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Auf Leben und Tod

Dienstag 23. September 2014 von factum


factum

von Andreas Lombard

Wer h├Ątte das noch vor wenigen Jahren f├╝r m├Âglich gehalten: Fast unbemerkt von einer ansonsten stets emp├Ârungsbereiten ├ľffentlichkeit wird die Selektion von lebenswertem und lebensunwertem Leben in den Alltag eingef├╝hrt. Zuerst zu Beginn des Lebens, wo die Pr├Ąnataldiagnostik und die Pr├Ąimplantationsdiagnostik die T├╝r zur Selektion ge├Âffnet haben. Nun ist es der kranke oder alte Mensch, der zum Objekt wird. Der Zerfall der Familien und die Erosion biblischer Werte bereiten den Weg zu einem als Hilfe und Barmherzigkeit getarnten Angriff auf das Lebensrecht des Menschen. Schritt um Schritt ver├Ąndert sich hier eine Konvention und wird da ein Gesetz so modifiziert, dass die T├Âtung von Leben akzeptabel, zul├Ąssig und sogar geboten erscheint. Das Tabu, Menschen zu t├Âten, wird, wie beil├Ąufig, aufgel├Âst. Zehn Thesen zu einer bedrohlichen Entwicklung, die letztlich Ausdruck der geistlichen Misere unserer Zeit ist.

1. Sterbehilfe ist aus medizinischer Sicht unn├Âtig

Ein alter Mann sagt: ┬źIch bin dem Tor des Todes schon recht nahe. Es ist f├╝r mich ein entsetzlicher Gedanke, als hilflos Kranker und ausgeliefert an andere, unw├╝rdig dahinsiechen zu m├╝ssen.┬╗ Selbst wenn sich seine Bef├╝rchtung eines Tages als ├╝bertrieben erweisen sollte, bliebe seine heutige Sorge verst├Ąndlich. Der Mensch darf sich w├╝nschen, so wenig wie m├Âglich leiden zu m├╝ssen. Er soll es sogar. Auch dann, wenn er sich die Schonung von der Sterbehilfe erhofft. W├╝nscht er sich mit der Sterbehilfe aber wirklich den Tod oder nur das Ende seiner Not? Den Wunsch nach Sterbehilfe ernst zu nehmen, bedeutet gerade nicht, den Wunsch erf├╝llen zu m├╝ssen. Und zwar aus drei Gr├╝nden: Erstens k├Ânnen mit den modernen Behandlungsm├Âglichkeiten der palliativen Medizin die mit dem Sterben einhergehenden Krankheitszust├Ąnde wie Schmerzen oder Atemnot bis auf ein Minimum reduziert werden. F├╝r aktive Sterbehilfe gibt es keine medizinische Notwendigkeit im Sinne einer ├Ąrztlichen Indikation. Zweitens gibt es zwar F├Ąlle, in denen die Medizin das Sterben verweigert und das k├Ârperliche ├ťberleben sinnlos verl├Ąngert. Hier stellt sich aber die Frage, ob auf lebensverl├Ąngernde Massnahmen zu verzichten w├Ąre. Ein solcher Verzicht ist keine Sterbehilfe nach der aktuellen Bedeutung des Wortes. Drittens war das Sterben in der langen Geschichte der Menschheit immer etwas, was die Menschen zu allen Zeiten und unter allen Umst├Ąnden ┬źkonnten┬╗. Das Wort Sterbehilfe suggeriert aber, dass ein h├Âchst nat├╝rlicher Vorgang auf einmal hilfsbed├╝rftig w├Ąre. Ausgerechnet heute, da der nat├╝rliche Tod leichter und so schmerzarm sein kann wie noch nie, soll er durch den k├╝nstlichen ersetzt werden m├╝ssen?

