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Wer ist Gott und wie k├Ânnen wir von ihm reden?

Mittwoch 16. Juli 2014 von Pfr. Hanns Leiner


Pfr. Hanns Leiner

Unsere Fragestellung, wie wir richtig oder sogar besser als es etwa in der Kirche heute geschieht, von Gott reden k├Ânnen hat mich an die Katechisierungsszene im Faust erinnert. Faust beantwortet die Frage Gretchens: „Wie h├Ąltst du’s mit der Religion?“ mit einer Kette von Gegenfragen: „Wer darf ihn nennen und wer bekennen: Ich glaub‘ ihn? Wer empfinden und unterwinden zu sagen: Ich glaub‘ ihn nicht? … Nenn‘ es dann, wie du willst, nenn’s Gl├╝ck! Herz! Liebe! Gott! Ich habe keinen Namen daf├╝r. Gef├╝hl ist alles; Name ist Schall und Rauch, umnebelnd Himmelsglut.“ (Faust I, Z. 3432 – 3458) Wenn auch Fausts Antworten fragw├╝rdig bleiben, seine Fragen m├╝ssen wir ernst nehmen und sie bewegen uns unver├Ąndert bis heute.

Diese Gottesfrage oder das Gottesproblem oder die Gottesnot, kurz und allgemein gesagt: „Die Sache mit Gott“ (H. Zahrnt) halte ich nicht nur f├╝r eine Frage der ├ťbersetzung, bzw. der richtigen, besseren moderneren Gottesbilder oder Gottesvorstellungen, also ein Sprachproblem, vielmehr handelt es sich dabei um ein, nein um das theologische Sachproblem schlechthin, mit dem alle Zeiten und alle Theologien zu k├Ąmpfen und sich daran abzuarbeiten hatten und haben.

Handelte es sich nur um eine ├ťbersetzungsfrage, so w├Ąre die Antwort relativ einfach, denn das w├╝rde ja hei├čen: Wir – oder wenigstens einige wegweisende Theologen oder die Bibel oder die Systematische Theologie – wissen, wer Gott ist, kennen ihn gewisserma├čen gut und verm├Âgen richtige, zutreffende Aussagen ├╝ber ihn, sein Wesen und Walten in der Welt zu machen. Nur werden diese leider in der Gegenwart nicht mehr verstanden, weil sie eine veraltete Sprache sprechen oder alte, unbrauchbar und unverst├Ąndlich gewordene Bilder verwenden. Sie m├╝├čten also nur f├╝r den an sich Bekannten neue, bessere, ad├Ąquatere Bilder finden oder erfinden und verwenden, damit man ihn den heutigen Menschen wieder besser vermitteln und nahe bringen k├Ânne.

Aber so einfach liegen die Dinge leider nicht, und das h├Ąngt nicht nur etwa an unserer Unzul├Ąnglichkeit als Theologen oder Christen, sondern es liegt an Gott selbst. Es mag Zeiten gegeben haben, da schien er den Menschen ganz nahe zu sein und h├Ârbar zu ihnen zu sprechen und sich zu offenbaren. Aber heute sieht es anders aus: Da haben wir den Eindruck, da├č Gott sich entzieht, verbirgt und schweigt. Wir leben offenbar in einer Zeit der „Gottesfinsternis“ (M. Buber). Gott scheint uns ganz fern zu sein. Er hat uns verlassen (oder haben wir ihn verlassen?); jedenfalls finden wir keinen Zugang mehr zu ihm. Der nur methodische Atheismus der Naturwissenschaften droht sich auszuweiten zu einem weltanschaulichen Atheismus. Wir erleben und erleiden den „Tod Gottes“ (F. Nietzsche). Der „tolle Mensch“ behauptet sogar, wir h├Ątten ihn get├Âtet. Damit sind wir jedoch dem Nihilismus ausgeliefert, in dem alle Orientierung und Werte zusammenbrechen, aller Sinn des Lebens verloren geht, die Sonne gleichsam erlischt und wir in der Finsternis und K├Ąlte, die sich ausbreiten, erstarren und umkommen. Denn wir brauchen Gott.

Aber selbst, wenn es nicht zum Atheismus kommt, verh├Ąlt sich die Sache mit Gott nicht so einfach, wie manche Christen meinen, die so leichthin ihn als „guten Gott“ anreden.

Das wei├č und sagt die Heilige Schrift selbst: Gott ist f├╝r uns unsichtbar. Um ihn herrscht schrecklicher Glanz, der uns blendet. Kein Mensch wird leben, der ihn sieht. Er wohnt in einem Licht, da niemand zukommen kann, den kein Mensch je gesehen hat noch sehen kann. Das bezeugt auch das Johannesevangelium: „Niemand hat Gott je gesehehn“ (Joh 1,18).

