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Religionsfreiheit und Christenverfolgung

Donnerstag 18. April 2013 von Prof. Dr. Thomas Schirrmacher


Prof. Dr. Thomas Schirrmacher

Kürzlich titelte der Spiegel anlässlich des Grußwortes der Bundeskanzlerin auf der Herbst-Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) am Timmendorfer Strand: „Merkel beim Kirchenparlament: ‚Das Christentum ist die am meisten verfolgte Religion‘“. Viele Zeitungen und Kommentare waren empört. Und diese Empörung über Merkels Satz schien bei Etlichen größer zu sein, als über Christenverfolgung selbst. Ich hätte doch wenigstens Aussagen in den Medien erwartet wie: „Ja, Christenverfolgung ist weltweit stark verbreitet, es sterben viel zu viele Christen, aber man sollte doch auch …“ – So jedoch bekommt man den Eindruck, dass die Reaktion anders gewesen wäre, wenn sie eine andere Religion als das Christentum erwähnt hätte.

Ich kann vor allem die Argumentation nicht nachvollziehen, die oft zu hören war, dass eine solche Aussage nicht zulässig sei, da sie andere Religionen herabsetze oder sage, deren Verfolgung sei weniger schlimm. Wir sagen ständig, dass Frauen häufiger als Männer misshandelt werden. Damit heißen wir doch die Misshandlung von Männern nicht gut! Wer feststellt, dass jüdische Gräber überdurchschnittlich häufig geschändet werden, hält doch anderweitige Grabschändung nicht für gut oder weniger schlimm. Und Rankings gibt es beispielsweise für Demokratie, Pressefreiheit, oder für Korruption, Rasssismus, Frauenfeindlichkeit und deren Opfer, warum nicht für Religionsfreiheit und deren Opfer? In meinem Buch „Rassismus“ belege ich, dass die weltweit verbreitesten Arten des Rassismus die gegen Juden, Sinti und Roma und gegen Dunkelhäutige sind. Damit setze ich doch andere Opfer nicht herab. „Jeder Verfolgte leide – egal, welcher Religion er angehört“, sagte der Chef von „Human Rights Watch“ (HRW), Wenzel Michalski. Und in der WELT hieß es jüngst, die Bundesregierung solle sich für den Schutz aller bedrohten Minderheiten einsetzen. Aber genau das tut diese Bundesregierung mehr als fast alle anderen Regierungen der Welt! Bei der letzten Bundestagsdebatte saß ich auf der Ehrentribüne zwischen dankbaren Bahai, Aleviten, Sufis.

Bundeskanzlerin Angela Merkel hat in ihrem Synodalgrußwort zu Recht die weltweite Lage der Religionsfreiheit allgemein als sehr negativ bezeichnet und auch deutlich gesagt, dass die Religionsfreiheit „als elementares Menschenrecht“ weltweit und in Deutschland zu schützen sei. Wer immer der Kanzlerin unterstellte, sie wolle nur Christen schützen, hat nicht zugehört, weder vor der Synode, noch sonst, wenn die Kanzlerin zu diesem Thema spricht.

Keiner sagte übrigens, soweit ich das übersehen kann, ihre Aussage sei generell falsch. Einige sagten – und das käme der Wahrheit schon näher – wir hätten dafür noch nicht genug Daten, müssten den vorhandenen Zahlen gegenüber zurückhaltender sein oder man müsse hier und dort noch mehr differenzieren. Darüber kann und muss man gewiss streiten: Ich selbst habe mit wissenschaftlichen Argumenten beispielsweise gerade die oft genannte Zahl von weltweit 100.000 christlichen Märtyrern widerlegt: Diese Zahl ist vermutlich fünf bis zehnmal zu hoch. Wer jedoch die Aussage der Bundeskanzlerin als solche anzweifelt, sollte sich lieber nicht mit ihrem kurzen Statement auseinander setzen, sondern mit den Fachleuten und Untersuchungen, auf die die Bundeskanzlerin damit zurück greift.

Da wäre etwa die neue umfangreiche Studie „Christianophobia“ (Oxford 2012) von Rupert Shortt, der die Aussage der Bundeskanzlerin wörtlich enthält. Da wäre der Bericht des PEW Forums on Religion & Public Life vom August 2011 („Rising Restrictions on Religion“), nach dem keine Religion in mehr Ländern Unterdrückung erlebte, als die Christen, nämlich in 130 Ländern. Da wären Veröffentlichungen des Internationalen Instituts für Religionsfreiheit, das ich leite, das zwar evangelisch orientiert ist, in dessen akkreditierter Fachzeitschrift ‚International Journal of Religious Freedom’ aber Vertreter aller Religionen wie auch nichtreligiöse Forscher veröffentlichen.

