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„Dein Wille geschehe.“

Samstag 18. Juli 2015 von Gottfried Daniel Krummacher (1774-1837)


Gottfried Daniel Krummacher (1774-1837)

Predigt ĂŒber MatthĂ€us 6,10

Eingang

Es werden nicht alle, die zu mir sagen: Herr, Herr! in das Himmelreich kommen; sondern die den Willen tun meines Vaters im Himmel. So spricht Christus Matth. 7,21. Ernstliche Worte in der Tat. Leute, die Jesum Herr, Herr nennen, sind offenbar noch lange so schlechte Leute nicht. Es gibt Spötter, es gibt Ruchlose, es gibt Menschen, die gegen Gott und seinen Sohn unehrerbietig reden und handeln, die sich aller Gottlosigkeit ergeben. Was soll aus solchen werden, da Jesus sagt: nicht einmal die alle wĂŒrden in das Himmelreich kommen, die Herr, Herr sagen, die doch eine gewisse Ehrerbietung gegen ihn hegen und bezeugen? Zwar kommt keiner in’s Himmelreich, der nicht zu Jesu Herr, Herr sagt: denn so du mit dem Munde bekennest Jesum, dass er der Herr sei, so wirst du selig, wenn du nĂ€mlich zugleich in deinem Herzen glaubest, dass ihn Gott von den Toten auferwecket hat, wodurch du gerecht wirst. (Röm. 10,9)

Aber nicht alle, die Herr, Herr! sagen, kommen in’s Himmelreich, obschon das Herr, Herr! sagen mit dazu gehört, und nicht gleichgĂŒltig, sondern durchaus notwendig ist, denn alle Zungen sollen Gott bekennen. Aber eins muss notwendig hinzukommen, und das ist dieses: Man muss den Willen tun des Vaters im Himmel. Den Willen des Vaters unsers Herrn Jesu Christi erkennen, ist notwendig und gut; aber der Knecht, der seines Herrn Willen weiß, und hat sich nicht bereitet, und nicht nach seinem Willen getan, der wird viel Streiche leiden mĂŒssen. Den Willen des Vaters tun wollen ist auch gut; aber der Herr verspricht nicht solchen, sondern denen das Himmelreich, die ihn wirklich tun. Es ist möglich, das jemand mancherlei Entschuldigungen anzufĂŒhren weiß, die sich sehr wohl hören lassen; allein seien sie von einer Art, von welcher sie immer wollen, der Herr Jesus kehrt sich nicht daran, er sagt und bleibt dabei: Die ihn tun. Es ist möglich, dass jemand nach Vers 22 allerhand Großtaten verrichtet hatte, und dass Jesus doch zu ihm spricht: Weiche! – Den nennt Jesus einen klugen Mann, der seine Rede nicht nur weiß und hört, sondern tut. Vers 24. Manches Haus wird gebaut, aber da es ihm am Grunde mangelt, fallt es und tut einen großen Fall. – Einst fragten Juden den Herrn Jesum: Was sollen wir tun, dass wir Gottes Werke wirken? Und Jesus antwortete: Das ist Gottes Werk, dass ihr an den glaubet, den er gesandt hat. (Johannes 6,28) Am Ende aber liefen sie fort. – Gut meinen, sich Gutes vornehmen, sind ja schöne Sachen, aber der Herr Jesus hĂ€lt sich daran – die ihn tun. Dies Salz ist freilich was scharf, allein wehe dem, der seine Wunden dadurch nicht will reinigen lassen. In’s Himmelreich kommt er nicht, oder Jesus mĂŒsste ein LĂŒgner sein. Wenn aber nach Ps. 39,12 der Herr jemand zĂŒchtigt um der SĂŒnde willen, so wird zwar seine Schönheit verzehret wie von Motten, aber dann findet er auch die rechte Schönheit. Wohl dem, der die dritte Bitte versteht, welche wir jetzt nĂ€her betrachten werden.

MatthÀus 6,10

Dein Wille geschehe auf Erden, wie im Himmel.

Bei Betrachtung der Bitte haben wir zwei StĂŒcke zu erwĂ€gen, nĂ€mlich:

  1. den Willen Gottes ĂŒberhaupt,
  2. was wir in Absicht desselben begehren.

