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Das Gesetz Gottes – in einer Zeit der ethischen Verwüstung

Donnerstag 26. Juni 2014 von Pfr. Dr. Stefan Felber


Pfr. Dr. Stefan Felber

1      Ein heißes Eisen

Wer heute positiv über Gesetz und Autorität spricht, sollte damit heute lieber nicht in einer Talkshow auftreten. Er faßt ein heißes Eisen an. Wenn, dann spricht man lieber abfällig darüber. Denn der sogenannte Antinomismus regiert: eine mehr oder weniger bewußte und mehr oder weniger prinzipielle Ablehnung von allem, was einengt und nach Unfreiheit riecht.

Die Gesetzlosigkeit hatte bereits im 19. Jahrhundert ihre Propheten. Heinrich Heine sagte, wenn man das Leben richtig genießen wolle, müsse man die Sünde abschaffen, und das geht nur, wenn man das Gesetz abschafft.[1] Bekanntlich wurde in einigen Lebensbereichen nach dem zweiten Weltkrieg durchaus dereguliert, in anderen dagegen haben die Bestimmungen eher zugenommen.

Jedenfalls gehört Antinomismus, ob säkular oder theologisch z.B. mit dem Streit zwischen den Pharisäern und Jesus verbrämt, zu den Kennzeichen unserer Zeit, und steht in wechselseitiger Abhängigkeit mit „Materialismus und Sensualismus, simpler: Lustsuche“[2]. Wilhelm Lütgert beobachtete bereits an der Theologie des 19. Jahrhunderts: „Die positive Stellung des Paulus zum Gesetz wird nicht mehr verstanden und der Anschluß an die Reformation beschränkt sich auf den Gedanken der Freiheit vom Gesetz.[3]

Wir wollen uns bewußt machen, daß wir es mit einem elementaren Ringen zu tun haben: Auf der einen Seite der Mensch, der sich selbst Gesetz sein will, auf der anderen Seite der heilige und ewige Gott, der sein Reich durch Gnade und Gericht errichten wird. „Die Könige der Erde lehnen sich auf, und die Herren halten Rat miteinander wider den Herrn und seinen Gesalbten“ (Ps 2,2). Das Streben nach Unabhängigkeit und Autonomie ist ein wildes Tier, das in jedem von uns lebt – aber gerechtfertigt ist es damit nicht.

Wollen wir uns doch der heilsamen Hl. Schrift überlassen, „die nütze ist zur Lehre, zur Zurechtweisung, zur Besserung, zur Erziehung in der Gerechtigkeit, daß der Mensch Gottes vollkommen sei, zu allem guten Werk geschickt” (2.Tim 3,16–17). So beginne ich mit einigen Schriftworten zum Thema.

2      Von der Liebe zum Gesetz, von Liebe und Leben aus dem Gesetz, und von seiner Unvergänglichkeit: Schriftworte und Einführung

2.1     Altes Testament

Dtn 7,9:
So sollst du nun wissen, daß der HERR, dein Gott, allein Gott ist, der treue Gott, der den Bund und die Barmherzigkeit bis ins tausendste Glied hält denen, die ihn lieben und seine Gebote halten.

Dtn 8,11f.(vgl. Kontext):
10 Und wenn du gegessen hast und satt bist, sollst du den HERRN, deinen Gott, loben für das gute Land, das er dir gegeben hat. 11 So hüte dich nun davor, den HERRN, deinen Gott, zu vergessen, so daß du seine Gebote und seine Gesetze und Rechte, die ich dir heute gebiete, nicht hältst. 12 Wenn du nun gegessen hast und satt bist und schöne Häuser erbaust und darin wohnst 13 und deine Rinder und Schafe und Silber und Gold und alles, was du hast, sich mehrt, 14 dann hüte dich, daß dein Herz sich nicht überhebt und du den HERRN, deinen Gott, vergißt, der dich aus Ägyptenland geführt hat, aus der Knechtschaft, …

Der Abschnitt warnt nach Bockmühl deutlich vor den Gefährdungen des Wohlstands. „Gesetzlosigkeit wächst auf dem Wohlstand; der Antinomismus ist ein Kind der Üppigkeit.“[4]

Dtn 29,28:
Was verborgen ist, ist des HERRN, unseres Gottes; was aber offenbart ist, das gilt uns und unsern Kindern ewiglich, daß wir tun sollen alle Worte dieses Gesetzes.

Dtn 32:
45 Als nun Mose das alles zu Ende geredet hatte vor ganz Israel, 46 sprach er zu ihnen: Nehmt zu Herzen alle Worte, die ich euch heute bezeuge, daß ihr euren Kindern befehlt, alle Worte dieses Gesetzes zu halten und zu tun. 47 Denn es ist nicht ein leeres Wort an euch, sondern es ist euer Leben, und durch dies Wort werdet ihr lange leben in dem Lande, in das ihr zieht über den Jordan, um es einzunehmen.

Ps 119:
44 Ich will dein Gesetz halten allezeit, immer und ewiglich.
89
HERR, dein Wort bleibt ewiglich, so weit der Himmel reicht; 90 deine Wahrheit währet für und für. Du hast die Erde fest gegründet, und sie bleibt stehen. 91 Sie steht noch heute nach deinen Ordnungen; denn es muß dir alles dienen.
160
Dein Wort ist nichts als Wahrheit, alle Ordnungen deiner Gerechtigkeit währen ewiglich.

Jes 24,5:
„Die Erde ist entweiht von ihren Bewohnern; denn sie übertreten das Gesetz und ändern die Gebote und brechen den ewigen Bund.“

Jes 40,8:
Das Gras verdorrt, die Blume verwelkt, aber das Wort unseres Gottes bleibt ewiglich (vgl. 1.Petr 1,25).

Diese Schriftworte finden ihre selbstverständliche Fortsetzung auch im zwischenkanonischen Judentum:

Sir 1,5: Das Wort Gottes in der Höhe ist die Quelle der Weisheit, und sie verzweigt sich in die ewigen Gebote.

2.2     Neues Testament

Matthäus berichtet drei grundsätzliche Bestätigungen der Geltung der 10 Gebote:

Mt 5,17ff. (vgl. Lk 16,17):Bestätigung undRadikalisierung

Mt 15,4–6: Verteidigung gegen menschliche Hinzufügungen (Elterngebot)

Mt 19,16ff.: endzeitliche Bedeutung als Maßstab für Gottes Gericht (Reicher Jüngling)

Das Gesetz als Maßstab der Liebe und im endzeitlichen Gericht

Röm 13,8ff.:
8 Seid niemand etwas schuldig, außer, daß ihr euch untereinander liebt; denn wer den andern liebt, der hat das Gesetz erfüllt. 9 Denn was da gesagt ist: »Du sollst nicht ehebrechen; du sollst nicht töten; du sollst nicht stehlen; du sollst nicht begehren«, und was da sonst an Geboten ist, das wird in diesem Wort zusammengefaßt: »Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.« 10 Die Liebe tut dem Nächsten nichts Böses. So ist nun die Liebe des Gesetzes Erfüllung. 11 Und das tut, weil ihr die Zeit erkennt, nämlich daß die Stunde da ist, aufzustehen vom Schlaf, denn unser Heil ist jetzt näher als zu der Zeit, da wir gläubig wurden.

