Gemeindenetzwerk

Ein Arbeitsbereich des Gemeindehilfsbundes

Darf man nicht mehr alles sagen? Wie woke Ideologen unsere Freiheit bedrohen. Und was geht das uns Christen an?

Donnerstag 18. April 2024 von Pfr. Ulrich Parzany


Pfr. Ulrich Parzany

Ich empfand es bisher immer als ĂŒbertrieben Ă€ngstlich, wenn Leute behaupteten, man könne heute nicht mehr alles sagen. Ich kann alles sagen, was ich meine. Ich sage es auch öffentlich. Meinungsfreiheit und Redefreiheit sind im Grundgesetz sogar garantiert. Klar, es gibt kein Recht auf Widerspruchsfreiheit. Jeder hat das Recht, mir zu widersprechen. Das ist ok. Ich nehme dieses Recht ja auch in Anspruch und widerspreche anderen. Jetzt beobachte ich aber eine erschreckende Entwicklung. Es erheben sich Stimmen, die unsere Gesellschaft auf dem Weg in die Unfreiheit sehen. Ich nenne zwei neue BĂŒcher. Der Politikwissenschaftler und ZEIT-Herausgeber Yascha Mounk bezeichnet sich selber als Linker und erregt Aufsehen mit seinem 2024 auf Deutsch erschienenen Buch „Im Zeitalter der IdentitĂ€t – Der Aufstieg einer gefĂ€hrlichen Idee“. Der amerikanische Titel des 2023 in USA erschienenen Buches lautet „The Identity Trap“ (Die IdentitĂ€tsfalle). Mounk ist 1982 in MĂŒnchen geboren und lehrt an der John-Hopkins-UniversitĂ€t in Baltimore, USA. Und die Ethnologin Prof. Susanne Schröter von der Frankfurter Goethe-UniversitĂ€t schrieb ein Buch mit dem Titel „Der neue Kulturkampf – Wie eine woke Linke Wissenschaft, Kultur und Gesellschaft bedroht“. Ebenfalls 2024 erschienen.

Sie beschreiben eine Entwicklung, die von amerikanischen Elite-UniversitĂ€ten ausgehend bereits starken Einfluss in den USA und Kanada hat und in Europa zunehmend Einfluss gewinnt. Susanne Schröter schreibt ĂŒber „UniversitĂ€ten im Griff woker Ideologen“. Sie hat selber schlimme Erfahrungen damit gemacht. Ihre Forschungen zum Islamismus fĂŒhrten zu Kampagnen mit dem Ziel, ihre Veranstaltungen zu verbieten und sie von der Frankfurter Uni zu vertreiben.

Was ist da im Gange? Ich will es kurz beschreiben. Danach frage ich, ob diese Entwicklung uns Christen etwas angeht. Woke heißt erwacht. Was fĂŒr eine Erweckung ist da im Gange? Ich lehne mich in der Beschreibung an Yascha Mounk an, der die woke Ideologie „IdentitĂ€tssynthese“ nennt, weil sie sich aus verschiedenen Denkrichtungen zusammensetzt. Ich nenne hier fĂŒnf Zutaten fĂŒr den woken Mix.

Die erste Zutat ist die Philosophie des Postmodernismus. Sie behauptet, „es gebe keine objektive Wahrheit, sondern nur eine unendliche Folge von [subjektiven] Sichtweisen.“ (Yascha Mounk S. 96) Das stellt nicht nur den Wahrheitsanspruch des christlichen Glaubens oder anderer Religionen in Frage, sondern auch die AllgemeingĂŒltigkeit der Grundwerte der freiheitlichen Demokratie.

Die zweite Zutat ist der Postkolonialismus. Er besagt: Auch nach dem Ende der Kolonialherrschaft beuten EuropĂ€er und Amerikaner den Rest der Welt aus. Die Ursachen der sozialen Nöte in der Welt liegen ausschließlich in der Macht dieser frĂŒheren und jetzigen Ausbeuter. Die weißen Ausbeuter sind auch heute die TĂ€ter. Die anderen die Opfer.