Doch das „Nicht-sehen“ gilt in einem umfassenden Sinn: Es hei├čt auch: Wir k├Ânnen ihn nicht fassen, nicht begreifen, nicht verstehen, uns nicht auf eine Ebene stellen mit ihm. Er bleibt f├╝r uns der wesenhaft Verborgene, ein abgr├╝ndiges Geheimnis und unl├Âsbares R├Ątsel. Wir sind von ihm getrennt und geschieden wie Himmel und Erde, wie Sch├Âpfer und Gesch├Âpf, oder eben wie Gott und Mensch.

F├╝r diese Verborgenheit Gottes, sein unsichtbares Wesen, dem die Bildlosigkeit im Kultus entspricht, hatte Israel ein besonders feines Gesp├╝r und wahrte es gerade auch im Gottesdienst des Tempels. Dies Wissen um die Jenseitigkeit und Transzendenz Gottes ist im Laufe der Geschichte des alten Gottesvolkes sogar noch gewachsen. Das dr├╝ckte sich etwa auch darin aus, da├č die Nicht-Darstellbarkeit Gottes ausgeweitet wurde zur Unnennbarkeit und sogar der Name Gottes, Jahwe, tabuisiert wurde bis zum heutigen Tag.

Ein besonders konsequentes Beispiel daf├╝r scheint mir der Text von Hermann Broch zu sein (siehe Beilage!). Hier geschieht allerdings das, was ich als grunds├Ątzliche Gefahr einer einseitigen Betonung der Transzendenz Gottes ansehe: Gott verschwindet gleichsam in der Verborgenheit einer f├╝r uns nicht mehr zug├Ąnglichen Transzendenz und macht dabei letztlich seine Offenbarung r├╝ckg├Ąngig. Er wird so sehr zum fernen, unnahbaren Gott, da├č mit ihm ├╝berhaupt keine Gemeinschaft mehr m├Âglich ist. Etwas in dieser Richtung kann man ja auch bei dem Allah des Islam beobachten.

Bei dem Versuch, Gott zu finden, bedroht uns aber auch die entgegengesetzte Gefahr: Da├č wir meinen, ihn in der Immanenz der Welt zu finden und dort erkennen zu k├Ânnen. Wir schie├čen dabei leicht ├╝ber das Ziel hinaus. Es gen├╝gt uns oft nicht mehr zu sagen: Gott ist wie die Sonne, sondern wir behaupten dann (wie etwa Echnaton) Gott ist die Sonne; wir setzen also Gott mit einem Teil der Welt – oder auch mit der ganzen Welt – gleich. Das l├Ąuft auf den sog. Pantheismus hinaus, auf den Satz von Spinoza: Deus sive natura (Gott oder die Natur). Das w├╝rde hei├čen: Alles Irdische, Weltliche ist g├Âttlich. Dann aber w├Ąre Gott von der Welt nicht mehr zu unterscheiden, er w├╝rde gleichsam in der Welt versinken und verschwinden. Doch was w├Ąre das f├╝r ein Gott? Liefe das nicht auch auf einen nur schlecht getarnten Atheismus hinaus?

So oder so gesehen gilt von unserem Verh├Ąltnis zu Gott das, was der Erdgeist zu Faust sagt: „Du gleichst dem Geist, den du begreifst, nicht mir!“ Gott ist der „ganz Andere“. Darum k├Ânnen wir im Grunde ├╝berhaupt nicht mehr von ihm reden. Von daher ist es sehr verst├Ąndlich, wenn K. Barth von sich erz├Ąhlt, da├č er als Pfarrer von Safenwil darunter gelitten hat, da├č er jeden Sonntag von Gott predigen sollte und sich selbst die Frage stellen mu├čte: „Was tust du da? Wie kannst du es wagen, als Mensch, mit menschlichen Worten von Gott zu reden und ihn zu verk├╝nden?“

Aber nun hat sich doch Gott offenbart in der Geschichte mit Israel und mit Jesus Christus und uns befohlen, von ihm zu reden. Damit hat sich auch K. Barth getr├Âstet und es trotz allem weiter versucht, und ist dar├╝ber zu einem der bedeutendsten Theologen des 20.Jahrhunderts geworden.