V. 10 besagt: Die Liebe steht in einem organischen Verhältnis zum Gesetz; sie rekapituliert und erfüllt es – aus Liebe, d.h. ohne Zwang (d.i. das Wesen des neuen Bundes nach Jer 31,31–34; Hebr 8). Das Verhältnis ist wechselseitig: 1. Die Gebote werden von der Liebe erfüllt.[5] – 2. Alle Gebote zielen auf die Liebe als ihre Vollkommenheitsform (1.Tim 1,5), das erledigt den Legalismus, die Gesetzlichkeit.

Daher Mt 24,12:
Und weil die Ungerechtigkeit überhand nehmen wird, wird die Liebe in vielen erkalten.

Offb 12,17:
Und der Drache wurde zornig über die Frau und ging hin, zu kämpfen gegen die übrigen von ihrem Geschlecht, die Gottes Gebote halten und haben das Zeugnis Jesu.

Offb 14,12f.:
12 Hier ist Geduld der Heiligen! Hier sind, die da halten die Gebote Gottes und den Glauben an Jesus! 13 Und ich hörte eine Stimme vom Himmel zu mir sagen: Schreibe: Selig sind die Toten, die in dem Herrn sterben von nun an. Ja, spricht der Geist, sie sollen ruhen von ihrer Mühsal; denn ihre Werke folgen ihnen nach.

Offb 22,14 findet sich so nur im textus receptus: „Selig sind, die meine Gebote halten.“
Im Kontext nachSchlachter 2000: 14 Glückselig sind, die seine Gebote tun[6], damit sie Anrecht haben an dem Baum des Lebens und durch die Tore in die Stadt eingehen können. 15 Draußen aber sind die Hunde und die Zauberer und die Unzüchtigen und die Mörder und die Götzendiener und jeder, der die Lüge liebt und tut.

Die neue geistliche Identität bzw. die Heiligung ist anhand der Gebote bemerkbar[7]

1.Kor 6,9–11:
9 Oder wißt ihr nicht, daß die Ungerechten das Reich Gottes nicht ererben werden? Laßt euch nicht irreführen! Weder Unzüchtige noch Götzendiener, Ehebrecher, Lustknaben, Knabenschänder, 10 Diebe, Geizige, Trunkenbolde, Lästerer oder Räuber werden das Reich Gottes ererben. 11 Und solche sind einige von euch gewesen. Aber ihr seid reingewaschen, ihr seid geheiligt, ihr seid gerecht geworden durch den Namen des Herrn Jesus Christus und durch den Geist unseres Gottes.

Man kann nicht Gott/Christus haben ohne seine Gebote

Joh 15,10–12:
Wenn ihr meine Gebote haltet, so bleibt ihr in meiner Liebe, wie ich meines Vaters Gebote halte und bleibe in seiner Liebe. 11 Das sage ich euch, damit meine Freude in euch bleibe und eure Freude vollkommen werde. 12 Das ist mein Gebot, daß ihr euch untereinander liebt, wie ich euch liebe. (vgl. 1.Kor 7,9)

1.Joh 3,24:
Und wer seine Gebote hält, der bleibt in Gott und Gott in ihm. Und daran erkennen wir, daß er in uns bleibt: an dem Geist, den er uns gegeben hat.

1.Joh 5,10:
Denn das ist die Liebe zu Gott, daß wir seine Gebote halten; und seine Gebote sind nicht schwer.

Die Ewigkeit des Wortes

1.Petr 1,23–25:
Denn ihr seid wiedergeboren nicht aus vergänglichem, sondern aus unvergänglichem Samen, nämlich aus dem lebendigen Wort Gottes, das da bleibt. 24 Denn »alles Fleisch ist wie Gras und alle seine Herrlichkeit wie des Grases Blume. Das Gras ist verdorrt und die Blume abgefallen; 25 aber des Herrn Wort bleibt in Ewigkeit«. Das ist aber das Wort, welches unter euch verkündigt ist.

Vorläufige Zusammenfassung

Die vorliegende Auswahl an Schriftworten (die leicht erweiterbar wäre) zeigt zunächst: Gott hat seinem Wort kein Verfalldatum beigegeben. Vielmehr regiert er die Welt und seine Gemeinde fort und fort durch sein Wort. Das Wort Gottes ist ewig, speziell das Wort Christi ist ewig („Himmel und Erde werden vergehen …“, Mt 24,35). Außerdem zeigen sie klar, daß den Gläubigen biblischer Zeiten eine Selbstemanzipation von den Geboten so fern lag, wie sich von Gott selbst zu entfernen (vgl. das Ineinander von Wortbeziehung und Gottesbeziehung in Ps 56). Die Liebe ist des Gesetzes Erfüllung (Röm 13,10). „Liebe“ ist also nicht gegen, sondern mit dem Gesetz und im Gesetz zu bestimmen und zu leben.

2.3     Was ist Wort Gottes, was ist Gesetz?

Das Wort Gottes wirkt nach reformatorischer Einsicht nicht bloß als Information, sondern entweder als Gesetz oder als Evangelium. Aus evangelischer Sicht sind zwei Wirkungsweisen des göttlichen Wortes zu unterscheiden.

Als Gesetz deckt es die Sünde auf. Es stellt die Sünde unter das Gericht. Es antwortet auf die Frage: „Was habe ich getan?“ Die Antwort lautet: Du hast Gottes Zorn herausgefordert, du bist des Todes!

Im Evangelium aber spricht Gott uns durch Propheten, Apostel und rite vocati zu, daß er den Sünder trotz der Sünde kraft des Kreuzes seines Sohnes Jesus Christus liebt. Es antwortet auf die bange Frage: „Darf ich dennoch leben?“ Die Antwort lautet, mit Röm 5,8f: „Gott erweist seine Liebe zu uns darin, daß Christus für uns gestorben ist, als wir noch Sünder waren. Um wieviel mehr werden wir nun durch ihn bewahrt werden vor dem Zorn, nachdem wir jetzt durch sein Blut gerecht geworden sind!“

Der biblische Begriff Gesetz enthält nun allerdings mehr, als eine einfache Gegenüberstellung zum Evangelium vermuten läßt. Das Gesetz Gottes kann auch überhaupt für das Wort Gottes stehen, das dann auch das Evangelium enthält! (Wie auch bisweilen „Evangelium“ als Inbegriff der Verkündigung benutzt wird.)Das wäre der weiteste Begriff von Gesetz. Dieserweite Begriff scheint bei Paulus durch, wenn er z.B. davon spricht, daß das Gesetz heilig, gerecht und gut ist (Röm 7,12), oder wenn er die beiden Worte Gottes im gleichen Vers als Gesetz der Werke und als Gesetz des Glaubens charakterisiert (Röm 3,27). Hierzu gehört auch, wenn bisweilen mit Gesetz das Korpus der fünf Bücher Mose gekennzeichnet wird: hebr. tora, griech. nomos. Der alttestamentliche Kanon besteht außer diesem Korpus ferner aus den Propheten und der Gruppe, die mit den Psalmen beginnt (Ketuvim; Lk 24,44).

