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Was ist Wahrheit? – die Frage des Pilatus

Freitag 10. August 2018 von Pastor Dr. Carsten Rentzing, Bischof a.D.


Pastor Dr. Carsten Rentzing, Bischof a.D.

Unser Thema lautet „Was ist Wahrheit? – die Frage des Pilatus“. Es ist ja so, als wĂ€re man in der absoluten Gegenwart angekommen, wenn man auf diese Frage blickt. Die Frage nach dem, was Wahrheit ist, ist mehr als aktuell und wird stĂ€ndig innerhalb und außerhalb der Kirche wieder mit Eindringlichkeit gestellt. NatĂŒrlich ist da auch eine bestimmte Absicht dahinter, die mal so, mal so ausschaut.

Vorbemerkungen

Vor einiger Zeit wurde ich Zeuge einer Debatte zwischen zwei Philosophen. Die beiden diskutierten ĂŒber die Grundfragen der gegenwĂ€rtigen Philosophie. Bemerkenswerterweise kamen sie dabei auch auf den Bereich des Glaubens zu sprechen. Einer der beiden gab sich als Christ zu erkennen. „Jesus Christus ist der Sohn Gottes“, so sagte er. Daraufhin entgegnete sein GegenĂŒber: „Halt, fĂŒr Sie ist Jesus Christus der Sohn Gottes.“ – „Nein“, so antwortete der erste, „entweder ist Jesus der Sohn Gottes, oder er ist es nicht. Wenn er es aber ist, dann ist er es auch fĂŒr Sie!“ Kurz und knapp ist in dieser Begebenheit eine Auseinandersetzung auf den Punkt gebracht, die nicht neu ist, die aber in den philosophischen Denkrichtungen des sogenannten Konstruktivismus einerseits und des Realismus andererseits ganz aktuell wieder aufeinanderprallt.

Eigentlich handelt es sich dabei um eine Auseinandersetzung ĂŒber Erkenntnistheorie. Es steht die Frage im Hintergrund, wie der Mensch die Welt, die Wirklichkeit und auch das, was man Wahrheit nennt, wahrnimmt, und ob er es ĂŒberhaupt wahrnehmen kann. FĂŒr den Konstruktivismus setzt sich jedes Individuum dieser Welt, also du und ich, diese Welt gewissermaßen selbst zusammen. Es gibt also gar nicht die Welt an und fĂŒr sich, sondern es gibt deine Welt, es gibt meine Welt, es gibt hier in diesem Raum gerade Hundert Welten, und jede sieht anders aus. Die Welt, in der der Konstruktivist lebt, ist seine eigene. In der radikalsten Ausformung des Konstruktivismus bleibt diese je eigene Welt unerreichbar fĂŒr den Anderen oder auch fĂŒr das Andere. Kulturelle Erfahrungen mit ĂŒberindividuellem Anspruch werden ebenso abgelehnt wie ĂŒberhaupt jeder allgemeine Wahrheitsanspruch. Das ist allerdings nur eine radikale Form des Konstruktivismus‘, auch das ist nicht in reine Schubladen zu packen. Aber es gibt diese Form, und die ist sehr durchsetzungsstark. Es gibt ĂŒberhaupt keine allgemeinen WahrheitsansprĂŒche.

NatĂŒrlich kommt so ein Ansatz unserem derzeitigen subjektivistischen LebensgefĂŒhl durchaus entgegen. So ein Ansatz hat auch ganz praktische Konsequenzen in verschiedene Lebensbereiche hinein, zum Beispiel in den Bereich der PĂ€dagogik hinein, was an den Schulen unmittelbare Auswirkungen hat. Nicht der Erwerb von Wissen, nicht die Weitergabe von Erfahrungen und selbst erkannten Wahrheiten steht dort im Zentrum des pĂ€dagogischen Geschehens, sondern die Ausbildung von Kompetenzen, die man braucht, um sein eigenes Weltbild fĂŒr sich selbst basteln zu können. Ein leitender Mitarbeiter einer Bildungseinrichtung der sĂ€chsischen Landeskirche sagte: „Unsere Generation droht die erste Generation zu werden, die an die Nachgeborenen nicht mehr weitergeben will, was sie selbst erkannt und erfahren hat.“ Und er beklagte dies.