Bei dieser Rede von Gott verwendet die Bibel immer wieder Bilder, Vergleiche und Gleichnisse, und auf diese Weise sollen/d├╝rfen wir es auch versuchen, in Bildern von Gott zu reden. Nur sind wir damit keineswegs alle Probleme los! Die Bilder bleiben problematisch. Manche sind v├Âllig ungeeignet und werden deshalb verwehrt und verboten, weil sie etwas Falsches ├╝ber Gott aussagen (z.B. das Stierbild!). Au├čerdem gibt es im Alten Testament das Bilderverbot, das ausdr├╝cklich die Anfertigung von Gottesbildern untersagt, weil in ihnen Gott verdinglicht und verweltlicht w├╝rde. Bei der Bilderrede von Gott stellt sich zudem ein grunds├Ątzliches Problem ein: Alle Bilder f├╝r Gott sind ja aus dieser unserer irdischen Welt genommen. Sie verm├Âgen es deshalb nicht, Gott wirklich angemessen zur Sprache zu bringen oder wiederzugeben. Sie passen vielleicht in einer Hinsicht (beim Gleichnis nennen wir das den springenden Punkt, das tertium comparationis), und erfassen trotzdem Gott in vieler Hinsicht nicht. Man darf die Bilder darum nicht pressen, sonst wird alles falsch. Wir stehen hier vor einem letztlich unl├Âsbaren Dilemma. Ich habe versucht, es in den folgenden dialektischen Doppelsatz zu fassen:

  1. Mit Bildern k├Ânnen wir nicht von Gott reden.
  1. Ohne Bilder k├Ânnen wir nicht von Gott reden.

Das hei├čt: Wenn wir in Bildern von ihm reden, geraten wir immer wieder in die Gefahr, Gott durch unsere Bilder zu verfehlen, zu verf├Ąlschen und zu verdunkeln. Wir landen dann bei den falschen G├Âttern. Deshalb ist die Kritik an allen Gottesbildern um Gottes willen notwendig und berechtigt. Wenn wir aber die Bildrede wegen dieser Gefahr verbieten und vermeiden wollen, dann bleibt uns nur noch das mystische Schweigen ├╝brig. Wir haben dann nichts mehr zu sagen, es fehlen uns die Worte. Deshalb l├Ą├čt sich auch der paradoxe Gegensatz von Bildrede und Bilderverbot/Bildersturm in der Religions- und Kirchengeschichte nicht l├Âsen oder ├╝berwinden. Ich halte ihn f├╝r eine geradezu notwendige, jedenfalls unumg├Ąngliche Aporie. Die bleibt nat├╝rlich auch bestehen, wenn wir andere, neue Bilder f├╝r unser Reden von Gott suchen und verwenden.

Es scheint mir mit dieser unl├Âsbaren Frage von Bildrede und Bildlosigkeit genauso zu gehen wie mit dem Gegensatz von Theismus und Atheismus: Angesichts der Ungerechtigkeiten der Welt l├Ą├čt sich der Glaube an einen gerechten und guten Gott nicht halten. Daran scheitert jeder direkte Theismus. Angesichts der Aufl├Âsung unseres Wesens und der Welt durch den Atheismus ist der Gottesglaube aber unentbehrlich f├╝r uns. Deshalb kann der Atheismus nicht das letzte Wort haben, denn er ist f├╝r uns unertr├Ąglich.

F├╝r mich dr├Ąngt sich angesichts dieses logisch unl├Âsbaren Dilemmas der Blick auf die Gottesoffenbarung in Jesus Christus auf. Er bietet mir die notwendige Antwort, so, wie es Joh 1,19 in der Fortsetzung hei├čt: “ … der Eingeborene, der Gott ist und in des Vaters Scho├č ist, der hat ihn uns verk├╝ndigt.“ Er hat Gott v├Âllig vertraut, ihn geliebt, ihm gehorcht, und ihn uns als seinen „himmlischen Vater“ nahegebracht. Durch ihn und um seinetwillen d├╝rfen wir ebenfalls Gott vertrauen und ihn lieben. Ich halte es mit H. Zahrnt, der das auf die treffende Formel gebracht hat: „Ich glaube Jesus seinen Gott.“ Ich wei├č selber keine bessere Antwort auf die Frage nach Gott, dem verborgenen Gott: Ich glaube, so wie Jesus, so ist Gott, trotz allem!

Jesus Christus ist also schlechterdings unentbehrlich f├╝r unsere menschliche, d.h. christliche Gotteserkenntnis. Denn ohne Jesus w├╝rde Gott f├╝r uns in der unerreichbaren, unzug├Ąnglichen Transzendenz verschwinden (vgl. H. Broch!), oder in der Immanenz dieser Welt versinken (wobei dann Gott und Welt gleichgesetzt werden: Pantheismus). In beiden F├Ąllen w├╝rden wir Gott letztlich verlieren und blieben mit uns und dieser Welt allein. Die ist jedoch selber zwiesp├Ąltig und r├Ątselhaft, bietet uns keine letzte Heimat (J. Monod: Wir sind Zigeuner am Rande des Weltalls). Die christliche Gotteserkenntnis vermeidet beide Gefahren, weil wir in Christus der „immanenten Transzendenz“ oder der „transzendenten Immanenz“ begegnen.