Den engsten Begriff von Gesetz habe ich eingangs erwähnt: Der sog. theologische Gebrauch des Gesetzes, um die Sünde aufzudecken (auch sog. usus praecipuus, vorzüglicher Gebrauch des Gesetzes).

Wenn wir heute von Gesetz in Bezug auf Ethik sprechen, ist es wichtig, jeweils genau zu wissen, was wir meinen. In Bezug auf Ethik geht es um den Aspekt der Weisung zum guten Leben, also nicht um die Frage: „Was habe ich getan?“, sondern: „Was soll ich glauben und tun?“ Tora kann ja auch Unterricht/Unterrichtung oder Weisung/Unterweisung bedeuten und wird z.B. in den Sprüchen so verwendet. In gewissem Sinne ist auch ein Lehrvortrag tora, Unterweisung.

Nochmals Dtn 32,47:
Denn es ist nicht ein leeres Wort an euch, sondern es ist euer Leben, und durch dies Wort werdet ihr lange leben in dem Lande, in das ihr zieht über den Jordan, um es einzunehmen.

Dies war also die Perspektive, mit der Mose das Gesetz an das Volk übergab. Das Gesetz, die Tora, ist ein wunderbares, wunderschönes, vor allem ein völlig unverzichtbares Wort: Das Wort, von dem wir leben, denn nicht vom Brot allein lebt der Mensch; das Wort, für das es sich zu sterben lohnt – denn es ist das Wort, das das Leben lebenswert macht: In ihm ist Sinn, Bedeutung, Halt, Fülle, Freude, Einsicht, Licht (Ps 119,105); es erleuchtet die Augen, es erquickt die Seele, es ist köstlicher als Gold und viel feines Gold, süßer als Honig und Honigseim (Ps 19,11). Es ist das Wort, das den Tod überwinden kann – und darum lohnt es sich, dafür zu sterben. Und weil es das vermag, kann es nicht ein menschliches Wort sein, es muß göttlich sein.

Wir haben aus den vorangestellten Bibelworten die überzeitliche Gültigkeit des Gesetzes gelernt. Im gleichen Atemzug bekennen wir uns mit diesen Worten zur wahren Göttlichkeit des Gesetzes. Es ist ewig, weil es von Gott kommt, und umgekehrt. Die biblische Ethik ist nicht Ergebnis eines kulturellen Prozesses, nicht Ergebnis eines Ringens verschiedener gesellschaftlicher Kräfte, nicht Ergebnis eines offenen Diskurses. Es ist Gottes Wort, nicht Selbstverständigung einer fernen Kultur. Es ist Gottes Wort, an der sich Kulturen bilden und brechen, entstehen und vergehen, wie wir es am antiken Israel und an Europa bis in die Gegenwart beobachten können.

Ewigkeit ist dabei nicht im Sinne einer absoluten Unveränderlichkeit der Mosegesetze zu verstehen. Das Gesetz ist, so würde ich es beschreiben, vom Menschen aus absolut unveränderlich. Nur Gott selbst kann seinem Gesetz in bestimmter Hinsicht eine Grenze der Gültigkeit auferlegen. Dies hat er, wie z.B. der Hebräerbrief bezeugt, tatsächlich getan. Hebr 7,12–14:

12 Denn wenn das Priestertum verändert wird, dann muß auch das Gesetz verändert werden. 13 Denn der, von dem das gesagt wird, der ist von einem andern Stamm, von dem nie einer am Altar gedient hat. 14 Denn es ist ja offenbar, daß unser Herr aus Juda hervorgegangen ist, zu welchem Stamm Mose nichts gesagt hat vom Priestertum.

Wenn aber Menschen oder Teufel sich unterstehen, das Gesetz zu ändern, so ist das die a-nomia, die Gesetzlosigkeit oder Antichristlichkeit.

Jes 24,5: Die Erde ist entweiht von ihren Bewohnern; denn sie übertreten das Gesetz und ändern die Gebote und brechen den ewigen Bund.[8]

Luther nach einigen Visitationen: Wenn man sich die deutschen Zustände absieht, muß man sich wundern: Es sei reine Gnade Gottes,, „daß uns die Erde trägt und nähret“ (Großer Kat., 575,15).[9]

Dan 7,25: „Er wird den Höchsten lästern und die Heiligen des Höchsten vernichten und wird sich unterstehen, Festzeiten und Gesetz zu ändern. Sie werden in seine Hand gegeben werden eine Zeit und zwei Zeiten und eine halbe Zeit.“

2.Thess 2,3 spricht vom Menschen der Gesetzlosigkeit, der Sohn des Verderbens.

Klaus Bockmühl hierzu treffend: „Deshalb wird das Halten der Gebote unmittelbar zu einem Zeugnis für die Herrschaft Gottes, während alle Gesetzlosigkeit Vorarbeit ist für den Antichristen.“[10]

3      Der Dekalog

3.1     Warum die Zehn Gebote?

Im nächsten Schritt beschränke ich mich auf das Gesetz in seiner Bedeutung als ethische Weisung („was sollen wir tun?“). Ich konzentriere mich dabei wie unser Katechismus auf die Zehn Gebote bzw. den Dekalog. Denn der Dekalog ist es, dessen Gültigkeit im Neuen Testament nirgends in Frage steht. Jesus wollte nicht auflösen, sondern erfüllen (Mt 5,17ff.). Auch sein „Ich aber sage euch“ hebt die Gebote (Tötungs-, Ehebruchsverbot) nicht auf, sondern führt auf ein vertieftes, den Menschen ganzheitlich umgreifendes Verständnis.

Als der reiche Jüngling Jesus nach den Geboten fragte, zählte Jesus darum exemplarisch die Gebote vom Elterngebot bis zum Wahrheitsgebot auf und verband sie mit dem Gebot der Nächstenliebe (Mt 19,18f. parr.). Das soziale Elterngebot (damit der ganze Dekalog) steht also über der religiösen Tradition der Opfergabe (Mt 15,4–6) und findet seinen Weg auch in die apostolischen Haustafeln: „Ihr Kinder, seid gehorsam euren Eltern in dem Herrn, denn das ist recht. ‚Ehre Vater und Mutter‘, das ist das erste Gebot, das eine Verheißung hat …“ (Eph 6,1–3).

Die Apostel haben ihre Ethik freilich nicht bloß mit einem einfachen „es steht geschrieben“ entfaltet oder mit erhobenem Zeigefinger eingeschärft. Sie verwiesen nicht nur auf das Gesetz bzw. das Doppelgebot der Liebe als Zusammenfassung der Gebote (Röm 13,10), sondern auch auf das Beispiel Christi: Nehmt einander an, wie Christus euch angenommen hat (Röm 15,7). Zwischen dem Neuen Bund und den vielen Gesetzen des Alten Bundes steht, kurz zusammengefaßt, das Leben Christi als ethisches Vorbild sowie seine Passion, Auferstehung und Pfingsten als Wende vom Alten zum Neuen Bund. Aufgrund dieser Wende werden die Opfer-, Reinheits- und Speisegesetze nicht mehr als wörtlich zu befolgende Gebote in den Heiligen Schriften der neutestamentlichen Gemeinde angeführt, sondern nur noch als der heilsgeschichtliche Weg zum Kreuz, als geistliches Erziehungsmittel Gottes, an dem der Mensch scheitern mußte, sogar der fromme Mensch unter der Offenbarung. Ohne das Alte Testament fehlte uns der Weg zum Kreuz, den wir mit Israel, mit Abraham und David immer wieder mitgehen müssen in Buße und Absolution, z.B. im Mitbeten der Psalmen.

