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Den Lebenden zur Mahnung

Dienstag 21. Oktober 2014 von fest und treu


fest und treu

»Was ist Krieg? Ein perverser Mangel an Vorstellungskraft – an Erinnerung.« (Eli Wiesel)

Auch 2014 – im Gedenkjahr des 1. Weltkriegs – werden weiterhin weltweit blutigste Schlachten ausgetragen. Gaza, Syrien, Ukraine, Mali, Irak – es reißt nicht ab. Kriege und Kriegsgeschrei – das apokalyptische „rote Pferd“ reitet unaufhaltsam weiter. Trotz Weltkriegs-Gedenkprojekten, Konflikt-Forschungsinstituten und UN-Friedensmissionen. Wenn es einen „roten Faden“ durch die Menschheitsgeschichte gibt – dann doch diesen: eine Blutspur.

Unser Herr weist in seiner Endzeitrede darauf hin: „Ihr werdet von Kriegen und KriegsgerĂŒchten hören. Gebt Acht, erschreckt nicht; denn dies muss geschehen, aber es ist noch nicht das Ende“ (Mt 24,6). Gewalt und Bedrohung werden ein Grundmerkmal der Menschheit bleiben, bis ER – der Friedensbringer – wiederkommt.

AnlĂ€sslich des wiederum schockierenden Völkermordens auch in unserer Zeit nahm ich mir ein vergilbtes Buch hervor: „Kriegsbriefe gefallener Studenten von 1928“. Es enthĂ€lt eine Sammlung von Feldpostbriefen aus dem Ersten Weltkrieg. Herausgeber: Philipp Witkop, Professor fĂŒr Germanistik an der UniversitĂ€t Freiburg.

Kaum etwas kann tiefer erschĂŒttern. Diese Briefe verschaffen auch heute noch unmittelbare Betroffenheit. Intelligente, aussichtsreiche Jungendliche schreiben in unverhohlener Verzweiflung nach Hause – im ersten Weltkrieg noch ohne Zensur. Hitler ließ 20 Jahre spĂ€ter diese Korrespondenzen stutzen – um alles Kriegskritische gekĂŒrzt. Diese Kriegsbriefe gefallener Studenten sind ein VermĂ€chtnis an uns. Sie helfen unserer blassen Vorstellungskraft auf und lassen lebhaft vor uns auferstehen, was in KriegsgrĂ€bern verscharrt liegt.

Hier eine kleine Auswahl aus den bewegenden Zeitzeugnissen:


Deutliche Todesahnung

„Ich habe wieder einmal einen Tag trĂŒber Ahnungen. Immer wieder kommt dieser Zustand. Ist das bloß der Selbsterhaltungstrieb? Eigentlich ist ja Angst weiter nichts als die Voraussicht nahenden Unheils, dem man durch Vorsicht kaum zu entgehen hofft. Ich sehe meine gesunden Glieder, höre das Krachen der Schrapnells, das Surren der SprengstĂŒcke und komme unwillkĂŒrlich zu der Vorstellung, dass auch mich so ein Ding zerreißen kann. Ich habe die Verwundungen gesehen, die solche Geschosse beibringen können. Eisen gegen Menschenfleisch. SĂŒĂŸ-gruseliges Todesahnen. Ich will doch noch leben! Wenn‘s nicht allzu vermessen klingt.“

Adolf Witte, Philosophiestudent aus Berlin, mit 25 zwei Tage spÀter gefallen.


VerspÀtete WertschÀtzung

„125 Mann unseres Bataillons sind bereits dahin! Oh, ĂŒber alles geliebte Eltern! In der letzten Nacht, als ich wĂ€hrend des heftigen Gefechts keinen Schlaf finden konnte, da eilten meine Gedanken zu Euch in die Heimat. Wer weiß, es kann sein, dass ich euch alle nicht wiedersehe. Da will ich Euch doch noch aus tiefstem Herzen danken fĂŒr alle eure Liebe und Treue, die Ihr wĂ€hrend meines Lebens an mich gewendet habt. Es kommt mir immer mehr zu Bewusstsein, welche herrliche Jugend ich in meinem Elternhaus verleben durfte, dass ich so liebe Eltern habe wie sonst keiner mehr.“

Ulrich Timm, Theologiestudent aus Rostock, mit 18 in Galizien gefallen.