Dazu kommt als dritte Zutat die Kritische Rassen-Theorie. Sie besagt, dass Rassismus immer von Weißen ausgegangen ist und auch heute von Weißen ausgeht und sich immer gegen People of Color richtet. Dabei geht es nicht um persönliche Einstellungen Einzelner, sondern um strukturellen Rassismus. Von Weißen dominierte Gesellschaften sind immer TĂ€ter, People of Color sind immer Opfer. People of Color können darum nie rassistische TĂ€ter sein, weil sie ja immer Opfer des strukturellen Rassismus sind. Historische Tatsachen wie Sklaverei und Sklavenhandel durch Araber und andere Völker, die heute zu den People of Color gehören, werden ignoriert. Israelis z.B. gelten als Weiße und PalĂ€stinenser sind People of Color. Darum kann es keine Hamas-Terroristen geben. Sie sind Opfer der weißen jĂŒdischen UnterdrĂŒcker und dadurch FreiheitskĂ€mpfer im berechtigten Widerstand und keine Terroristen.

So einfach ist das. Auf dem Hintergrund ĂŒberrascht nicht mehr, dass sich linke Gruppen mit islamistischen GewalttĂ€tern gegen Israel solidarisieren. Auch Deutschland ist nach postkolonialistischer Sicht ein strukturell rassistisches Land. Die Einstellungen der Einzelnen sind nicht entscheidend. Der Umgang der Deutschen mit People of Color, also z.B. mit den FlĂŒchtlingen aus Afrika und Asien, ist von strukturellem Rassismus bestimmt. Jeder Gedanke an Steuerung der FlĂŒchtlingsbewegungen etwa ist rassistisch. Jede Kritik am Islam ist antimuslimischer Rassismus.

Eine weitere Quelle der woken Ideologie ist die Forderung der IntersektionalitĂ€t: Wer sich fĂŒr eine Gruppe von Benachteiligten einsetzt, muss sich auch fĂŒr alle anderen benachteiligten Gruppen einsetzen. Warum? Alle UnterdrĂŒckungen sind angeblich irgendwie miteinander verknĂŒpft. Das hat manchmal wirre Folgen, wie wir kĂŒrzlich erlebten. Frauen gehören eigentlich zu den „vulnerablen, verletzlichen, Gruppen“. People of Color wie die PalĂ€stinenser auch. Aber israelische Frauen gehören zu den weißen, westlichen UnterdrĂŒckern und TĂ€tern. Sie sind nicht Opfer wie die palĂ€stinensischen People of Color. Darum herrschte in der UNO lange peinliches Schweigen ĂŒber die brutalen Vergewaltigungen und Abschlachtungen israelischer MĂ€dchen und Frauen durch Hamas-Terroristen am 7. Oktober 2023. Sie seien ja nicht im luftleeren Raum geschehen, erklĂ€ren die Woken.