Die Grundlage für diese Umorientierung liegt, wie gesagt, vor allem im Kreuzesopfer Christi, im Abreißen der Mauer zwischen Juden und Heiden (Eph 2), sowie z.B. im ausdrücklichen Wort Jesu: „damit erklärte er alle Speisen für rein“ (Mk 7,19). Für die Opfer-, Reinheits- und Speisegesetze gilt also: „Christus ist des Gesetzes Ende; wer an ihn glaubt, der ist gerecht“ (Röm 10,4); für das Gesetz als alttestamentliche Ganzheit würde besser die Übersetzung passen: „Christus ist des Gesetzes Ziel“. Insbes. der Dekalog bleibt unverzichtbar zur Aufdeckung der Sünde auch des erneuerten Menschen (vgl. Röm 7–8).

Im folgenden will ich vom Dekalog aus aber zunächst nicht nach vorne, ins Neue Testament schauen, sondern nach hinten, zur Schöpfungserzählung. Ich meine, daß nicht nur der heilsgeschichtliche Fortschritt, sondern auch ein Blick zurück auf die Schöpfungserzählung zeigt, daß es der Dekalog ist, dessen Verpflichtungen seinshaft in der Schöpfung wurzeln, dessen Sollen also aus unserem Sein plausibel ist. Freilich ergibt sich diese Plausibilität nicht einfach durch unsere Erfahrung; es erschließt sich vielmehr erst durch vertrauensvolles Meditieren der Schöpfungserzählung.

Die Verpflichtungen in der Opfer-, Reinheits- und Speisegesetzgebung dagegen lassen sich nicht oder allenfalls viel indirekter aus der Schöpfungserzählung plausibilisieren – jedenfalls nicht direkt aus unserer Erfahrung von Wirklichkeit, denn diese ist von der Sünde entstellt (Röm 1,18ff.: die Wahrheit wird durch Ungerechtigkeit niedergehalten). Ob vielleicht gerade deshalb keine Begründungen gegeben wurden[11], weil diese Gebote einst ihre Gültigkeit wieder verlieren sollten?

Mit all dem will ich zeigen, daß wir mit dem Verlust des biblischen Gesetzes auch die Grundlagen unseres (Mensch)Seins einbüßen, wie es in der Genderdebatte heute besonders augenfällig ist. Wer Gottes Gesetz aufgibt, der gibt zuletzt sein Menschsein und natürlich die Menschenwürde auf.[12]

Walter Eichrodt hatte schon 1944, in einer Zeit mitunter völliger Entmenschung und Auslöschung unerwünschten Lebens, den Vorschlag gemacht, die Anthropologie des Alten Testaments nicht aus den anthropologischen Grundbegriffen (Herz, Seele etc.), sondern aus der unbedingten Verpflichtung des Menschen im biblischen Recht aufzubauen, und damit zugleich vom menschlichen Urphänomen des Bewußtseins der Verantwortlichkeit her zu denken.[13] Im Lichte der folgenden Besinnung verdiente Eichrodts Ansatz neue Beachtung.

3.2     Sein und Sollen: Grundlagen des Dekalogs in Gen 1–3

Ps 119,73:
Deine Hand hat mich gemacht und bereitet; unterweise mich, daß ich deine Gebote lerne.

Ps 19,8a:
Das Gesetz des HERRN ist vollkommen und erquickt die Seele. (Elb./Lu84)
Die Weisung des HERRN ist vollkommen, sie gibt neues Leben. (Zürcher 2008)

Weil der dreieinige Gott und kein anderer der Schöpfer ist, darum ist zu erwarten, daß sein Gesetz für seine Schöpfung gut ist. Deine Hand hat mich gemacht – darum unterweise mich, daß ich deine Gebote lerne. Der Zusammenhang guter Gebote mit gutem Leben wird hier ins Gebet genommen, denn wir können diesen Zusammenhang nicht von uns aus lernen: Der Blick des Sünders auf die Schöpfung ist zu getrübt, als daß er durch ruhiges Nachdenken, unabhängig von der Offenbarung bzw. naturrechtlich zur Klarheit des Dekalogs gelangen würde.

Ich meine, und das gehört zur Hauptthese meines Vortrags, daß in dem Moment, wie es heute wieder wie im antiken Athen die Verehrung des unbekannten Gottes (Apg 17,16–34) gibt, die sogar die größte Konfession darstellt, auch der Zusammenhang von Schöpfung und Gebot, von Sein und Sollen zerrissen wird. Indem in unserer Zeit viele Menschen – Politiker und sogar Kirchenleute – das biblische Sollen verwerfen, treten sie auch in einen Gegensatz zu ihrem eigenen Sein.

Erst in der Neuzeit kam der Zusammenhang von Sein und Sollen in Verruf. Der Aufklärungsphilosoph David Hume behauptete: We cannot go from Is to Ought.” Seither (genauer seit Moore 1903) sieht man sich dem Vorwurf ausgesetzt, einen „naturalistischen Fehlschluß“ zu begehen, wenn man ein Sollen aus geschöpflichen Gegebenheiten begründet.

Tatsächlich: Unser Sinnen und Verstand, unsere Erkenntnismöglichkeiten sind durch die Sünde verdunkelt. Aber dazu haben wir gerade die Heilige Schrift, daß sie uns die Einheit der von Gott geschaffenen Wirklichkeit erkennen lehrt, und zwar an der Einheit von Schöpfer und Gesetzgeber.

Der schriftgemäße Schöpfungsglaube hat damit große Tragweite. Denn er erkennt den prinzipiellen Zusammenhang von Sein und Sollen, von geschöpflicher Wirklichkeit und Ethik, er bejaht grundsätzlichdie Schöpfung ein­schließlich ihrer leiblich-materiellen Seite, er respektiert sie in Ehrfurcht als Gottes Werk und Willenskundgabe. Wie sich dieser Respekt im menschlichen Glauben und Verhalten dokumentieren muß, ist nun an den einzelnen Geboten aufzuzeigen.[14]

1. Das Fremdgötterverbot

„Ich bin der HERR, dein Gott, der ich dich aus Ägyptenland, aus der Knechtschaft, geführt habe. Du sollst keine anderen Götter haben neben mir.“

Der Dekalog beginnt mit einer Präambel, die alles weitere unter den Aspekt der vorlaufenden Gnade stellt. Wer gegen das Gesetz sündigt, der versündigt sich auch an der Gnade. Man könnte vom Hebräischen her die Gebote auch futurisch übersetzen: Bin ich dein Gott, der ich dich erlöst habe, so wirst du keine anderen Götter haben. Bin ich dein Gott, der ich dich erlöst habe, so wirst du kein Gottesbild anbeten. Bin ich dein Gott, der ich dich erlöst habe, so wirst du meinen Namen nicht mißbrauchen etc. Oder umgekehrt: Ehrst Du die Eltern nicht, brichst du die Ehe usw., so hast du nicht den Gott, der dich erlöst hat, sondern dann bist du Knecht eines anderen Gottes. Alle Gebote lassen sich so auf das erste Gebot in Verbindung mit der Präambel zurückführen.

