Gemeindenetzwerk

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Leo Bigger und die ICF

Sonntag 21. Juni 2015 von Alexander Seibel


Alexander Seibel

Leo Bigger leitet seit 1994 die von Heinz Strupler gegrĂŒndete „International Christian Fellowship“-Gemeinde in ZĂŒrich. Inzwischen ist ICF mit ihm als Chef-Ältesten die grĂ¶ĂŸte Gemeinde der Schweiz. Wegen seines großen Erfolgs wurde er auch im Jahre 2002 auf die Deutsche Evangelisten-konferenz eingeladen. Sein Auftritt bewirkte einige Irritationen. Mit jugendlichem Schwung legte er los und verglich die anwesenden Evangelisten mit den Totengebeinen aus Hesekiel 37. Damit der Geist ĂŒber die, zumindest teilweise, verdorrten VerkĂŒndiger kĂ€me, blies er abschließend im Gebet dreimal ins Mikrophon. Das war nun doch des Guten zu viel und auch Sympathisanten der charismatischen Frömmigkeit zeigten sich ĂŒberrascht bis leicht schockiert. Leo Bigger wurde freundlich aber deutlich verabschiedet. Dies offenbart ein zutiefst magisches Denken. Es fĂŒgt sich problemlos in unsere Zeit und erinnert an Gal. 3,1. Von daher schwingt in der ICF-Bewegung, neben allen positiven und auch aufrĂŒttelnden Impulsen, doch gleichzeitig auch etwas anderes mit, die heute leider oft ĂŒbliche Vermischung (2. Kor. 6,15-16).

AnlĂ€sslich ihres 15-jĂ€hrigen GrĂŒnderjubilĂ€ums war als Starredner Reinhard Bonnke eingeladen. Dieser passt ziemlich nahtlos in diese neue Strömung. Bei seinem Auftritt auf der Feuer-Konferenz 1987 in Frankfurt brĂŒllte er gleich siebenmal hintereinander ins Mikrophon: I release the fire of the Holy Ghost, (Ich setze das Feuer des Heiligen Geistes frei). Dieses scheinbare VerfĂŒgen ĂŒber den Geist Gottes erinnert an ein Zitat von Saturnin Wasserzug: „Der Heilige Geist ist die herrlichste Gabe an die Gemeinde, wenn sie gehorcht und die gefĂ€hrlichste, wenn sie versucht, Ihn zu manipulieren.“

KĂŒrzlich unterhielt ich mich mit einem Bibellehrer und wir kamen auch auf ICF zu sprechen. Leo Bigger war vor einiger Zeit, es dĂŒrfte schon einige Jahre her sein, nach Wölmersen auf das Neues Leben Seminar eingeladen worden. ZunĂ€chst konnte er viele Seminaristen mit seiner Art begeistern. Dann betonte er mehrfach, wie man Entscheidungen alleine treffen sollte. Wenn mehrere Verantwortliche Entscheidungen fĂ€llen, sei das nicht hilfreich.

Als dann einige BibelschĂŒler darauf hinwiesen, wie das in den Paulusbriefen doch anders dargelegt ist, spricht doch Paulus gewöhnlich im Zusammenhang mit der Leiterschaft von der Mehrzahl, nicht Einzahl bezĂŒglich Älteste, war Biggers Antwort: „Paulus kannte damals noch nicht die Prinzipien der heutigen modernen Management- und Marketingmethoden. HĂ€tte er diese damals schon gekannt, hĂ€tte er seine Briefe anders geschrieben.“ So oder so Ă€hnlich hat er dies ausgedrĂŒckt.

Das Kennzeichen eines geistlichen Menschen ist gemĂ€ĂŸ 1. Kor. 14,37, dass man erkennt, dass es des Herrn Gebot ist, was Paulus schreibt (1. Kor. 14,37). GemĂ€ĂŸ dieser Aussage war der Apostel scheinbar vom Heiligen Geist nicht richtig oder nicht vollstĂ€ndig instruiert worden. Offenbar wusste der lebendige Gott vor 2000 Jahren noch nichts von den angeblichen Erkenntnissen, die wir in unsren Tagen meinen entdeckt zu haben.

ICF gebraucht statt Älteste die Bezeichnung CEO, also Chief Executive Officer, ein Ausdruck aus der amerikanischen GeschĂ€ftswelt, was soviel heißt wie Vorsitzender, PrĂ€sident der GeschĂ€ftsleitung, eine Art Generaldirektor also. Die Bezeichnung an sich wĂ€re unverfĂ€nglich, doch bei dieser neuen Bewegung herrscht ein starker Zentralismus, wie ja auch obiges Zitat nahe legt. Dieses autoritĂ€re FĂŒhrungsprinzip wird nun auf die Gemeinde ĂŒbertragen.

