben, für die jemand anderes die Gaben hat.

Das ist beim Leib Christi wie bei jedem anderen Körper auch. Die Füße sind zum Laufen da. Und die Nase ist zum Riechen da. Bei manchen Leuten läuft stattdessen die Nase. Und die Füße riechen. Doch das ist kein gutes Zeichen. Hier stimmt was nicht. Die Aufgabe richtet sich im Normalfall nach der Gabe. Wer gut zu Fuß ist und obendrein kontaktfreudig, trägt die Gemeindebriefe aus. Wer viel Koffein verträgt und lieb ist, auch wenn er zum zehnten Mal dieselbe Geschichte anhören muss, macht Geburtstagsbesuche. Wer schwindelfrei ist, streicht das Zifferblatt der Kirchturmuhr. Und so weiter.

Und keiner muss alles machen. Auch die Pfarrer nicht. Die haben zuallererst die Aufgabe, Gottes Wort unter die Leute zu bringen. Ansonsten haben auch die Pfarrer ganz verschiedene Gaben. Deshalb gibt es ja alle paar Jahre neue. Damit frischer Wind in die Gemeinden kommt.

Wenn wir diese Dinge beachten, bleibt der Leib Christi gesund. Und er wird nicht fitter dadurch, dass sich einzelne Haupt- und Ehrenamtliche noch mehr ins Zeug legen. Im Gegenteil: Das ist ein Krankheitssymptom, wenn sich einige Glieder kaputtarbeiten. Und der große Rest gefällt sich in der Rolle, als Speckröllchen am Leib Christi zu dienen. Zu nichts nütze und eigentlich überall im Weg. Und die Therapie besteht darin, dass noch viele hier auf den Apostel Paulus hören: Ich ermahne euch, dass ihr eure Leiber hingebt als lebendiges Opfer. Dass wir uns mit unseren Gaben dem Herrn Jesus zur Verfügung stellen.

Paulus wird hier im Folgenden ziemlich konkret: Ist jemand prophetische Rede gegeben, so übe er sie dem Glauben gemäß. Prophetisch reden, Wahrheiten, auch unangenehme Wahrheiten zu sagen, ist eine Gabe Gottes. Wer das kann, soll es tun. Aber eben dem Glauben gemäß. Also in genauer Übereinstimmung mit der Bibel und dem Glaubensbekenntnis. Propheten, die mit eigenen, neuen Ideen die Mitchristen verwirrt haben, gab es schon mehr als genug. Ist jemand Lehre gegeben, so lehre er. Ist jemand Ermahnung gegeben, so ermahne er. Klar. Aber wenn jemandem ein Amt gegeben ist, soll er nicht amtieren, sondern dienen. Unsere Gaben sollen nicht uns selbst groß rausbringen, sondern anderen weiterhelfen. Gibt jemand, so gebe er mit lauterem Sinn. Nicht jeder hat die Gaben dafür, als Missionsarzt in einen Slum in Manila zu ziehen, oder als Pastor in die Sahelzone. Aber einige haben das Geld, die Arbeit der anderen zu finanzieren. Das sollen sie dann auch großzügig tun. Leider gilt aber auch unter Christen oft der Spruch: Wer zahlt, schafft an. Darum ermahnt Paulus hier, mit lauterem Sinn zu spenden. Ohne irgendwelche egoistischen Hintergedanken. Steht jemand der Gemeinde vor, so sei er sorgfältig. Und das heißt nicht nur, dass man die Kollekte sorgfältig zählen soll. Sondern auch, dass man keinen Menschen übersieht. Schließlich: Übt jemand Barmherzigkeit, so tue er es gern. Denn was wir Anderen Gutes tun, soll nicht aus Pflichtbewusstsein geschehen, sondern aus Liebe.