1. Der Wille Gottes ĂŒberhaupt


Betrachten wir den Willen Gottes ĂŒberhaupt, so mĂŒssen wir von demselben die vortrefflichsten Eigenschaften rĂŒhmen. Er ist heilig, und alles, was Gott will, ohne Fehler und Tadel, lediglich abzweckend zu seiner Verherrlichung. Alles, was er will, ist gut, und verdient aufs Höchste gepriesen zu werden.

Wer gegen denselben angeht, handelt eben so töricht, als verderblich. Gottes Wille ist weise und er wĂ€hlt stets das Beste in seiner Art. Er ist allmĂ€chtig und was er will geschieht, eben darum und dadurch weil er’s will, ohne eines weitern Mittels zu bedĂŒrfen. Er ist unverĂ€nderlich und unabwendbar. Wer kann seinem Willen widerstehen? Kurz, es ist der Wille Gottes, und was noch lieblicher ist, der Wille unsers Vaters.

Der Wille Gottes ist an sich notwendig nur einer, weil in dem allerhöchsten Wesen lauter Einheit ist. Wie aber Paulus von einer mannigfaltigen Weisheit Gottes redet: so können wir auch von einem mehrfachen Willen Gottes reden. Zwar ist das an sich ungereimt, allein das göttliche Wesen ist uns an sich unerreichbar und unbegreiflich. Niemand kennet Gott, als Gott selbst, wie Christus sagt: Niemand hat Gott je gesehen, der eingeborne Sohn, der in des Vaters Schoß ist, der hat es uns verkĂŒndiget. Daher gehört auch dieses zu den VorzĂŒgen des Neuen Testaments, dass Gott unter demselben im Fleisch geoffenbaret ist, dass er in Christo war, dass Jesus sagen konnte: Wer mich siehet, der siehet den Vater.

1.1 Wir können nur menschlich von Gott reden, und daher unterscheiden wir einen beschließenden und befehlenden Willen Gottes, und deuten dadurch nicht eine Verschiedenheit in Gott, sondern in den GegenstĂ€nden und Erweisungen an, weshalb auch Paulus von einem guten, wohlgefĂ€lligen und vollkommenen Willen Gottes redet. Röm. 12,2. Ebendeswegen hat der Mensch bald Gottes Willen zu tun, bald ihn zu leiden; ebendeswegen kann man auch sagen: Gottes Wille geschehe hier nicht und dort wohl, und die Schrift redet so menschlich von Gott, dass sie sogar sagt: Es reue ihn etwas, erzĂŒrne, liebe, hasse, – welches alles menschlich geredet ist. Johannes sagt: Gott sei Liebe. Als solcher erweiset er sich eben so gut an den Teufeln und Verdammten, als an den Heiligen und Seligen, aber jenen ist sie ein Feuerstrom und diesen Lebenswasser. Jenes aber nennt die Schrift nicht Liebe, sondern Zorn, und doch widerspricht sie sich nicht.

Die Sonnenstrahlen sind dieselbigen, und doch machen sie das Wachs weich und den Kot hart, das Angesicht der Menschen braun, oder gar schwarz, und die Leinwand weiß; sie bilden alle Farben, und haben selbst keine. So töricht es nun sein wĂŒrde, wenn man mit demjenigen streiten wollte, welcher behauptete: die Sonne macht weiß oder schwarz, weich oder hart, eben so töricht wĂŒrde es sein, wenn man Bedenken trĂŒge, von mannigfaltiger Weisheit oder Willen Gottes zu reden und zu sagen: dies sei dem Willen Gottes gemĂ€ĂŸ oder zuwider.

