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Richtige Prognosen, falsche SchlĂŒsse: Deutschlands Demographie-Problem

Montag 8. Dezember 2014 von Prof. Dr. Herwig Birg


Prof. Dr. Herwig Birg

Betrachtet man die Vielzahl der Veröffentlichungen und MeinungsĂ€ußerungen zum Thema Demographie, drĂ€ngt sich der Eindruck auf, daß es in Deutschland kein wichtigeres demographisches Problem gĂ€be als die Alterung der Gesellschaft. Ein entscheidender Grund dafĂŒr war Frank Schirrmachers Bestseller „Das Methusalem-Komplott“. Darin wird die Steigerung der Lebenserwartung als Hauptgrund fĂŒr die Alterung der Gesellschaft identifiziert, was nicht den Tatsachen entspricht. Denn der Anstieg des Durchschnittsalters der Bevölkerung wird zum weitaus ĂŒberwiegenden Teil durch die niedrige Geburtenrate verursacht, durch die sich die Zahl der nachwachsenden JĂŒngeren stĂ€ndig verringert, wĂ€hrend dem Anstieg der Lebenserwartung nur eine vergleichsweise geringe Bedeutung zukommt.

Die sachlich unrichtige Schwerpunktsetzung in einem der auflagenstĂ€rksten BĂŒcher zum Thema Demographie hat große und bleibende Auswirkungen auf die öffentliche Meinung und die Politik. Sie ist möglicherweise auch dafĂŒr verantwortlich, daß Schirrmachers Versuch, eine ernsthafte Debatte ĂŒber das Thema Demographie in Deutschland anzustoßen, ins Leere lief. Noch folgenreicher als das Ausbleiben der angestrebten Debatte ist, daß dieses Buch anscheinend den Blick dafĂŒr verstellt hat, daß die niedrige Geburtenrate Deutschlands und nicht die steigende Lebenserwartung die entscheidende Ursache der Alterung, Schrumpfung und aller ĂŒbrigen demographischen Probleme bildet. Denn wenn in Deutschland die Zahl der JĂŒngeren im gleichen Maße wie die der Älteren zunĂ€hme, bliebe das Durchschnittsalter der Bevölkerung konstant, und es wĂŒrde niemand die Alterung fĂŒr das wichtigste Problem halten.

Warum hat Deutschland eine der niedrigsten Geburtenraten der Welt? Diese Frage stellte die CDU-Fraktion schon 1976 und dann noch einmal 1979 im Rahmen einer „Großen Anfrage“ im Landtag von Nordrhein-Westfalen an die Landesregierung. Der damalige MinisterprĂ€sident Johannes Rau antwortete: Wir kennen die Ursachen der niedrigen Geburtenrate nicht, aber „… wir werden hier in Nordrhein-Westfalen ein Institut fĂŒr Bevölkerungsforschung errichten und damit das erste Bundesland sein, das eine solche Maßnahme ergreift. Hier ist viel Forschung nötig“ (Plenarprotokoll 8/123 vom 23.1.1980, S. 8326). In den folgenden Jahrzehnten erarbeitete das neu gegrĂŒndete „Institut fĂŒr Bevölkerungsforschung und Sozialpolitik“ der UniversitĂ€t Bielefeld zusammen mit weiteren in den 80er und 90er Jahren entstandenen Forschungsinitiativen die Grundlagen fĂŒr eine wissenschaftliche ErklĂ€rung und Prognose der Geburten- und Bevölkerungsentwicklung. Seitdem wissen wir, daß die niedrige Geburtenrate auf der Spaltung der Gesellschaft in zwei Teilgesellschaften beruht, von denen die eine seit Jahrzehnten unverĂ€ndert die ideale Geburtenrate von durchschnittlich zwei Kindern je Frau hat, wĂ€hrend die andere zu einem Viertel bis einem Drittel zeitlebens kinderlos bleibt – mit noch höheren Anteilen bei den beruflich gut qualifizierten Frauen, – so daß der Durchschnitt fĂŒr beide Teilgesellschaften zusammen weit unter dem idealen Wert bei nur 1,4 liegt.

Normalerweise sind Prognosen umso unsicherer, je weiter der Prognosezeitpunkt in der Zukunft liegt. Bei Bevölkerungsprognosen kann das anders sein: Kurzfristig kann die tatsĂ€chliche Bevölkerungsentwicklung infolge von Einwanderungen stĂ€rker von der prognostizierten Entwicklung abweichen als langfristig, denn zum einen gleichen sich positive und negative Abweichungen langfristig stĂ€rker aus, zum anderen ist es wie bei den kurzfristigen Wetterschwankungen und dem langfristig stabilen Zyklus der Jahreszeiten: Eine Aussage ĂŒber die Temperatur in der nĂ€chsten Woche kann weniger sicher sein als der vorausgesagte Wechsel der Jahreszeiten in sechs oder 9 Monaten.

