Gemeindenetzwerk

Ein Arbeitsbereich des Gemeindehilfsbundes

Perfektionismus – Krankheit unserer Tage

Montag 22. Dezember 2014 von Institut fĂŒr Demographie, Allgemeinwohl und Familie e. V.


Institut fĂŒr Demographie, Allgemeinwohl und Familie e. V.

Raphael M. Bonelli

Viele Kinder haben heute das GlĂŒck, sich zu kleinen Wolfgang Amadeus Mozarts, Boris Beckers oder Steve Jobs entwickeln zu dĂŒrfen. Bei MĂ€dchen können die Zielvorgaben auch Julia Roberts, Steffi Graf oder Heidi Klum heißen. Von Geburt an werden sie von einem Kurs zum anderen gekarrt. Werden gefördert, trainiert und gestylt. Zeit fĂŒr so etwas UnnĂŒtzes wie Spielen und Freundschaften bleibt da natĂŒrlich kaum noch. Wozu auch? Was wirklich zĂ€hlt ist Leistung! Endlich sind die gesellschaftlichen Spielregeln gerecht und transparent: Wir sind, was wir leisten. Leistung ist Selbstverwirklichung.

Die Verabsolutierung der Leistung bleibt nicht folgenlos. Sie kann zu einer zwanghaften Fehlhaltung fĂŒhren: Zum Perfektionismus. Deswegen untersucht  die psychologische Forschung zunehmend dieses PhĂ€nomen. Leider sind ihre Erkenntnisse einerseits oft in eine unverstĂ€ndliche akademische Geheimsprache gepresst, die seltsam blutleer und lebensfern bleibt. Andererseits wird der Begriff in populĂ€rer Ratgeberliteratur und im gesellschaftlichen Diskurs so verwĂ€ssert, daß die RatschlĂ€ge zur Abhilfe wie eine Binsenweisheit anmuten. Der deutsche Psychotherapeut Nils Spitzer nennt den Perfektionismus gar einen „schillernden Grenzbegriff zwischen Wissenschaft und Pop-Psychologie“. Obwohl viele psychische Krankheiten in klinischen Studien einen statistischen Zusammenhang mit dem Perfektionismus zeigen, besonders Burn-out, Essstörungen, Depressionen und die Zwangsstörungen, gibt es nach wie vor keinen Konsens, was Perfektionismus ĂŒberhaupt bedeutet.

Die wohl prominentesten Perfektionismus-Forscher unserer Tage, die kanadischen Psychologen Gordon L. Flett und Paul L. Hewitt, scheuen nicht davor zurĂŒck, den Perfektionismus als „in der westlichen Welt endemisch“ zu bezeichnen. Das bedeutet das permanent gehĂ€ufte Auftreten einer Krankheit in einer Region oder Population. Perfektionismus prĂ€gt den Zeitgeist, liegt unseren Wertvorstellungen zugrunde, dominiert unsere Köpfe. Fast niemand kann sich ihm ganz entziehen.

Einerseits sind sich alle einig, daß Perfektionismus nicht wirklich super ist, andererseits steht er heute auf der Liste der „attraktiven Laster“ sehr weit oben. Gleich nach „Mein grĂ¶ĂŸter Fehler ist, daß ich zu gutmĂŒtig bin und mir zu viel gefallen lasse“, kommt die selbstkritische Beichte „Ich habe einen Hang zum Perfektionismus“. Denn diese SchwĂ€che finden wir verzeihlich, wenn nicht sogar ehrenhaft. Das lĂ€sst sich auch bei dem um sich greifenden Psycho-PhĂ€nomen „Burn-out“ gut beobachten: Viele Patienten bestellen sich heutzutage beim Psychiater diese Modediagnose, weil damit sichergestellt ist, dass sie ausgesprochen fleißige Zeitgenossen sind. Ein Ă€hnliches PhĂ€nomen tritt bei der Selbstbeschreibung „Perfektionist“ auf: Bei diesem Begriff schwingt ein Nimbus von Ernsthaftigkeit, Ordentlichkeit, Fleiß und VerlĂ€sslichkeit mit, so daß man einen solchen Defekt gerne unumwunden zugibt.