1.2 Den beschließenden Willen Gottes nennen wir auch seinen Ratschluss, kraft dessen Gott von Ewigkeit beschlossen, was er in der Zeit wirken und nicht wirken, zulassen oder verhindern wollte, nach welchem ihm alle seine Werke bewusst sind von der Welt her. Von demselben ruft Paulus aus: O, welch eine Tiefe des Reichtums, beide der Weisheit und Erkenntnis Gottes! Wie gar unbegreiflich sind seine Gerichte und unerforschlich seine Wege! Und weiset damit die vorwitzige Vernunft in die ihr gebĂŒhrenden Schranken der Demut. Dieser Wille Gottes gehet nach der Belehrung, die uns die heilige Schrift darĂŒber erteilt, so sehr ĂŒber alles, dass Christus uns sogar von den Sperlingen versichert, es falle derselben keiner vom Dache, ja kein Haar vom Haupte, ohne den Willen des Vaters; und Salomo lehrt, nicht nur der Könige Herz werde vom Herrn geleitet, wie WasserbĂ€che, und er neiget’s, wohin er will, sondern auch das Los falle, wie er will. Der Mensch, sagt er, nehme sich wohl etwas vor, aber vom Herrn komme es, ob sein Anschlag gelinge; komme es, was der Mund reden soll. Amos sagt: Es sei kein UnglĂŒck in der Stadt, das der Herr nicht tue, und Jeremias wusste, dass des Menschen Tun nicht stehet in seiner Gewalt, und stehet in Niemandes Macht, wie er wandele oder seinen Gang richte. David glaubte, Gott verstehe seine Gedanken von ferne, der Herr schaffe es, was er vor oder nachher tĂ€te, es sei kein Wort auf seiner Zunge, dass der Herr nicht wisse, und bekennt, solch Erkenntnis sei ihm zu wunderlich und zu hoch, er könne es nicht begreifen. Paulus ermahnet: Sorget nichts, und Petrus: alle eure Sorge werfet auf ihn, denn er sorget fĂŒr euch.

1.3 Jedoch unterscheiden wir billig einen zulassenden und wirkenden Willen Gottes, und verstehen unter dem wirkenden denjenigen, kraft dessen er schaffet, was ihm wohlgefĂ€llig und Ă€hnlich ist, unter dem zulassenden aber begreifen wir alles Böse und SĂŒndliche, was nicht Gott wirkt, welches unmöglich ist, sondern was durch die Bosheit unserer Natur hervorgebracht wird, wo Gott bald Kraft erteilt, es völlig oder soweit auszufĂŒhren, als es seine Absicht befördern, – wie dies bei der Kreuzigung seines Sohns der Fall war – oder die Kraft versagt, das Böse, was jemand vor hat, auszufĂŒhren: so dass Jesus nicht eher getötet werden konnte, als die bestimmte Stunde da war. „Jetzt ist eure Stunde, und die Nacht der Finsternis“. Durch den Ausdruck: Zulassung oder Verhinderung, wird also nur eine abgeĂ€nderte Wirkung Gottes verstanden. So heißt es Apst. Gesch. 16: Der heilige Geist wehrete dem Paulus und Timotheus das Wort zu reden in Asia, sie versuchten es, durch Bithynien zu reisen; aber der Geist ließ es ihnen nicht zu. Im 21. Kapitel lesen wir, die Christen zu Tyrus hatten Paulo durch den Geist gesagt, er sollte nicht nach Jerusalem ziehen, da sich aber der Apostel nicht wollte halten lassen, sprachen sie: Des Herrn Wille geschehe.

1.4 Hier könnten wir die Frage aufwerfen, ob nicht der Mensch seinen freien Willen habe? welches allerdings bejaht werden muss, jedoch so, dass er damit nicht fĂŒr unabhĂ€ngig erklĂ€rt wird, als ob’s in seiner Macht stĂ€nde, Gutes oder Böses nach Gutbefinden zu tun, wie er will. Ist er unbekehrt, so ist er ein Knecht der SĂŒnde, ja des Satans, jedoch willig und ohne Zwang, obschon zuweilen das Gewissen dawider redet, wĂ€hrend seine Begierden ihn gewissermaßen ĂŒberwĂ€ltigen und zwingen, das Böse dessen ungeachtet zu vollbringen, da es ihm sowohl an Willen, als auch an Kraft gebricht, der Stimme seines Gewissens zu gehorchen, zum Beweise, wie er gefangen liegt unter dem Joche der SĂŒnde. JĂ€mmerliche Freiheit! Da ihr frei wĂ€ret von der Gerechtigkeit, wĂ€ret ihr Knechte der SĂŒnde. So euch aber der Sohn frei machet, seid ihr recht frei. Ist jemand begnadigt, so ist das sein einiger Trost beides im Leben und Sterben, dass er mit Leib und Seel nicht sein, sondern seines getreuen Heilandes Jesu Christi eigen ist, der mit seinem teurem Blut fĂŒr alle SĂŒnden vollkommen bezahlet –, so ist das seine Ehre, dass er von der SĂŒnde frei, Knecht der Gerechtigkeit worden ist; das sein Ruhm, dass nicht er selbst, sondern Christus in ihm lebet, und er ganz von ihm abhĂ€ngt.

