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„Ich war ein Scheidungskind“

Montag 6. Oktober 2014 von Entscheidung


Entscheidung

Wie ein Zwölfjähriger die Trennung seiner Eltern erlebte

Im heutigen Europa wird jede dritte Ehe geschieden, das bedeutet: Jedes zweite Kind, das seit der Jahrtausendwende zur Welt kam, muss die Scheidung seiner Eltern miterleben, noch bevor es 18 Jahre alt ist. Die seelischen Wunden, die eine Ehescheidung bei Kindern hinterlässt, heilen bei manchen ein Leben lang nicht. Scheidungskinder leiden häufig an Depressionen, sind anfälliger für Krankheiten und erbringen schlechtere schulische Leistungen. Kleinkinder verarbeiten den Zerbruch ihres Elternhauses leichter als Teenager und Jugendliche. Simon L.* aus Hannover erlebte die Trennung seiner Eltern, als er zwölf Jahre alt war. Er hat drei ältere Geschwister; Jonas, Vanessa und Nina. Für „Entscheidung“ beschreibt Simon seine Erlebnisse:

Katastrophe

Kurz vor Weihnachten, irgendwo auf einer Landstraße. Der Motor unseres kleinen Fiat dröhnte. Meine Mutter fuhr, Schwester Nina saß zuerst schweigend neben ihr auf dem Beifahrersitz. Da fasste sich Nina ein Herz und sagte zu Mama: „Ich glaube, Vati betrügt dich!“ Meine Mutter wollte es nicht wahrhaben, sie entgegnete: „Das kann nicht sein, das würde er nie tun.“

Tags darauf war Sophie, die hübsche blonde Freundin meines 17-jährigen Bruders Jonas, zu Besuch. Er und Sophie hatten sich in einem christlichen Jugendkreis kennengelernt. Als es spät wurde verabschiedete sich Jonas, weil er noch aufs Abitur lernen wollte, und ging auf sein Zimmer. Vater versprach ihm, Sophie nach Hause zu bringen.

Gegen zwei Uhr morgens wachte ich auf und hörte noch Geräusche im Wohnzimmer. Vorsichtig lugte ich durchs Schlüsselloch: Vater und Sophie saßen eng umschlungen auf dem Sofa. Verstört schreckte ich zurück – und ich hockte noch lange grübelnd auf der Bettkante.

Beim Frühstück – Mutter war mit am Tisch – sprach ich Papa direkt darauf an. Seine Antwort, lächelnd: „Wir haben nur geredet.“ Mutter war bereit, ihm einen „kleinen Ausrutscher“, wie sie es nannte, zu verzeihen. Doch innerlich nagte dieses Ereignis an ihr. Fortan schliefen meine Eltern in getrennten Zimmern.

Trennung 

Vater hatte mehr als 20 Jahre im Schichtdienst eines Krankenhauses gearbeitet. Die Folge: Er litt häufig unter Kopfschmerzen. Immer öfter schluckte er Tabletten. Meine Mama, die wusste, dass solche Tabletten abhängig machen können, schilderte ihre Besorgnis darüber in einem Brief ihrer besten Freundin. Doch sie vergaß, das Schreiben abzuschicken – ein fataler Fehler.

Vater entdeckte den Brief. Nachdem er ihn gelesen hatte, raste er brüllend durchs Haus, packte seine Koffer und fuhr ab ins nächste Hotel. Seine Abschiedsworte aus dem Autofenster zu Mutter, die fassungslos hinterhergerannt kam: „Wenn du mich für süchtig hältst, dann muss ich dich verlassen!“

Mutter ging mit versteinerter Miene und stockenden Schritten ins Haus zurück. Langsam, wie in Zeitlupe, wühlte sie sich in die Sofakissen. In dieser Nacht hörte ich sie stundenlang weinen. Sie war nicht zu trösten.

