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Passionsandacht über Jesu Leidensvollendung: „Mich dürstet!“ (Joh. 19,28)

Freitag 27. März 2020 von Thomas Karker


Thomas Karker

Danach, da Jesus wusste, dass schon alles vollbracht war, auf dass die Schrift erfüllt würde, spricht er: „Mich dürstet!“ (Joh. 19,28)

Ich weiß nicht, ob Sie jemals von der Passionsgeschichte des Sokrates gehört haben. Platon berichtet von dem Sterben des Sokrates. Es ist tief beeindruckend, wie Sokrates in seiner Verteidigungsrede vor Gericht, so wie Platon sie aufschreibt, seinen Richtern tiefe, erbauliche Gedanken über die Harmlosigkeit des Sterbens vorträgt: dass er sich gar nicht davor fürchte, sondern ganz im Gegenteil: dass sie ihm mit der Hinrichtung sozusagen ein Geschenk machten. Und da er als ein Gerechter ungerecht hingerichtet würde, wäre es doppelt großartig für ihn. Am Tag vor seiner Hinrichtung, ehe er den Schierlingsbecher, den Giftbecher trinken muss, kommt vor Tag sein Freund Kriton ins Gefängnis und bietet Sokrates die Möglichkeit der Flucht an. Freunde haben genug Geld dafür zusammengebracht. Das Schiff aus Delos legt an, das Signal dafür, dass Sokrates am nächsten Tag sterben muss. In letzter Stunde also erhält er die Möglichkeit zur Flucht.

In überlegener Majestät und Ruhe, nicht angefochten von dem Ausblick aufs Sterben, versteht der Weise noch nicht einmal, warum seine Freunde um seinetwillen leiden und ihm unterstellen, er könnte anders als ruhig, überlegen und gelassen in den Tod gehen. Wenn man das gelesen hat, ist man tief ergriffen und beschämt. So großartig starb Sokrates – und wie kümmerlich starb Jesu! Wie kümmerlich!

Ich kann mir vorstellen, dass der Apostel Johannes, mit Wonne solche großartigen, majestätischen Dinge aus der Leidensgeschichte Jesu berichtet hätte. Aber nun muss er, ausgerechnet er, das Schrecklichste und Erniedrigendste berichten, nämlich dies, dass bei Jesus alles, was er getan und gelebt hat, zum Schluss zusammenschrumpft auf den einen Schrei: Durst!

Hermann Bezzel, sagt zu diesem Vers: „Das Wort der Wahrheit ist auch im Sterben echt.“ Das spüren wir hier in unserem Textwort. Und deshalb mutet uns die Bibel diese tiefe Not zu, die Jesus dort erleidet. Diese Echtheit, diese Wahrheit seines Wortes erscheint mir schrecklich und hilfreich zugleich.

So wie die drei ersten Worte des Herrn vom Kreuz in einem unverkennbaren Zusammenhang stehen, so kann man es auch von den drei letzten behaupten; nur das vierte steht einsam in der Mitte wie auf einem Gipfel. In den drei ersten scheint es, wie wenn sich der Herr von allen Menschen los machte, um frei von allen in die große schwere Arbeit seiner gottverlassenen Finsternis hineinzugehen. Bei den drei letzten im Gegenteil ist es, wie wenn er mit der Hauptsache seiner Leiden bis auf die Erfahrung seines zeitlichen Todes fertig wäre und nun nur noch dafür sorgte, seinen Ausgang aus der Zeit öffentlich zu machen. Dass bange schwere Gefühl, welches man bei dem mittleren Worte Jesu erfahren hat, ist nun eigentlich vorüber. Johannes erwähnt ausdrücklich vor dem fünften Wort, dass der Herr gewusst habe, dass nun alles vollendet sei. Im fünften Worte scheint der Herr für Seine leibliche Erquickung zu sorgen, um im sechsten der Welt das volle Gelingen seiner Arbeit anzukündigen, und dann im siebenten die letzte große Tat und Erfahrung des leiblichen Todes hinzunehmen. So lasst uns jetzt das fünfte Wort Jesu Christi genauer betrachten.

