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Seelsorgerliche ErwÀgungen zum Problem der Abtreibung

Dienstag 31. Oktober 2017 von Pastor Heinrich Kemner (1903-1993)


Pastor Heinrich Kemner (1903-1993)

Wenn ich etwas sagen darf zu einer sehr diffizilen und vielleicht der ernstesten Frage unserer Zeit, nÀmlich zur Frage der Abtreibung, dann möchte ich doch von vornherein feststellen, dass der Glaube, der Offenbarungsglaube, einen anderen Standpunkt hat als der Unglaube. Der Vogel sieht die Welt anders als der Frosch. Der Glaube, der biblische Glaube, nimmt die Schöpfungsordnung Gottes ernst. Nach dieser Schöpfungsordnung ist das Personsein des Menschen von einem besonderen Schöpfungsakt Gottes abhÀngig, und so sind die Gottesgebote vom Sinai und Horeb nicht nur in der Bibel festgehalten, sondern jedem menschlichen Gewissen irgendwie eingegraben.

Gerade von daher weist uns die Abtreibungsproblematik, d.h. dass das 5. Gebot „Du sollst nicht töten!“ wie kaum ein anderes Gebot wieder zur Debatte steht, auf etwas, was uns aufschrecken lassen sollte. Denn ich sehe gerade darin, dass die Gewissen in diesem Zeitaugenblick, wo tausende von Kindern abgetrieben werden, nahezu ĂŒberhaupt nicht mehr reagieren, ein Gerichtszeichen Gottes. Wir können nur beten und in Demut bitten, dass Gott an uns vorĂŒbergehen möge mit seinem Gericht, das unweigerlich kommen wird, wenn wir weiterhin dasselbe tun wie die Henker des 3. Reichs mit ihren Euthanasieprogrammen, nĂ€mlich morden.

Vielleicht geschieht hier noch Schlimmeres. Wer nur ein wenig auf die Stimme seines Gewissens achtet muss erkennen, dass, so wie sich die Abtreibungsfrage heute stellt, nur eine Antwort gegeben werden kann. Wir als Christen mĂŒssen die Abtreibung ablehnen. In dem Augenblick, wo menschliches Leben entsteht, beginnt das Leben des Menschen als Person. Der Mensch ist ein Gedanke Gottes, und diesen Gedanken Gottes dĂŒrfen und können wir nicht ausradieren. Der Mensch ist transzendent und immanent zugleich, und das unterscheidet ihn vom Tier. Und er ist Abbild Gottes, und deshalb ist es eine der verwerflichsten Entwertungen des Menschenbildes und des Menschen selbst, wenn man die Abtreibung geradezu flĂ€chendeckend (ca. 250.000 Abtreibungen pro Jahr in der Bundesrepublik Deutschland) vollzieht. Hier geschieht etwas, was unmöglich nachvollzogen werden kann in der Gemeinde Gottes, in der Kirche, wenn sie Kirche sein will.

Es mag ja wirkliche Notsituationen geben, die es nötig machen, dass die Abtreibung sein muss, wenn etwa fĂŒr den Arzt zur Debatte steht, ob nun die Mutter oder das Kind am Leben bleiben soll. Hier ist eine Notlage, ein Grenzfall gegeben, der durchaus hin und wieder vorkommen kann. Dann kann es eine völlig sachgerechte Gewissensentscheidung vom Arzt sein, wenn er sagt, die Mutter soll leben, das Kind können wir nicht retten. Oder: es mag Lagen geben, wo durch eine Erbkrankheit oder durch irgendwelche anderen Belastungen die Existenz des Kindes so gravierend gefĂ€hrdet ist, dass das Neugeborene nicht lebensfĂ€hig sein wĂŒrde. Diese Situation ist vom Gewissen her genau zu bedenken. Und hier gilt es auch, Verantwortung auf sich zu nehmen und mit Klarheit im Gewissen und verstehendem Glauben Mut zu haben, eventuell in die Schöpfung einzugreifen. Auf keinen Fall kann und darf der Schwangerschaftsabbruch mit unserem billigen Reden von einer sozialen Indikation begrĂŒndet und legitimiert werden.

