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Graf Zinzendorf und die Wiederherstellung des messianischen Judentums im 18. Jahrhundert

Freitag 26. Juni 2020 von Beit Sar Shalom Evangeliumsdienst e.V.


Beit Sar Shalom Evangeliumsdienst e.V.

Wenn wir von messianischem Judentum in der Antike und der Neuzeit sprechen, beziehen wir uns auf eine religi├Âse Tradition, in der Juden sich dazu bekannten, Jesus als Messias Israels nachzufolgen, und dabei weiterhin innerhalb der Sph├Ąre des Judentums lebten. Gemeinschaften solcher Juden existierten in den ersten vier Jahrhunderten unserer Zeitrechnung im Land Israel, in Syrien und jenseits davon.

Vom f├╝nften bis 18. Jahrhundert ÔÇô 1300 Jahre lang ÔÇô verschwanden die messianischen Juden dann von der Weltb├╝hne. Die ÔÇ×Scheidung der WegeÔÇť zwischen der Kirche und der Synagoge schloss messianisches Judentum aus. Anders gesagt, schlossen christliche und j├╝dische Leiter die messianischen Juden aus, um den Mythos aufrechtzuerhalten, das Christentum sei eine vom Judentum getrennte und unterscheidbare Religion.

Im 18. Jahrhundert brach eine neue ├ära an. Unter der geistlichen Leiterschaft von Graf Zinzendorf bekamen die B├Âhmischen Br├╝der im deutschen Herrnhut (1735) eine Vision f├╝r die Wiederherstellung des messianischen Judentums. Zinzendorf gr├╝ndete innerhalb der Br├╝dergemeine (Br├╝dergemeinschaft) eine Gemeinde, in der Jesus-gl├Ąubige Juden dazu ermutigt wurden, j├╝disches Leben und j├╝dische Identit├Ąt auszuleben. Diese Gemeinde bezeichnete er als Judenkehille (j├╝dische Gemeinschaft):

Bald entstand das Programm der ÔÇ×Sammlung der ErstlingeÔÇť. Dieses Programm verfolgte das Ziel, einzelne Juden in die Br├╝dergemeine zu integrieren, ohne sie dabei zu ermutigen, ihre Identit├Ąt aufzugebenÔÇŽ Die Neubekehrten sollten innerhalb der Br├╝dergemeine in eine j├╝disch-christliche Gemeinde, die Judenkehille (-kehille ist vom hebr├Ąischen Wort ÔÇ×KehilaÔÇť f├╝r Gemeinschaft abgeleitet), versammelt werden.

Die Judenkehille sollte eine messianisch-j├╝dische Gemeinschaft sein, die sich an die Thora hielt: Zinzendorf und Lieberk├╝hn glaubten, dass j├╝dische Bekehrte weiterhin die mosaischen Gesetze halten sollten. Ihr Plan, innerhalb der B├Âhmischen Br├╝derbewegung eine Judenkehille von j├╝disch-messianischen Gl├Ąubigen zu etablieren, war Ausdruck ihrer Wertsch├Ątzung f├╝r die j├╝dische Tradition und ihrer Anerkennung des fortbestehenden Wertes derselben. ├ťberdies bot der Plan eine pastorale Antwort auf die prek├Ąre Situation von Konvertiten, die meistens erleben mussten, dass sie wie ÔÇ×HeimatvertriebeneÔÇť waren ÔÇô abgeschnitten von ihren j├╝dischen Wurzeln und doch nicht so ganz zu Hause im Christentum.

Im Laufe der Jahre ├╝berdachte Zinzendorf seine Herangehensweise und kam zu dem Schluss, dass es besser w├Ąre, wenn Judenkehille-Gemeinden autonom innerhalb der j├╝dischen Gemeinschaft existieren w├╝rden und nicht innerhalb der nicht-j├╝dischen christlichen Gemeinden.