Das Fremdgötterverbot nun ergibt sich aber notwendig nicht nur aus der Erlösung von der Sklaverei zum Dienst Gottes am Sinai, sondern ebenso daraus, daß nur ein Gott die Welt geschaffen hat. Die Welt und ihre Kräfte, ihre Teile und Besonderheiten sind nicht auf Macht- oder Zuständigkeitsbereiche verschiedener Götter aufzuteilen. Kein anderer Gott hat die Macht, kein anderer Gott hat überhaupt eine bejahende Stellung und einen heiligenden Einfluß auf die Welt als eben der, der sie gemacht hat. „Alle gute Gabe und alle vollkommene Gabe kommt von oben herab, von dem Vater des Lichts …“ (Jak 1,17). Weil Gott diese Welt liebt, hat er sie geschaffen; und weil er sie auch nach dem Sündenfall noch liebt, läßt er sie nicht alleine ihren Lauf gehen, sondern wendet sich ihr fort und fort in Gericht und Gnade zu (Joh 3,16 und Kontext).

Das Ja des Schöpfers zur Welt wird in der liberalen Theologie mitunter als Argument gegen Zorn und Gericht Gottes und gegen die Existenz einer ewigen Hölle mißbraucht. Doch richtig ist: Es ist nur ein Gott und Herr, nur ein Erlöser und Richter, nur einer, dem wir sinn­vollerweise unser Vertrauen über dieses Leben hinaus schenken sollen, nur einer, den wir mit ganzem Herzen und aller Kraft fürchten und lieben sollen (Dtn 6,4f.). Wohlgemerkt an Heiden gerichtet sagt Paulus:

Apg 17,26–29: „Und er hat aus einem Menschen das ganze Menschengeschlecht gemacht, damit sie auf dem ganzen Erdboden wohnen, und er hat festgesetzt, wie lange sie bestehen und in welchen Grenzen sie wohnen sollen, 27 damit sie Gott suchen sollen, ob sie ihn wohl fühlen und finden könnten; und fürwahr, er ist nicht ferne von einem jeden unter uns. 28 Denn in ihm leben, weben und sind wir; wie auch einige Dichter bei euch gesagt haben: Wir sind seines Geschlechts. 29 Da wir nun göttlichen Geschlechts sind, sollen wir nicht meinen, die Gottheit sei gleich den goldenen, silbernen und steinernen Bildern, durch menschliche Kunst und Gedanken gemacht.“

1.Kor 8,5f.: „Und obwohl es solche gibt, die Götter genannt werden, es sei im Himmel oder auf Erden, wie es ja viele Götter und viele Herren gibt, so haben wir doch nur einen Gott, den Vater, von dem alle Dinge sind und wir zu ihm; und einen Herrn, Jesus Christus, durch den alle Dinge sind und wir durch ihn.”

Eph 4,5f.: „… ein Herr, ein Glaube, eine Taufe; ein Gott und Vater aller, der da ist über allen und durch alle und in allen.”

2. Das Bildverehrungsverbot[15]

4 Du sollst dir kein Bildnis noch irgendein Gleichnis machen, weder von dem, was oben im Himmel, noch von dem, was unten auf Erden, noch von dem, was im Wasser unter der Erde ist: 5 Bete sie nicht an und diene ihnen nicht! Denn ich, der HERR, dein Gott, bin ein eifernder Gott, der die Missetat der Väter heimsucht bis ins dritte und vierte Glied an den Kindern derer, die mich hassen, 6 aber Barmherzigkeit erweist an vielen Tausenden, die mich lieben und meine Gebote halten.

Der Schöpfungsbericht zeigt: Gott ist souverän über alles Geschaffene, er existiert getrennt von ihm. Gott in dem Bild von etwas Geschaffenem zu verehren oder ihn dort zu repräsentieren, läuft der grundsätzlichen Unterschiedenheit von Gott und Welt zuwider und fordert seinen Zorn heraus (Jes 44; Röm 1).

Denn Gott hat die Welt durchs Wort und aus dem Nichts geschaffen. Die Welt ist also nicht ein Ausfluß aus einem göttlichen Mutterleib (wie in mesopotamischen Mythen der Umwelt Israels), sondern sein Gegenüber.[16] Die klare Trennung von Geschöpflichem und Schöpfer in Gen 1 verbietet die Verehrung von Geschöpflichem. Der Beitrag der creatio ex nihilo (und eben nicht: ex deo, Hebr 11,3) reduziert bewußt die menschlich-religiöse Erfindungsfreudigkeit!

Bildverehrung wäre zugleich ein Verstoß gegen den Herrschaftsauftrag (Gen 1,26+28): Wir sollen vor den Dingen nicht niederfallen, sondern sie beherrschen!

3. Das Namensmißbrauchsverbot

7 Du sollst den Namen des HERRN, deines Gottes, nicht mißbrauchen; denn der HERR wird den nicht ungestraft lassen, der seinen Namen mißbraucht.

Namensmißbrauchsverbot und Wahrheitsgebot ziehen die Folgen aus dem Bildverehrungsverbot: Denn ein falscher Name für Gott oder ein Mißbrauch des offenbarten Namens bringt Gott mit etwas anderem in Verbindung als mit seinem wahren Wesen.

Wird Gott nicht adäquat angesprochen, so wird dies auch mit den Dingen dieser Welt, die er geschaffen hat, nicht mehr möglich sein, obwohl dies Schöpfungsauftrag war (Gen 2,19). Beides, ein falsches Ansprechen Gottes sowie ein Nicht-Ansprechen Gottes zeigt sich schon in der Versuchungs- und Fallerzählung Gen 3,1–5: Eva fragt nicht nach dem Willen Gottes (weder Adam noch Gott selbst) bzw. benutzt den von der Schlange auf „Elohim“ reduzierten Gottesnamen statt wie sonst im paradiesischen Kontext vollen Namen „Jahwe Elohim“.

Auf Mißbrauch des Namens stand die Todesstrafe (Lev 24,10–16. 23)!

Eine Konsequenz führt auf das Wahrheitsgebot: Nicht nur das theologische, sondern alles Reden muß sich um adäquate Sprache bemühen, um die Wahrheit in einer ihr ent–sprechenden Sprache.

4. Das Sabbatgebot

8 Gedenke des Sabbattages, daß du ihn heiligest. 9 Sechs Tage sollst du arbeiten und alle deine Werke tun. 10 Aber am siebenten Tage ist der Sabbat des HERRN, deines Gottes. Da sollst du keine Arbeit tun, auch nicht dein Sohn, deine Tochter, dein Knecht, deine Magd, dein Vieh, auch nicht dein Fremdling, der in deiner Stadt lebt. 11 Denn in sechs Tagen hat der HERR Himmel und Erde gemacht und das Meer und alles, was darinnen ist, und ruhte am siebenten Tage. Darum segnete der HERR den Sabbattag und heiligte ihn.