Beim DĂŒnenhof-Festival erklĂ€rte Leo Bigger als einer der Redner: „Gott versorgt uns durch seinen Geist mit Blitzgedanken, auf die wir hören und vertrauen lernen mĂŒssen, sonst gehen wir an seiner KraftausrĂŒstung vorbei“ (ideaSpektrum 22/2015). Solche „Geistesblitze“ sind typisch fĂŒr medial veranlagte Menschen. Es Ă€hnelt dem auch immer populĂ€rer werdenden „prophetischen oder hörenden Gebet“. Es passt nahtlos in unsere Zeit der esoterischen Auf- und DammbrĂŒche. New Ager finden sich bei solchen PhĂ€nomenen auf vertrautem Gebiet. Luk. 11,35 ist vielleicht die zutreffendste Ermahnung zu dieser Art von „Erleuchtungen“.

Auf seiner website heißt es gleich als Überschrift: Glaube an Gott, der an Dich glaubt! Das ist die typische Verlagerung von theo- zu anthropozentrisch. Es stellt den biblischen Sachverhalt auf den Kopf und ist kennzeichnend fĂŒr eine Generation, die Eigenliebe in ErfĂŒllung von 2. Tim. 3,2 zu einer Tugend erhoben hat.

Nach einem Auftritt von Leo Bigger im Rahmen eines ökumenisch-evangelistischen Kreises in Bremervörde, kommentierte ein reifer und erfahrener Bruder, seiner Frustration eher freien Lauf lassend, folgendermaßen diesen Vortrag: Ich habe mir den Vortrag auf youtube angesehen, angehört: Intellektuell auf unterstem Niveau, theologisch zu 90% irrefĂŒhrend falsch und von der Darbietung auffallend anthropozentrisch. Die Zuhörer, die meisten wohl GlĂ€ubige, haben (fast pausenlos) offensichtlich ihre eigene Unkenntnis der Bibel beklatscht – geistlich unterstes Niveau. AngefĂŒgt waren noch diese Zeilen: Entschuldigung, ich kann manchmal nicht mehr anders, als ironisch zu reagieren, weil es keine vernĂŒnftige Basis mehr fĂŒr einen sachlichen Diskurs gibt…

Selber habe ich einen Gottesdienst von ICF einmal in ZĂŒrich besucht. Es war zwar nicht auf so einem beklagenswerten Niveau, wie es dieser Bruder schildert, doch manches Ă€hnelte einem frommen Kindergarten auf theologisch ziemlich dĂŒnner bis infantiler Ebene. Beleuchtet war nur die BĂŒhne im Vordergrund. Wer eine Bibel mithatte, saß buchstĂ€blich im Dunkeln. Es erinnerte an die Charakterisierung des Paulus der GlĂ€ubigen zu Korinth, die er als geistliche SĂ€uglinge bezeichnete (1. Kor. 3,1-3). Im zweiten Brief muss er derselben Gemeinde sogar vorwerfen, wie sie einen fremden Geist gerne akzeptieren (2. Kor. 11,4), Auf dieser Ebene einer ebenso naiven wie plumpen Vertraulichkeit liegt auch Biggers Zeugnis ĂŒber den Heiligen Geist. In seinem neuen Buch schreibt er abschließend: Darum Danke, lieber Daddy im Himmel, dass du mir einen neuen Freund zur Seite gestellt hast, einen richtigen Goldjungen, deinen Heiligen Geist! Mamma mia. Bin ich glĂŒcklich! (Leo Bigger – Geist Gottes, fontis Brunnen Basel).

Der andere gefeierte Redner auf dem DĂŒnenhof war Johannes Hartl, ein Katholik und Vertreter der charismatischen Bewegung innerhalb der Kirche Roms. Sein Buch „In meinem Herzen Feuer“ zieht ziemliche Kreise. Nun, jeder der nur etwas Ahnung von der geistlichen Ausrichtung des DĂŒnenhofes hat, sollte darĂŒber nicht allzu sehr ĂŒberrascht sein. AnhĂ€nger der Mystik und des Schwarmgeistes sind dort gefragte Redner. In einem Vortrag zu dem Thema Manifestationen des Heiligen Geistes erklĂ€rt Johannes Hartl lange und breit, warum Menschen, wenn sie vom Heiligen Geist berĂŒhrt werden oder er mit ihnen betet, zittern, umfallen, von Energien durchströmt werden usw.