In den fr├╝hen 1750er Jahren ├Ąnderte Zinzendorf als Konsequenz das Judenkehille-Projekt dahingehend ab, dass es nunmehr das Ziel verfolgte, Judenkehille-Gemeinden innerhalb der j├╝dischen Gemeinschaften zu etablieren. Die an Jesus gl├Ąubigen Juden sollten als autonome Gemeinschaft in ihrem j├╝dischen Umfeld bleiben und eine Art Keimzelle f├╝r ein messianisch-gl├Ąubiges Israel bilden.

Sp├Ąter dann, in den 1770er Jahren, f├Ârderten die B├Âhmischen Br├╝der die Gr├╝ndung vollst├Ąndig autonomer Judenkehille-Gemeinden in Deutschland, England und der Schweiz.

Zinzendorfs Erfolg bei der Wiederbelebung von messianisch-j├╝dischen Gemeinden nach 13┬áJahrhunderten der Unterdr├╝ckung wirft die Frage auf: ÔÇ×Was war das Besondere an seiner Leiterschaft, das diese Wiedererstehung m├Âglich machte?ÔÇť Die folgende Liste k├Ânnte eine Teilantwort darstellen:

1. Zinzendorf hatte eine Vision f├╝r die nationale und geistliche Wiederherstellung Israels im Land ihrer V├Ąter, gem├Ą├č der Heiligen Schrift, und ein Verlangen danach, noch in seiner eigenen Lebenszeit die ÔÇ×Erstlingsfr├╝chteÔÇť (Offenbarung 14,4) zu sehen. Dieser Vision blieb er f├╝nfzig Jahre lang treu ergeben.

2. Zinzendorf war ein ├╝beraus einflussreicher geistlicher Leiter in Europa, Nordamerika und Afrika (z.B. durch seinen Einfluss auf John Wesley mit dem er korrespondierte). Dies verlieh der entstehenden messianischen Gemeinschaft Glaubw├╝rdigkeit.

3. Als Bischof der Herrnhuter Br├╝dergemeine war Zinzendorf in der Lage, seine eigene Glaubensgemeinschaft zu motivieren, die Gr├╝ndung und den Aufbau von Judenkehille-Gemeinden zu unterst├╝tzen und zu f├Ârdern.

4. Graf Zinzendorf verwendete die materiellen Ressourcen seines Anwesens, um die aufkeimende messianische Bewegung sowie die weitere j├╝dische Gemeinschaft zu segnen.

5. ┬áZinzendorf hatte von seiner Glaubens├╝berzeugung her eine Hochachtung f├╝r j├╝dische Menschen. In Sonderbare Gespr├Ąche (1739) erkl├Ąrt er, dass dies so war, weil: (a) Jesus ein Jude ist (Gegenwartsform); (b) die Heilige Schrift gr├Â├čtenteils von den Juden kam; (c) sie ÔÇ×direkte NachkommenÔÇť Abrahams sind, wohingegen nicht-j├╝dische Christen ÔÇ×eingepfropftÔÇť sind (R├Âmer 11,17-24); (d) es nicht-j├╝dischen Gl├Ąubigen ÔÇ×ausdr├╝cklich untersagt ist, sich gegen sie zu r├╝hmen, da (i) sie uns tragen und nicht wir sie (R├Âmer 11,18) und da (ii) Gott sehr wohl in der Lage ist, sie wieder einzupfropfen und uns wegzuschneiden (R├Âmer 11,21-24)ÔÇť; (e) wenn Juden sich ihrem Messias zuwenden, sie es von ganzem Herzen tun; und (f) die Juden ÔÇ×gr├Â├čtenteils einen Sinn haben, der den meisten von uns fehlt, n├Ąmlich einen Sinn f├╝r die Ehre Gottes.ÔÇť