Ich selbst bin wohl auch nicht ganz unschuldig, da ich 2010 in meinem Hauptvortrag auf der 47. EAK-Bundestagung „Verfolgung und Diskriminierung von Christen im 21. Jahrhundert“ im Jahre 2010 (s. „Evangelische Verantwortung“ 11+12/2010, S. 5–10), vor dem die Bundeskanzlerin ein eindeutiges Bekenntnis zur Religionsfreiheit und gegen Christenverfolgung ablegte, ähnliche Aussagen gemacht habe, zu denen ich weiter stehe, zumal die Daten, die die zunehmend Forschung zur Lage der Religionsfreiheit in den letzten drei Jahren hervorgebracht haben, mich darin bestärken. Deswegen möchte ich das Wesentliche kurz skizzieren.

Das Christentum auf der Sonnen- und Schattenseite der Religionsfreiheit

Das Christentum genießt die Sonnenseite der Religionsfreiheit stärker als die anderen großen Weltreligionen, aber auch seine Schattenseite stärker. Keine andere große Religionsgemeinschaft hat einen so hohen Prozentsatz an Mitgliedern, die unbehelligt ihre Religionsfreiheit leben können. Das hat natürlich damit zu tun, dass fast alle ehemals „christlichen“ Staaten, also Staaten mit einer christlichen Bevölkerungsmehrheit, heute Religionsfreiheit gewähren und überwiegend funktionierende Demokratien sind. Eine gewisse Ausnahme von der Regel bieten einige orthodoxe Länder, die sich noch im Zwischenfeld zwischen Demokratie und autokratischen Staaten befinden und deswegen Religionsfreiheit teilweise beschränken, wenn dort auch niemand für seinen Glauben stirbt.

Andererseits hat keine andere große Religionsgemeinschaft einen so hohen Prozentsatz an Angehörigen aufzuweisen, die von ständigen Schikanen bis hin zur Bedrohung an Leib und Leben betroffen sind. Und auch unter den kleineren Religionen gibt es nur wenige mit vergleichbaren Prozentsätzen, wie etwa die Bahai, die dies wesentlich ihrer Gründung im Iran und ihrer starken Verbreitung in der islamischen Welt zu verdanken haben, oder den Zeugen Jehovas, deren Kriegsdienstverweigerung sie vielerorts ins Gefängnis führt.

Die in Washington angesiedelte PEW-Foundation hat in bisher drei Studien 2009, 2011 und 2012 alle vorhandenen internationalen Erhebungen zur Religionsfreiheit zusammengeführt und ist dabei zu einem ähnlichen Ergebnis gekommen, wie 2008 das ebenfalls in Washington ansässige ‚Center for Religious Freedom‘ des Hudson Instituts oder unser Internationales Institut für Religionsfreiheit: In 64 Ländern der Erde, also einem Drittel, gibt es keine oder nur eine sehr eingeschränkte Religionsfreiheit. Leider machen diese 64 Länder aber zwei Drittel, genauer 70 % der Weltbevölkerung aus. An bewaffneten Konflikten mit mehr als 1.000 Toten, in denen die Religionszugehörigkeit eine zentrale Rolle spielt, waren 24 Länder beteiligt, aus denen 18 Mio. der Flüchtlinge weltweit hervorgingen.

Schauen wir uns die 64 Länder einmal näher an in Bezug auf die beiden größten Weltreligionen: Eine größere Zahl an Muslimen, die in einem nichtmuslimischen Land mit eingeschränkter Religionsfreiheit leben, gibt es nur in Indien. Umgekehrt: Eine größere Zahl von Christen, die in einem Land mit einer eingeschränkten Religionsfreiheit leben, dass eine christliche Bevölkerungsmehrheit hat, gibt es nur in Russland. Wenn wir einmal im Moment Indien und Russland außen vor lassen, wird der Unterschied zwischen der Lage der Christen und der Muslime schnell deutlich: Die übrigen 700 Mio. Muslime, die in Ländern mit eingeschränkter oder ohne Religionsfreiheit leben, leben in islamischen Ländern.