Es stellt sich die Frage, ob es gelingen kann, diesen Faden der Kritik weiterzuspinnen. ZunĂ€chst handelt es sich bei der Frage nach Konstruktivismus und Realismus um eine Frage der Erkenntnistheorie. Wie erkenne ich diese Welt und das, was sie im Innersten zusammenhĂ€lt? Es kann kaum bestritten werden, dass es dabei bei uns allen so etwas wie konstruktivistische AnsĂ€tze der Erkenntnis und Weltwahrnehmung gibt. Jeder von uns bastelt sich seine Welt ein StĂŒck weit selbst zurecht. Die Frage ist nur, ob das alles sein kann und alles ist, ob das unkorrigiert bleibt, oder korrigierbar ist. Die Debatte der beiden Philosophen zeigt, dass es auf diesem Weg auch zur ideologischen Zuspitzung kommt, die allgemeine Wahrheiten insgesamt in Frage zu stellen vermögen. „FĂŒr dich mag das Wahrheit sein, aber nicht fĂŒr mich!“

Eine Wahrheit, die nach allen Menschen greift, wird nicht nur erkenntnistheoretisch bestritten. Es wird nicht nur gesagt, dass diese Wahrheit nicht allgemeinphilosophisch erkennbar sei. So hat es zum Beispiel der große deutsche AufklĂ€rer Immanuel Kant beschrieben. Sondern es wird ĂŒberhaupt die Existenz und die WirkmĂ€chtigkeit einer solchen Wahrheit verneint. So einen Satz hĂ€tte Kant nie aufgestellt. Wenn man aber die Existenz und WirkmĂ€chtigkeit einer solchen Wahrheit verneint, dann ist das etwas völlig anderes, als Anfragen an die Erkennbarkeit dieser Wahrheit zu richten.

Neu ist dieses Problem nicht. Es wurde schon von den griechischen Philosophen der Antike aufgeworfen. Auch die Frage des Pilatus entstammt geschichtlich dem Bereich der Antike und zeigt uns, dass viele Fragen, die uns heute so modern und so gegenwĂ€rtig bedrĂ€ngend erscheinen, die Menschheitsgeschichte insgesamt prĂ€gen und verfolgen. Im Neuen Testament wird Pontius Pilatus zum großen BĂŒrgen dieser Frage „Was ist Wahrheit?“. Nicht die Bestreitung der Wahrheit selbst ist dabei sein Problem, sondern die Möglichkeit der Menschen, diese Wahrheit entdecken und erkennen zu können. Es gibt nichts Neues unter der Sonne, möchte man sagen.

Was ist Wahrheit? Das philosophische und biblische Wahrheitsmodell

Ziemlich am Anfang der philosophischen Frage nach der Wahrheit steht das sogenannte Lehrgedicht des Parmenides aus dem 6. Jahrhundert vor Christus. Parmenides schildert darin, wie er auf einem von Stuten gezogenen Wagen und von SonnenmĂ€dchen geleitet zum Licht fĂ€hrt. Er kommt an ein Tor, zu dem die Göttin Dike die SchlĂŒssel verwahrt. Die MĂ€dchen ĂŒberreden Dike, das Tor zu öffnen. Parmenides fĂ€hrt hindurch und wird von der Göttin empfangen, die ihm die Wahrheit verkĂŒndet.

Welche Wahrheit? Die Wahrheit, dass Sein und Nichtsein unmöglich ist, dass Denken und Sein dasselbe ist, dass das Sein ungeworden ist und unvergĂ€nglich unbewegt, ein unteilbares Eines, das nicht irgendwann einmal war und irgendwann einmal sein wird, sondern jetzt ist. Ein zusammenhĂ€ngendes Ganzes und Eines. Dieses Sein ohne Anfang und Ende liegt in den Fesseln der Dike, die Werden und Vergehen von ihm fernhĂ€lt und seine es rings umschließende Grenze bildet. Durch die mĂ€chtigen Bande der Göttin ist das Sein nach allen Seiten vollendet. Es ist eine Masse, einer wohlgerundeten Kugel vergleichbar. Der Wahrheit stellt Parmenides dann die irrige Meinung der Sterblichen gegenĂŒber, die auf das tĂ€uschende Zeugnis der Sinne gegrĂŒndet ist, dass es Werden und Vergehen gĂ€be, Sein und Nichtsein, den Ort Ă€ndern, die leuchtende Farbe wechseln, und dass das alles Wahrheiten wĂ€ren.