Weithin ist es Gewohnheit, die Texte der heiligen Schrift geistlich auszulegen. Dies erstreckt sich auch auf Worte, die an und für sich ganz klar und verständlich, der geistlichen Deutung nicht zu bedürfen scheinen.

So hat man denn bei dem fünften Wortes Christi vom Kreuz die Frage aufgeworfen: Von was für einem Durste redet der Herr in diesem Texte? Obwohl ihm auf sein Wort „mich dürstet“ der Trank gereicht wird und er denselben nicht verschmäht. So könnte man also ganz einfach antworten: Der Herr redet von Seinem leiblichen Durst. So kann man doch oft lesen und hören, er rede, wenn auch von einem leiblichen Durste, doch nicht allein von diesem, sondern von ihm, als einem Bilde seines vorhandenen größeren Durstes nach unserer Seelen Rettung.

Es wird niemand daran gehindert, den Durst auch geistlich zu deuten; aber war diese Deutung wirklich am Kreuze diejenige, welche die Seele des Herrn bewegte? Hat Er wirklich die Absicht gehabt, durch die Worte „mich dürstet“ sein Verlangen nach unsern Seelen kund zu geben? Wollte er damit geistliche Deutungen veranlassen, oder wollte Er Labung für seine brennende Zunge? War ihm in seiner schweren Not am Kreuze sein leiblicher Durst etwa auch zu gering, um ihm eine Äußerung zu geben?

Dies möchte ich doch verneinen, und mich, zum einfachen Wortsinn bekennen und euch deswegen heute den leiblichen Durst Jesu am Kreuz verdeutlichen.

1. Jesu Leidensvollendung.

1.1 Warum Jesus an Seele und Leib leiden musste.

Es ist ja doch wahrlich der ganzen Schrift abzumerken, dass in dem Tode der Kreuzigung nicht bloß eine besonders schändliche Art der Hinrichtung, sondern auch eine besonders schmerzensreiche dargestellt werden soll. Auch ist jedem klar, was das für ein unaussprechlicher Jammer sein muss, an einem Kreuz angeheftet zu sein, und mit brennenden, reißenden Wunden nicht zu liegen, nicht zu stehen, nicht zu sitzen, sondern eben zu hängen, und dass so bei zunehmender Schwere des Todesleibes aller Jammer auch immer schrecklicher erlebt wird.

Dazu sollte man bedenken, dass ja Christus kein gewöhnlicher Gekreuzigter ist, dass seine Person, seine Leiblichkeit, wie man sie annehmen muss, sein sündloses Wesen eine tiefere Leidensfähigkeit hervorbringt, dass schon bei dem Kampf im Garten eine leibliche Anstrengung, eine Ermattung und eine Ermüdung stattgefunden haben muss, welche mit einem ganzen Leben der Schmerzen eines gewöhnlichen Menschen nicht verglichen werden kann. Geschweige denn, wenn wir die Leiden vor dem geistlichen und weltlichen Gericht bedenken, angesichts der barbarischen Geißelung, nichts von der grausamen, Leib und Seele des Gekreuzigten angreifenden Not der Gottverlassenheit!

Von einem gekreuzigten Sklaven bei Damaskus wird erzählt, dass das ganze versammelte Volk beim Anblick seiner Leiden, besonders aber seines lechzenden furchtbaren Durstes vor Mitleid in Jammertränen ausgebrochen sei; was wollen wir denn von unserem Erlöser am Kreuze sagen, von seinen Schmerzen und von seinem Durste! Der Blutverlust, das Fieber seiner Wunden, die Vermehrung aller Schmerzen durch die unaussprechliche Angst und Not der Seelenleiden, die Länge der Zeit und die Schwere seiner Leiden müssen ihm, wie jenem Sklaven bei Damaskus, einen brennenden Durst erregt haben, einen Durst, den man wohl mit vollem Recht den Gipfel aller seiner leiblichen Leiden nennen kann. Weit entfernt also, dass wir das Wort „mich dürstet“ für unbedeutender oder geringer als eines der andern ansehen dürften, stellen wir es im Gegenteil dem großen Worte: „Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen,“ zur Seite, und schließen aus allem, was wir aus Schrift, Erfahrung und Überlegung wissen, dass es ebenso den Höhenpunkt aller leiblichen Leiden JEsu bezeichne, wie das vierte Wort den Höhenpunkt aller inneren, geistlichen Leiden.