Dagegen leben die übrigen 200 Mio. Christen, die in Ländern mit eingeschränkter oder ohne Religionsfreiheit leben, als Minderheiten in nichtchristlichen Ländern, verteilt überwiegend auf kommunistische Länder und auf islamische Länder (und eben auch auf Indien). Das heißt, dass eigentlich Muslime viel weniger Religionsfreiheit genießen als Christen, da sie aber in muslimischen Ländern leben, merken sie dies nur in den seltenen Fällen, wenn sie aus ihrer Religion ausbrechen wollen, etwa wenn sie Atheisten oder Christen werden wollen, oder wenn sie staatlicherseits nicht geduldeten Richtungen oder Abspaltungen zugehören, so wie jüngst Schiiten in Pakistan ermordet wurden.

Christenverfolgung ohne Parallele

Inwiefern berechtigt uns nun aber die Häufigkeit und Massivität der Christenverfolgung weltweit, sie speziell in den Blick zu nehmen? Stimmt es, dass die Verfolgung von christlichen Minderheiten weltweit solche Ausmaße angenommen hat, dass sie sich rein zahlenmäßig aufdrängt, wenn es um Religionsfreiheit geht?

Sicher ist es dabei schwer, die ganze Welt über einen Kamm zu scheren oder zu definieren, ab wann man eigentlich verfolgt oder diskriminiert ist. Schon, wenn man nur die berechtigte Sorge hat, die eigene Kirche könnte während eines Gottesdienstes angesteckt werden, oder nur, wenn sie wirklich angesteckt wird? Ist man nur verfolgt, wenn die Religion der einzige Grund für Schikanen ist, oder auch, wenn sie nur ein Element unter vielen darstellt?

Die Gewalt gegen Christen reicht vom Mord an Nonnen in Indien über das Abfackeln von Kirchen in Indonesien und dem Verprügeln von Priestern in Ägypten über die Folter eines widerspenstigen Pfarrers in Vietnam bis hin zur Verstoßung von Kindern aus ihrer Familie in der Türkei oder Sri Lanka, wenn sie christliche Gottesdienste besuchen. Der hinduistische Fundamentalismus richtet sich auch gegen Muslime. Aber zu den 50.000 betroffenen Christen aus dem indischen Bundesstaat Orissa (die in den Jahren 2008/2009 aus ihren Häusern vertrieben wurden, wobei etwa 500 Menschen starben, und die immer noch in Zelten leben), gibt es weltweit kaum eine Parallele.

Zu den 100.000 mit Waffengewalt auf den indonesischen Molluken-Inseln vertriebenen Christen in den Jahren 2000/2001, bei denen es mehrere tausend Tote gab, gibt es derzeit ebenfalls keine Parallele. Im Sudan und Nigeria starben ebenfalls sehr viele Christen – so kompliziert im Einzelnen auch die Lage in diesen Ländern an der Scheidegrenze zwischen Islam und Christentum in Afrika sein mag.

Die Vertreibung von Hunderttausenden Christen aus dem Irak in den Jahren 2007 bis 2009 ist derzeit ohne Parallele in der Religionswelt. Dies findet nun leider aktuell vor allem in Syrien eine Fortsetzung. Denn diese Vertreibung ist nur ein Baustein einer größeren Entwicklung: Vor unseren Augen nimmt der Anteil der alteingesessenen orientalischen und katholischen Kirchen in den islamischen Kernländern dramatisch ab. Jedes Mal, wenn ich den Ökumenischen Patriarchen der Orthodoxen Kirche in Istanbul treffe, nennt er mir eine kleinere Zahl der Angehörigen seiner Kirche in der Türkei, wo einst Millionen von Christen lebten. Der syrisch-orthodoxe Patriarch berichtete mir kürzlich Erschreckendes über Syrien, ja sogar über den Libanon. Selbst in Ägypten, dem einzigen islamischen Kernland, in dem sich eine orientalische Kirche in Millionenstärke gehalten hat, lässt die jüngste Entwicklung befürchten, dass die Zeit des jahrhundertelangen Burgfriedens vorbei ist. In Syrien leiden Christen ungeheuer und ihre Zukunft sieht düster aus, egal welche Partei gewinnt.