Wenn wir uns einmal von der heidnischen Mythologie lösen, in die dieses Lehrgedicht im 6. Jahrhundert vor Christus natĂŒrlich gekleidet ist, dann erfahren wir einiges ĂŒber den Wahrheitsbegriff, der ĂŒber viele Jahrhunderte hinweg wirkmĂ€chtig geworden ist und uns bis zum heutigen Tage beschĂ€ftigt. Wahrheit, so heißt es da, ist stetig und nicht verĂ€nderlich. Da können Sie sich durch den Kopf gehen lassen, was das fĂŒr die Wahrheitsdebatte unserer Tage bedeutet. Stetig nicht verĂ€nderlich – nicht den kulturellen Befindlichkeiten untergeordnet, nicht dem Werden und Vergehen, sondern von dem Lauf der Zeit unabhĂ€ngig. Wahrheit ist absolut und nicht relativ. Wahrheit wird offenbart und nicht durch irgendwelche instrumentellen Kompetenzen erworben. Diese Sicht auf die Wahrheit hat nicht nur die Philosophie, sondern auch die christliche Theologie maßgeblich geprĂ€gt. Ihre Rudimente wirken bis heute, so sehr sie in unseren Tagen auch angefochten sind.

Ein Problem, das von Anfang an mit dieser Wahrheitsauffassung verbunden war, ist ihre Statik. Die Wahrheit erscheint weit weg von uns. Parmenides muss sich mit diesem Himmelswagen auf den Weg machen, fast schon wie Elia. Die Wahrheit erscheint weit weg von uns, weit entfernt von unserem Leben und den Erfahrungen, die wir darin sammeln. In ihrer schlechtesten Variante wird sie zur abstrakten Behauptung. Es ist diese offene Flanke, gegen die noch der Konstruktivismus unserer Tage in Stellung geht. „Ihr behauptet doch nur etwas. Was hat das mit dem Konkreten zu tun. Konkret sieht es doch ganz anders aus.“ Die Frage ist, ob es eine biblische Vorstellung von der Wahrheit gibt, die uns hier weiterhilft.

FĂŒr die Heilige Schrift ist die Wahrheit Gottes natĂŒrlich keine statische Kugel jenseits unserer Wirklichkeit, wie Parmenides das beschreibt. Gottes Name ist von Beginn an mit dynamischster Sprengkraft verbunden. Denken Sie an die Offenbarung Mose gegenĂŒber: „Ich werde sein, der ich sein werde“. Ein Ausdruck der Dynamik und Freiheit Gottes, die sich durch nichts und niemanden einschrĂ€nken lĂ€sst und die aber dann auch unberechenbar macht, wer dieser Gott ist und wie er im Konkreten handelt. „Ich werde sein, der ich sein werde“ – so offenbart sich Gott dem Mose. Sein Erscheinen, sein Wirken sind frei, weil Gott frei ist, ĂŒberraschend, unberechenbar. In seiner Dynamik offenbart er sich dem Volk Israel, und diese Offenbarung bleibt keine leere Abstraktion, nicht irgendein theoretischer Gedanke, sondern wird geschichtliche Wirklichkeit und damit auch fĂŒr den Einzelnen Lebenswirklichkeit. Von diesem Gott wird nicht behauptet, dass er Erlöser sei. Er erweist sich beim Auszug aus Ägypten so sehr als Erlöser, dass noch alle nachfolgenden Generationen daran erinnert werden, wie das Volk Israel aus der Knechtschaft Ägyptens befreit wurde. Gott, der Erlöser, ist eine LebensrealitĂ€t, die generationenĂŒbergreifend prĂ€gt. Von Gott wird auch nicht behauptet, dass er Schöpfer sei. Er erweist sich als Schöpfer und Lebensspender ĂŒberall dort, wo neues Leben erwĂ€chst und Leben aus Katastrophen und Gefahren errettet wird. Auch in den dunklen Seiten des Daseins, in Anfechtung, in Kreuz und Tod zeigt sich Gott in seiner Freiheit und WirkmĂ€chtigkeit, der niemand entgehen kann.

In all dem Gott zu sehen und zu erfahren, dass ist das Urerlebnis des Glaubens, dass Gottes Wahrheit in all seiner Dynamik seinen Offenbarungsort in dieser Welt und in diesem Leben hat, verdichtet sich als Tatsache in der Geschichte Jesu Christi, denn in dieser geschichtlichen Person Jesus Christus zeigt sich Gott als der, der er ist. Die Wahrheit wird hier geradezu lebenspraktisch. Wahrheit, wie sie uns im Johannesevangelium begegnet, ist eben eine konkrete Wirklichkeit. Man kann sich von dieser Wirklichkeit abwenden, aber man kann sich ihr nicht entziehen.