Die soziale Indikation ist, und das gerade heute, eine Indikation, die jeder Berechtigung entbehrt. Ich wĂŒsste nicht, wo bei uns Menschen verhungern, wo es Familien gibt, die so arm dran sind wie etwa in Äthiopien oder in anderen Gebieten der 3. Welt. Im Gegenteil, wir mĂŒssen aufpassen, dass wir an unserem Reichtum nicht ersticken. Es ist geradezu ein Hohn, dass man ĂŒberhaupt diese Vokabel „soziale Indikation“ gebraucht in einem Land, wo man nicht weiß wohin mit Milch- und GetreideĂŒberschĂŒssen und wo fast jeder BĂŒrger darauf achten muss, dass er nicht Übergewicht bekommt. Die soziale Frage so hochzuspielen ist eine Verantwortungslosigkeit ohnegleichen, ein Ausdruck total abgestumpfter Gewissen; es ist Ausdruck fĂŒr das Gericht Gottes, das unterschwellig anlĂ€uft.

So muss die Kirche, wenn sie Kirche Gottes bleiben will, in der Abtreibungsproblematik eindeutig Stellung beziehen. Es ist erfreulich, dass die katholische Kirche hier Klarheit hat und auch den Mut, das zu vertreten. In der evangelischen Kirche schwanken die Wetterfahnen und die Eindeutigkeit fehlt weithin. Vielleicht ist sie deshalb auch so orientierungslos. Es gibt keinen zureichenden Grund fĂŒr die Abtreibung des keimenden menschlichen Lebens. Auch die Argumentation, dass es sich hier noch nicht um ein menschliches Wesen handle, weil Bewusstsein, Verstand und Wille noch nicht ausgeprĂ€gt sind, kann nach biblischem VerstĂ€ndnis nicht als BegrĂŒndung eingebracht werden. Danach ist der Mensch Person, weil Gott ihn nach seiner Schöpfungsordnung dazu gemacht und noch macht. Das ist das Kriterium. Wer Gottes Gebot „Du sollst nicht töten!“ bricht und da hineingreift, wo nur Gott zu entscheiden hat, ob das Entstehendes ein GefĂ€ĂŸ der Ehre, des Guten, oder Unehre, des Schlechten wird, der wird da Kainszeichen mitschleppen bis zum JĂŒngsten Tag.

Ich bin erschĂŒttert ĂŒber die vielen Briefe, die ich gerade in den letzten Wochen von Frauen bekommen habe, in denen ich gebeten werde, öffentlich drauf hinzuweisen, wie sehr sie unter AngstzustĂ€nden leiden oder schwermĂŒtig und depressiv geworden sind, weil sie abgetrieben haben. Das keimende Leben, das unter dem Herzen der Mutter war, schreit weiter, und es kann zu einer Gewissensbelastung kommen, die bis in den Tod hinein andauert. Ich habe gerade in letzter Zeit wiederholt in den Beichten von Frauen, die auf den Sterbebetten lagen und wegen der Abtreibung nicht sterben konnten, die ungeheure Not, die im Gewissen durch dieses Töten entstehen kann, erfahren. Viele haben mich gebeten, meinen Mund aufzutun und das, was sie jetzt gerade erleben, anderen als Warnung zu sagen. Es ist also auch ein seelsorgerlicher Gesichtspunkt, unter dem man die Dinge zu betrachten hat.

Ein anderer Aspekt ist folgender: Abtreibung ist ein Akt des Ă€ußersten Egoismus und ist damit Ausdruck des Verlustes des einzig rechten und echten wirklichkeitsrelevanten Maßstabes, nĂ€mlich des 11. Gebotes, des Gebotes das uns Christus gegeben hat, dass wir lieben sollen wie er geliebt hat.