Die seit den 80er Jahren mit modernen wissenschaftlichen Methoden  vorausberechnete Bevölkerungsentwicklung zeigt: Deutschland steckt tief in einer demographischen Sackgasse. Welche SchlĂŒsse hat das Land seit der Großen Anfrage im Parlament von Nordrhein-Westfalen aus den demographischen Forschungsergebnissen gezogen? Es wurden keine Initiativen zur Erhöhung der im weltweiten Vergleich extrem niedrigen Geburtenrate ergriffen. Die BegrĂŒndung aus dem Jahr 1980 war und ist heute immer noch: „Kinder sollen um ihrer selbst willen geboren werden. Wir werden eine aktive Familienpolitik betreiben, ohne jeden Hintergedanken, aber keine Bevölkerungspolitik“ (Plenarprotokoll 8/123, S. 8330). Leider erweisen sich diese schön klingenden SĂ€tze bei genauerem Hinsehen als vollkommen leer. Denn damit die Menschen „um ihrer selbst willen“ zur Welt kommen können, mĂŒssen andere Menschen um ihretwillen zur der lebenslangen Verantwortung als Eltern bereit und fĂ€hig sein.

Seit Jahrzehnten ignoriert die Bundesrepublik Deutschland die am genauesten prognostizierte Krise ihrer Geschichte. FrĂŒher sah man in der demographischen Entwicklung immerhin noch ein Problem, aber seit zehn Jahren hat sich das geĂ€ndert, jetzt behauptet die Politik gebetsmĂŒhlenartig, die Bevölkerungsentwicklung sei ĂŒberhaupt kein Problem, sondern eine „Chance“. Um mögliche Kritik seitens der Wissenschaft zu erschweren, wurde das 1980 gegrĂŒndete Institut fĂŒr Bevölkerungsforschung und Sozialpolitik der UniversitĂ€t Bielefeld im Jahr 2004 wieder aufgelöst (zeitgleich mit meiner Emeritierung als Institutsleiter und Inhaber des Lehrstuhls fĂŒr Bevölkerungswissenschaft). Das gleiche geschah mit den beiden anderen LehrstĂŒhlen fĂŒr Bevölkerungssoziologie an der UniversitĂ€t Bamberg und an der sozialwissenschaftlichen FakultĂ€t der Berliner Humboldt-UniversitĂ€t.

Der frĂŒhere BundesprĂ€sident Horst Köhler startete 2005 in Berlin eine Reihe von Demographie-Konferenzen, auf deren programmatischer Auftaktveranstaltung er die Meinung vertrat, daß die demographischen Probleme Deutschlands in Wahrheit „Lösungen“ fĂŒr andere Probleme seien. Indem er den BevölkerungsrĂŒckgang in Deutschland als ein Instrument zur DĂ€mpfung des Wachstums der Weltbevölkerung in ErwĂ€gung zog, zeigte er, daß die Geburt von Kindern durch die Politik durchaus als Mittel zum Zweck und keineswegs – wie es in dem zitierten Plenarprotokoll heißt – um ihrer selbst willen thematisiert wird. Die frĂŒhere Bundesministerin fĂŒr Bildung und Forschung, Annette Schavan, stellte das von ihr ausgerufene „Wissenschaftsjahr 2013“ sogar unter das Motto „Die demographische Chance“. Nach dieser Logik war das FlĂ€chenbombardement deutscher StĂ€dte im Zweiten Weltkrieg keine Katastrophe, sondern eine „Chance“ fĂŒr den Wiederaufbau.

Der so genannte „demographische Wandel“ wird von Politikern aller im Bundestag vertretenen Parteien als eine Gelegenheit fĂŒr die Modernisierung des Landes und fĂŒr die Umgestaltung Deutschlands zu einer „demographiefesten“ Gesellschaft geradezu enthusiastisch begrĂŒĂŸt. Aber eine demographiefeste Gesellschaft anzustreben wĂ€re genauso absurd und unmöglich wie das Ziel, eine gegen Mathematik resistente Welt zu erschaffen. Jedes Jahr wird deutlicher, wie vielfĂ€ltig die Auswirkungen des demographischen Niedergangs sind. Viele mag es ĂŒberraschen, aber auch die Wurzeln der Finanz- und Eurokrise liegen in der demographischen Entwicklung der europĂ€ischen LĂ€nder. So verweigerten die Banken beim Ausbruch der Euro-Krise die Kreditvergabe an Griechenland mit der BegrĂŒndung, das griechische Rentensystem sei wegen der niedrigen Geburtenrate nicht sanierbar. Auch in Deutschland wird der wachsende Mittelbedarf der gesetzlichen Renten,- Kranken,- und Pflegeversicherung durch ZuschĂŒsse zu Lasten kĂŒnftiger Generationen finanziert. Bereits ein Drittel der Ausgaben der gesetzlichen Rentenversicherung muß durch ZuschĂŒsse bestritten werden – Tendenz steigend. Von wem sollen die Schulden zurĂŒckgezahlt werden?