Die woke Ideologie ist voller WidersprĂŒche. Darum spaltet sie gerade die Frauenbewegung. Heftig wehren sich klassische Feministinnen gegen die Auflösung der Geschlechter durch die Transgender-Bewegung und den Queer-Feminismus. Worum geht es? Hier ein aktuelles Beispiel aus Deutschland: Im Deutschen Bundestag wird gerade ĂŒber das Selbstbestimmungsgesetz beraten. Auf der Internetseite des Bundesministeriums fĂŒr Familien, Senioren, Frauen und Jugend liest man: Das Gesetz ĂŒber die Selbstbestimmung in Bezug auf den Geschlechtseintrag (SBGG) „soll trans-, intergeschlechtlichen und nichtbinĂ€ren Personen erleichtern, ihren Geschlechtseintrag Ă€ndern zu lassen.“ Wenn jemand demnĂ€chst beim Standesamt erklĂ€rt, er fĂŒhle sich als Frau, obwohl er aussieht wie ein Mann, wird er als Frau mit gewĂŒnschtem Namen ins Personenstandsregister eingetragen. Irgendwelche Beurteilungen durch Ärzte dĂŒrfen nicht mehr gefordert werden. Kritik daran kommt von klassischen Feministinnen. Wie soll man auch Frauenrechte gegen MĂ€nner verteidigen, die sich als Frauen ausgeben? Kritik kommt auch aus dem Justizvollzug, von Schulen, von Sportvereinen und Saunabesitzern. Wie soll das praktisch gehen? Keine Kritik kommt von den Kirchen. Woke, wie sie sind, finden sie das alles anscheinend gut. Das Gesetz soll zum 1. November 2024 in Kraft treten, wenn der Bundestag es beschließt. In dem Gesetz wird auch das „Offenbarungsverbot“ formuliert. Es besagt, dass jeder mit Bußgeld bestraft wird, der sagt, dass die Transfrau ursprĂŒnglich ein Mann war. Das ist mal ein klarer Fall von Sprechverbot, nicht wahr?

Zu Postmodernismus, Postkolonialismus, Kritischer Rassentheorie und IntersektionalitĂ€t kommt als fĂŒnfte Zutat die Diskurs-Theorie. Die besagt, dass durch Sprache Macht ausgeĂŒbt wird und gesellschaftliche VerhĂ€ltnisse verĂ€ndert werden. Durch Gendersternchen und SprechlĂŒcken sollen Personen, die sich nicht binĂ€r empfinden, sichtbar gemacht werden. Die Verballhornung der Sprache wird in Kauf genommen. Sie benachteiligt leider massiv ausgerechnet die Menschen, die mit dem Erlernen, dem Sprechen und Schreiben der deutschen Sprache Schwierigkeiten haben. Das aber beeindruckt die woken Aktivisten ĂŒberhaupt nicht.

Jetzt fragen wir: Was geht uns Christen das an? Recht und Gerechtigkeit fĂŒr benachteiligte Menschen mĂŒssen uns Christen selbstverstĂ€ndlich sehr viel angehen. Gott ist gerecht. Er liebt Recht und Gerechtigkeit. Um das zu belegen, muss ich hier gar keine Bibelstellen zitieren. Wer das bestreitet, dem empfehle ich dringend, die Bibel zu lesen. Unsere Verantwortung als Christen fĂŒr die Gesellschaft, in der wir leben, ergibt sich aus Gottes Auftrag an sein Volk: „Suchet der Stadt Bestes!“ Diese Aufforderung Gottes lĂ€sst der Prophet Jeremia in einem Brief an die Juden in der babylonischen Gefangenschaft ĂŒberbringen. (Jeremia 29,7) Obwohl die Stadt nicht ihre Heimat war, sollten sie sich fĂŒr das Wohl der Stadt einsetzen. Sie sollten den Frieden – im HebrĂ€ischen steht da „Schalom“ – der Stadt suchen und fĂŒr sie beten. Die BegrĂŒndung ist ganz pragmatisch: „denn wenn’s ihr wohl geht, so geht‘s auch euch wohl.“