2. Sterbehilfe ist ein Fehlen des Guten

Aus vielen anderen Lebensbereichen wissen wir, dass W├╝nsche eine heikle Sache sind. Sie k├Ânnen f├╝r alles M├Âgliche stehen. Ihre Erf├╝llung kann entt├Ąuschend sein. Sie k├Ânnen uns sogar gef├Ąhrlich werden. W├╝nsche sind zum Gl├╝ck keine Befehle. Sie sind aber fast immer Anzeichen daf├╝r, dass wir das bessere Leben suchen. Um den leichten Tod geht es beim Wunsch nach Sterbehilfe nur vordergr├╝ndig. In Wahrheit geht es fast immer um das bessere Leben. Auch dann, wenn das dem Hilfesuchenden nicht bewusst sein mag. Das bessere Leben w├Ąre wahrscheinlich einfach ein Leben mit weniger Angst und Schmerzen sowie mit mehr Zuwendung und Aufmerksamkeit, kurz, mit mehr Liebe. Der Wunsch nach Sterbehilfe sagt als solcher nichts ├╝ber die Not, die ihn ausgel├Âst hat. Um dem Wunsch nach Sterbehilfe zu entsprechen, m├╝sste der andere, der sich zur ┬źHilfe┬╗ entschliesst, von der absoluten Objektivit├Ąt des Sterbehilfewunsches ├╝berzeugt sein k├Ânnen. Das kann er aber nicht, weil auch er nur Teil des Geschehens ist. Darauf weist der Arzt und Therapeut Christian Spaemann hin. Selbst wenn der Todeswunsch eine Art transzendentaler Wahrheit f├╝r sich beanspruchen k├Ânnte, st├╝nde es keinem Menschen zu, sie festzustellen. Den Aussenstandpunkt, den er dazu brauchte, kann er nicht einnehmen, ohne aus der Beziehung auszutreten und zum Herrn ├╝ber Leben und Tod zu werden. Bei der Sterbehilfe geht es nicht um besseres Leben. Sterbehilfe t├Âtet. Sterbehilfe verfehlt das positive Kontaktangebot desjenigen, der sie vermeintlich braucht. Das B├Âse ist hier, wie so oft, ein Fehlen des Guten.

3. Die entscheidende T├Âtungsgewalt kommt bei der Sterbehilfe vom Helfer

Den willigen Sterbehelfer beeindruckt es in der Regel nicht, dass Sterbehilfe t├Âtet. Er sagt: ┬źWenn der Selbstmord erlaubt ist, kann die Beihilfe zum Selbstmord nicht verboten sein.┬╗ Mit dieser Begr├╝ndung ist sie in vielen L├Ąndern wirklich nicht verboten. Der Philosoph Robert Spaemann aber sagt: ┬źMan folgert aus der gesetzlichen Erlaubtheit des Suizid, dass auch die Beihilfe zu einer erlaubten Handlung erlaubt sein m├╝sse. Nun ist aber der Suizid und der Suizidversuch nicht ÔÇ╣erlaubtÔÇ║, sondern nur nicht verboten, weil er n├Ąmlich ├╝berhaupt nicht in die Rechtssph├Ąre geh├Ârt. Der Selbstm├Ârder tritt einfach aus aus der Gemeinschaft der Menschen. Zur Beihilfe aber geh├Âren zwei Personen. Sie ist ein zwischenmenschliches Geschehen, f├Ąllt deshalb in die Rechtssph├Ąre und muss, solange jemand dieser Sph├Ąre angeh├Ârt, verboten und strafbar sein.┬╗ Selbstm├Ârder m├Âgen vielf├Ąltige Gr├╝nde f├╝r ihren Selbstmord angeben. Aus medizinischer Sicht sind Selbstm├Ârder zu 90 Prozent depressiv. Depression ist eine durchaus heilbare Krankheit. Deshalb ist es nicht wahr, dass der Helfer dem Selbstm├Ârder den Weg freimacht. Es ist nicht wahr, dass er ihm die ├Ąusserste Freiheit gew├Ąhrt. Das alles nimmt er ihm. Der Helfer schneidet dem potentiellen Selbstm├Ârder den Weg ab. Statt dem Lebensm├╝den bei der Selbstt├Âtung zu helfen, bringt ihn sein Helfer in Wahrheit um, indem er ┬źnur┬╗ den fehlenden, aber entscheidenden Rest an Gewalt dazugibt.