1.5 Was der befehlende Wille Gottes sei, verstehn wir gleich. Es sind seine Gebote, oder, es in einem mehr umfassenden Worte auszudrĂŒcken: unsere Heiligung. In derselben ist alles begriffen, was dazu erforderlich ist, alle AuserwĂ€hlten zu erlösen aus der Hand aller ihrer Feinde und sie tĂŒchtig zu machen zum freiwilligen Liebesgehorsam ohne Furcht und zur Gemeinschaft mit Gott. Dieser Wille des Vaters umfasst also sehr vieles, die ganze Erlösung durch Christum gehört hierher, besonders sein blutiges Opfer und Leiden, von welchem Jesus selbst betete: Vater, willst du, so nimm diesen Kelch von mir, doch nicht mein, sondern dein Wille geschehe. (Luk. 22,42) In demselben, ja in seinem ganzen Lauf, heiligte er sich selbst fĂŒr sie, auf dass auch sie geheiligt seien in der Wahrheit, das er seine Gemeine seinem Vater darstellte heilig und unstrĂ€flich in ihm selbst; durch sein Blut erlangen sie die Heiligung, ohne welche wird niemand Gott schauen, sonst genannt Vergebung der SĂŒnde und Rechtfertigung, welche ohne Blutvergießen nicht geschieht. Daran reihet sich aber auch das ganze wichtige und teure Werk, welches Heiligung im engeren Sinne genannt, und wodurch das Ebenbild des Teufels in der Seele zerstört, das Ebenbild Gottes aber in ihr aufgerichtet wird, samt allen den Mitteln, welche der Herr dazu zu gebrauchen fĂŒr gut findet.

Die wichtige Wiedergeburt gehört hierher als der glĂŒckselige Anfang des herrlichen Werkes Gottes in der begnadigten Seele, wodurch sie der göttlichen Natur anfĂ€nglich teilhaftig und eine Werkstatt des heiligen Geistes in ihr angelegt wird. Sie wird geistlich und eben dadurch zu geistlichen Erkenntnissen, Empfindungen und Wirksamkeiten geschickt, wozu sie in ihrem vorherigen, fleischlichen Zustande untĂŒchtig war. Zugleich wird das edle Kleinod des Glaubens in das Herz gelegt, wodurch es sich mit Jesu vereinigt, wie ein Rebe mit dem Weinstock, und durch diese Vereinigung denjenigen Zufluss an Licht, Kraft und Leben empfĂ€ngt, dessen die neue Kreatur bedarf, welche fĂŒr sich nicht bestehen kann. Das heilige Feuer der Liebe, der Willigkeit und Lust an Gott kommt ebenfalls vom Himmel in’s Herz, und macht es Gott Ă€hnlich, bereitet es zu einem Acker, worauf unter den belebenden EinflĂŒssen der Sonne der Gerechtigkeit, die Frucht des Geistes dreißig-, sechzig- und hundertfĂ€ltig in Geduld gebracht wird.

Zu diesem Heiligungswerk, wodurch des Vaters Wille geschieht, gehören auch alle die Mittel und Wege, deren sich Gott zu dessen AusfĂŒhrung zu bedienen fĂŒr gut findet, die teils allgemeine, teils besondere sind.

Zu den allgemeinen Mitteln gehört alles dasjenige, was wir Kirche und kirchliche Einrichtungen nennen, als eine Frucht der allgemeinen Berufung Gottes, die Predigt des göttlichen Wortes, die Bedienung der heiligen Sakramente. Dazu kommen die besondern FĂŒgungen der göttlichen Vorsehung, wodurch er seine AuserwĂ€hlten zu den Mitteln, oder die Mittel zu ihnen fĂŒhrt, um seine Wahl an ihnen krĂ€ftig zu machen. Diese FĂŒgungen sind teils Ă€ußere, teils innere.