Industrielle Schlachtung

„Das ist ĂŒberhaupt das Scheußliche an diesem Krieg: alles wird maschinenmĂ€ĂŸig. Man könnte den Krieg eine Industrie gewerbsmĂ€ĂŸigen Menschenschlachtens nennen. Die kĂŒrzlich eingefĂŒhrten Minenwerfer sind das Abscheulichste. Sie werden lautlos abgeworfen und schlagen oft dreißig Mann zugleich kaputt. Man steht im Graben – und jede Sekunde kann so ein Ding krepieren.“

Hans Martens, Technikstudent aus Charlottenburg, mit 23 gefallen.


Entsetzliche LĂ€uterung

„Was erlebt man nicht in diesen Feuertaufen! Man reift um Jahre. Der Tod saust. Jeden Augenblick glaubt man getroffen zu werden. Man ist dessen sicher. Vollkommen klar funktioniert das GedĂ€chtnis. Man gedenkt der Eltern. Ein Notschrei ist im Menschen. Gedanken mit Trotz und schließlichem Ingrimm. Weg mit dem Krieg, der scheußlichsten Missgeburt der Menschenlaster! Menschen schlachten sich in Massen ab, ohne sich zu kennen, zu hassen, zu lieben. Fluch den wenigen, die ihn heraufbeschwören. Vernichtung ihnen allen! Denn es sind Bestien, Raubtiere. Krieg dem Krieg! Mit allen Mitteln gegen ihn ankĂ€mpfen. Das wird meine eifrigste Aufgabe sein, falls der gĂŒtige Weltenlenker mir ein frohes, gesundes Wiederkehren vergönnt. Man wird ein anderer Mensch. Meinen Eltern werde ich als Neugeborener geschenkt, gereifter, einsichtiger; und insofern mögen diese Schrecknisse ihre Berechtigung haben: eine abgrundtiefe, verwerfliche Ausgeburt der Hölle, aber ein entsetzlicher, grĂŒndlicher Erzieher der Menschenseele. Großer Gott! Wie kost man mit der Sonne nach so einer Schlachtennacht.“

Knut Peterson, Philosophiestudent aus Berlin, mit 21 in Polen gefallen.


Nibelungentreue PflichterfĂŒllung

„Was das Ganze hier ist? Unverstand dieses Morden und Pflichttreue. Das haben wir Deutschen, glaube ich, allen anderen voraus: das strenge Pflichtbewusstsein. Das bewĂ€hrt sich in diesem grauenhaften Krieg. Dieses Pflichtbewusstsein miterzogen und gestĂ€rkt zu haben, gibt dem Militarismus seine Existenzberechtigung. NatĂŒrlich gibt es auch DrĂŒckeberger. Aber die Pflichttreue fragt nicht: Ist es gefĂ€hrlich? Nein, man schießt, man wacht, man buddelt bis 12 oder 1 Uhr, weil es die verdammte Pflicht und Schuldigkeit ist. Und das wird dann getan als etwas SelbstverstĂ€ndliches – nicht gern, nicht ungern – natĂŒrlich. Wie aus einem inneren, notwendigen Zwang.“

An seinem Sterbetag:

„Meine lieben, guten Eltern. Hier ist Krieg, Krieg in seiner allerschrecklichsten Form – und GottesnĂ€he in höchster Spannung. Es wird nun Ernst. Aber innerlich bin ich frei und froh. Ich liege auf dem Schlachtfeld mit Bauchschuss. Ich glaube, ich muss sterben. Bin froh noch einige Zeit zu haben, mich auf meine himmlische Heimkehr vorzubereiten. Dank Euch, Ihr lieben Eltern! Gott befohlen. Hans“

Johannes Haas, Theologiestudent aus Leipzig, mit 24 vor Verdun verblutet.


Grauenhafte Aufopferung

„Eine wĂŒtendere Schlacht kann es nicht geben. Soldat gegen Soldat, hass- und wutenbrannte Gegner. Tagelang wird um ein und denselben Quadratmeter Landes erbittert gerungen, bis das ganze GelĂ€nde buchstĂ€blich ein Blut- und Leichenacker ist. Ein großes Morden mit Patronen, Äxten, Handgranaten. Auf einer Strecke von 200 Metern 909 Mann Verluste, der Feind Tausende. Das blaue französische Tuch mischte sich am Boden mit dem grauen deutschen. Die Toten lagen stellenweise so hoch, dass man hinter ihnen Deckung vor Artillerie nehmen konnte. Ein Donnern, Krachen, BrĂŒllen, Schreien, als ob die Welt untergehen sollte. Befehle mussten von Ohr zu Ohr weitergebrĂŒllt werden. Und wenn einmal in dem SchlachtenlĂ€rm und Stöhnen der Verwundeten eine kleine Pause eintrat, hörte man hoch in der blauen Luft die Vögel jubeln und zwitschern. Der Gesang der FrĂŒhlingsvögel! Man hĂ€tte sich das Herz aus dem Leib reißen können.