4. Sterbehilfe ist Euthanasie an Selbstmordkandidaten, die nicht die Kraft zum Selbstmord haben

Wer ist eigentlich ein Selbstm├Ârder? Das einzige Kriterium, das wir haben, ist der vollzogene Suizid: das aus eigener Kraft beendete Leben. Nur wenn die Kraft, sich wirklich zu t├Âten, genauso gross ist wie der Wunsch, sich zu t├Âten ÔÇô erst dann kann der Wunsch zu sterben gr├Âsser sein als der Wille, weiterzuleben. Nur mit einem langen, harten, inneren Training wird der widerstrebende Lebenswille so weit in die Knie gezwungen, dass der Selbstmord nicht nur gewollt und geplant, sondern schliesslich auch vollzogen werden kann. Der Selbstmord war bislang ein ┬źaristokratisches┬╗ Ph├Ąnomen, eine Sache jener unhappy few, die ├╝berhaupt die ungeheure T├Âtungsenergie aufbrachten. Noch einmal: Ob der Selbstm├Ârder diese Energie aufbringt oder nicht, das allein entscheidet dar├╝ber, ob er ein Selbstm├Ârder ist ÔÇô oder eben nicht. Der Sterbehelfer, Pr├╝fung hin oder her, sagt dem potentiellen Suizidenten voreilig auf den Kopf zu: ┬źJa, das ist dein Schicksal┬╗, und nimmt ihm so die M├Âglichkeit, seinen vielleicht nur vor├╝bergehend versch├╝tteten Lebenswillen wiederzuentdecken. Der Todeswunsch ist nicht der Tod. Der Todeswunsch mag so gl├╝hend sein, wie er will. Der Tod kommt erst aus dem Beziehungsgeschehen Sterbehilfe. Denn in der Sterbehilfe kommen zwei verschiedene Dinge zusammen, die nur scheinbar zusammengeh├Âren: Gef├╝hlte Lebensm├╝digkeit auf der einen Seite und praktische Neigung zur Suizidbeihilfe auf der anderen. Wer w├╝rde jemals einem eigenen Angeh├Ârigen auf diese Weise ┬źhelfen┬╗? In der Regel macht der fremde Helfer den entscheidenden Schritt und erkl├Ąrt den Todeswunsch zur todesw├╝rdigen Lebensschw├Ąche. Er hilft, ein aus seiner Sicht lebensunw├╝rdiges Leben zu beenden. Er ┬źspendet┬╗ die Euthanasie. Seine Eugenik dient der ins D├Ąmonische kippenden Selbstbestimmung. Auch im fr├╝hen 20. Jahrhundert arbeitete die Euthanasie zun├Ąchst nur mit dem (angeblichen) Todeswunsch unheilbar Kranker.

5. Sterbehilfe ist Selbstmord ┬źf├╝r alle┬╗

F├╝r den Philosophen Karl Jaspers war der Selbstmord noch ein Privileg nationalsozialistischer Parteifunktion├Ąre. Er war mit einer j├╝dischen Frau verheiratet und wollte sich mit ihr im Notfall spontan das Leben nehmen k├Ânnen. Deshalb beneidete er seine Feinde um die Zyankali-Kapsel, mit der sich Himmler am Ende des Krieges der Verhaftung entzog. An Hannah Arendt schrieb er: ┬źDas ÔÇ╣anst├Ąndige MittelÔÇ║ zum Selbstmord war seit der Nazi-Zeit unser Problem und ist es jetzt noch. Es ist in einem technischen Zeitalter verdriesslich, dass das nicht einfach zur Verf├╝gung steht.┬╗ Wenn das Mittel zum Selbstmord ┬źeinfach zur Verf├╝gung steht┬╗, wird aber die Erleichterung einiger weniger mit der wachsenden Verwahrlosung aller erkauft. Das h├Ątte Jaspers bedenken m├╝ssen. Besonders im technischen Zeitalter empfindet das selbstbestimmte Individuum Krankheit und Tod als narzisstische Kr├Ąnkung. Mehr als den Tod f├╝rchtet es die Schattenseiten des Lebens. Es geht nicht einmal darum, ob man sich die teuren Segnungen der Medizin noch leisten kann: Ein reiches Ehepaar l├Ąsst sich in der Schweiz umbringen, ohne ernsthaft krank zu sein. Zuvor l├Ądt es die Angeh├Ârigen zu einem nachhaltig verst├Ârenden Abschiedstreffen ein, dann fliegt es erster Klasse nach Z├╝rich und n├Ąchtigt in einem standesgem├Ąssen Hotel. Am n├Ąchsten Tag ist es soweit. Sterbehilfe ist nicht auf jene beschr├Ąnkt, denen zum besseren Leben das Geld fehlen w├╝rde. Zu Klassen- und Verm├Âgensunterschieden verh├Ąlt sie sich weithin neutral. Das macht sie sozialpolitisch so attraktiv: Der Staat, der sich der Realisierung einer Gerechtigkeit verschrieben hat, die es nur im Himmel geben kann, h├Ątte eine Sorge weniger, wenn ihm der ┬źSelbstmord f├╝r alle┬╗ die Einf├╝hrung einer ┬źungerechten ┬╗ Zweiklassenmedizin ersparen w├╝rde.