Was heißt das fĂŒr Jesus-Nachfolger? Unsere Heimat, unser BĂŒrgerrecht ist im Himmel, im Königreich Gottes. (Phil 3,20) Eine zweite StaatsbĂŒrgerschaft steht in unserem Pass. In meinem Fall Deutschland. Deutschland ist eine Demokratie. Als StaatsbĂŒrger in einer Demokratie gehöre ich zum SouverĂ€n, dem Volk. Ich trage, wie alle BĂŒrger dieses Staates Mitverantwortung dafĂŒr, dass unser Land möglichst gerecht regiert wird. Da sich die BĂŒrger einer Demokratie oft nicht einig sind, wird mit Mehrheit entschieden. Leider ist nicht garantiert, dass die Mehrheit immer fĂŒr Gerechtigkeit eintritt. Menschen suchen ihren Vorteil und halten das fĂŒr ihr gutes Recht. So kann es passieren, dass Gesetze mit Mehrheit beschlossen werden, die nicht wirklich gerecht sind. Perfekt lĂ€uft das wirklich nicht. Aber die BemĂŒhung um mehr Gerechtigkeit und um die Abwehr der schlimmsten Ungerechtigkeiten ist den Schweiß aller BĂŒrger wert. Erst recht aller Christen.

In unserem Grundgesetz steht, dass sich das Deutsche Volk zu den „unverletzlichen und unverĂ€ußerlichen Menschenrechten“ bekennt. Die Grundrechte werden dann aufgezĂ€hlt. In Artikel 1,3 heißt es: „Die nachfolgenden Grundrechte binden Gesetzgebung, vollziehende Gewalt und Rechtsprechung als unmittelbar geltendes Recht.“ Die Grundrechte sind Freiheitsrechte. Hier einige auszugsweise: Niemand darf wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden. Die Freiheit des Glaubens, des Gewissens und die Freiheit des religiösen und weltanschaulichen Bekenntnisses sind unverletzlich. Die ungestörte ReligionsausĂŒbung wird gewĂ€hrleistet. Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu Ă€ußern und zu verbreiten und sich aus allgemein zugĂ€nglichen Quellen ungehindert zu unterrichten. Kunst und Wissenschaft, Forschung und Lehre sind frei. Und wenn die Freiheit bedroht ist, sollten auch wir Christen aufwachen.

Die Professoren Susanne Schröter und Yascha Mounk zeigen, dass Freiheiten bei uns durch „woke“ Aktivisten bedroht werden. Sie gewinnen Macht in Organisationen, Medien, staatlichen Einrichtungen. Wenn wir uns dagegen nicht wehren, wird unsere Freiheit durch mĂ€chtige Gruppen und einen ĂŒbergriffigen Staat eingeschrĂ€nkt. Wie das in großem Stil geht, zeigen uns gerade die Planungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO). Sie handelt mit ihren 194 Mitgliedsstaaten gerade einen Pandemie-Vertrag aus, der schon im Mai 2024 verabschiedet werden soll. Menschenrechtler kritisieren die darin vorgesehenen EinschrĂ€nkungen der Informationsfreiheit und der freien MeinungsĂ€ußerung. (1)

In der vergangenen Corona-Zeit haben wir die Übergriffigkeit des Staates schon erlebt. EinschrĂ€nkungen der Versammlungsfreiheit. Impfpflicht. Jetzt werden massive Eingriffe in die Freiheitsrechte der BĂŒrger als angeblich notwendige Seuchenabwehr systematisch geplant. Bedauerliche Tatsache ist, dass die Freiheitsliebe auch bei Christen oft durch Angst erstickt wird. Die Freiheit wird nicht selten der Sicherheit bereitwillig geopfert. Das fĂŒhrt dazu, dass Christen – wie wir es in der Corona-Zeit erleben mussten – nicht gemeinsam fĂŒr bestimmte Freiheitsrechte eintreten. In Gegenteil: Gemeinden sind durch Streit um diese Fragen gespalten und gelĂ€hmt. In manchen Gemeinden ist das bis heute spĂŒrbar. Dazu kommt: Wir Jesus-Nachfolger stellen leider nicht die Mehrheit in unserem Land. Wir können nicht verhindern, dass Gesetze im Bundestag mit Mehrheit beschlossen werden, auch wenn sie dem Wort Gottes widersprechen. Zum Beispiel das Gesetz ĂŒber die „Ehe fĂŒr alle“. Was tun wir dann? In solchen FĂ€llen gilt das alte Apostelwort (Apg 5,29): „Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen.“ Wenn wir das sagen, wird uns heute die Frage gestellt: Steht fĂŒr euch die Bibel ĂŒber dem Grundgesetz? Die Antwort: SelbstverstĂ€ndlich ja. Wo liegt das Problem? Das Grundgesetz beginnt in der PrĂ€ambel mit dem Satz: „Im Bewußtsein seiner Verantwortung vor Gott und den Menschen, von dem Willen beseelt, als gleichberechtigtes Glied in einem vereinten Europa dem Frieden der Welt zu dienen, hat sich das Deutsche Volk kraft seiner verfassungsgebenden Gewalt dieses Grundgesetz gegeben.“ Gott steht also ĂŒber dem Grundgesetz. Gott soll sich das deutsche Volk verantwortlich fĂŒhlen.