Wir erkennen also Gott nur „im Angesichte Jesu Christi“. Eine unvermittelte, direkte Gotteserkenntnis, die f├╝r uns verst├Ąndlich und heilsam w├Ąre, vermag ich nirgends zu erkennen. Und das Gleiche gilt f├╝r die Frage nach dem Gottesbild: Jesus Christus ist das „Ebenbild des unsichtbaren Gottes“. In ihm hat er sich gezeigt und abgebildet. Darum ist Jesus das einzige legitime, weil wirklich stimmige, aussagekr├Ąftige Gottesbild. Alle anderen Bilder und Vergleiche m├╝ssen sich daran messen und korrigieren lassen.

Das gilt es bei allen unseren Versuchen, zeitgem├Ą├če – was immer das hei├čen soll┬á ÔÇô Gottesbilder zu finden, zu beachten.

Pfarrer und Studiendirektor i. R. Hanns Leiner, Augsburg, 10.3.2010

Ver├Âffentlicht mit freundlicher Genehmigung des Verfassers.

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ANLAGE:

Aus Hermann Broch, Die Schuldlosen

Es gen├╝gt nicht, da├č du dir kein Bild von Mir mei├čelst;┬á du denkst trotzdem in Bildern, auch wenn du Meiner gedenkst. Es gen├╝gt nicht, da├č du dich scheust Meinen Namen zu nennen: dein Denken ist Sprache, ein Nennen deine schweigende Scheu. Es gen├╝gt nicht, da├č du an keine G├Âtter neben Mir glaubst: dein Glauben vermag blo├č G├Âtzen zu formen, stellt Mich in eine Reihe mit ihnen, wird dir blo├č von ihnen anbefohlen, nimmer von Mir.

Ich bin, und Ich bin nicht, da Ich bin. Deinem Glauben bin Ich entr├╝ckt; Mein Antlitz ist Nicht-Antlitz, Meine Sprache Nicht-Sprache. und dies wu├čten Meine Propheten: Anma├čung ist jegliche Aussage ├╝ber Mein Sein oder Nicht-Sein, und die Frechheit des Leugners wie die Unterwerfung des Gl├Ąubigen sind gleicherweis angema├čtes Wissen; jener flieht die Prophetenrede, und dieser mi├čversteht sie, jener lehnt sich gegen Mich auf, dieser wird sich mir anbiedern mit bequemer Verehrung, und darum verwerfe Ich jenen, w├Ąhrend dieser Mein Z├╝rnen entfacht ÔÇô eifervoll bin Ich gegen die Zutraulichen.

Ich bin der Ich nicht bin. Ein brennender Dornbusch und bin es nicht.

Aber denen, welche fragen Wen sollen wir verehren? Wer ist an unserer Spitze? denen haben Meine Propheten geantwortet:

Verehret! Verehret das Unbekannte, das au├čerhalb ist, au├čerhalb eures Lagers; dort steht Mein leerer Thron unerreichbar im leeren Nicht-Raum, in leerer Nicht-Stummheit, grenzenlos.

Sch├╝tze deine Erkenntnis!

Versuche nicht dich zu n├Ąhern. Willst du den Abstand verkleinern, so vergr├Â├čere ihn freiwillig, und freiwillig verkrieche dich.

In Zerknirschung, in die Ann├Ąherungslosigkeit deines Selbst; dort allein bist du ebenbildhaft. So haben es, als die Zeit reif war, Meine Propheten gelehrt, und widerspenstig, lediglich um ihrer Auserw├Ąhltheit willen und dennoch auserw├Ąhlt, haben einige aus dem Volke es verstanden und sich daran gehalten.

Lausche ins Unbekannte, lausche den Zeichen der neuen Reife, da├č du da seist, wenn sie anbricht f├╝r dein Erkennen.

Dahin richte deine Fr├Âmmigkeit, dein Beten.

Mir jedoch gelte kein Gebet: Ich h├Âre es nicht: sei fromm um Meinetwillen, selbst ohne Zugang zu Mir; das sei dein Anstand, die stolze Demut, die dich zum Menschen macht. Und siehe, das gen├╝gt.

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Dieser Beitrag wurde erstellt am Mittwoch 16. Juli 2014 um 8:11 und abgelegt unter Theologie.