Zu den Ă€ußern gehört der gesamte Lebenslauf des Menschen, seine Geburt, seine Bekannt- und Freundschaften, die einzelnen Schickungen, wodurch er gerade in die VerhĂ€ltnisse und Lage kommt, an den Ort, zu den Personen, BĂŒchern, Gnadenmitteln gefĂŒhrt wird, so dass in dieser Kette kein Glied anders sein dĂŒrfte, wenn nicht ein ganz anderes Resultat daraus entstehen sollte. Oft ist irgend ein kleiner, angenehmer oder unangenehmer Vorfall von den wichtigsten Folgen fĂŒr das Seelenheil eines Menschen, wie er von hinten nach einsieht, und Gott fĂŒr sein genaues Aufsehen preisen muss. Was hĂŒlfe aber alles Äußere, wenn nicht die innere Wirkung Gottes hinzukĂ€me? man mĂŒsste sagen, wie Moses zu den Juden sagte: Bis auf den heutigen Tag hat Gott dir nicht gegeben ein Herz, das verstĂ€ndig wĂ€re, Augen, die da sĂ€hen, und Ohren, die hören; obschon du alle seine Wunder gesehen. (5. Mose 29) Diese innere Haushaltung in den Seelen ist sehr mannigfaltig, und keine der anderen ĂŒberall gleich, wenn schon vollkommen Ă€hnlich, wie alle Menschen zwar ein verschiedenes doch menschliches Angesicht haben. Die innern FĂŒhrungen Gottes sind teils angenehm, teils unangenehm, doch letztere von eben so großem, ja man möchte beinahe sagen, noch grĂ¶ĂŸerem Nutzen, als die ersteren.

Die angenehmen FĂŒhrungen nennen wir auch Tröstungen, Erquickungen, SĂŒĂŸigkeiten. Sie pflegen oft zeitig genossen zu werden, so dass die Seele oft erfĂ€hrt, was fĂŒr köstliche GĂŒter sie wieder empfĂ€ngt, wenn sie die zeitliche Ergötzung der SĂŒnde verlĂ€sst. Oft sind sie sehr groß und durchdringend, und die Seele lĂ€uft indessen den Weg der Gebote Gottes, sie macht große Fortschritte, wie sie selbst steht, und glaubt schon nahe am Ziele zu sein, und es ist sehr erbaulich und lieblich solche Seelen zu hören, in denen die Liebe Gottes erwacht ist, die nicht nur schmecken, sondern auch sehen, dass der Herr freundlich ist.

Allein diese Erquickungen bringen auch wegen der tiefen Verderbnis der menschlichen Natur manche Nachtteile hervor. Die Eigenliebe sucht sich darin ein Futter und meint: nun stĂ€nde man sehr gut gegen Gott, setzt also dasjenige, was sie in sich selbst findet, an die Stelle des einigen Opfers Christi, ohne es selbst zu wissen. Aber derjenige, der Augen hat wie Feuerflammen, duldet es auf die LĂ€nge an den Seinigen nicht, die er ohne Runzel oder Flecken haben will, auf dass sie heilig seien und unstrĂ€flich. Überdies hĂ€lt sich der Mensch in diesen Erquickungen nicht mehr fĂŒr ein solches sĂŒndiges Nichts, wie er doch wirklich, aller jener Erquickungen ungeachtet, ist und bleibt, sondern meint, er sei nun eine neue Kreatur in sich selbst, könne, wisse, und besitze was in sich selbst, wodurch er wieder der Ehre Gottes zu nahe tritt, an ihm einen Raub begeht, und Christum mit der Tat verleugnet, ob man sich sein schon rĂŒhmet. Auch wird er dadurch eigenwillig, indem er diese SĂŒĂŸigkeiten durchaus genießen will, und, wenn er sie nicht hat, große Klagen erhebt.

2. 
und was wir in Absicht desselben begehren.