Also ist es die Aufgabe von Christen, den Menschen in unserem Land den lebendigen Gott, der sich in Jesus Christus geoffenbart hat, zu bezeugen. Wir können und wollen nicht erzwingen, dass die Menschen an Gott glauben. Aber wir können und sollen das Evangelium allen Menschen sagen. Was aber sollen wir tun, wenn Gesetze beschlossen werden, die gegen Gottes geoffenbarten Willen sind? Antwort: Wir machen den Mund auf. Wir sagen, was nach Gottes Willen gut und gerecht ist. Wir sagen z.B. öffentlich, dass Gott alle Menschen als sein Ebenbild geschaffen hat, und zwar in der PolaritĂ€t von Mann und Frau. So hat er die Menschen zu seinen GeschĂ€ftsfĂŒhrern berufen und gesegnet. Das steht in der Schöpfungsoffenbarung (1.Mose 1 und 2), und Jesus hat es bestĂ€tigt (MatthĂ€us 19,4ff). Unser Geschlecht wĂ€hlen wir nicht selber, es wird uns von Gott gegeben. Die Biologie lehrt uns, dass jede Körperzelle jeder Frau mit XX-Chromosomen ausgestattet ist und jede Körperzelle jedes Mannes mit XY-Chromomen. Offenbarung Gottes und Naturwissenschaft ergĂ€nzen sich bestens.

Gerade heute ist es hilfreich, Menschen darauf hinzuweisen, dass Gott ihre IdentitĂ€t durch ihren Körper bestimmt hat. Es ist in Mode gekommen, auf das GefĂŒhl zu hören, egal wie der Körper ist. Eigentlich weiß jeder, dass GefĂŒhle nicht von Dauer sind. Es ist darum nicht wirklich klug, GefĂŒhle zum Fundament des Lebens zu machen. Aber jetzt wird sogar gesetzlich festgelegt, dass jeder Mensch einfach durch einen Sprechakt beim Standesamt festlegen kann, ob er ein Mann oder eine Frau ist oder auch noch etwas Anderes. In einer freien Gesellschaft hat jeder das Recht, sich zu fĂŒhlen, wie er will. Aber warum sollen wir nicht das Recht haben, zu sagen und zu begrĂŒnden, wenn wir das problematisch finden? Oder nehmen wir das Beispiel der Ehe. Der Bundestag hat 2017 beschlossen: BGB § 1353: „Die Ehe wird von zwei Personen verschiedenen oder gleichen Geschlechts auf Lebenszeit geschlossen.“ Nach der Bibel aber ist die Ehe die lebenslange Gemeinschaft zwischen einem

Mann und einer Frau. Sex außerhalb der Ehe – egal ob hetero- oder homosexuell – bezeichnet die Bibel als SĂŒnde. Der Bundestag hat allerdings zugleich mit der Änderung des EheverstĂ€ndnisse beschlossen: „Die Rechte der Kirchen und Religionsgemeinschaften bleiben von dieser gesetzlichen Neuregelung unberĂŒhrt.“ Damit hĂ€lt sich der Deutsche Bundestag an das Grundrecht der Religionsfreiheit. Peinlich, dass die Evangelischen Kirchen sich den staatlichen Vorgaben gebeugt haben, obwohl der Staat ausdrĂŒcklich ihre Freiheit nicht beschrĂ€nkt hat. Der Staat zwingt die Kirchen nicht, gleichgeschlechtliche Paare zu trauen.