„Ich bin ein König der Wahrheit“, so sagt Jesus zu Pilatus. Und er fĂŒgt hinzu: „Wer aus der Wahrheit ist, der hört meine Stimme.“ Hören konnte Pilatus nicht, und doch stand Jesus sehr konkret und sehr real vor ihm. Einer RealitĂ€t, der nicht zu entkommen war. „Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben“, so sagt dieser Jesus. Bereits die Verbindung der drei Worte Weg, Wahrheit und Leben signalisiert den Abstand gegenĂŒber jedem Wahrheitsbegriff, der die Wahrheit immer von unserem Leben fernhĂ€lt. Um das genaue Gegenteil geht es Jesus Christus. Die Wahrheit Jesu und damit die Wahrheit Gottes zeigt sich im Vollzug des Lebens und des Glaubens. Genau hier setzt dann auch die reformatorische Neubesinnung des 16. Jahrhunderts an, Wahrheit und Reformation.

Die Geschichte des Christentums ist nicht gerade frei von abstrakten WahrheitsverstĂ€ndnissen. Es wurden zum Teil ganz schön merkwĂŒrdige Wahrheitsaussagen getroffen. Es wurden große LehrgebĂ€ude errichtet, die manchmal ihren Hang zur Abstraktion nicht ganz verhehlen konnten. Daraus erwuchsen zum Teil abstruse Fragestellungen wie die berĂŒhmt gewordene Frage aus der Zeit der Scholastik, im Hochmittelalter, wie viele Engel auf der Spitze einer Nadel Platz hĂ€tten. DarĂŒber konnten sich Theologen Generationen miteinander streiten. Wahrheit drohte auch hier zur lebenspraktischen „Leerstelle“ zu werden. Es waren die Reformatoren, die die existenzielle Dimension der christlichen Wahrheit nicht erfanden – die hat es natĂŒrlich immer gegeben – aber in ihrer Wucht und brachialen Kraft neu entblĂ€tterten. Wahrheit wird sichtbar und relevant im Vollzug des Glaubens. Wer der Rechtfertigungsbotschaft vertraut, der erfĂ€hrt Christus als seinen Trost und Heiland und ist auch wirklich getröstet.

Martin Luther konnte die Kraft des Glaubens in hohen Worten beschreiben. Einmal sagte er sogar den fast schon gefĂ€hrlichen Satz: „Der Glaube ist der Erschaffer der Gottheit, nicht der Persona, aber in uns.“ Ganz gut lĂ€sst sich darin das reformatorische und wohl auch biblische WahrheitsverstĂ€ndnis ablesen. Die Wahrheit existiert auch ohne das Bewusstsein des Individuums. So wahr eben der König der Wahrheit, Jesus, vor Pilatus erscheint, ganz unabhĂ€ngig davon, ob Pilatus ihn als solchen erkennt. Durch den Glauben aber wird diese Wahrheit heilswirksam in der RealitĂ€t des Einzelnen. FĂŒr den UnglĂ€ubigen wiederum ist die Nichtwahrnehmung dieser RealitĂ€t nichts anderes als das Gericht. Ich weiß sehr wohl, was ich damit sage. Was aber bedeutet diese Einsicht in Zeiten des Pluralismus?