Dtn 5,15: Denn du sollst daran denken, daß auch du Knecht in Ägyptenland warst und der HERR, dein Gott, dich von dort herausgeführt hat mit mächtiger Hand und ausgerecktem Arm. Darum hat dir der HERR, dein Gott, geboten, daß du den Sabbattag halten sollst.

Der Sabbat ist explizit in der Schöpfungswoche verankert, siehe Gen 2,1–3: Gott heiligte den siebten Tag nicht für sich allein, sondern ebenso für den Menschen. Der Mensch als ontologisches Ebenbild Gottes sollte Gott, dem Schöpfer auch ethisch, durch den Arbeits- und Ruherhythmus von 6 plus 1 Tagen entsprechen! Der Sabbat dient als Heiligungsmittel und Fixpunkt für die ganze Woche. „Ihr sollt heilig/vollkommen sein, weil Gott/wie euer Vater im Himmel heilig/vollkommen ist“, verkündigen Alter wie Neuer Bund (Lev 19,2; Mt 5,48; 1.Petr 1,16).

Das Alte Testament belegt Verstöße gegen das Sabbatgebot noch mit scharfen Sanktionen (Todesstrafe: Ex 35,2; Num 15,32–36). Das Neue Testament gibt dies aber frei (Kol 2,16f.; vgl. Röm 15,4).

Warum? Lydia Jaeger antwortet hier: Der Sabbat diente zur Erinnerung an das Empfangene, er war eine Vorbereitung für die Vorstellung des unverdienten Heils.[17] „Sobald die Erlösung am Kreuz Christi abgeschlossen ist, verlieren die Vorgaben, die dem vorausgingen, an Bedeutung. Der Gläubige im Neuen Bund lebt jeden Tag in der Freude des Heils aus Gnade: Der göttliche Segen umfasst die gesamte Existenz, so dass jeder Tag für ihn ein ‚Sabbat‘ werden kann, an dem er sich ausruht und an der Güte seines Gottes erfreut und dessen Werke preist.“[18] Am Leben Jesu kann man sehen, daß Jesus am Sabbat immer wieder große Werke zum Heil der Menschen getan hat, und daß er dies damit erklären konnte[19], er sei der Herr des Sabbats. Damit erklärt er sich – pars pro toto – zum Herrn des Gesetzes überhaupt (Mt 12,8; Mk 2,28; Lk 6,5). Wer nach dem Willen Gottes fragt, darf mithin nicht Jesus am Gesetz messen, sondern das Gesetz an Jesus (vgl. Mt 5,21–48).

Die Erklärung von Jaeger für den Unterschied greift noch zu kurz. Durch den heilsgeschichtlichen Übergang von einem natürlichen zu einem geistlichen Gottesvolk (Joh 1,12f. Eph 2), die willig, vom Geist getrieben das Gesetz erfüllen, wurde die Sanktion der Todesstrafe überflüssig; was blieb, was allenfalls der (zeitweise) Gemeindeausschluß (vgl. z.B. 1.Kor 5).

5. Das Elterngebot

12 Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren, auf daß du lange lebest in dem Lande, das dir der HERR, dein Gott, geben wird.

Das Elterngebot folgt aus dem Mehrungsgebot der Schöpfungsgeschichte: Da ich existiere, habe ich Eltern, die dem Nachkommens- und Mehrungsauftrag Gottes treu Folge geleistet haben. Denen, die Gottes Schöpfung in dieser Weise dienen, gebührt besondere Ehre.

Daß stabile Familien nicht ohne gegenseitige Ehrfurcht und Autorität auskommen, sollte unmittelbar einleuchten, und das weiß jede Kultur – es sei denn, man ist durch die 68er Ideologie neomarxistisch verseucht.

6. Das Tötungsverbot

13 Du sollst nicht töten.

Hier geht es nicht um jedes beliebige Töten, sondern genauer um das heimtückische Morden. Das Töten im Krieg und beim Opfern ist nicht betroffen. Das Tötungsverbot nun gründet 1. unmittelbar im Ja des Schöpfers zum Leben, 2. in der Gottesebenbildlichkeit des Menschen (Gen 1,26–28; bes. 9,6); 3. widerspricht es dem Mehrungsgebot (Gen 1,28).

Jeder Mensch ist eine wunderbare Schöpfung Gottes. Daraus ergibt sich der Respekt haben vor seinem Leben und alles tun, was seinem Leib und Leben gut tut (Kleiner Katechismus).

Von der Schöpfung und nicht vom Sinaigesetz her argumentieren für solchen Respekt auch Maleachi und das Sprüchebuch.

Mal 2,10: „Haben wir nicht alle einen Vater? Hat uns nicht ein Gott geschaffen? Warum verachten wir denn einer den andern und entheiligen den Bund mit unsern Vätern?“

Spr 14,31: „Wer dem Geringen Gewalt tut, lästert dessen Schöpfer; aber wer sich des Armen erbarmt, der ehrt Gott“ (ebenso 17,5).

7. Das Ehebruchsverbot

14 Du sollst nicht ehebrechen.

Gott schuf beim ersten Anfang zwei Menschen, einen männlichen und einen weiblichen. Damit gab er Mann und Frau nur je einen Partner (1,27). Für ihre Generation – es war die erste, nicht nur anfängliche, sondern auch normgebende Generation – war kein anderer Partner vorgesehen. Die eine Frau wurde dem einen Mann zugeführt. Die ersten Worte des Mannes waren reserviert für das große Willkommen der Frau. Er erfaßt seine und ihre neue Lage mit einer Namensgebung, die das je komplementäre Wesen der Geschlechter beschreibt: Mann und Männin bzw. hebr. isch und ischah (Gen 2,23–25). Er spricht es aus (seine erste wörtlich zitierte Rede): Sie sind füreinander bestimmt zur Ergänzung und Beglückung, lebenslänglich und ganzheitlich, und mit dem Verlassen der Eltern zugunsten des Ehepartners wird ihre Liebe und Bindung größer sein wird als alle anderen Bindungen in diesem Leben.

Gen 2,24: „Darum wird ein Mann seinen Vater und seine Mutter verlassen und seinem Weibe anhangen, und sie werden sein ein Fleisch.“

Der Ganzhingabe an einen Gott entspricht die Ganzhingabe an einen Ehepartner. Joachim Cochlovius: „Indem Gott Adam eine Frau und nicht mehrere zur Seite stellt, begründet er die Einehe … Indem er die Frau als ganzheitliche Hilfe für den Mann erschafft und gleichzeitig den Mann durch Reduzierung seines Selbst hilfsbedürftig macht, begründet er die lebenslange Dauer der Ehe. Denn ‚Hilfe‘ im Sinn einer Hilfe zum Mannsein kann die Frau nur sein, wenn sie ihm lebenslang zur Seite steht und er diese Hilfe lebenslang akzeptiert. Das lebenslange Konzept der Schöpfungs- und Paradiesgeschichte wird ebenfalls aus 1Mo 2,24 deutlich.“[20]

Man könnte dagegen argumentieren, daß sich diese Ergänzung auch bei wechselnden Partnerkonstellationen einstellen könnte (wie die EKD-„Orientierungshilfe“ immer wieder, in einem vollkommen allgemeinen Sinne, auf das „Es ist nicht gut, daß der Mensch allein sei“ rekurriert). Doch nach der Möglichkeit der Scheidung befragt, geht Jesus ausdrücklich auf den Schöpfungsbericht zurück und erklärt: Wer sich scheiden will, kann sich nicht mehr auf Dtn 24 berufen; nur schwere Unzucht[21] kommt für eine Scheidung in Frage.