Des Weiteren bekommen wir praktisch täglich Meldungen von Kirchen, die angesteckt oder zerbombt werden, wobei Christen sterben, selten aus Ländern wie Nepal, Sri Lanka oder Indien, schon häufiger aus Pakistan und Indonesien, ständig aber aus Ägypten, Irak, Syrien oder Nigeria. Und ganz häufig liegt die Zahl der Todesopfer über 20, bisweilen über 50. Immer häufiger schaffen es solche Meldungen auch in die deutschen Medien. Etwas Vergleichbares ist mir für andere Religionen nicht bekannt. Bestenfalls können hier die Todesopfer innerislamischer Konflikte genannt werden.

Wer diese dramatischen Ereignisse im 21. Jahrhundert durch geschichtliche Ereignisse überbieten will, muss schon auf die Verfolgung der Juden im Dritten Reich oder die blutigen Unruhen zwischen Hindus und Muslimen während der Gründung Indiens und Pakistans zurückgehen oder – wieder im Rahmen der Christenverfolgung – auf die Massenmorde durch Stalin oder Mao.

Lassen Sie mich ein weiteres Beispiel wählen. In vielen Ländern ist es gefährlich, den Islam zu verlassen, gleich ob in Richtung Atheismus, Bahai oder als Sekten angesehene islamische Richtungen. Nur geschieht eine solche Absetzung mit Abstand am häufigsten in Richtung der anderen großen Weltreligion, dem Christentum. Der Spiegel schreibt: „Seit der Einfluss von Fundamentalisten in der islamischen Welt zunimmt, verschärft sich der Druck auf die christlichen Minderheiten. Die EKD hält Christen für die weltweit am häufigsten verfolgte Glaubensgemeinschaft. (…) „Noch mehr bedroht als traditionelle Christen sind jedoch Muslime, die zum Christentum konvertieren. Apostasie, der Abfall vom Islam, kann nach islamischem Recht mit dem Tod bestraft werden – und in Iran und im Jemen, in Afghanistan, in Somalia, Mauretanien, Pakistan, Katar und Saudi-Arabien gilt dafür noch immer die Todesstrafe. (…) So verteidigte der Religionsminister die in Ägypten nicht existierende Todesstrafe für Konvertiten – weil der Abfall vom Islam einem Hochverrat gleichkomme.“2

Vier negative Entwicklungen

Im Folgenden seien vier negative Entwicklungen genannt, die die Religionsfreiheit und insbesondere auch die Freiheit der Christen derzeit zunehmend beschränken.

1. Fundamentalismus

Auf Platz Nummer 1 findet sich unbestritten der Fundamentalismus, insbesondere gewalttätige fundamentalistische Bewegungen im Islam, im Hinduismus (vor allem in Indien) und im Buddhismus (vor allem in Sri Lanka). Der Fundamentalismusbegriff meint heute nicht länger eine bestimmte „konservative“ Sicht der Heiligen Schrift und auch nicht das, was in manchen Medien verbreitet wird. Der heute gängige religionssoziologische „Fundamentalismus“-Begriff meint nicht, einen Wahrheitsanspruch zu haben. Dann gäbe es auf dieser Welt fast nur Fundamentalisten und die tolerantesten Menschen wären diejenigen ohne Religion und Wahrheitsanspruch (die Realität entkräftet dieses Argument). Fundamentalismus meint heute vielmehr, einen „Wahrheitsanspruch mit Gewalt durchsetzen“ zu wollen und ist besonders ab 1979 geprägt worden, als Ayatollah Chomeini im Iran seinen Wahrheitsanspruch allen Menschen aufzwang und bis heute aufzwingen möchte.

Ein Mensch, der etwas für absolut richtig oder falsch hält, wird dadurch nicht gefährlich. Ein Problem wird er für die Gesellschaft erst, wenn er daraus ableitet, dass er andere zwingen darf, dasselbe zu glauben, dasselbe zu tun, und dass die ganze Gesellschaft so zu funktionieren hat, wie er es für richtig hält. Und es ist diese Art des Fundamentalismus, die in verschiedenen Weltreligionen aufgetreten ist, die für die ganz große Zahl der christlichen Märtyrer und für die Opfer anderer Religionen verantwortlich ist.

Die Haupttäter sind vorwiegend nicht Regierungen oder Bevölkerungen, sondern vor allem gewalttätige, fundamentalistische Bewegungen, die in den meisten Fällen die Regierungen ihrer Herkunftsländer bekriegen – der Iran und Sri Lanka sind hier ebenso eine Ausnahme wie von Saudi Arabien oder Pakistan geduldete oder gar unterstützte islamistische Bewegungen in anderen Ländern.