Laster oder Tugend?

In einer Zeit, in der keiner mehr sagen kann, was wahre Perfektion – also Vollkommenheit – eigentlich bedeutet, streben wir sie doch scheinbar alle an. NatĂŒrlich ist es sinnvoll und erstrebenswert, Perfektes leisten zu wollen. Der Mechaniker soll das Auto fehlerlos reparieren, der Installateur den Wasserrohrbruch perfekt abdichten und der Chirurg möglichst ohne Kunstfehler operieren. Von Lehrern und Beamten erwarten wir zu recht, daß sie mehr tun als ihre Pflicht. Wer sich nicht um fehlerfreies Arbeiten bemĂŒht, wird im Beruf schwerlich WertschĂ€tzung erwarten dĂŒrfen. Der streitlustige Philosoph Peter Sloterdijk  erklĂ€rt das Streben nach Selbstverbesserung bis zur Vervollkommnung zum menschlichen Wesenskern. Das ist nicht neu, das hat schon Aristoteles gewusst: Es geht darum, die Natur zur Entfaltung zu bringen.

Perfektionismus ist aber etwas völlig anderes als das Streben nach Perfektion. Ein Perfektionist strebt Perfektion nicht an, weil er sich an der Vollkommenheit erfreut, sondern weil es ihm um die damit verbundene Unangreifbarkeit geht. Perfektionismus ist ein Vermeidungsverhalten: Wer perfekt arbeitet, kann weder getadelt noch kann ihm gekĂŒndigt werden.  Der Perfektionist will nicht in erster Linie die Natur zur Entfaltung  bringen, sondern giert nach Sicherheit.

Die Sehnsucht nach Perfektion tut dem Menschen gut; durch Angst motiviert, verliert sie aber das richtige Maß. Nehmen wir etwa den großen deutschen Philosophen Friedrich Nietzsche: Seine Angst vor Durchschnittlichkeit und NormalitĂ€t brachte er in abfĂ€lligen Urteilen wie „Menschen ohne Sehnsucht“ oder „finale Spießer“ deutlich zum Ausdruck. Es sei die Aufgabe des Menschen, einen Typus hervorzubringen, der höher entwickelt ist als er selbst. Dieser „Übermensch“ habe, so Nietzsche, einen Überschuss an Lebenskraft und Willen zur Macht, was ihn zu besonderer Selbstbeherrschung und Selbstentfaltung befĂ€hige.

Maske der Unantastbarkeit

Der Perfektionist ist ein Kind unserer leistungsfixierten Zeit. In ihm baut sich ein innerer Druck aus Unzufriedenheit, Selbstverachtung und Verbitterung auf. Unter diesem leidet er und diesen gibt er auch an seine Umgebung weiter. Das Bessere ist fĂŒr ihn der Feind des Guten: Nichts ist so gut, als dass es nicht noch besser sein könnte. So entwickelt sich der Perfektionist wider Willen zum Nörgler, notorischen Pessimisten und humorlosen Querulanten. Er weist ein Schwarz-Weiß-Denken auf, eine Alles-oder-Nichts-MentalitĂ€t: Entweder ist alles perfekt oder es taugt nichts. Ein Wesensmerkmal des Perfektionismus ist das krankhaft ĂŒberzogene Leistungsdenken, bei dem nur zĂ€hlt, wer Tadelloses, Bewundernswertes und Außergewöhnliches vorzuweisen hat.