6. Sterbehilfe ist ┬źgerecht┬╗, aber um den Preis des Lebens

Voraussichtlich sind im Jahre 2060 rund 30 Prozent aller Deutschen mindestens 65 Jahre alt. Bis 2050 soll sich die Gesamtzahl der gegenw├Ąrtig 2,4 Millionen Pflegebed├╝rftigen auf 4,7 Millionen erh├Âhen. Es droht eine Finanzierungsl├╝cke von zwei Billionen Euro. Hier bekommt die Rede von ┬źGerechtigkeit┬╗ einen ganz neuen Sinn: Wenn bei Geburt alle gleich alt sind, warum sollten sie es dann nicht auch zum Zeitpunkt ihres Todes sein? So liess der schwedische Schriftsteller Carl-Henning Wijkmark den Teilnehmer einer fiktiven Konferenz ├╝ber den modernen Tod fragen, die schon im Jahre 1978 jene Sterbehilfe-Politik verhandelte, die in Holland bereits vor zehn Jahren Wirklichkeit geworden ist und das ┬źsozialvertr├Ągliche Fr├╝hableben┬╗ (Karsten Vilmar) zur Gewohnheit werden l├Ąsst: ┬źDie Idee eines Todesobligatoriums in einem gewissen Alter verwirklicht auf ihre Art eine Demokratie des Todes, die sicher einer der ├Ąltesten Tr├Ąume der Menschheit ist.┬╗ Ein solches Todesobligatorium ┬źlegt enorme wirtschaftliche Ressourcen frei, wahrt aber gleichzeitig eine Art makabrer Gerechtigkeit┬╗ (Wijkmark). Wir haben noch etwas Zeit, uns daran zu gew├Âhnen.

7. Sterbehilfe ist die letzte Konsequenz aus Abtreibung und Zeugungsverweigerung

Unser K├Ârper geh├Ârt uns nicht. Zumal f├╝r den Christen ist der K├Ârper ein Tempel Gottes, den der Mensch nur verwaltet. ├ťber das ihm von Gott anvertraute Leben darf er nicht verf├╝gen. Sterbehilfe ist Tods├╝nde. Sterbehilfe ist Anmassung. Der Geist dieser Anmassung ist unter anderem der jahrzehntelangen, exzessiven und gewohnheitsm├Ąssigen Abtreibungspraxis zu verdanken. In einer nicht lebensbedrohlichen Situation darf die Mutter heute ├╝ber das Leben ihres Kindes entscheiden. Warum sollte nicht umgekehrt auch ein inzwischen erwachsenes Kind ├╝ber das Leben seiner Eltern entscheiden d├╝rfen ÔÇô und sei es nur, weil es durch Sterbehilfe endlich den heiss ersehnten Erbfall herbeif├╝hren m├Âchte? Auf dem Jugendportal des Deutschen Bundestages (www.mitmischen.de) gibt es zum Thema Sterbehilfe einen scheinbar neutralen Text, der unter anderem vom ┬źRecht auf einen w├╝rdigen Tod┬╗ handelt. Er wird mit dem Foto einer jungen Frau illustriert, die auf einer Autobahnbr├╝cke steht. Ging es nicht eben noch um Todkranke? Ging es nicht eben noch um Suizidpr├Ąvention? Sterbehilfe ist Abtreibung im tausendsten Monat oder im achthundertundvierzigsten oder im vierhundertundachtzigsten. Also mit 83 oder mit 70 oder mit 40 oder auch mit 16 Jahren wie in den Niederlanden. Nachdem Pille, Abtreibung und zeugungsloser sexueller Hedonismus zu Mindergeburten in mittlerer zweistelliger Millionenh├Âhe gef├╝hrt haben, wird die ├ťberalterung unbezahlbar. In dieser Situation behauptet das Programm Sterbehilfe eine Art Gleichberechtigung von Leben und Tod, um den Tod als das bessere Leben zu verkaufen. Aus anderer Perspektive tut das auch die Lobby f├╝r die Homo-Ehe, die neuerdings von der Verantwortung homosexueller Paare ┬źf├╝r die geborene als auch ungeborene Zukunft┬╗ spricht. Wer Sterbehilfe leistet, ├╝bernimmt demnach Verantwortung f├╝r eine ungelebte Zukunft. Wie verr├╝ckt m├╝ssen wir werden, um das gut und richtig zu finden?

