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Der Schacher in der Barbarei

Freitag 13. Juli 2007 von Dr. Heinz Gstrein


Dr. Heinz Gstrein

Der Schacher in der Barbarei

Gaddafis zynisches Spiel mit den «AIDS-Schwestern» – Noch schlimmer: Gaddafis willkĂŒrlicher Umgang mit der Scharia. Kommt dazu: Die Rechtlosigkeit christlicher Gastarbeiterinnen und Gastarbeiter in islamischen Staaten.

Gieriger Schacher wie im finstersten Mittelalter um den Freikauf christlicher Sklavinnen in der «Barbarei» durch den Mercedarier-Orden hat sich in den letzten Tagen aufs Neue in Libyen abgespielt. Mercedarier von heute waren EU-Staaten, denen die Rettung der bulgarischen «AIDS-Schwestern» vor der Hinrichtung fast eine halbe Milliarde Dollar wert war. Die Frauen wurden vorerst zu lebenslĂ€nglicher Haft begnadigt. Allerdings drĂ€ngte Bulgarien umgehend auf eine Auslieferung in die Heimat, welcher ĂŒberraschend schnell entsprochen wurde.

Das islamische Strafrecht fragt nicht nach der persönlichen Schuld, es richtet ĂŒber den vorliegenden Tatbestand. Daß den ahnungslosen Schwestern vom maroden libyschen Gesundheitsdienst AIDS-verseuchtes Blut geliefert wurde, ist völlig belanglos: Sie haben es transfusioniert. Nach dem Prinzip der Blutrache forderten die Angehörigen der Opfer das Leben der Krankenschwestern und beharrten auf ihrem Tod. Mit einem «Blutpreis», der Diya, zur Begnadigung der Bulgarinnen wollten sie sich erst abfinden, nachdem sie und ihre Kindeskinder zu MillionĂ€ren gemacht wurden. Damit war aber Schluß bei der islamischen Gerechtigkeit: Laut Scharia wĂ€ren die Schwestern umgehend straffrei und hĂ€tten gleich freigelassen werden mĂŒssen. Der Islam kennt nur Körper- und kaum GefĂ€ngnisstrafen, schon gar keine lebenslangen!

Die Vorgabe zu dem ganzen Schauprozeß hatte Staatschef Muammar Gadhafi selbst geliefert: Hinter dem «Verbrechen» stecke die CIA oder der Mossad, die an den Kindern ein «Experiment» versucht hĂ€tten. Gaddafi verglich das Verfahren gegen die Krankenschwestern mit dem Lockerbie-Prozeß: Wegen 270-fachen Mordes beim Anschlag auf eine Pan-Am-Maschine 1988 war der Geheimdienst-Agent Al Meghari 2001 von einem schottischen Gericht zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt worden. Mehrmals brachte Libyen den Vorschlag ins Spiel, den Agenten gegen die Krankenschwestern auszutauschen – und die EntschĂ€digungszahlungen an die Angehörigen der Lockerbie-Opfer mit den Forderungen der Familien der infizierten Kinder zu verrechnen. Also in erster Linie eine regelrechte Geiselnahme, vergleichbar mit den einstigen «Raubgefangenen» der nordafrikanischen SeerĂ€uberstaaten, zu deren Loskauf die Ritter und Priester «della Mercede» ausgezogen waren oder sich selbst anstelle verheirateter MĂ€nner oder gar von Frauen und MĂ€dchen der Sklaverei ĂŒberantwortet haben.

Libyens Dauermachthaber seit 1969, Muamar al-Gaddafi, spielte aber auch aus innenpolitischen GrĂŒnden mit der Todesangst der bei ihm eingekerkerten Krankenschwestern: FĂŒr den politisch immer Erfolgloseren wurde dieser Fall zum Ablenkungsmanöver von den katastrophalen hygienisch-medizinischen VerhĂ€ltnissen und allen SchwĂ€chen seines Regimes. Erst das Einlenken auf Zusammenarbeit mit den USA und der EU, um dem auch ihm drohenden Schicksal eines Saddam Hussein zu entgehen, gab den Bulgarinnen langsam wieder Hoffnung.

FĂŒr Gaddafi war das Ganze jedenfalls ein gutes, wenngleich zynisches GeschĂ€ft. Er hat seine Kosten fĂŒr die EntschĂ€digung der Lockerbie-Opfer hereingebracht und sich zugleich fĂŒr diese ihm vom Westen aufgezwungene DemĂŒtigung gerĂ€cht. Angesichts von Millionen AIDS-kranken Kindern in ganz Afrika sind die Dollar-Millionen an die libyschen HIV-Opfer – so bedauernswert sie sind – eine Verhöhnung der anderen Hilfslosen. HauptsĂ€chlich ein gutes GeschĂ€ft fĂŒr Eltern und Verwandte, sofern der goldene Regen ihnen wirklich bleibt und nicht in die Taschen des Gaddafi-Regimes zurĂŒckfließt. So sehr die Begnadigung der Krankenschwestern und ihres Arztes nach ĂŒber acht Jahren Folterhaft jetzt ein Grund zur Freude ist: Dankbarkeit gegenĂŒber dem libyschen Machthaber wĂ€re fehl am Platz! Die jungen Frauen bleiben fĂŒrs ganze Leben von unmenschlichen Haftbedingungen, Folterungen und der Angst vor dem Erschießen gezeichnet. Genaueres und sicher ErschĂŒtterndes von ihren Martern und quĂ€lendem Kerkerleben werden wir bald erfahren, da sie nun zurĂŒck in ihre Heimat gelangten und dort natĂŒrlich umgehend auf freiem Fuß waren: Ihr Leben ist genauso zerstört wie das der 426 libyschen Kinder, die in einem Spital von Bengasi Anfang 1999 mit AIDS infiziert worden waren.

Die ganze Tragödie gibt Anlaß zum Nachdenken, daß nicht nur die Moslemminderheiten bei uns ihre Probleme und Nöte haben. Gerade in den islamischen Ölstaaten wie Libyen lebt heute ein Heer europĂ€ischer Gastarbeiterinnen und Gastarbeiter. Ihnen kann ohne den bisher fehlenden Rechtsschutz tĂ€glich das Unheil der Bulgarinnen in Libyen widerfahren!

[Nahostkenner Heinz Gstrein lebte viele Jahre in der arabischen Welt und recherchierte unter anderem fĂŒr das «Echo der Zeit» (DRS 1), die NZZ und die KNA. FĂŒr CSI beobachtet er das Geschehen in islamischen Nationen.]

(CSI-Deutschland 3.8.07)

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Dieser Beitrag wurde erstellt am Freitag 13. Juli 2007 um 15:04 und abgelegt unter Gesellschaft / Politik.