Der Fundamentalismus hat neben seinem unmittelbaren Einfluss eine weitere verheerende Entwicklung in Gang gesetzt, weil er gerade in bevölkerungsreichen Ländern wie Indien, Indonesien oder Nigeria, in denen die großen Weltreligionen früher halbwegs friedlich zusammengelebt haben, Unruhe stiftet und Gewalt anheizt. Wenn dann staatliche Akteure nicht kompromisslos dagegen vorgehen, wie es im Falle des Hinduismus in Indien oder im Fall des Islam in Indonesien oft der Fall war, kann eine Minderheit einer Religion – meist bewegt sich die Anhängerschaft zwischen 1 und 5 % – ganze Länder destabilisieren und das friedliche Verhältnis von vielen Millionen Menschen mit Spannung aufladen.

2. Nationalismus

Durch die Globalisierung und die Verschiebung von Menschenmassen weltweit gibt es immer mehr Länder, bei denen es ganz schwierig wird, einen Nationalismus an einer gemeinsamen Abstammung, an einer gemeinsamen Geschichte, an einer gemeinsamen Sprache oder Ähnlichem festzumachen. Es gibt immer mehr Länder oder Parteien, die, um den Nationalismus zu retten oder die Bevölkerung hinter sich zu scharen, zur Karte „Religion“ greifen. Ein Türke ist Muslim, ein Einwohner Sri Lankas ist Buddhist, ein Inder ist Hindu und neuerdings ist ein Ungar am besten Christ.

Nationalismus ist nicht die fundamentalistische Variante, die direkt Gewalt befürwortet. Aber der Nationalismus nimmt dennoch weltweit zu und die Zugehörigkeit zu einem Land wird heute wieder stärker nach der Mehrheitsreligion bestimmt. Der religiöse Nationalismus ist auch in der „Arabellion“ in den arabischen Ländern die ganz große Gefahr. Die diversen arabischen Gesellschaften eint eigentlich nichts mehr, sie sind völlig zerrissen. Da bleibt der Ruf nicht ungehört: „Nur unter der religiösen Flagge ist eine Zukunft des Landes möglich.“ Damit werden aber alle religiösen Minderheiten und Nichtmuslime ausgegrenzt oder zu Bürgern zweiter Klasse.

3. Die Vertreibung der alteingesessenen Christen aus den islamischen Kernländern

Die dritte große Entwicklung ist die Vertreibung der alteingesessenen Christen und christlichen Kirchen aus den Kernländern der islamischen Welt. Die islamische Welt ist – von Südostasien abgesehen – inzwischen fast völlig ohne Judentum; wenn die Entwicklung der letzten Jahre so weiter geht, ist sie vielleicht bald – bis auf Südostasien – christenfrei.

Beispiel Türkei: In den letzten Jahren sind insgesamt nur wenige Christen wegen ihres Christseins umgebracht worden. Die angestammten christlichen Kirchen – beispielsweise griechisch-orthodoxe Gemeinden – sterben durch den Wegzug der Jüngeren und Gebildeten langsam aus. Junge Familien haben sich aufgrund der alltäglichen Diskriminierung längst in den Westen aufgemacht. Das ist auf die islamischen Kernländer hochgerechnet eine ganz dramatische Entwicklung: Mit dieser Art der Christenheit, die oft verbunden ist mit einer uralten Sprache (darunter auch die Sprache Jesu) und uraltes Kulturgut bewahrt, gehen nicht nur Kirchen, sondern alte Kulturen unter. Was die Kopten weiter vererben, ist überwiegend ägyptische Kultur aus der Zeit, bevor der Islam Ägypten eroberte. Die Kopten vererben die christliche Kultur vor der Zeit des Islam und der Arabisierung und darin eingeschlossen Elemente der vorchristlichen ägyptischen Kultur.

Das gilt ganz ähnlich auch für andere religiöse Minderheiten in der islamischen Welt, einschließlich islamischer Minderheiten, z. B. die überwiegend türkischen Aleviten. Sie machen schätzungsweise 13 % der Bevölkerung aus, sind aber in der Türkei nicht geduldet, wurden früher schwer verfolgt und werden heute stark diskriminiert. Deutschland ist ihr Flucht- und Ankunftsland Nummer 1. Hier integrieren sie sich überwiegend gut, da sie die Scharia nicht einhalten und immer schon Frauen mehr Rechte zubilligten. Auch die Bahai aus dem Iran haben in allen Kernländern des Islam noch mehr Probleme als Christen durch Diskriminierung, Benachteiligung und Verfolgung. Viele von ihnen haben daher ihre Heimatländer in Richtung Westen verlassen.