Fassen wir zusammen: Uns zur Verfügung stellen. Mitarbeiten. Lehren. Geben. Barmherzigkeit üben. Und uns nicht der Welt gleichstellen. Also nicht allen Blödsinn mitmachen, den alle tun. Das ist vernünftiger Gottesdienst. So sagt es Paulus. Und sein Kollege Jakobus sagt im Grunde genau das Gleiche: Ein reiner und unbefleckter Gottesdienst vor Gott dem Vater ist der: Die Waisen und Witwen in ihrer Trübsal besuchen und sich selbst von der Welt unbefleckt halten. (Jakobus 1,27) Auch hier also: Gottesdienst heißt: Im Namen Gottes für die Ärmsten und Schwächsten da sein. Und ebenfalls nicht jeden Unfug mitmachen, den alle Welt macht.

Gottesdienst. Das heißt, sich wie ein Christ zu benehmen und für andere da zu sein. Gottesdienst heißt: Ein neues, anderes Leben zu führen. Ein Leben, in dem Christus das Sagen hat. Doch, Moment mal! Wenn dem so ist, dann ist Gottesdienst ja nicht nur die Stunde am Sonntagmorgen. Dann sind ja auch die anderen 167 Stunden in der Woche Gottesdienst. Genauso ist es. Unser vernünftiger Gottesdienst beginnt nicht mit Glocken, Orgelvorspiel und Begrüßung. Und er endet nicht mit dem Segen. Ganz im Gegenteil. Unser Gottesdienst beginnt, wenn wir die Kirche verlassen.

Unser Gottesdienst beginnt, wenn unsere Gaben gefragt sind. Wenn wir Menschen begegnen, die unsere Liebe brauchen. Wenn wir herausgefordert sind, unseren Glauben an Jesus Christus zu bezeugen. Und wenn es drum geht, Versuchungen zu widerstehen. Gottesdienst ist in der Schule und am Arbeitsplatz. In der Familie und im Ehrenamt. Am Steuer und im Schlafzimmer. Gottesdienst ist überall dort, wo wir gefordert sind, als Christen zu handeln.

Aber, wenn das so ist, wozu brauchen wir dann noch die Stunde gleichen Namens am Sonntagvormittag? Und diese Frage scheinen sich Viele zu stellen. Mehr als 96 Prozent der Protestanten bleiben den Gottesdiensten fern. Sie brauchen die Kirche nicht, um als Christen zu leben. Sagen sie. Denn die meisten von denen, die heute Morgen nicht hier sind, sind ja jetzt gerade nicht unterwegs, um Waisen und Witwen Gutes zu tun. Sie brunchen oder schlafen.

Die Frage vom Anfang: Warum gehen Sie in den Gottesdienst? Dumme Frage eigentlich. Warum halten wir uns auf langen Autofahrten immer wieder mit Tanken auf? Warum hocken wir uns während einer schönen Bergwanderung in eine Hütte und zischen einen Almdudler? Warum hält sich die Formel 1 mit Boxenstopps auf? Das ist uns klar. Ohne Tanken würden wir liegenbleiben, auf der Autobahn. Ohne Nachschub an Wasser und Mineralstoffen würden wir, noch bevor der Gipfel erreicht ist, aus den Bergstiefeln kippen. Das versteht jeder.

Und genau so klar sollte uns das Andere sein: Wir sollten immer wieder mal unseren Gottesdienst unterbrechen und stattdessen ein Stündchen in die Kirche gehen. Sonst bleiben wir mit unserem Christsein auf der Strecke. Hier kriegen wir alles, was wir brauchen: Kraft, Wegweisung, Hoffnung. Wir kriegen die Liebe Gottes zugesagt, damit wir Liebe für andere haben. Wir kriegen hier Gottes Vergebung zugesagt, Lasten abgenommen und den Weg gezeigt. Wir können unsere Sorgen und Anliegen bei Gott abgeben. Und unsere Tanks neu auffüllen lassen. Aus Gottes Wort. Und, in der evangelischen Kirche leider viel zu selten, durch das Abendmahl. Hier will uns Gott dienen. Damit wir in der kommenden Woche ihm vernünftig dienen können.

Amen.

Pfr. Thomas Hilsberg, Radolfzell, hielt die vorstehende Predigt am 10.1.2016 in Rielasingen

Dieser Beitrag wurde erstellt am Sonntag 17. Januar 2016 um 10:22 und abgelegt unter Predigten / Andachten.