Bibel und Bekenntnis in Zeiten des Pluralismus

In der Geschichte der Kirche wurden Glaubensbekenntnisse formuliert, deren GĂŒltigkeit bis heute festgehalten wird. Vor allem die lutherische Kirche hat auf evangelischer Seite betont, dass sie auf dem Grund der altkirchlichen Grundbekenntnisse und ihrer eigenen Bekenntnisschriften steht, die ja insgesamt nichts anderes sein wollen als die Auslegung der Heiligen Schrift. Diese Glaubensbekenntnisse wĂ€ren völlig missinterpretiert, wenn man sie „im modernen Sinne“ als „dogmatische Wahrheiten“ bezeichnen wĂŒrde. Dogmatische Wahrheit im modernen Sinne beschreibt so etwas wie die Karikatur der Wahrheit des Parmenides, irgendein abstraktes Etwas, tote LehrsĂ€tze ohne Fleisch und Blut. Wer unsere Bekenntnisse so interpretiert und so einfordert, verkennt völlig, dass alle diese kirchlichen Bekenntnisse entstanden sind im Ringen um Worte fĂŒr existenzielle Erfahrungen. Die Rechtfertigung des SĂŒnders aus Gnade im Glauben an Jesus Christus ist ebenso wenig eine leere Abstraktion wie das christologische und das trinitarische Dogma. Alle diese Aussagen sind entstanden aus der Begegnung mit dem dreieinigen Gott. Die Wucht dieser Begegnungen drang in Worte, um festzuhalten, was man selbst erlebt hatte. Wohl war man sich dabei der KlĂ€glichkeit der menschlichen Sprache und DenkfĂ€higkeit bewusst. Ein Geheimnis war man bereit zu akzeptieren, das bleibt immer, denn Gott ist letztlich dann doch grĂ¶ĂŸer als alle unsere Bekenntnisse. In seinen Loci hat Philipp Melanchthon, 1521 bereits, noch einmal daran erinnert, mit Blick auf das trinitarische Dogma, das Dogma der Dreieinigkeit Gottes. Er schreibt den berĂŒhmten Satz: „Die Geheimnisse Gottes soll man lieber anbeten, als sie zu ergrĂŒnden.“

Selbst die Bibel zeigt ihren Charakter als Wort Gottes nicht dadurch, dass dieser Charakter behauptet wird, sondern dadurch, dass er sich in der LektĂŒre und VerkĂŒndigung zeigt und erweist. Da, wo die Heilige Schrift Menschen die Augen öffnet und sie auf eine neue Lebensbasis stellt, da, wo die Heilige Schrift Menschen ĂŒberfĂŒhrt, da, wo sie sie zurechtbringt, da, wo die Heilige Schrift Glauben hervorbringt und stĂ€rkt, ĂŒberall da muss man die AutoritĂ€t der Heiligen Schrift nicht mehr abstrakt verteidigen. Sie selbst erweist sich als das, was sie ist: Das Wort Gottes. Und dass wir alles das, was ich beschrieben habe, bis auf den heutigen Tag erleben, dass wir es hoffentlich auch an uns selbst erlebt haben, das ist fĂŒr mich der Grund, weshalb es fĂŒr mich an dieser AutoritĂ€t auch gar nichts zu rĂŒtteln geben kann.

Nun kennen wir allerdings in der Kirche trotz aller Bekenntnisse pluralistische Strukturen und den Streit der Meinungen. Das ist die Welt, in der wir leben. Das sind die VerhĂ€ltnisse, die wir auch in der Kirche insgesamt und in unseren Gemeinden vorfinden. Wie ist damit umzugehen? Manche pluralistische Theorie auch der Kirche will uns damit beruhigen, dass das richtig und gut und einer modernen Kirche gemĂ€ĂŸ sei. Ich will dem gegenĂŒber hier und heute einen ĂŒberraschenden Kronzeugen aufrufen, der eine solche Sichtweise fĂŒr die Kirche ablehnt. Es handelt sich dabei um den ehemaligen Ratsvorsitzenden der EKD, Wolfgang Huber, der einmal folgendes formuliert hat: „Im Prozess der Modernisierung hatten auch die Kirchen an der Pluralisierung gesellschaftlicher Lebenslagen und Orientierung Anteil. Mit charakteristischen EinschrĂ€nkungen gilt beispielsweise, dass die PluralitĂ€t der in der Gesellschaft vorhandenen ethisch-politischen Orientierungen sich auch in den großen Kirchen wiederfindet. DarĂŒber lagern sich dann hĂ€ufig kirchenspezifische Konflikte, die sich zum Beispiel an dem Streit um die deutliche Geltung biblischer Weisungen oder an den Differenzen ĂŒber die Verbindlichkeit ökumenischer Gemeinschaften (
) anschließen. Zugleich ist jedoch eine christliche Kirche dadurch ausgezeichnet, dass sie auf eine bestimmte Wahrheit verpflichtet ist. PluralitĂ€ten der geschilderten Art können deshalb fĂŒr sie keine letzte GĂŒltigkeit haben. Sie bilden Zwischenstadien im Streit um die Wahrheit, Etappen auf der Suche nach gemeinsam erkannter und anerkannter Wahrheit. Ein KirchenverstĂ€ndnis, das den kirchlichen Pluralismus unabhĂ€ngig von der Suche nach einer fĂŒr alle verpflichtenden Wahrheit beschreiben wĂŒrde, gĂ€be damit den Wahrheitsbezug des christlichen Glaubens und der kirchlichen Existenz preis.“