8. Das Diebstahlsverbot

15 Du sollst nicht stehlen.

Gott gab alles, was wächst auf Erden, allen Menschen zu eigen. So entsteht das Eigentum, zunächst ein kollektives, seit Kain und Abel dann ein individuelles.

Es ist zunächst ein Vergehen an der Gemeinschaft, etwas zu entwenden und sein eigen zu nennen, wenn es allen gehört, und ebenso auch, wenn etwas einem einzelnen gehört, es ihm wegzunehmen.

Gott, der Schöpfer und Erhalter, versorgt! Wer stiehlt, offenbart seinen Zweifel daran, daß der Schöpfer auch der gute Erhalter seines Lebens ist.

9. Das Wahrheitsgebot

16 Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten.

Über einen anderen oder zu einem anderen etwas falsches zu sagen, widerspricht der Würde des Menschen als Gottes Ebenbild, und es widerspricht dem Namensmißbrauchsverbot, allgemeiner: dem göttlich-wahren Reden.

Es verletzt die Würde des Wortes, durch das die Welt geschaffen wurde, wenn die Lüge einzieht und so das Band zwischen Sprache und Wirklichkeit zerreißt.

Auch an dieser Stelle empfinden wir die Postmoderne als besonders bedrängend, die Aussagen mit Wahrheits- und Wirklichkeitsanspruch als objektive Beschreibung grundsätzlich ausschließt, sondern nur noch Ich-Botschaften zuläßt. Das Band zwischen Sprache und Welt wird z.B. im Dekonstruktivismus zerrissen, was besonders bedrängend empfunden wird von Literaturtheoretikern wie G. Steiner, Philosophen wie Erich Heintel und heute Harald Seubert sowie natürlich von Christen, die sich in ihrer Weltsicht von der Heiligen Schrift leiten lassen wollen.

10. Das Begehrverbot

17 Du sollst nicht begehren deines Nächsten Haus. Du sollst nicht begehren deines Nächsten Weib, Knecht, Magd, Rind, Esel noch alles, was dein Nächster hat.

Das „Begehren“ ist für den Bibelleser abermals eine Erinnerung an den Schöpfungsbericht: Es begegnete zuvor nur in Gen 2,9; 3,6, wo über die Bäume des Gartens (von Gott) verordnet bzw. (von Schlange und Frau) diskutiert wird, was begehrt und was nicht begehrt werden darf. Die nächsten Vorkommen finden sich erst im Dekalog, so daß hier ein unmittelbares semantisches Netz besteht.

Inhaltlich weist das Begehrverbot auf den geschöpflichen Zusammenhang von Familie, weiteren Mitarbeitern und Besitz in einem Hausstand, und mahnt: durchbreche diesen Zusammenhang nicht, ja denke nicht einmal daran! Das Begehrverbot vertieft das Verbot des Diebstahls (und im letzten sich anzueignen, was Gott gehört, vgl. Gen 3) also in sein geistiges Vorfeld hinein und bereitet damit die psychologisch tiefe Sicht Jesu auf den Dekalog in Mt 5,27f. vor.

Das Begehrverbot faßt alle Gebote zusammen; vermutlich hat Paulus es in diesem Sinn angeführt (Röm 7,7).

3.3     Zum Ganzen

3.3.1     Zur Hermeneutik des Zusammenhangs von Schöpfung und Geboten

Nochmals: Wir haben bewußt die Gebote nicht einfach mit empirischen Daten verbunden, sondern mit der biblischen Schöpfungserzählung.

Würden wir die Normen unserer Ethik – wie die EKD-„Orientierungshilfe“ – in unserer eigenen Lebenswelt suchen, dann würden wir einen Fehler wiederholen, vor dem wir Deutschen eigentlich geimpft sein müßten (und durch den Einfluß von Karl Barth sah es einige Zeit so aus), der aber in unserer Zeit häufig begangen wird: Es war und bleibt verfehlt, dem geschichtlichen Leben eines heidnischen Volkes oder heute des Einzelnen Offenbarungs- oder Normcharakter zuzuschreiben, es also in die revelatio generalis einzubeziehen. Denn das geschichtliche Leben und unsere Erfahrungssicht darauf ist von der Sünde geprägt; das Vorfindliche, selbst das rein Biologische oder selbst das angeblich nur genetisch bedingte ist immer schon gebrochen. Auch die Gene des Menschen sind nicht unberührt von seiner Sünde (Schweizer Wissenschaftler stellten fest, wie bei Mäusen Kindheitstraumata genetisch weitergegeben werden: „Streß im Sperma“![22]).

1933(ff.) wurde „die Stunde“ des deutschen Volkes verkündigt als eine unbedingte Verpflichtung zur Opferbereitschaft für die Idee einer nationalsozialistischen Volkseinheit („1000jähriges Reich“). Der Marxismus behauptete, einen zwingend notwendigen Verlauf der Geschichte zu kennen, dem man sich kollektiv unterzuordnen habe. Und eine individualistisch-hedonistische Kulturauffassung definiert: Gut ist, was Spaß macht oder möglichst vielen nützt. Was wahr ist, könne man nicht wissen; das Gute wird nicht mehr am Wahren, nicht an der Schriftoffenbarung über die Schöpfung, sondern am subjektiv empfundenen Nützlichen und Schönen gemessen. Aus einer vorfindlichen homoerotischen Orientierung läßt sich also keineswegs ein „Paßt scho!“ folgern, oder, platt mit Klaus Wowereit (2001 in Berlin): „Ich bin schwul, und das ist gut so!“ Seitdem erfahren wir Schwulsein als kaum noch hinterfragbare Identität.[23] Die Diskussion hat sich damit weithin von einer humanwissenschaftlichen Begründung abgekoppelt. Die selbsterfahrene Existenz wird selbstevident[24]: weil ich es behaupte, ist es so. Das ist eine typisch postmoderne, oft unbewußt ablaufende Haltung oder Argumentation. Objektive Wahrheit gäbe es nicht; nach ihr zu suchen, oder schlimmer noch: sie zu behaupten, führe nur zu unnötigem Streit.