8. Wo Sterbehilfe erlaubt ist, sinkt die Hemmschwelle ihrer Anwendung

Eine Frau, die von Roger Kuschs Verein Sterbehilfe empfangen hat, begr├╝ndete ihren Suizid mit Lungenerkrankung und ├ťbergewicht. Nach diesem Vorbild k├Ânnte man einem Grossteil der deutschen Krankenhauspatienten Sterbehilfe empfehlen. Bislang wurde Suizidhilfe von deutschen und Schweizer Sterbehilfsorganisationen auch in F├Ąllen schwerer Depression bef├╝rwortet. Inzwischen fordert die Schweizer Organisation Exit auch Sterbehilfe f├╝r Gesunde. Pflegeabh├Ąngigkeit oder ein fehlendes soziales Netz sollen Grund genug sein, um einem beim Selbstmord helfen zu d├╝rfen. Im US-Bundesstaat Oregon werden schon heute mehr soziale als medizinische Gr├╝nde angef├╝hrt. In Holland k├Ânnen die Eltern mindestens 16-j├Ąhriger Kinder diese im Ernstfall nicht vor der Inanspruchnahme von Sterbehilfe bewahren. Sie haben nicht das Recht, das Leben ihrer eigenen Kinder zu retten. H├Âren wir noch einmal Carl-Henning Wijkmark: ┬ź… die Stimme der Gemeinschaft, wenn wir daf├╝r sorgen, sie zu verst├Ąrken, wird so viel m├Ąchtiger als die des eigenen Lebenswillens, dass man, vielleicht gerade als einen letzten Akt der Selbst├Ąndigkeit, darum bitten wird, aufh├Âren zu d├╝rfen.┬╗ Kaum ist das Wort ┬źSterbehilfe┬╗ in der Welt, bleibt es nicht mehr auf den ├Ąussersten Notfall beschr├Ąnkt. Es macht sich breit, als ob ohne Hilfe kein Sterben mehr w├Ąre. Allein das Angebot wird zu einer diskreten Ermahnung, sich jederzeit zu ├╝berlegen, ob man nicht bald gehen sollte. So wird das ganze Leben vergiftet. An seine Stelle setzt sich eine ┬źKultur des Todes┬╗. Der neue Faschismus sagt aber nicht: ┬źIch bin der neue Faschismus.┬╗ Er sagt: ┬źIch bin die Selbstbestimmung.┬╗