HĂ€ufig ist Perfektionismus von einer irrationalen Angst vor Ablehnung begleitet, der Angst, nicht gut genug zu sein, den AnsprĂŒchen nicht zu genĂŒgen, und von einer Ă€ngstlichen Besorgtheit um den eigenen Ruf. Der Perfektionist ist ein unsicherer Mensch. Er sehnt sich unbewusst nach einer bombensicheren Unantastbarkeit. Er hĂ€lt sich stĂ€ndig einen inneren Spiegel vor und ĂŒberlegt, wie er vor sich und anderen dasteht, was er von sich halten darf. Perfektion ist bei ihm nur Mittel zum Zweck: Eine Fassade, die er aufrichtet, eine Maske, hinter der er sich versteckt.

Damit bringt sich der Perfektionist in eine Sisyphos-Situation, die oft im Burn-out endet. Er lĂ€uft einem unerreichbaren Ziel nach, denn man kann unmöglich allen gefallen. Dem Perfektionismus liegt eine unfreie, neurotische Angst vor der eigenen Fehlerhaftigkeit zugrunde, die die Seele erstarren lĂ€sst wie die Maus vor der Schlange. Oft wird er in dieser Erstarrung von anderen als rigide, halsstarrig, besserwisserisch und mitunter sogar als intolerant wahrgenommen. Von seiner Umgebung  bekommt der Perfektionist hĂ€ufig das Feedback, er sei ĂŒberkritisch, mische sich ungefragt in das Leben anderer ein und versuche, ihnen das eigene „Ideal“ ĂŒberzustĂŒlpen.

Das GlĂŒck der Unvollkommenheit

Die Auflösung dieses bedrohlich-zwanghaften Zustandes erfolgt schrittweise. An erster Stelle steht die Entlarvung des Perfektionismus als irrationales BauchgefĂŒhl, als „inneres Dogma“. Durch das Bewusstmachen und Analysieren des Kopfes kommt es im nĂ€chsten Schritt zur Entmachtung des eigenen Leistungsdenkens – auch wenn es dem Zeitgeist widerspricht. Dann erfolgt das bewusste Annehmen der eigenen Unvollkommenheit mit dem Herzen. „Imperfektionstoleranz“ ist die Selbstannahme im Bewußtsein der eigenen Fehlerhaftigkeit, MittelmĂ€ĂŸigkeit und Gewöhnlichkeit. Nur mit einer realistischen SelbsteinschĂ€tzung kann man gesunde Zielvorgaben formulieren und sich maskenlos in der Gesellschaft bewegen. Humor hilft am effektivsten, das Eis des Perfektionismus zum Schmelzen zu bringen. Schon Paul Watzlawick hat den „tierischen Ernst von psychologischen Abhandlungen“ gern augenzwinkernd auf die Schippe genommen. So gelangt man zu einer inneren Freiheit, die das GegenstĂŒck zum Perfektionismus ist. Imperfektionstoleranz befreit von Ich-Sucht, Kontrollzwang, Anspruch auf Fehlerlosigkeit, Verbitterung und Fremdbeschuldigung. Innere Freiheit verleiht deshalb Unbeschwertheit und natĂŒrliche AutoritĂ€t, sie macht flexibel und unabhĂ€ngig.

Der Aufsatz ist die leicht gekĂŒrzte Fassung des Vorworts aus dem neuen  Buch „Perfektionismus – Wenn das Soll zum Muss wird“ (Pattloch-Verlag, MĂŒnchen) des Wiener Neurowissenschaftlers an der Sigmund-Freud-PrivatuniversitĂ€t Raphael Bonelli. Bonelli hat an mehreren UniversitĂ€ten in den USA, u.a. Harvard, geforscht und sich im Fach Neuropsychiatrie habilitiert. Er fĂŒhrt als Psychiater und Psychotherapeut eine eigene Praxis in Wien. Sein 2013 erschienenes Buch „Selber Schuld – Auswege aus seelischen Sackgassen“ (Pattloch, MĂŒnchen) ist ein Bestseller. 

Quelle: iDAF Aufsatz des Monats 13/2014 (www.i-daf.org)

 

Dieser Beitrag wurde erstellt am Montag 22. Dezember 2014 um 11:49 und abgelegt unter Allgemein.