4. Beschränkung der Religionsfreiheit durch Registrierungspflicht

Die vierte zu nennende weltweite Entwicklung ist die Beschränkung der Religionsfreiheit durch Registrierungspflichten. Wir haben ein zunehmendes Problem in vielen Ländern der Erde, dass es immer kompliziertere Registrierungsprozesse gibt. Vor allen Dingen die kleinen Religionsgemeinschaften sind dem Dauerverdacht ausgesetzt, aus dem Ausland ferngesteuert zu sein, Geldwäsche zu betreiben oder für den inneren Frieden des Landes gefährlich zu sein. Zum Teil werden dann Gesetze erlassen, die alle treffen, und das führt dazu, dass weltweit eine wachsende Zahl von Christen plötzlich in der Illegalität landet. Die Konsequenzen sind dann häufig, dass sie keine Gebäude besitzen dürfen, dass sie keine theologische Ausbildung anbieten können, dass sie Schwierigkeiten haben, in bestimmte Berufe zu gelangen, nicht für den Staat arbeiten oder studieren können und Ähnliches mehr. Der Sonderberichterstatter der UN für Religionsfreiheit, Prof. Heiner Bielefeldt, hat erfreulicherweise die Registrierungsthematik zum Schwerpunktthema seines letzten Tätigkeitsberichtes gemacht.

Aus all dem wird deutlich: Die fehlende Religionsfreiheit anderer Länder wirkt sich in einer globalisierten Welt automatisch auch auf uns aus: Zu den koptischen Festen im Dezember 2010 und Januar 2011 gab es beispielsweise Anschläge auf koptische Kirchen in Ägypten mit zahlreichen Todesopfern. Danach gab es zum Neujahrsgottesdienst ernstzunehmende Drohungen gegen koptische Kirchen in Europa. Was vielen dabei entgangen ist: Kurze Zeit später fanden erstmals seit vielen Jahrzehnten in Deutschland Gottesdienste einer ganzen Konfession unter Polizeischutz statt! Wir leben in einer globalisierten Welt: Die Probleme kommen zu uns.

Vier positive Entwicklungen

Zeitgleich aber mit den bereits beschriebenen negativen Entwicklungen sind nun auch positive Trends erkennbar.

1. Ökumenische Anstrengungen gegen Christenverfolgung

Beispiel weltweit: Die Römisch-Katholische Kirche, der Ökumenische Rat der Kirchen und die Weltweite Evangelische Allianz haben 2011 gemeinsam einen Ethikkodex für Mission erarbeitet: „Das christliche Zeugnis einer multireligiösen Welt“. Dort wird festgelegt, dass Mission immer die Würde der Menschen und ihre Menschenrechte zu achten hat und nie Gewalt, staatliche Unterstützung, Bestechung oder psychologische Manipulation einsetzen darf. Das erste gemeinsame Dokument der drei größten christlichen Dachverbände, die zusammen etwa 95 % der Weltchristenheit repräsentieren, ist nicht zufällig aus der Not der Christenverfolgung heraus geboren worden und reagiert auf Antibekehrungsgesetze weltweit.

Beispiel Indien: In Indien haben sich die Katholische Kirche, der nationale Ökumenische Rat der Kirchen und die Nationale Evangelische Allianz zu einem Dachverband ‚National United Christian Forum‘ in India, in Bangladesh zum ‚The United Forum of Churches Bangladesh‘ zusammengeschlossen, die jeweils gegenüber der Regierung mit einer Stimme auftreten und Diskriminierung und Verfolgung von der Christen gemeinsam erfassen.