Als zu Bodelschwingh im 3. Reich die „Kommission“ kam und das Problem der Kranken, der SĂŒchtigen, ja der „Aktion Sorgenkind“, wie wir heute sagen wĂŒrden, dadurch aufheben wollte, indem sie mit vergast oder sonst irgendwie mit Giften erledigt werden sollten, hat Bodelschwingh das Wort gesprochen: „Der Weg geht nur ĂŒber meine Leiche. Der erste, der stirbt, bin ich.“ Diese Haltung dieses begnadeten Glaubensmannes hat so gewirkt, dass man davor zurĂŒckgeschreckt ist, Bethel zu vernichten. Es kommt darauf an, dass unter uns noch verantwortungsbewusste Menschen sind, die nicht nur Christen heißen, sondern es auch sind. Wir brauchen Menschen, die ausreichend wirken und den Mut haben, die SĂŒnde beim Namen zu nennen. Das ist in diesen Tagen gefordert.

Weiterhin ist dazu zu sagen: Wenn man um des ĂŒbersteigerten Egoismus‘ willen, nur um des Wohllebens und der Orgasmen willen abtreibt und das Maßstab wird fĂŒr den Menschen, dann wird er an sich selbst zugrunde gehen. Wenn man das barmherzig nennt, was eigentlich nur den eigenen Vorteil sucht, dann ist das die grĂ¶ĂŸte Unbarmherzigkeit, die denkbar ist, die grĂ¶ĂŸte VerhĂ€rtung des Herzens, das absolute Absterben jeglicher Liebe. Wie ich den anderen sehe, so sehe ich auch mich. Wie kann ich etwas als barmherzig annehmen, wie kann ich selbst Liebe empfangen, wenn ich keine Vorstellung mehr davon habe, was Liebe ist? Wie kann ich je ein Geschenk als wirkliches Geschenk annehmen, wenn ich dem anderen unterstellen muss, dass er es nur um seines Vorteiles willen gibt, so wie ich es tue?

Durch den Lazarus vor der TĂŒr, durch die behinderten Kinder, durch die Ärmsten der Armen will Gott uns unseren Dienst und unsere Aufgabe anschaulich machen, nĂ€mlich dass wir uneigennĂŒtzig Liebe ĂŒben. Liebe stirbt, wenn wir diesen Auftrag so billig wegrĂ€umen, indem wir alles unserer Meinung nach Lebensunwerte mit unseren medizinischen Mitteln beseitigen. Wenn das weiterhin geschieht, dann ist das Gericht Gottes so im Anzug, dass es nicht mehr aufzuhalten ist. Deshalb muss es Warner geben, und ich möchte meine Stimme hier in Krelingen erheben mit allem Ernst, mit letztem Ernst, weil ich meine, dass keine BegrĂŒndung zureichend ist, unsere derzeitige Abtreibungspraxis zu entschuldigen. Wie werden wir entfliehen dem furchtbaren Gericht Gottes, wenn wir die Verantwortung denjenigen ĂŒberlassen, Psychologen, Medizinern und Juristen, die sich in dieser Frage auf eine soziale Betrachtungsweise beschrĂ€nken und darĂŒber das Gotteswort und die heilige Norm vergessen und missachten: „Du sollst nicht töten!“

Mit großem Befremden habe ich in diesen Tagen die Aussage des PrĂ€sidenten des Bundesverfassungsgerichtes gehört, der das keimende Leben in den ersten Wochen als „himbeerĂ€hnliches Gebilde“ bezeichnet hat. Ein solches Urteil ist in dieser wichtigen Frage, an der das Schicksal unseres Volkes hĂ€ngt, einfach erschĂŒtternd. FĂŒr das schon geschehene Unrecht gibt es kein anderes Mittel der Vergebung als das Blut Jesu Christi. Es ist höchste Zeit fĂŒr uns alle, den Weg der Umkehr zu suchen und zu finden. Wir mĂŒssen endlich aufwachen zu einem Zeitpunkt, wo die Gerichtsglocke Gottes schon am LĂ€uten ist. Wir mĂŒssen aufwachen und den Weg suchen und finden, den uns der Heilige Gott mit seinem Wort gewiesen hat: „Du sollst nicht töten!“

Heinrich Kemner (1903-1993)

Aus: AGORA. Krelinger Studentenrundbrief Nr. 6 (Februar 1986)

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Dieser Beitrag wurde erstellt am Dienstag 31. Oktober 2017 um 6:58 und abgelegt unter Gesellschaft / Politik, Kirche, Lebensrecht, Seelsorge / Lebenshilfe.