Seit Jahrzehnten kommen immer weniger Kinder zur Welt, die die Lasten als Steuerzahler, Beitragszahler oder Schuldentilger tragen könnten. Die Nicht-Geborenen können keine Kinder und diese keine Enkel zur Welt bringen usf. – der Prognosefehler dieser Aussage ist gleich Null. So entwickelte sich ein Dominoeffekt der Schrumpfung, durch den die Zahl der 20 bis 60 jĂ€hrigen, das RĂŒckgrat der deutschen Volkswirtschaft, in der ersten HĂ€lfte dieses Jahrhunderts selbst bei weiterhin hohen Einwanderungen jĂŒngerer Menschen um 16 Millionen abnehmen wird. Gleichzeitig nimmt die Gruppe der zu versorgenden ĂŒber 60jĂ€hrigen um 10 Millionen zu. An diesen Megatrends können die momentanen ZuwĂ€chse bei den Einwanderungen aus den sĂŒd- und osteuropĂ€ischen LĂ€ndern, die ja nur in der GrĂ¶ĂŸenordnung von wenigen Hunderttausend liegen, nichts Entscheidendes Ă€ndern, zumal auch das Reservoir an potentiellen Zuwanderern in den HerkunftslĂ€ndern schrumpft.

Trotz der ProduktivitĂ€tssteigerungen der deutschen Volkswirtschaft nimmt die jĂ€hrliche Wachstumsrate des Bruttoinlandsprodukts ab, sie ist infolge der demographischen Schrumpfung seit den 60er Jahren des vorigen Jahrhunderts von damals 4,4 auf jĂ€hrlich 1,0 Prozent gesunken. FĂŒr die Zukunft ist aus demographischen GrĂŒnden mit einem noch schwĂ€cheren Wirtschaftswachstum zu rechnen. Die zu erwartenden ZuwĂ€chse des Bruttoinlandsprodukts reichen nicht aus, um den Wohlstand angesichts steigender Versorgungslasten fĂŒr die alternde Gesellschaft zu sichern oder zu mehren. Die Entlastung durch die schrumpfende Zahl der zu versorgenden Kinder und Jugendlichen wirkt sich weit weniger aus.

Wer versorgt in Zukunft die wachsende Zahl der Menschen ohne Kinder im Alter, bei Krankheit und PflegebedĂŒrftigkeit? Die BeitrĂ€ge zur Gesetzlichen Renten,- und Krankenversicherung (vor der Reform auch die BeitrĂ€ge zur Gesetzlichen Pflegeversicherung) werden noch im Jahr der Einzahlung ganz an die Versorgungsberechtigten ausbezahlt, sie stehen fĂŒr die eigene Versorgung der Beitragszahler im Ruhestand nicht zur VerfĂŒgung. Ohne eine ausreichende Zahl nachwachsender Beitragszahler entsteht bei ihrer eigenen Versorgung ein Verteilungsproblem zwischen Menschen mit Kindern und Menschen ohne Kinder, denn jeder Mensch hat Eltern, aber nicht jeder Kinder. Das Bundesverfassungsgericht hat im so genannten TrĂŒmmerfrauenurteil und im Urteil zur Pflegeversicherung eine Beendigung der Ungerechtigkeit gegenĂŒber den Familien mit Kindern gefordert. Die mit demographischen Fakten begrĂŒndeten Urteile wurden nicht umgesetzt und von der Politik schlicht ignoriert. Was die Behandlung des Bundesverfassungsgerichts und der Familien mit Kindern betrifft, ist Deutschland kein Rechtsstaat.

Prof. Dr. Herwig Birg, Berlin

Bei diesem Aufsatz handelt es sich um die leicht gekĂŒrzte Fassung des Vorworts zum neuen Buch von Herwig Birg, „Die alternde Republik und das Versagen der Politik – eine demographische Prognose“, erschienen im LIT-Verlag, Berlin.

Quelle: Aufsatz des Monats 12/ 2014, Institut fĂŒr Demographie, Allgemeinwohl und Familie (www.i-daf.org)

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Dieser Beitrag wurde erstellt am Montag 8. Dezember 2014 um 12:39 und abgelegt unter Demographie, Gesellschaft / Politik.