Von Christengemeinden darf man erwarten, dass sie nach dem Maßstab des Wortes Gottes und aus der Kraft des Heiligen Geistes leben. Sie sollen nicht nur die Gebote Gottes hochhalten, sondern auch beweisen, dass sie aus der Liebe Gottes in der Kraft des Heiligen Geistes leben. Ehen sollen in der Gemeinde geschĂŒtzt und gestĂ€rkt werden. Genauso sollen Singles, die nach dem Wort Gottes sexuell enthaltsam leben, Offenheit, Vertrautheit und persönliche NĂ€he in den Gemeinden erleben. Das sind große Aufgaben.

Aber es ist ja nicht neu, dass Christen in einer nichtchristlichen Mehrheitsgesellschaft leben. Im ersten Jahrhundert hat die Mehrheitsgesellschaft im Römischen Reich weder das EheverstÀndnis noch die Sexualethik der Christen geteilt. In vielen LÀndern der Welt ist die Polygamie geltendes Recht. Trotzdem leben die Christen die Einehe nach Gottes Wort.

Eine Empfehlung zum Schluss

Woke Ideologen gewinnen ĂŒber staatlich finanzierte Organisationen und mehr und mehr auch ĂŒber staatliche Institutionen Einfluss und Macht. Auch große Firmen folgen dem Trend. Yascha Mounk nennt das den „kurzen Marsch durch die Institutionen“, den woke Ideologen schon angetreten haben. Ich empfehle in dieser Lage, dass wir in den Evangelischen Kirchen neu ĂŒber die Theologische ErklĂ€rung von Barmen nachdenken. Dieses Bekenntnis wurde 1934 von der Synode der Bekennenden Kirche im heutigen Wuppertal-Barmen als Widerspruch gegen die deutsch-christliche Irrlehre der damaligen Reichskirche formuliert.

Ich lese immer mal wieder mein OrdinationsgelĂŒbde, das ich als evangelischer Pfarrer vor 57 Jahren abgelegt habe. Darin heißt es u.a.: „Dabei sollst du ernstlich beachten, dass es dem evangelischen Prediger nicht zusteht, eine andere Lehre zu verkĂŒnden und auszubreiten als die, welche gegrĂŒndet ist in Gottes lauterem und klaren Wort, wie es verfasst ist in der Heiligen Schrift Alten und Neuen Testaments, unserer alleinigen Glaubensnorm, wie es bezeugt ist in den drei altkirchlichen Glaubensbekenntnissen, dem Apostolischen, dem NicĂ€nischen und dem Athanasianischen und in den reformatorischen Bekenntnisschriften unserer Kirche und wie es als Wegweisung fĂŒr die angefochtene Kirche aufs neue bekannt worden ist in der Theologischen ErklĂ€rung der Bekenntnissynode von Barmen.“