Einzelgänger

Mein Vater hatte sich eine Wohnung gesucht. Fast täglich kam er, um persönliche Dinge abzuholen: Möbel, manche Bilder, die Stereoanlage, Bücher und Geschirr nahm er mit. Immer gab es Streit. Auch an dem milden Frühlingstag, als er beiläufig erzählte, dass er die 17-jährige Sophie wiedergetroffen habe. Mutter fragte: „Na und?“ Vater: „In den nächsten Tagen wird sich entscheiden, ob sie schwanger ist.“ Das war zuviel. Mutter brach innerlich zusammen: Sie übergab sich mehrere Male und erstickte fast am Erbrochenen.

Die Trennung meiner Eltern vollzog sich schmerzhaft langsam. Wochen vergingen, in denen Mutter nicht wusste, woher sie das Geld nehmen sollte, für uns Essen zu kaufen. Und immer wieder die lähmenden Besuche meines Vaters.

In dieser Zeit fraßen mich meine Gedanken von innen her auf. In der Schule hielt ich mich immer mehr fern von Klassenkameraden, ich wurde zum Einzelgänger. Niemandem konnte ich meine Gefühle anvertrauen. Meine Kleider, mein Äußeres, verwahrlosten. Keiner kümmerte sich um mich. Meine Mama war zu sehr mit ihren eigenen Problemen beschäftigt. Und mir selbst war plötzlich alles egal.

Mit den Noten ging es bergab. Am Ende des Schuljahres stand fest, dass ich sitzenbleiben würde. Kein Lehrer oder Freund fragte, was mit mir los war. Tat es doch einer, dann wurde ich frech, ja richtig aggressiv. Ich ließ niemanden an mich heran …

Selbstmordversuch 

Damals begann ich zu rauchen, das war teuer. So pumpte ich meine Eltern und Freunde immer wieder um Geld an. Manchmal bestahl ich sogar die eigene Mutter.

Plötzlich hatte ich zwei Zuhause. Vater wollte sein Gewissen beruhigen. Er versuchte mich zu überzeugen, dass Mutter schlecht und an allem Schuld sei. Mutter machte es andersherum. Beide forderten von mir, mich für sie oder ihn und gegen den jeweils anderen zu entscheiden. Doch ich hatte beide lieb, ich wollte mich nicht entscheiden müssen. Ich war innerlich zerrissen. Das zog sich über Monate hin, bis mein Vater in Schleswig-Holstein eine Wohnung fand und damit aus unserem Blickfeld verschwand.

Im zweiten Jahr nach der Trennung meiner Eltern blieb ich erneut in der Schule sitzen und flog vom Gymnasium. Das zerstörte den letzten Rest an Selbstvertrauen in mir. Ich wollte nur noch mit meinem Leben Schluss machen. Nicht weit von unserem Haus hatten Bagger einen Steinbruch tief in den Berg hineingefressen. Eines Abends schlĂĽpfte ich oben durch den Zaun und trat an den Abgrund. Dort dachte ich: „Noch einen Schritt, dann ist es alles aus …“

„Gott hat dich lieb“ 

Ein anderer Gedanke schlich sich ein: „Gott hat dich lieb.“ Das hatte der Pfarrer im Konfirmandenunterricht gesagt, den ich kurz zuvor das erste Mal besucht hatte. Ich schrie zu Gott: „Wenn du mich wirklich lieb hast, warum stehe ich dann hier?“ Stille.

Doch irgendetwas veränderte sich in diesem Moment. Mir wurde klar, dass ich mein Leben nicht beenden durfte. Schockiert über mich selbst, rannte ich nach Hause. Dort las ich in der Bibel. In den Worten von Jesus: „Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid“, entdeckte ich eine Aufforderung an mich. Ich spürte es einfach, dass Jesus da war und mich persönlich meinte.

Es dauerte noch einige Jahre, bis ich mich wirklich entschloss, Christ zu werden. Aber die Bibel, die ich von nun an regelmäßig las, gab mir eine Kraft, wie ich sie vorher nicht kannte …

* Alle Namen und Orte geändert

Zuerst erschienen auf www.entscheidung.org, der Webseite der Zeitschrift „Entscheidung“

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Dieser Beitrag wurde erstellt am Montag 6. Oktober 2014 um 15:57 und abgelegt unter Ehe u. Familie, Seelsorge / Lebenshilfe.