Fragt mich nicht nach dem Schicksal der Verwundeten. Wer nicht auf eigenen Beinen zum Arzt laufen kann, muss elendig sterben. Manche haben Stunden, manche Tage, manche eine Woche lang gelitten, bis sie starben. Und die KĂ€mpfenden stĂŒrmten in einem fort achtlos ĂŒber sie hinweg. »Kann dir die Hand nicht geben – bleib du im ewigen Leben – mein guter Kamerad!« Wie glĂŒcklich ist dagegen jeder Hund zu preisen, der in heimatlicher HĂŒtte verreckt. Es gibt Augenblicke, in denen es der tapferste Soldat zum Heulen satt hat. Als ich vorhin das Jubeln der Vögel hörte – ich hĂ€tte die Welt vor Widersinn und Wut zermalmen können.“

Richard Schmieder, Philosophiestudent aus Leipzig, mit 28 gefallen.


Allertragischste Überwindung  

„Heute ist Sonntag »Jubilate«. Wer kann aber in diesem Krieg diese Mahnung beherzigen? Gestern Abend ist Ewald auf Patrouille gefallen. Er war erst 18, der einzige Sohn seiner Eltern. Ich kann nicht in Worte fassen, wie mich sein Tod bewegt. In diesen Tagen noch sollte er auf Urlaub fahren, auf den er sich seit Wochen freute. Danach sollte er zum Leutnant befördert werden. Seine Leiche fiel in Feindeshand. Ihr wisst, wie innig wir beide in den letzten Wochen verwachsen waren, in unvergesslichen Stunden, im GesprĂ€ch ĂŒber manch ernster Frage. Wie oft fanden wir uns im gegenseitigen VerstĂ€ndnis und in der gleichen Begeisterung fĂŒr ideale Ziele.

Diese Tragik, die ĂŒber allem Menschenleben liegt, die einem so oft die Zuversicht rauben möchte! Man kann ihr nur durch die christliche Religion entkommen, deren trostreichen Inhalt ich jetzt erleben darf. In diesem Glauben allein können wir, wenn auch nicht die Lösung all der schweren Schicksalsfragen, so doch ihre innere Überwindung erleben. Ich habe mit Ewald oft ĂŒber diese Dinge gesprochen. Wir haben oft nachts zusammen zum Sternenhimmel emporgeschaut. Es ist so schwer, urplötzlich einen Freund zu verlieren. Ihn, diesen lebensfrischen, ĂŒberschĂ€umenden jungen Mann mit seinen leuchtenden großen Augen. Ich werde seinen Blick nie vergessen können. R.i.p.“

Karl Thomas, Theologiestudent aus Dresden, mit 24 an der Somme gefallen.



 wie ein Kind weinen 

„Wie hĂ€sslich ist die Welt, wie abstoßend, wie schmutzig. WĂ€hrend meines MilitĂ€rjahres habe ich es mit HĂ€nden greifen können. Das MilitĂ€r ist eine Quelle, aus der FĂ€ulnis aufsteigt, um die StĂ€dte zu ĂŒberschwemmen. Wer vermag sich aus dieser Flut von Schmutz zu retten, wenn Gott ihm nicht hilft? 
 Nichts ist durch den Frieden verloren, aber alles durch den Krieg 
 Oft konnte ich mich nur noch auf die Knie werfen und wie ein Kind weinen 
 Ich werde das Schreien eines Österreichers, dessen Brust durch Bajonettstiche zerrissen worden war, niemals vergessen.“

Angelo Roncalli, SanitÀter und Seelsorger in Italien, der spÀtere Papst Johannes XXIII.


Spreu oder Korn?

Im SturmgepÀck trugen viele der Ersten Weltkrieger handliche Reclam-Ausgaben von Hölderlin, Schiller und Goethe bei sich. In den Briefen der Studenten an die Heimat verbucht jedoch die Bibel mit Abstand die meisten Bezugnahmen.