Dies alles muss noch in den Tod, und so entstehen die schmerzhaften FĂŒhrungen Gottes, die ZĂŒchtigungen, DemĂŒtigungen, Anfechtungen, die, wenn sie da sind, nicht Freude, sondern Traurigkeit zu sein dĂŒnken, aber darnach eine friedsame Frucht der Gerechtigkeit geben denen, die dadurch geĂŒbet sind. Dies ist das auserwĂ€hlt machen im Ofen des Elends, das LĂ€utern, Waschen, Schmelzen. Lauter schmerzhafte Dinge, aber von unbeschreiblichem Nutzen, dessen friedsame Frucht aber nicht eher erkannt wird, bis man dadurch geĂŒbet ist. In diesen Wegen wird der Mensch recht ein Kranker, SĂŒnder, Gottloser, Verlorner; was etwas ist, wird nichts, was weise ist, wird zu Schanden, und was stark ist, wird schwach. Und da ist die dritte Bitte etwas fĂŒrchterlich fĂŒr die Seele, weil sie nichts als Unfall und Herzeleid in ihren Wegen erblickt, und den Weg des Friedens noch nicht weiß.

Aber alle diese Wege haben den herrlichsten Zweck. Deswegen lehrt Jesus uns mit Recht beten: Dein Wille geschehe.

2.1 Am Himmel geschieht der Wille Gottes, von den Gestirnen, die ihre Bahn wandeln, ohne ein Haarbreit davon abzuweichen. Sie eilen nicht vor, sie bleiben nicht zurĂŒck. Im Himmel geschieht er ganz vollkommen von den heiligen Engeln und den Geistern der vollkommenen Gerechten. Geschieht er denn nicht auf der Erde – wie wird unsere schwache Bitte das Gegenteil beweisen? geschieht er aber – wozu dann unser Wunsch? Das ist eine ungeschickte Frage. Warum fing Daniel an, um die Erlösung seines Volkes zu beten, als er aus den Propheten erkannte, die 70 Jahre der Gefangenschaft seien verflossen? Warum betete Jesus dreimal: Ist’s möglich, mein Vater, so gehe dieser Kelch von mir? doch nicht wie ich will, sondern wie du willst. – Ist’s möglich, dass jemand seinen himmlischen Vater kenne und liebe, ohne sich ĂŒber die Vollbringung seines Willens an, ĂŒber, durch und von den Menschen und allen Kreaturen kindlich zu freuen? Dieser Wille mag so wunderbar scheinen, wie er will, wenn es nur Gottes Wille ist! Ein Kind sollte sich nicht eben so ĂŒber seinen Vater freuen, wenn er einen PharisĂ€er verstrickt, als wenn er einen Paulum bekehrt? Und sollte ein Kind, wenn es betet: Dein Wille geschehe, dem großen Vater im Himmel Vorschriften geben, was er wollen sollte? Nein. Es betet seinen Willen an, vereinigt sich mit demselben, und begehrt von ganzem Herzen, dass er ausgefĂŒhrt werden möge. Zwar bedarf Gott unserer Einwilligung und Bitte nicht, er tut aber doch, was die GottesfĂŒrchtigen begehren, und so wir etwas bitten, nach seinem Willen, so höret er uns.

2.2 Unser Katechismus fasst diese Bitte sehr schön, wenn er sagt: Verleihe, dass wir und alle Menschen unserem eigenen Willen absagen und deinem allein guten Willen ohne alles Widersprechen gehorchen. Den Willen Gottes erklĂ€rt er fĂŒr allein gut, wie er’s auch ist. Daraus folgt, dass unser Wille, in sofern er ein eigner Wille ist, nicht gut sei, und wenn er noch so gut, ja besser schiene als der Wille Gottes. So schien der JĂŒnger Wille, dass Jesus nicht getötet wĂŒrde, tausendmal besser, als der vorher bedachte Rat Gottes. Aber wehe ihnen und uns, wenn ihr und nicht Gottes Wille geschehen wĂ€re. Unser Wille, in sofern er also ein eigner Wille ist, soll abgesagt, und gĂ€nzlich in den Tod gegeben werden, so dass nicht nur alles Widersprechen, sondern auch alles eigne Wollen aufhöre, wie schön es gleiße.

Hier trifft insbesondere das Gebot Christi ein, sich selbst zu verleugnen, denn unser Wille ist das eigentliche wir selbst, und wenn der gestorben ist: so sind wir mit Gott eins, und haben ĂŒberall nichts mehr auszusetzen.

