Gemeindenetzwerk

Ein Arbeitsbereich des Gemeindehilfsbundes

Kein Platz in der Herberge?

Mittwoch 21. Dezember 2016 von Pfr. Dr. Tobias Eißler


Pfr. Dr. Tobias Eißler

Ja, eigentlich haben die beiden schon Platz in der Herberge. Die beiden MĂ€nner aus dem Iran wurden zusammen mit 80 andern FlĂŒchtlingen in das leer stehende GebĂ€ude der ehemaligen Grundschule eingewiesen. Statt Schultischen stehen Stockbetten in den Klassenzimmern. Nicht mehr die Unterrichtssprache hoch-schwĂ€bisch erklingt im Haus, sondern eher afghanisches und afrikanisches Palaver. Ein tĂŒrkischer Sicherheitsmann sitzt an der EingangstĂŒr. Alles gut organisiert. Trotzdem will der Mann aus Isfahan raus. Er hĂ€lt den LĂ€rmpegel im Schlafsaal nicht aus. FĂŒrs Sprachenlernen braucht er einen klaren Kopf. Seine leichten Depressionen belasten ihn schon genug. Der andere Bewohner aus Teheran will raus, weil er Probleme bekommen hat mit den muslimischen Mitbewohnern. Sie haben herausgefunden, dass er im Juli in unserer Kirche getauft wurde. Die Drohungen sind so massiv, dass er sich nicht mehr im SchulgebĂ€ude zu ĂŒbernachten getraut.

ZufĂ€llig wurde eine 1-Zimmer-Wohnung in unserem evangelischen Gemeindehaus frei. Der Vorschlag, den beiden FlĂŒchtlingen Zuflucht zu gewĂ€hren, stieß auf große Vorbehalte. Vielleicht machen sie offenes Feuer in der Wohnung? Ob sie die schwĂ€bische Kehrwoche fachmĂ€nnisch durchfĂŒhren? Jeden Sonntag sind die beiden im Gottesdienst anzutreffen. Einmal pro Woche studieren sie beim Glaubenskurs mit mir die Bibel. Ihnen einen Mietvertrag geben, der es vielleicht unmöglich macht, sie rasch wieder loszuwerden? Hochproblematisch! Das Landratsamt hat sich den Vertrag angeschaut und ist einverstanden. Die Miete ist von der FlĂŒchtlingsstelle fest zugesagt. Nach harter Diskussion und knapper Abstimmung hat sich die Kirchengemeinde doch dazu durchgerungen, die beiden Fremdlinge aufzunehmen. Nach langer Zeit werden sie Weihnachten wieder einmal in den eigenen vier WĂ€nden erleben. Der Freund mit dem Problem Depression, den man selten lĂ€cheln sah, steht  mit einem Strahlen im Gesicht in der Mini-Wohnung und hört nicht auf, sich zu bedanken.

Jesus hat es wieder einmal schwer mit uns. Nicht nur damals hatten sie keinen Platz fĂŒr ihn in der Herberge. Auch heute sind die Herzen verbarrikadiert – wenn es praktisch wird. Wenn der Herr uns ein paar junge MĂ€nner vor die HaustĂŒr stellt, die seltsamerweise keinen grĂ¶ĂŸeren Wunsch haben als den, die Botschaft vom Bethlehem-Kind genauer kennenzulernen. So anders als die meisten jungen EuropĂ€er! „Hat nicht Gott erwĂ€hlt die Armen in der Welt, die im Glauben reich sind?“ (Jak 2,5) Dann aber, „meine Kinder, lasst uns nicht lieben mit den Worten noch mit der Zunge, sondern mit der Tat und mit der Wahrheit“ (1. Joh 3,18). Viele Mitchristen beherzigen das. Sie geben sich MĂŒhe um das Asylanten-CafĂ©, den Deutschunterricht und den Glaubenskurs. Andere können an dieser Herausforderung noch wachsen und mutiger darin werden, die TĂŒren zu öffnen. Insbesondere fĂŒr solche, die anklopfen und Christus suchen. Was können wie dazu beitragen, dass einer dieser geringsten BrĂŒder an Weihnachten 2016 die Liebe Gottes spĂŒrt?

Pfr. Dr. Tobias Eißler, Ostfildern-Ruit

Quelle: Aufbruch – Informationen des Gemeindehilfsbundes, Dezember 2016 (3/2016)

Der Aufbruch erscheint 2-3 Mal jĂ€hrlich und kann kostenlos abonniert werden. Bestellungen bitte an die GeschĂ€ftsstelle des Gemeindehilfsbundes, MĂŒhlenstr. 42, 29664 Walsrode, 05161/911330, info@gemeindehilfsbund.de.

Dieser Beitrag wurde erstellt am Mittwoch 21. Dezember 2016 um 10:13 und abgelegt unter Predigten / Andachten.