Wir denken dabei an die Worte des zweiundzwanzigsten Psalms, Vers 15, 16, 18: „Ich bin ausgeschüttet wie Wasser, alle meine Gebeine haben sich zertrennet, mein Herz ist in meinem Leibe wie zerschmolzen Wachs; meine Kräfte sind vertrocknet wie ein Scherben, meine Zunge klebt an meinem Gaumen, ich möchte alle meine Gebeine zählen“ – Worte ohne Zweifel, die ebenso sehr dazu dienen können, die schweren Leiden Jesu Christi als deren austrocknende, dursterregende Kraft darzutun.

Wahrlich, ich weiß nicht, welches Wort vom Kreuze mich so sehr zum Mitgefühle reizen könnte, als gerade dieses. Es spricht ganz unmittelbar an mein menschliches Gefühl, erinnert und ermahnt mich, dass mein Herr und Gott um meinetwillen sich es nicht hat nehmen lassen, zu allen seinen Schmerzen auch noch die tiefe leibliche Armut und Verlassenheit eines brennenden, tödlichen Durstes zu erfahren.

1.2 Die Notwendigkeit des Leidenshöhepunktes an seinem Leib.

Der Herr hat am Leibe gelitten. Wer würde dies nicht erkennen? Was aber in seinem Leben vorgekommen ist, das muss auch eine heilige Absicht gehabt haben: absichtslos sind also die leiblichen Leiden Jesu Christi nicht. Wie könnte das auch sein, da die Menschwerdung seine Leiblichkeit in sich schließt, der Leib überhaupt in der heiligen Schrift so hoch geachtet wird und eine Bestimmung für die Ewigkeit hat.

So war daher der Herr Mensch geworden, und ein wahrer Mensch gewesen und somit hat auch sein Leib und sein leibliches Leiden am Werke der Erlösung Anteil. Er würde den Leib nicht angenommen haben, wenn Er ihn nicht hätte zu Seinen Erlösungsgeschäften ebenso brauchen müssen, wie wir unsern Leib zu unsern Lebensgeschäften benötigen.

Der Herr ist unser umfassender Erlöser. Hat Er etwa bloß unsere Seele erlöst und nicht auch unsern Leib? Soll etwa nur unsere Seele von aller Sünde und deren Folgen zum ewiges Leben befreit werden, dabei noch in einem Leibe wohnen, der nicht erlöst wäre, sondern alle Folgen der Sünden noch an sich trüge? Das ist undenkbar? Wenn Er aber unseren Leib wie unsere Seele erlösen muss, kann es dann ohne Leiden am Leib abgehen? Sein Leiden ist doch stellvertretend: um aber leidend die Stelle der Sünder zu vertreten, muss doch auch Sein Leib von Plagen ergriffen werden. Er vertritt ja auch alle diejenigen, die mit ihrem Leibe gesündigt haben, und alles unter dem Fluch Gottes steht. Büßt Jesu heilige Seele die Sünden unserer Seele, so muss auch Sein Leib durch seine Leiden unsere Leiber von unserem Sündenleben büßen und bezahlen. Ein Leib, der nicht versöhnt ist, kann weder die Strafen der Ewigkeit vermeiden, noch kann er in die ewige Herrlichkeit Gottes eingehen. Alles, was in dem ewigen Reiche Gottes leben wird, muss vor allen Dingen versöhnt werden.