Aber das geht so leicht nicht her. Der eigne Wille, das eigne Leben hĂ€lt so wunderfest, eh‘ es sich ganz dem Herrn lĂ€sst, und es gehört was dazu, ehe dies Kamel durch das Nadelöhr gehe. Daher sagt auch der Katechismus: Verleihe, dass wir unserm Willen absagen, sonst kommen wir unmöglich dazu. Zuvörderst muss dem eignen Willen abgesagt werden, der sich der Buße widersetzt, und sich weigert, in die SĂŒndenerkenntnis, in die Absagung der SĂŒnde, der Welt, der Eitelkeit und alles Bösen einzugehen; sich zu einem anhaltenden und ernstlichen Gebet, zu einem heftigen Kampf wider die SĂŒnde bis aufs Blut, zur Ablegung alles dessen, was Gott missfĂ€llt, ernstlich und aufrichtig zu entschließen. Wem das nicht ansteht, von dem sagt Christus: Ihr wollt nicht zu mir kommen, und ihre Verdammnis ist ganz recht. Wer ohne diesen Sinn betet: Dein Wille geschehe, der bittet um seine eigne Verdammnis; und unterlĂ€sst er das Gebet, so bitten andere darum. Hat sich aber jemand in diese Ordnung der Buße bequemt: so muss er dann weiter seinem eignen Willen absagen, damit er dem Willen Gottes ohne alles Widersprechen gehorche, nach welchem wir aus Gnaden selig werden, und das hat ja so viel und noch mehr zu sagen, als das obengenannte. Denn hier muss neben dem Willen auch die eigene Vernunft in den Tod, und da mag Paulus wohl sagen: Meine lieben Kinder, die ich abermal mit Schmerzen gebĂ€re, wohl mag er von einem Ärgernis des Kreuzes Christi, von einem Daniederwerfen aller Höhen, von einem Gefangennehmen der Vernunft reden.

Unter dies Gebot vom Glauben, muss sich auch der eigene Wille legen, der da spricht: Es sei denn – so will ich nicht glauben. Wider den Glauben erhebt sich die Natur gewaltig. Sie will versichert sein, sie will ihre Gerechtigkeit, Heiligung und Kraft in sich selbst haben, und das Christentum der meisten besteht in der BemĂŒhung, dies zu Stande zu bringen, wobei sie Wunder meinen, was sie ausrichteten und tĂ€ten. Man gleicht den Kindern Israel, die sich Manna in Vorrat; zu sammeln gedachten, was aber misslang. Was nicht aus Glauben geschieht, das ist SĂŒnde. Und ohne Glauben ist’s unmöglich, dass ein Mensch oder ein Werk Gott gefalle.

Man will in sich selbst wachsen. Aber Er muss wachsen, und wir mĂŒssen abnehmen. Doch lasst uns zum Schluss eilen. Welch eine GlĂŒckseligkeit, wenn wir und alle Menschen unserm eigenen Willen absagten, so wĂŒrde sich mit einmal der Himmel auf die Erde niederlassen. So viel ist gewiss, dass der Himmel sich in ein Herz senkt, was so allem eigenen Willen absagt und Gottes Willen gehorcht.

Hier ist Friede und Ruhe. Gottes Wille allein ist gut; also in den Tod mit allem Willen.

O, Leben, Arbeit, Leidensnot
Des Heilands meiner Seelen!
O, meines Jesu Angst und Tod!
Euch will ich mich befehlen.

Geht in mich ein, und lasst mich seh’n
Das Leben aus dem Tod aufsteh’n
In allen meinen KrÀften.

Hilf mir, o du geschlachtet Lamm!
An deines sĂŒĂŸen Kreuzes Stamm
Den Leib des Todes heften.

Nur noch dies. Man sehe ja zu, dass man wirklich in Christo sei, damit man ĂŒberzeugt sein könne, es walte ĂŒber uns ein Friedensrat.

Amen

Gottfried Daniel Krummacher

Quelle: Gottfried Daniel Krummacher, Predigtband = Gute Botschaft in 45 Predigten, Hrsg. Thomas Karker (Bremen), 22 Euro, Bestellmöglichkeit www.karker.de (BĂŒcherangebot)

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Dieser Beitrag wurde erstellt am Samstag 18. Juli 2015 um 10:08 und abgelegt unter Predigten / Andachten.