Pluralismus kann kein Selbstzweck sein, wo es um vorletzte oder letzte Wahrheit geht. Bibel und Bekenntnis zwingen uns immer wieder, uns zu den Erfahrungen und Erkenntnissen unserer VorvĂ€ter und -mĂŒtter im Glauben zu halten. Diese Erkenntnisse und Erfahrungen vermögen zu unseren eigenen Erkenntnissen und Erfahrungen zu werden, wenn wir in der Lage sind, uns dafĂŒr im Glauben zu öffnen. Ein falscher Pluralismus endet dort. Eine Vielfalt aber bleibt erhalten.

Ich mag dieses deutsche Wort „Vielfalt“. Es drĂŒckt etwas davon aus, ganz anders als das Wort „Pluralismus“ oder „PluralitĂ€t“, was wir auch in der Heiligen Schrift immer wieder sehen und betrachten können. Es gibt unterschiedliche Erfahrungen, die die Menschen mit Gott machen. Auch die vier Evangelien berichten gemeinsam und doch eben auch ein StĂŒck weit unterschiedlich von Jesus Christus, und doch bleibt sichtbar und eindeutig, dass all das Berichtete aus einer gemeinsamen Wurzel stammt. Es entfaltet sich etwas, damit etwas vielfĂ€ltig wird. Das heißt, es stammt aus einer gemeinsamen Grundlage und Wurzel heraus. Glaubensvielfalt entfaltet sich aus einer gemeinsamen Quelle, aus einem gemeinsamen Kern. In diesem Sinn gehört Vielfalt zum christlichen Glauben, sofern die Begegnung mit dem dreieinigen Gott die Quelle bleibt, und dies eben auch nicht nur dem Wort nach, sondern tatsĂ€chlich, real.

Umgang mit momentanen Verwerfungen

NatĂŒrlich weiß ich, wo ich hier heute bin. Seit vielen Jahren ringen Sie um die AutoritĂ€t und GĂŒltigkeit der Heiligen Schrift in der Kirche. Ich bin auch gekommen, um Ihnen dafĂŒr einmal Danke zu sagen. Nicht immer ist jeder in der Kirche ĂŒber Ihre kritischen Anfragen erfreut. Dass Sie aber die Frage nach der Wahrheit immer wieder einfordern, das kann nicht im Ernst der Kritik unterzogen werden, denn genau das gehört zur Kirche Jesu Christi. Die Kirche ist nĂ€mlich der Ort, an dem um die Wahrheit gestritten wird. Außerhalb der Kirche braucht der Teufel fĂŒr solche KĂ€mpfe nicht zu sorgen. Das wusste schon Martin Luther und hat es vielfach formuliert.

Allerdings sollten auch diejenigen, die Bibel und Bekenntnis gegenĂŒber Verstellungen verteidigen, nicht den Wahrheitscharakter von Bibel und Bekenntnis vergessen. Dieser liegt nicht in der bloßen Behauptung ihrer UnabĂ€nderlichkeit und GĂŒltigkeit. Dieser Wahrheitscharakter muss sich vielmehr auch lebenspraktisch erweisen. So hat sich die bestĂ€ndige Familie aus Mann, Frau und Kindern in der ganzen Menschheitsgeschichte als lebensdienlich erwiesen. Gottes Wort bestĂ€tigt dies und gibt ihm damit einen Wahrheitsanspruch. Auch Ausnahmen und andere Lebensformen, die es geben mag, können das ĂŒberhaupt nicht verdunkeln. In all den Dingen, die wir einfordern, sollten wir zeigen, dass wir selber aus dieser Wahrheitserfahrung heraus gut und gottgefĂ€llig leben. Alles andere droht zur leeren Abstraktion zu werden, die mit der Wahrheit Gottes wenig gemeinsam hat.