9. Sterbehilfe ist ein Vorschein der Katastrophe von morgen

Sterbehilfe kann nur dort bl├╝hen, wo die Familie zerst├Ârt und die Nation ┬ź├╝berwunden ┬╗, wo Mensch und Menschheit neu erfunden werden sollen. Die demografische Krise, als deren grausamste Notl├Âsung sich die Sterbehilfe empfiehlt, verschlimmert sich aktuell auf dreierlei Weise: mit steigendem Erwerbsdruck f├╝r Frauen, mit anhaltend hohen Abtreibungszahlen sowie mit familiensch├Ądlichen Gesetzen und Neuerungen wie der ┬źHomo-Ehe┬╗. M├╝tter, die sich pers├Ânlich und ganzt├Ągig um ihre Kinder k├╝mmern, setzen sich zynischer ├Âffentlicher Verachtung aus. Die Pflege von Alten und Kranken in der eigenen Familie soll zum Auslaufmodell werden. Wenn die Alten in den niedergehenden westlichen Industrienationen eines Tages systematisch sterben m├╝ssen ÔÇô weil niemand mehr weiss, wohin mit ihnen ÔÇô, wird man die Massnahmen damit begr├╝nden, dass sie den Wert des Menschen keineswegs in Frage stellen, sondern dem Wert des anderen, n├╝tzlicheren Menschen dienen, dessen Wert sie ausserdem erh├Âhen. Man hospitalisiert die Patienten und k├Ąmpft gegen den Hospitalismus, indem man anf├Ąngt, die Patienten einfach umzubringen. Man sexualisiert die Emanzipationsfragen und k├Ąmpft gegen den Sexismus. Man munitioniert die Verteilungsk├Ąmpfe rassistisch, n├Ąmlich durch Verzichtsforderungen an die einstigen Kolonialv├Âlker, und unterst├╝tzend bek├Ąmpft man zugleich ihren ┬źRassismus┬╗. Ist die Unantastbarkeit menschlichen Lebens auch am Lebensende aus dem Weg ger├Ąumt, k├Ânnten zum Beispiel zehn arme afrikanische Kinder gegen den teuren Krankenhausaufenthalt eines alten, europ├Ąischen Patienten in die Waagschale geworfen werden. Oder irgendjemand sonst, der gerade als wichtiger oder wertvoller gilt.

10. Sterbehilfe ist eine teuflische Wette auf die Entbehrlichkeit der Welt

Sterbehilfe verspricht so viel. Es scheint, als k├Ânnte sie die dunkle Seite des Lebens abschaffen. Als w├╝rde derjenige, der sie annimmt, das Leid aus dieser Welt in jene mit hin├╝bernehmen. Das konnte nur Christus, jetzt sollen es alle k├Ânnen. Sterbehilfe wird zur ┬źWette auf die Entbehrlichkeit der Welt┬╗ (Peter Sloterdijk). Im Gegenzug w├╝rde der Tod schrecklicher herrschen als je zuvor. Die harte Scheidung des noch lebenswerten Lebens von bereits lebensunwertem Leben w├╝rde an jeder Stockung des Lebensflusses stattfinden, an dem Krankheit oder Ungl├╝ck ihr Recht fordern. Eine Selektion. Der Tod auf Bestellung w├Ąre bar jeder erhabenen Unw├Ągbarkeit. F├╝r das Unw├Ągbare m├╝ssen der Sterbende und seine N├Ąchsten Geduld haben und sich Zeit nehmen. Daf├╝r mag das Schicksal sie n├Ąher zusammenbringen als je zuvor. Sterben lernen heisst leben lernen. F├╝r den nat├╝rlich Sterbenden kann der lange Abschied die letzte und wichtigste Erfahrung seines Lebens sein. Die anderen, die ihn begleiten, m├Âgen auf traurige, aber auch sch├Âne Weise die Erfahrung ihrer eigenen Lebendigkeit und Lebensfreude machen. Das Leid ist kein Fehler der Sch├Âpfung. Wie die Freude geh├Ârt es zum Leben dazu. Wer das Leid vom Leben scheiden und an den Tod binden will, bindet das Leben selbst an den Tod. Das ist die schiefe Ebene der Sterbehilfe, vor der nicht genug gewarnt werden kann. Gegen sie hilft nur die F├╝lle des Lebens und der Versuch seines Gelingens im Glauben und in der Hoffnung, dass es etwas gibt, das weit und strahlend ├╝ber die vielen tr├╝bseligen Tage hinausreicht. Die menschenw├╝rdige Antwort auf Schmerz und Qual ist nicht der Tod, sondern Glaube, Liebe, Hoffnung ÔÇô bis zuletzt und dar├╝ber hinaus.

Andreas Lombard

Quelle: Factum, 1/2014 (www.factum-magazin.ch)

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Dieser Beitrag wurde erstellt am Dienstag 23. September 2014 um 17:08 und abgelegt unter Gesellschaft / Politik, Lebensrecht, Medizinische Ethik, Seelsorge / Lebenshilfe.