Die Versöhnung geschieht durch Opfer. Jesus Christus ist unser ewiges Opfer, mit seinem einzigen Opfer hat er in Ewigkeit alle vollendet, die geheiligt werden. Was hat Er aber geopfert? Sich selbst, antwortet uns die Schrift. Ist aber das der Fall, so kann doch beim Opfer sein Leib nicht fehlen. Denn seine göttliche Natur hat ja eine vollkommene Menschheit, also Leib und Seele an sich genommen. So hat er also auch Leib und Seele geopfert. Geopfert aber heißt nichts anderes, als in den schmerzensreichen Tod gegeben. So können wir es auch zweifellos annehmen, dass den Herrn an Leiden nichts getroffen haben würde, wenn es nicht notwendig gewesen wäre. Deswegen musste er gerade so und nicht anders leiden, damit wir an Leib und Seele erlöst würden.

1.3 Der Sinn des Leidenshöhepunktes an seinem Leibe.

Jetzt lasst uns zu dem heißen Durste des sterbenden Jesus gehen. So müssen wir sagen, dass dieser heiße Durst ihm besonders zugemessen sein musste. Wir erkennen hierin die höchste Höhe Seiner leiblichen Strafen und körperlichen Versöhnungsarbeit. Ist irgend etwas geeignet, ein Bild von allem Verlangen und aller Begierde der Seele zu sein, so ist es der Durst. Dieses Gefühl von unaussprechlicher Entbehrung und von unnennbarem Verlangen. Unsere Begierden sind zahlreich; wir sind so geschaffen, dass wir vieles nicht lassen können; durch den Sündenfall, hat unsere Begierde eine andere Richtung genommen. Unser Körper ist nirgendswo mit der Seele so innig vereint, als in unseren Begierden. Unser ganzer Körper ist von dem Verlangen der Seele bewegt, Begierde und Verlangen sind somit aufeinander bezogen.

Nun zeigt sich, dass das Verlangen unsere Begierden zu befriedigen uns anhängt und nach Befriedigung strebt. Alles Leben mündet bald in den Durst zeitlicher Lust und zeitlichen Vergnügens, und dann zu einem endlose Register leiblicher Sünden. Aus der Erfahrung ist bekannt, dass das ganze Heer der Jugendsünden seinen Mittelpunkt in der fleischlichen Lust hat, und das gleiche können wir von den Sünden der älteren Tage behaupten, wenn sich da auch alles etwas anders formen und gestalten. Daran lasst uns denken bei dem Worte Jesu: Mich dürstet.

Wird Jesus etwas von dem Mangel auferlegt, so geschieht es nicht, weil er es so verdiente, sondern er trinkt unseren Trank und leidet unsere Not. Sein heißer Durst am Kreuze, den er öffentlich bekennen, ja ein wenig stillen muss, um vollenden zu können, ist daher, wie wir aus dem allgemeinen Gedanken der Stellvertretung schließen müssen, nichts anderes, als die Büßung und Versöhnung aller unserer unlauteren Begierden und bösen Lust, der wir von Anfang unseres Lebens an unterworfen gewesen sind, und eben dadurch am allermeisten das Bild des lebendigen Gottes, welches uns anhängt, entwürdigt haben.

Innerlich ertrug er den „Zorn Gottes, der brennt wie Feuer“ als Gericht über die Sünde, die auf ihm lag, und äußerlich, körperlich zugleich das dürstende Verschmachten; warum? weil beides zusammen in dem Gericht Gottes über die Sünde beschlossen war.

Die reine Seele und der vollkommen reine Leib Jesu, der am Kreuze hängt, muss alle Not eines heftigen tödlichen Durstes empfinden, damit die Schuld derjenigen, die von einem unreinen Lustgefühl nach dem andern hin und her getrieben werden, gebüßt und es möglich werde, nicht nur die Seele, sondern auch den Leib zu reinigen, damit durch die geistliche wie leibliche Sühnung der geistliche und der leibliche Tod überwunden wird.

So helfe euch nun der Herr, das Wort „mich dürstet“ richtig zu fassen, damit wir gewappnet sind gegen die Anfechtungen und er euch durch Seine Kräfte den Grund eurer innern Begier reinigen, eure Seele und euren Leib in wahre Heiligung einführen.