Die Berufung auf die Barmer ErklĂ€rung kommt heute nicht immer gut an. Wer erklĂ€rt, sie sei auch heute aktuell, dem wird gern von Kirchenleitungen vorgeworfen, dass er die heutige Lage unangemessen dramatisiere, indem er sie mit der Lage in der Nazi-Diktatur vergleiche. Mit diesem Argument wird die Barmer ErklĂ€rung zu einem MuseumstĂŒck aus schrecklichen Zeiten gemacht. Man hat mich aber in meiner Ordination zum Predigtamt auch auf die Barmer ErklĂ€rung verpflichtet, weil dieses Bekenntnis wohl fĂŒr meinen Dienst heute wichtig werden könnte. Und so lese ich sie auch heute. Die Barmer ErklĂ€rung umfasst 6 Thesen. Ich gebe hier insbesondere die These 5 zu bedenken. In jeder These gibt es 3 Teile. Ein Bibelwort, ein Bekenntnis, eine Verwerfung der falschen Lehre. These 5 lautet: „FĂŒrchtet Gott, ehrt den König. (1. Petr 2,17) Die Schrift sagt uns, dass der Staat nach göttlicher Anordnung die Aufgabe hat in der noch nicht erlösten Welt, in der auch die Kirche steht, nach dem Maß menschlicher Einsicht und menschlichen Vermögens unter Androhung und AusĂŒbung von Gewalt fĂŒr Recht und Frieden zu sorgen. Die Kirche erkennt in Dank und Ehrfurcht gegen Gott die Wohltat dieser seiner Anordnung an. Sie erinnert an Gottes Reich, an Gottes Gebot und Gerechtigkeit und damit an die Verantwortung der Regierenden und Regierten. Sie vertraut und gehorcht der Kraft des Wortes, durch das Gott alle Dinge trĂ€gt. Wir verwerfen die falsche Lehre, als solle und könne der Staat ĂŒber seinen besonderen Auftrag hinaus die einzige und totale Ordnung menschlichen Lebens werden und also auch die Bestimmung der Kirche erfĂŒllen. Wir verwerfen die falsche Lehre, als solle und könne sich die Kirche ĂŒber ihren besonderen Auftrag hinaus staatliche Art, staatliche Aufgaben und staatliche WĂŒrde aneignen und damit selbst zu einem Organ des Staates werden.“ Soweit der Wortlaut von These 5.

Die staatliche Ordnung wird einerseits dankbar als eine von Gott angeordnete Wohltat anerkannt, wenn der Staat „nach dem Maß menschlicher Einsicht und menschlichen Vermögens unter Androhung und AusĂŒbung von Gewalt fĂŒr Recht und Frieden“ sorgt. Die Aufgabe der Kirche ist es, „an Gottes Reich, an Gottes Gebot und Gerechtigkeit und damit an die Verantwortung der Regierenden und Regierten“ zu erinnern.

Als falsche Lehre wird ausdrĂŒcklich verworfen, „als solle und könne der Staat ĂŒber seinen besonderen Auftrag hinaus die einzige und totale Ordnung menschlichen Lebens werden“. Jeder Tendenz des Staates, sich zur höchsten AutoritĂ€t ĂŒber menschliches Leben zu erheben, mĂŒssen Christen widerstehen. Wir mĂŒssen widersprechen, wenn der Staat die Rolle Gottes einnehmen will. Leider können sich auch in einer Demokratie solche totalitĂ€ren Tendenzen einschleichen. Und eine Kirche, die sich nicht vor allem am Wort Gottes, wie es in der Bibel gegeben ist, orientiert, sondern sich zivilreligiös als Kitt fĂŒr den Zusammenhalt der Gesellschaft anbietet, wird selbst zu einem Organ des Staates. Sie verrĂ€t damit ihre Berufung. Die Evangelischen Kirchen stehen heute genau in dieser Gefahr. Dem mĂŒssen wir widersprechen. Die Barmer Theologische ErklĂ€rung von 1934 schließt mit den Worten, mit denen ich jetzt auch schließe: Verbum Dei manet in aeternum. Das Wort Gottes bleibt in Ewigkeit.

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  • IDEA 9, 28.02.2024, S.25: Der WHO-Pandemievertrag – Eine Gefahr fĂŒr die Meinungsfreiheit?

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Quelle: www.bibelundbekenntnis.de (16.4.2024)

 

Dieser Beitrag wurde erstellt am Donnerstag 18. April 2024 um 6:32 und abgelegt unter Christentum weltweit, Gemeinde, Gesellschaft / Politik.