Eintragungen im Einband eines kleinen Taschen-Testamentes:

„16. Juni 1915. Lorettohöhe. Starker Angriff. Viele Verluste. Ich bin getrost. Dieses Testament ist hier im Felde mein bester Freund. Ich lese oft darin und bin froh, dass ich es habe. Lieber Vater, ich habe frĂŒher oft ĂŒber deine Frömmigkeit gelacht und habe ĂŒber das SprĂŒchelernen geseufzt. Jetzt bete ich diese Verse oft. Sie passen so gut zu meiner Situation. »Ich vermag alles durch den, der mich mĂ€chtig macht, Christus.«“

An seinem Geburtstag:

„Heute schreibe ich weiter. Ich will es offen bekennen: Hier zwischen GrĂ€ben und GrĂ€bern habe ich meinen Gott und Heiland gefunden. Mein Vater, wie wirst du dich freuen, wenn ich dir das erzĂ€hle! In drei Tagen geht es in die Heimat. Vierzehn Tage Urlaub!“

Gottfried W., einziger Sohn seines Vaters

Die Bibel mit diesen Eintragungen wurde dem Elternhaus zugeschickt. Der Vater hatte sie seinem Sohn zur Konfirmation geschenkt. Ein kleiner Brief lag dabei: „Gefallen am 8.7.1915. Wir haben ihn alle sehr lieb gehabt. Er war wie ein Heiliger. Diese Augen – diese Ruhe. Ich gebe dieses Buch in die HĂ€nde seines Vaters zurĂŒck.“ (Unteroffizier Werner)


Dazu auch ein Erlebnis aus der Zeit des 2. Weltkriegs: 

Joel König – ein junger, untergetauchter Jude – versteckte sich bis 1944 mitten in Berlin. Immer lebte er in Furcht vor Entdeckung und vor dem Abtransport ins KZ. ‹In seinem Großstadt-Versteck, einer abgetrennten Schlafkammer, stand ein riesiges BĂŒcherregal. Nacheinander holte sich Joel in seiner endlosen Langeweile alle Klassiker hervor. Er las und las um sich abzulenken und Trost zu finden. In seiner Biographie schreibt er: „Ich kostete hier, nippte dort, klappte zu und suchte weiter. Schiller, Heine, Nietzsche, Goethe 
 Waren diese BĂŒcher stumm, oder war ich taub? Oder hatten mir alle Not und Sorgen den Blick verstellt? Die deutschen Klassiker halfen mir nicht aus meiner stummen Wehrlosigkeit. Die Suche nach Lesestoff fĂŒhrte mich zur BeschĂ€ftigung mit der Heiligen Schrift.“

Joel König verschlang das Wort Gottes voller Heißhunger: „Die Reden der Propheten vernahm ich dabei mit so einer Unmittelbarkeit, als hĂ€tte ich vor zweieinhalb Jahrtausenden in Jerusalem gestanden. Einmal klingelte ein Unbekannter an der TĂŒr. Ich zuckte zusammen und schlug sofort die Bibel zu. Ich dachte, die stimmgewaltige Rede von Amos könnte mich verraten. Dabei hatte ich nur mit den Augen gelesen.“ (Den Netzen entronnen; Die Aufzeichnungen des Joel König. S 259.)

Wann wird die Botschaft dieser trostgewaltigen Stimmen der Propheten endlich zur Wirklichkeit? Wann wird ER richten zwischen den Nationen und Recht sprechen vielen Völkern?

„Und sie werden ihre Schwerter zu Pflugscharen schmieden und ihre Speere zu Winzermessern; nicht wird Nation gegen Nation das Schwert erheben, und sie werden den Krieg nicht mehr lernen.“ (Jes 2,4)

„ER wird richten zwischen vielen Völkern und Recht sprechen mĂ€chtigen Nationen bis in die Ferne. Und sie werden ihre Schwerter zu Pflugscharen schmieden und ihre Speere zu Winzermessern; nicht wird Nation gegen Nation das Schwert erheben, und sie werden den Krieg nicht mehr lernen.“ (Micha 4,3)

Autor: Andreas Fett

Quelle: fest und treu, 03/2014

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Dieser Beitrag wurde erstellt am Dienstag 21. Oktober 2014 um 10:40 und abgelegt unter Allgemein, Gesellschaft / Politik.