2. Jesu Lebensvollendung.

Wir wollen aber dieses fünften Wortes noch in der Hinsicht betrachten, wie Jesus besonders durch das Leiden am Kreuz vollendet wurde:

2.1 Jesu Lebensvollendung im Gehorsam.

Dieser Ruf „Mich dürstet!” hat eine sehr merkwürdige Einleitung: „Danach, da Jesus wusste, dass schon alles vollbracht war, spricht er, auf dass die Schrift erfüllt würde…” Eine merkwürdige Einführung dieses Schreis der Hilflosigkeit! Hier wird deutlich: Jeder Schritt der Passion Jesu ist ein Stück Erfüllung einer alttestamentlichen Prophetie. Jesus vollzieht das ganz bewusst.

Seine Jünger haben das nicht kapiert. Sie haben immer wieder Hinweise dieser Art erhalten, aber sie begreifen es nicht. Doch Jesus vollzieht es ganz bewusst.

So muss noch die äußerste, die elendste Hilflosigkeit in diesem Leiden und Sterben alles auf eine überwältigende Genauigkeit nach dem Plan und Willen Gottes geschehen. In Psalm 22 steht das Kreuzeswort Jesu: „Mein Gott, warum hast du mich verlassen?” Als Jesus sieht, dass sein Erlösungswerk geschafft ist, da erfüllt er – so hört sich das hier an – auch ganz bewusst noch die Ankündigung dieser letzten Hilflosigkeit des Verdurstens. Im selben Psalm heißt es: „Meine Zunge klebt mir am Gaumen, du legst mich in des Todes Staub.“ Mit seinem Schrei „Mich dürstet!“ gibt Jesus das letzte Signal der Erfüllung.

Hat doch der Geist Gottes schon tausend Jahre vorher gerade diesen Teil des Messiasleidens so ergreifend geweissagt: „Ich bin ausgeschüttet wie Wasser, alle meine Gebeine haben sich zertrennt, mein Herz ist in meinem Leibe wie geschmolzenes Wachs. Meine Kräfte sind vertrocknet wie eine Scherbe, und meine Zunge klebt an meinem Gaumen, und du legest mich in des Todes Staub.“ „Sie geben mir Galle zu essen und Essig zu trinken in meinem großen Durst.“ Und so müssen wir auch hier wieder erkennen, wie tief das Leiden war, das der Herr freiwillig und in heiligem Gehorsam gegen den gerechten Vater auf sich nahm.

Wer die Passionsgeschichte studiert, der wird merken: Hier ist nicht nur Erleiden, hier ist jeder Schritt im Leiden ein aktiver Schritt Jesu. Das ist so paradox, das ist so widersinnig. Die letzte, elendste Hilflosigkeit und zugleich die stärkste Aktion des Gekreuzigten. Menschwerdung war es, als er unser Fleisch annahm, Erniedrigung war es, als er da einzog, wo die Sünde wohnte. Aber größer scheint mir noch die Erniedrigung am Kreuz, wenn sich das ewige Gotteswort in den Buchstaben hineinzwängt, in die Knechtung durch gottlose Menschen.

Hier war ihm der Kelch gegeben, und er hat ihn ohne Murren bis auf den Grund geleert, die Aufgabe die ihm gestellt war hat er ohne Klagen und Zögern vollbracht. Darin sehen wir Jesu Herrlichkeit, dass er nicht drohte, da er litt, und nicht murrte, da der Vater so hart und bitter zu ihm war, sondern von Herzen gehorchte, so dass der Vater in die Worte ausbricht: „Siehe, das ist mein Knecht – ich erhalte ihn – und mein Auserwählter, an welchem meine Seele Wohlgefallen hat.“

Dieser freudige Gehorsam, dem die Aufgabe deswegen so groß ist, weil er sich hier im schlichten Gehorsam übte, und dadurch die Welt und die Pforten der Hölle überwindet. Wir Leidensscheuen, die wir bei dem kleinsten Kreuz murren, weil wir ein leichteres wählen wollten; wir Armen, die wir bei der geringsten Zurücksetzung trauern, weil wir unseren Wert so betonen; sehet hier die Herrlichkeit unseres Gottes, er gehorchte ohne zu klagen.