6. Er stellte sich aktiv gegen christlichen Antisemitismus.

7. Zinzendorf entwickelte enge Beziehungen mit j├╝dischen Mitmenschen, die nicht an Jesus glaubten. Er dr├Ąngte seinen Glauben den Juden nicht auf, sondern lud j├╝dische Bekannte und Freunde ein, mit ihm in einen Dialog ├╝ber Glaubensdinge einzutreten. Wenn sie f├╝r einen Dialog nicht offen waren, machte er in dieser Sache keinen Druck und vertrat die ├ťberzeugung, dass das Zeugnis des eigenen Wandels mit Jesus wichtiger war als das, was man sagte. Zinzendorfs Liebe zu Jesus und zum j├╝dischen Volk war in der j├╝dischen Welt bekannt.

8. Er betete f├╝r Israel und die Wiederherstellung einer lebendigen messianisch-j├╝dischen Bewegung und f├╝hrte dies als Priorit├Ąt in die Liturgie der Herrnhuter Br├╝dergemeine ein.

9. Als deutscher Pietist hatte Zinzendorf eine ├Âkumenische Vision, die sowohl Einheit als auch Vielfalt im Leib des Messias feierte. ÔÇ×Zinzendorf mahnte seine Nachfolger eindringlich, immer an die folgende Werte-Trias zu denken: ÔÇÜin wesentlichen Dingen Einheit; in unwesentlichen Dingen Vielfalt; in allen Dingen N├ĄchstenliebeÔÇś. ÔÇť

10. Zinzendorf setzte Leiter ├╝ber die Judenkehille-Gemeinden ein, die Jesus leidenschaftlich liebten, das j├╝dische Volk liebten und die Wichtigkeit j├╝dischen Lebens und j├╝discher Identit├Ąt f├╝r Jesus-gl├Ąubige Juden bekr├Ąftigten. Ihre Ausbildung brachte den Wert zum Ausdruck, den Zinzendorf auf h├Âhere Bildung und insbesondere auf j├╝dische Studien legte. Zwei der von ihm eingesetzten Leiter waren Benjamin David Kirchhof, ein messianischer Jude, und Samuel Lieberk├╝hn, ein messianischer Nicht-Jude, der an der pietistischen Universit├Ąt Halle und der Universit├Ąt Jena Theologie und biblische Sprachen studierte.

Um die Merkmale zusammenzufassen, die zu Zinzendorfs Wiederbelebung von messianischen Gemeinden im 18. Jahrhundert beitrugen, kann man sagen, dass er eine anhaltende Vision f├╝r die Wiederherstellung Israels und f├╝r seine ÔÇ×Erstlingsfr├╝chteÔÇť hatte sowie internationalen Einfluss und die Unterst├╝tzung seiner Glaubensgemeinschaft darin, messianische j├╝dische Gemeinschaften zu gr├╝nden; materielle Ressourcen, die er nutzte, um messianische Juden sowie die weitere j├╝dische Gemeinschaft zu segnen, eine Hochachtung f├╝r j├╝dische Menschen, eine Haltung des Widerstands gegen christlichen Antisemitismus, ein durch Liebe und Respekt gekennzeichnetes Zeugnis unter Juden, eine Hingabe an das Gebet f├╝r Israel, ein ├Âkumenisches Herz und Engagement im Heranziehen messianischer Leiter.

www.beitsarshalom.org

Quelle (mit Literaturangaben): Dr. David Rudolph, ÔÇťCount Zinzendorf, Pastor Jack and Messianic Jewish RevivalÔÇť in ÔÇ×The Pastor & The Kingdom, Essays Honoring Jack W. HayfordÔÇŁ, von Jon Huntzinger und S. David Moore, Gateway Academic & TKU Press, 2017, S. 92-99. Leicht gek├╝rzt.┬á

├ťbersetzung: J. P. Darby.

 

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Dieser Beitrag wurde erstellt am Freitag 26. Juni 2020 um 16:31 und abgelegt unter Kirchengeschichte.