In gleicher Weise könnten wir ĂŒber den Umgang mit anderen Religionen sprechen, ĂŒber den Umgang mit FlĂŒchtlingen, ĂŒber SĂŒnde und Rechtfertigung, ĂŒber die Auferstehung Christi, ĂŒber Wort und Sakrament. Bei all dem stellt sich immer die Frage, ob wir hier nur abstrakt sprechen und fordern, oder ob all dieses sich in unserem Leben als wahr erweist, was wir sonst nur behaupten wĂŒrden. Das Augenmerk darauf zu lenken, daran liegt mir heute und hier sehr viel. Ich hĂ€tte das auch viel einfacher mit einem durchaus schon sehr alten Wort sagen können, das allerdings ohne die bisherigen Bemerkungen auch wieder falsch verstanden werden könnte. In diesem alten Wort heißt es schlicht und ergreifend: „Wir können die Kirche Jesu Christi nur erneuern, wenn wir selber Kirche sind.“

Epilog – Nachwort: Das Lehramt des Heiligen Geistes

Etwas vorschnell und oft auch ziemlich oberflĂ€chlich wird in Auseinandersetzungen der Evangelischen Kirche davon gesprochen, dass es in der Evangelischen Kirche kein Lehramt gĂ€be. FĂŒr die reformierte Seite möchte ich hier nicht sprechen, das kann ich nicht. FĂŒr die lutherische Seite aber stimmt dieses so nicht. Bei Johannes lesen wir: „Wenn aber jener kommt, der Geist der Wahrheit, wird er euch in aller Wahrheit leiten. Er wird mich verherrlichen. “ Der Heilige Geist ist der Lehrer der Kirche. Seine Wahrheit ist kein Abstraktum, sondern der Gehalt seiner FĂŒhrung. In alle Wahrheit leitet er, so heißt es da, und das Ziel dieser Leitung ist die Verherrlichung Christi.

Eigentlich ist also alles ganz einfach, und doch klingt es wirklich ziemlich verwegen, wenn man aufgefordert wird, nicht auf Institutionen, nicht auf Menschen und auf Regeln zu vertrauen, sondern auf den Heiligen Geist, wenn es um die Zukunft des Glaubens und der Kirche geht. Aber genau diese Verwegenheit hatte Martin Luther. FĂŒr ihn ging grĂ¶ĂŸere Gefahr von Menschen aus, die sich das Lehramt anmaßten und damit andere Menschen verfĂŒhrten oder zumindest drohten zu verfĂŒhren. Er vertraute darauf, dass die Kirche tatsĂ€chlich, nicht nur dem Wort nach, vom Heiligen Geist gefĂŒhrt wird, manchmal auch durch Irrungen und Wirrungen hindurch.

500 Jahre nach Beginn der Reformation will ich sagen, dass sich aus meiner Sicht sein Vertrauen bestĂ€tigt hat. Bei allen Abirrungen, die es innerhalb dieser 500 Jahre gegeben hat und nach wie vor gibt, ist doch der Glaube an Jesus Christus erhalten geblieben. Bei aller Kritik an der AutoritĂ€t der Heiligen Schrift – die Worte stehen noch immer da und ĂŒberfĂŒhren Menschen, die auf falschem Weg sind, trösten Menschen, die Trost brauchen, und eröffnen ihnen die Welt des Glaubens. Noch immer stehen diese Worte da, und sie werden bis ans Ende aller Tage dastehen und zu Menschen durch die Kraft des Heiligen Geistes sprechen. Sie sprechen zu Menschen und fĂŒhren sie zur Umkehr und Erneuerung ihres Lebens. So war es und so wird es bleiben bis ans Ende aller Tage. Das zu wissen, das entlastet wahrlich sehr. Es nimmt die Sorge und die Angst um die Zukunft der Kirche. Auch das ist eine Wahrheit. Auch das ist eine existenzielle Erfahrung, die uns mutig und zuversichtlich stimmen sollte. Unseren Beitrag wollen und mĂŒssen wir leisten. Mahnen wollen wir und auch ermuntern. Vorbilder wollen wir sein, des Glaubens, der Liebe und der Hoffnung. Die innere und die Ă€ußere Freiheit aber, die dazu nötig sind, die schenke uns der Heilige Geist, der die Kirche bis hierher gefĂŒhrt hat und auch weiter fĂŒhren wird.

Landesbischof Dr. Carsten Rentzing, Vortrag beim Treffen der Mitglieder und Freunde des Gemeindehilfsbundes in Walsrode-DĂŒshorn am 16. Juni 2018

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Dieser Beitrag wurde erstellt am Freitag 10. August 2018 um 6:40 und abgelegt unter Kirche, Theologie.