Jesu Herrlichkeit ist nicht der Gehorsam an sich, moralinsauer, mit zerknirschten Zähnen, sondern der Gehorsam, der aus vollem Ja, aus dem Herzensgrund mit ganzem Willen kommt. Jesus kannte nicht den fadenscheinigen Unterschied zwischen dem Buchstaben der Schrift und dem Geist. Jesus, der allezeit gehorsam war, stellte sich unter die Armseligkeit des Menschenwortes, weil es eben Gottes Wort verkündigte. Dieser Gehorsam behält den Sieg.

Und so hat der Herr Jesus in ungebeugtem Gehorsam ohne Widerspruch und Zweifel, ohne Zorn und Bitterkeit, ohne das klägliche und sträfliche Selbstmitleid die Schrift erfüllt. Das ist meines Jesu Gehorsam, der uns trösten soll, wenn wir an der Schrift mäkeln, dass er, der heilige, vollendete Gottessohn, sich auch in den Buchstaben hinabgab, damit alles erfüllt werde. Und wir bitten den Herrn: „In dieser letzt’ betrübten Zeit verleih uns, Herr, Beständigkeit, dass wir dein Wort und Sakrament rein b’halten bis an unser End’!“

Er hätte ja immer wieder, wie es gewiss die andern Gekreuzigten gemacht haben, um einen Schluck Wasser bitten können, und der Hauptmann unter dem Kreuze hätte das gewiss gewährt. Doch er wollte nicht. Wie er am Anfang den betäubenden Trank verschmäht hatte, um das Leiden mit vollem Bewusstsein und Gefühl zu tragen, so verschwieg er sein Dürsten, sein Schmachten, – bis er wusste, dass alles vollbracht war. Wer aber ahnt die beständige furchtbare Versuchung, die dieses Dürsten und Schmachten für ihn war! Diese Probe, unter solchen Umständen, hätte gewiss niemand, kein Mensch und kein Engel bestanden. So steht der Herr hier in unbegreiflicher Erhabenheit mit seinem Gehorsam, mit seinem heiligen Willen vor uns. Denn dieses lange Schmachten ohne Linderung war Gottes Wille, ein Teil der Sühne, und daher von Seiten des Herrn vollendeter Gehorsam.

2.2 Jesu Lebensvollendung in der Demut.

Der Ärmste unter den Menschenkindern rief: „Mich dürstet.“ Hat er sich nicht geschämt, so etwas Banales, Kleinliches zu klagen? Lasst uns seine Demut anschauen, über die er selbst spricht: „Ich bin sanftmütig und von Herzen demütig“ (Matth. 11,29). Jesu Demut zeigt sich hier, dass er nicht eine einzelne Seele aufruft, um ihm zu helfen, am allerwenigsten die Seelen, die er sich verpflichtet weiß. So demütig ist er, dass er nicht an dich und mich, die wir ihm vieles versprochen und nichts gehalten haben, sich wendet, sondern dass er in die Welt hinausruft, in die Welt, die ihn gekreuzigt hat; „Mich dürstet.“

Er gönnt seinen Peinigern den Triumph dieses Bekenntnisses, er gesteht vor seinen Mördern, dass ihr Todesstahl ihn getroffen und die von ihnen erregte Todesqual ihn belastet hat, er sagt es in der Demut seiner ganzen Echtheit: Ja, ihr habt mich verwundet bis zum Tod und habt mich geschlagen bis aufs Blut, denn: „Mich dürstet.“ Als er sah, dass schon alles vollbracht war, „damit die Schrift erfüllet würde“, zogen durch sein heiliges Gedächtnis die Psalmworte, die wohl 1000 Jahre vorher sein königlicher Ahne gebetet hat, all die Worte von dem Hirsch, der nach frischem Wasser seufzt, von all den Ausgestoßenen, von all den Verlassenen und Verirrten, die da umher gingen, hungrig und durstig, und ihre Seele verschmachtete und wussten nicht, wo sie bleiben sollten.