Beispiel Deutschland: Jüngst hat die Synode der EKD einen Gedenksonntag für bedrängte und verfolgte Christen eingerichtet. Die Deutsche Bischofskonferenz hat den Märtyrergedenktag am zweiten Weihnachtsfeiertag reaktiviert, der bis zum Fall der Mauer eine wichtige Rolle spielte. Die Evangelische Landeskirche in Württemberg, traditionell immer schon am Leid verfolgter Christen interessiert, nutzt denselben Termin, empfiehlt aber auch den Termin der EKD. Die Deutsche Evangelische Allianz folgt seit 1996 mit dem Weltweiten Gebetstag für verfolgte Christen einem internationalen Termin Anfang November. Trotz der unterschiedlichen Termine haben sich erfreulicherweise alle Akteure schon mehrfach an einen Tisch gesetzt, festgestellt, dass sie alle das gleiche Anliegen verfolgen und als symbolischen Ausdruck der Gemeinsamkeiten entschieden, für jedes liturgische Jahr ein gemeinsames Schwerpunktland zu suchen.

2. Politische Anstrengungen gegen Christenverfolgung

Es gibt im politischen Bereich große Fortschritte im Einsatz für Religionsfreiheit in unfreien Ländern. Eine absolut ungewöhnliche Geschichte stammt von Sinyo Harry Sarundajang, die leider fast nur in Indonesien bekannt ist: Sarundajang wurde 2002 auf internationalen Druck hin vom indonesischen Präsidenten nach Nordsulawesi gesandt, wo auf der Insel Ambon beziehungsweise den sog. Molukken Tausende von Christen von einer schwerbewaffneten, 300 Mann starken Djihad-Armee namens „Laskar Jihad“ umgebracht wurden. Die Provinz war unregierbar geworden, die Christen waren aber auch in die Problematik mit verstrickt, weil viele von ihnen die Unabhängigkeitsbestrebungen der Inseln unterstützten. Nun wurde Sarundajang als geschäftsführender Gouverneur dorthin geschickt – zusammen mit einem Marinekontingent von Tausenden von Soldaten, um Frieden zu stiften und eine reguläre Gouverneurswahl vorzubereiten. Als überzeugter Christ, dem der Ruf vorauseilte, gegen Korruption immun zu sein, besuchte er ohne Polizeischutz (die Armee blieb auf seinen Befehl hin in den Kasernen und auf den Schiffen) alle muslimischen Führer privat zu Hause und suchte das Gespräch mit ihnen. Außerdem besuchte er die christlichen Führer und sagte: „Für den Frieden erwarte ich aber, dass ihr die Unterstützung der Unabhängigkeitspläne aufgebt.“ Ein entsprechendes Buch mit dieser Geschichte wurde von dem geistigen Vater von „Laskar Jihad“ Attamimy zum Lob Sarundajangs geschrieben und enthält ein unglaubliches Vorwort des Gründers und Oberbefehlshabers der Djihad-Armee Ka’far Umar Thalib, der schreibt: „Wenn ich einen solchen Christen früher kennengelernt hätte, hätten wir unsere Armee nie gegründet.“ Er hat nach dem Treffen seine Armee schlicht und einfach aufgelöst.

Beispiel Türkei: Im Jahre 2007 wurden zwei türkische Christen und ein deutscher Christ in der türkischen Stadt Malatya brutal ermordet. Ein wesentlicher Grund dafür, dass der Prozess nicht im Sande verlaufen ist und man begann, nach den Hintermännern zu suchen, liegt an der Prozessbeobachtung durch die Deutsche Botschaft.

Beispiel Südafrika: Der afrikanische Zweig des Internationalen Instituts für Religionsfreiheit (IIRF) hat in Zusammenarbeit mit politischen Institutionen ein neues Religionsfreiheitsgesetz für Südafrika formuliert, das inzwischen dem Präsidenten zur Begutachtung vorliegt. In der Verfassung von Südafrika wird zwar die Religionsfreiheit erwähnt, aber auch gesagt, dass Näheres ein späteres Gesetz mit Verfassungsrang regeln soll. Sollte dies politische Vorhaben gelingen, dürfte es Vorbildfunktion für ganz Afrika südlich der Sahara haben.

Beispiel Pakistan: Ein Mann in Pakistan, dem die Todesstrafe wegen Übertritt zum Christentum droht, wurde aufgrund der zunehmenden Beschäftigung mit der Thematik vor Ort – u. a. durch westliche Botschaften – aus dem Land gebracht und erhält Asyl.