Als Belegstellen werden aus der Bibel Argumente bemĂŒht, wie sie besonders im Zusammenhang mit dem Toronto-Segen sattsam bekannt wurden. Obwohl von menschlich gewinnender Art, kann ich ihn von diesen Darlegungen her nur als Extrem-Charismatiker einstufen.

Johannes Hartl ist auch wegen seiner Eloquenz nicht nur in der katholisch-charismatischen Strömung ein neuer Star geworden. Dank der Remystifizierung der Evangelikalen, die mit Richard Fosters Megabestseller „Nachfolge Feiern“ vor ca. 30 Jahren ihren Anfang nimmt, wird er auch in der evangelikalen Welt immer beliebter und einflussreicher werden.

Den zunehmenden Einfluss kann man auch daran erkennen, dass Bigger und Hartl nicht nur am DĂŒnenhof sprachen, sondern auch als besondere Referenten fĂŒr den Willow Creek Leitungskongress Febr. 2016 in Hannover angekĂŒndigt sind. Auch fĂŒr die von Campus fĂŒr Christus Schweiz am Ende des Jahres geplante Explo 2015 in Luzern sind sie als begehrte Redner aufgefĂŒhrt.

Fazit: Es erinnert diese VerkĂŒndigung in ihrer Theologie und Lehre an ein auf die Erwartungen des Publikums angepasstes „Christentum-light.“ Von Dr. Georg Huntemann gibt es den Ausspruch: „Diese Generation kann einen nĂŒchternen Glaubenswandel nicht mehr ertragen. Sie braucht eine religiöse Sinnlichkeit bzw. sinnliche ReligiositĂ€t.“ Gestalten, die man noch vor gar nicht so langer Zeit in die Seelsorge gebracht hĂ€tte, sind heute die Manager der „Erweckung“ und leuchtende Vorbilder fĂŒr viele evangelikale Jugendliche geworden. Dahingegeben ist nicht nur gemĂ€ĂŸ Röm. Kap. 1 unsere gegenwĂ€rtige Generation, – die derzeitige Debatte um die Homo-Ehe sollte auch dem naivsten Evangelikalen und SchwĂ€rmer zeigen, in welch einer Zeit wir tatsĂ€chlich leben – sondern leider auch ein erschreckend großer Teil der Christenheit.

Es ist erschĂŒtternd, mit welch rasantem Tempo sich das moralische Klima in nur kurzer Zeit geĂ€ndert hat. Das Deutschland bzw. Europa von heute ist nicht mehr vergleichbar mit dem vor nur zehn Jahren. Ähnliches hat sich auch in der evangelikalen Christenheit – leider – abgespielt. Ethische Positionen, die bis vor kurzem noch unantastbar schienen, werden auf einmal preisgegeben. Inzwischen mahnen auch fĂŒhrende Evangelikale ein Umdenken z.B. in der Einstellung zur HomosexualitĂ€t an.

FĂŒr mich ist dies auch in gewisser Hinsicht eine ErfĂŒllung von Matth. 24, die Verse 11-12 in der Wiederkunftsrede unseres Herrn Jesus. Vers zwölf spricht von der kommenden „anomia“, Gesetzlosigkeit. Vor unseren Augen werden die Gebote Gottes eingeebnet und mit der Gender-Ideologie erleben wir einen Frontalangriff gegen die göttliche Ordnung der Familie. In dieser Zeit also werden gemĂ€ĂŸ Vers 11 die falschen Propheten auftreten. Der Erfolg ist garantiert, heißt es doch im selben Abschnitt, „sie werden viele verfĂŒhren“. Bei einer neoevangelikalen Christenheit, deren Maßstab immer mehr der Erfolg und immer weniger die Lehraussagen der Schrift geworden ist, hat der VerfĂŒhrer natĂŒrlich leichtes Spiel.

Bekanntlich beginnt das Gericht Gottes am Hause Gottes (1. Petr. 4,17). Die ganze Entwicklung erinnert an A.W. Tozers berĂŒhmtes Zitat: „Wenn wir mit der Theologie, die wir heute haben, eine Erweckung bekommen, bedeutet das fĂŒr die Christenheit eine moralische Tragödie, von der sie sich in 100 Jahren noch nicht erholt hat.“

 

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Dieser Beitrag wurde erstellt am Sonntag 21. Juni 2015 um 15:41 und abgelegt unter Gemeinde.