Das ist die Demut unseres Herrn Jesus Christus, dass er sich von niemand dienen lassen will, der sich nicht selbst erbietet, und dass er auch die schmachvollsten Worte bittersten Leides in sich aufnimmt. Vielleicht ahnen wir, was in dieser Stunde ihn bewegte: seine völlige Hilflosigkeit, seine Abhängigkeit, seine unsägliche Ohnmacht, seine rettungslose Lage. Und aus ihr heraus ruft er: „Mich dürstet.“ Er sagt nicht: gebt mir zu trinken! Er bittet nicht mehr, denn wie kann der von der Welt bitten, der für sie betet, und von der Welt etwas erwarten, von dem die Welt ihr höchstes Heil sich verspricht und ersehnt. Er will nichts mehr, als dass die Welt seine Armut erkenne, er begehrt nichts mehr, als dass der Vater im Himmel merke, wie nun der Leidenskelch bis zur Hefe geleert wird, und es soll der Versucher wissen, wie arm er ist. Demut Christi!

Als er das Wort: „Mich dürstet“ in diese Weit hineingerufen hat, da kam unter dem Spott seiner Feinde und unter dem Gelächter seiner Verfolger einer und der andere heran und reichten ihm den Isopstengel und den Schwamm mit dem Essigtrank, und er hat ihn genommen. Welch eine Demut, welch eine Demut – der Herr lässt sich von seinen Feinden erquicken!

Wir nehmen keinen Gruß von dem, der uns beleidigt hat, und halten es für ehrenhaft, wegzusehen, wenn unser Gegner sich zu uns gesellt; und die erwartende Liebe, die von dem, der uns betrübt hat, sich etwas geben lässt, ist uns sehr fremd. Aber er, der der Welt Sünde trägt, lässt von der Welt, die ihn erwürgt hat, sich laben. Das Lamm Gottes ohne Schuld, das da Heimat, Heimatfrieden, Vaterliebe, Heimatglück, Lebenskraft und alles einer undankbaren, feindlichen, gegensätzlichen Welt opferte, das Lamm Gottes lässt von seinen Feinden sich erquicken. Sieh’, du warst auch dabei, und ich fehlte auch nicht, da man den Mann der Schmerzen mit Essig labte, auch wir haben ihm auf sein schweres, bitteres Flehen ein wenig gedient, freilich ärmlich genug. Und als ob er der Welt sagen wollte, es ist alles vergeben und vergessen, erlassen und verziehen, lässt er von ihr sich laben und von dir und mir.

Und dass er von seinen Feinden etwas annimmt, das wollen wir ihm unser Leben lang danken.. Wer bin ich, dass du mich dein Wort noch verkündigen lässt, von unreinen Lippen deinen Namen noch in die Welt tragen lässt! Was ist diese Gemeinde, dass du noch von ihr Dienst und Handreichung nicht nur annimmst, sondern forderst, dass du jede einzelne Seele, vom ärmsten Kinde bis zum Größten, aufforderst und angehst: Ich bedarf deiner!

O Herr Jesu, den sie mit Essig und Galle labten, und dem der Isopstengel wahrlich nicht umsonst die Erinnerung an ein Psalmgebet ins Herz legte: „Entsündige uns mit Ysop, dass wir rein werden, wasche uns, dass wir schneeweiß werden!“ Gib der Gemeinde den Gehorsam auch gegen den Buchstaben und die Demut auch im Geringsten und schenke ihr die Liebe, die sich geben lässt, um ewig dein zu sein! Amen

Prädikant Thomas Karker, St. Markus Gemeinde, 19.3.2020

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Dieser Beitrag wurde erstellt am Freitag 27. März 2020 um 13:29 und abgelegt unter Predigten / Andachten.