3. Wissenschaft im Einsatz für Religionsfreiheit

Christenverfolger haben dank der vermehrten Information und Dokumentation von Wissenschaftlern immer weniger Ausreden, zu behaupten, dass die Verfolgung erfunden oder übertrieben sei. Wichtig ist auch: Neben den staatlichen Institutionen, die Daten sammeln, wie etwa das US-amerikanische Außenministerium, gibt es Institutionen, die ihre akademische Unabhängigkeit bewahren, so dass ihre Ergebnisse über jeden Zweifel der Parteilichkeit erhaben sind.

Ein weiteres Beispiel: Die in Südafrika vom Wissenschaftsrat akkreditierte junge internationale Fachzeitschrift „International Journal for Religious Freedom“ (IJRF) hatte anfänglich Mühe, Autoren zu finden, die sich der Begutachtung ihrer Artikel durch Kollegen (dem „peer review“) unterziehen wollten oder konnten. Doch die Zahl von Forschern aller Fachrichtungen, die sich mit dem Entzug von Religionsfreiheit in unterschiedlichen Kontexten beschäftigen, nimmt weltweit stark zu. Daher wird es immer leichter, Fachbeiträge zu finden.

Noch ein Beispiel: Zwei Religionsstatistiker, Brian J. Grim, bekannt als leitender Forscher der Studie „Global Restrictions on Religion“ des PEW-Forums, und Roger Finke, Soziologieprofessor und Direktor der „Association of Religion Data Archives“, zeigen in ihrem Buch „Der Nutzen der Freiheit wird verneint“1, wie sehr Religionsfreiheit zum Frieden und Bestand einer Gesellschaft beitragen. Ihre Grundthese ist einfach: In Ländern mit Religionsfreiheit gibt es viel mehr sozialen Frieden als in Ländern ohne Religionsfreiheit. Die Beschränkung von Religionsfreiheit ist oft erst der Grund für gewalttätige Konflikte. Religiöse Homogenität garantiert keine Konfliktfreiheit, sondern begünstigt offensichtlich Spannungen.

Beispiel Oslo Erklärung: Die an der Universität Oslo angesiedelte „Oslo Koalition für Religions- und Weltanschauungsfreiheit“ hat die „Oslo Erklärung, missionarische Aktivitäten und Menschenrechte: Empfohlene Grundregeln für missionarische Aktivitäten“ erarbeitet, um eine globale Diskussion zu stimulieren. Mit finanzieller Unterstützung des norwegischen Außenministeriums haben Gelehrte zahlreicher Fachgebiete zusammen mit Experten des In- und Auslandes in Kooperation mit Repräsentanten von Kirchen und praktisch allen nichtchristlichen Religionen in Norwegen den Text entwickelt. Die auch von muslimischen Verbänden unterzeichnete Erklärung definiert friedliche Missionsanstrengungen als einen essentiellen Teil der Religionsfreiheit und somit als ein elementares Menschenrecht. Gleichzeitig unterstreicht das Dokument die Rechte derjenigen, die „missioniert“ werden, ausdrücklich.

4. Menschenrechtsorganisationen pro Religionsfreiheit

Traditionelle Menschenrechtsorganisationen setzen sich verstärkt gegen Christenverfolgung und Verfolgung anderer religiöser Minderheiten ein und sehen das Recht auf Religionsfreiheit als ein gleichwertiges Menschenrecht etwa neben Pressefreiheit oder Folterverbot an. Die ‚Gesellschaft für bedrohte Völker‘ etwa macht religiös bestimmte ethnische Minderheiten zum Thema, die ‚Internationale Gesellschaft für Menschenrechte‘ eher Einzelschicksale. Selbst die größte Menschenrechtsorganisation ‚Amnesty International‘, die lange ungern konkrete Religionen thematisierte oder das Thema Religionsfreiheit oft stiefmütterlich behandelte, ändert immer häufiger ihren Kurs, wie der Jahresbericht 2012 zeigt.

1 Brian J. Grim, Roger Finke. The Price of Freedom Denied: Religious Persecution and Conflict in the Twenty-First Century. Cambridge: Cambridge University Press, 2010.

2 Der Spiegel 8/2010, S. 96-99

 

Prof. Dr. Dr. Thomas Schirrmacher ist Direktor des Internationalen Instituts für Religionsfreiheit (Bonn, Kapstadt, Colombo).

Quelle: Evangelische Verantwortung, Heft 3 + 4/2013 (www.eak-cducsu.de)

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Dieser Beitrag wurde erstellt am Donnerstag 18. April 2013 um 9:26 und abgelegt unter Christentum weltweit, Weltreligionen.