3.3.2     Zur Theonomie (Gottbezogenheit) der Gebote

Wer immer gegen eines[25] der Gebote verstößt, handelt gegen seinen eigenen Schöpfer, wie wenn ein Ton auf der Töpferscheibe trotzig zum Töpfer spräche: anders bin ich doch besser! Darum handelt es sich bei den Geboten auch nicht um einen bloß jüdischen oder christlichen Ansatz, sondern um einen Ansatz mit universalem Geltungsanspruch. Jesaja hält Juden und Heiden vor:

9Weh dem, der mit seinem Schöpfer hadert, eine Scherbe unter irdenen Scherben! Spricht denn der Ton zu seinem Töpfer: Was machst du? und sein Werk: Du hast keine Hände! 10Weh dem, der zum Vater sagt: Warum zeugst du? und zum Weibe: Warum gebierst du? 11So spricht der Herr, der Heilige Israels und sein Schöpfer: Wollt ihr mich zur Rede stellen wegen meiner Söhne? Und wollt ihr mir Befehl geben wegen des Werkes meiner Hände?“ (Jes 45,9–11)

Wer gegen die Gebote verstößt, handelt gegen seine eigene Wirklichkeit, gerät in Gegensatz zu Gott, ja zu dem ganzen guten Plan, mit dem Gott der Schöpfer und Erhalter unser Leben gut und schön, hell und froh machen will.

3.3.3     Die Folgen des Schöpfungsglaubens für unser Weltbild

Adolf Schlatter hat die praktisch-ethischen Konsequenzen des Schöpfungsglaubens in den Leitsatzgefaßt: „Daß wir uns nicht in unserer, sondern in Gottes Welt be­wegen, das gibt uns die Ehrfurcht vor der Wirklichkeit und verwehrt uns, klü­ger sein zu wollen als jener Gedanke, durch den das Bestehende entstand und das Geschehene geschah …“[26]

Das biblische Schöpfungsverständnis bewahrt vor den in der Menschheitsgeschichte vorhandenen Entartungen einer Vergöttlichung (Divinisierung) oder Verteufelung (Dä­monisierung) der Welt und ermöglicht daher eine echte Wirklichkeitsbewälti­gung (nicht zuletzt eine erfolgreiche Naturwissenschaft!)im Sinne Gottes, die den unterschiedlichen Realitäten des Geschöpflichen angemessen Rechnung trägt und „jedem das Seine“ zukommen läßt! „Der Mensch bleibt uns Mensch und die Natur Natur, solange uns Gott Gott ist.“[27]

3.4     Die Grundlage ethischer Aussagen

Biblische Ethik gründet, wie wir gesehen haben, nicht erst in der Rechtfertigung des Sünders durch Christus, wie es leider im letzten Bericht des Präses des Gnadauer Verbandes heißt.[28] Sie gründet auch nicht in der willkürlichen Verordnung eines himmlischen Königs, die so oder beliebig anders sein könnte. Jüdisch-christliche Ethik gründet vielmehr bereits im Schöpfungswillen und -handeln Gottes gemäß der Heiligen Schrift; sie entfaltet sich heilsgeschichtlich im Bund mit Abraham, der dazu „auserkoren (ist), daß er seinen Kindern befehle und seinem Hause nach ihm, daß sie des HERRN Wege halten und tun, was recht und gut ist, auf daß der HERR auf Abraham kommen lasse, was er ihm verheißen hat“ (Gen 18,19). Was Abraham tut und sagt, soll vorbildlich sein für seine Umwelt (missionarisch) und für seine Nachkommen (eschatologisch).[29]

Beim Bundesschluß am Sinai sind die „zehn Worte“[30] des Dekalogs durch das eigenhändige Schreiben Gottes besonders herausgehoben. Den zehn Worten der Schöpfung nach Gen 1, die das Universum als geordnete, wohl ausgestattete, gewaltige und wunderschöne Welt zeichnet, treten die zehn Worte des Bundes organisch zur Seite; zwar nicht im Sinne einer 1:1-Korrespondenz, aber im Sinne einer Entsprechung der Ganzheiten. Die Gebote sind also motiviert in Schöpfung und Heilsgeschichte (Exodus bzw. Erlösung); sie stammen, das ist vielleicht die einfache ratio, von dem, der den Menschen wie kein anderer kennt und weiß, was gut sei oder schade, dem sterblichen Geblüt – vom Schöpfer selbst, und genießen daher höchste Autorität. Gerade die organische Verbindung von Sein und Sollen, die uns die Heilige Schrift vorgibt, ist ein kraftvolles Bollwerk gegen den Relativismus. Es ist nicht nur ein mir von einem Fremden aufgedrücktes, heterogenes Sollen, sondern, weil dieses Sollen dem Sein des Menschen völlig entspricht, im Idealfall ein autonomes Wollen, sofern der wahre Gott mein Gott ist, oder: sofern der Heilige Geist mein Leben regiert (1.Gebot/Jer 31,31–34 u.v.a.).

Daß dieses Bollwerk gegen Relativismus und Fremdbestimmung von Anfang an auch durch Israel den Heiden zwar noch nicht gepredigt, aber zumindest vorgelebt werden sollte, erhellt sich aus dem gewichtigen Vorspann zum Dekalog in Ex 19,4–6:

4 Ihr habt gesehen, was ich mit den Ägyptern getan habe und wie ich euch getragen habe auf Adlerflügeln und euch zu mir gebracht. 5 Werdet ihr nun meiner Stimme gehorchen und meinen Bund halten, so sollt ihr mein Eigentum sein vor allen Völkern; denn die ganze Erde ist mein. 6 Und ihr sollt mir ein Königreich von Priestern und ein heiliges Volk sein. Das sind die Worte, die du den Israeliten sagen sollst.

Dieser Text bildet die Brücke zwischen der Exodus-/Erlösungsgeschichte und den folgenden Bundesverpflichtungen.[31] Die Verse umreißen die wort- und bundesbezogene Identität des Volkes Israel (V. 5). Wie im Dekalog steht der Hinweis auf die Erlösungstat Gottes voran (V. 4). Dann folgt die Aussage über die Identität Israels und ihren Vorrang (V. 5b). In der zweiten Identitätsaussage (V. 6a: Priester, Heiliges Volk) deutet sich eine Aufgabenbeschreibung erst an. Die zehn Worte in Ex 20 ziehen die nötigen Folgerungen.

Doch Bund und Gesetz blieben in der vorchristlichen Zeit gebrochen. Zur Erfüllung, zur Fülle seiner Wahrheit kommt das große Brückenwort erst in der neutestamentlichen Gemeinde aus Juden und Heiden, die durch die Berufung und Sendung der zwölf Apostel das neue Israel darstellt, die Erlösung durch Jesus, den Christus predigt, und durch den Heiligen Geist ein erneuertes geheiligtes und priesterliches Volk bildet, das den Heiden die Wohltaten Gottes verkündigt (1.Petr 2,5.9f.).[32]

3.5     Reicht der Dekalog für die christliche Ethik?

In seiner großen Studie „Gesetz und Geist: eine kritische Würdigung des Erbes protestantischer Ethik“ (1987) hat Klaus Bockmühl im Anschluß an eine respektvolle Nachzeichnung der Ethik der lutherischen Bekenntnisschriften kritisiert, daß der Dekalog im Aufbau der Katechismen überschätzt werde.[33] Er könne nämlich nicht die ganze neutestamentliche Ethik aus sich heraus freisetzen; neben dem Sinai würde Pfingsten, würden die neuen Gebote Christi wie Missionsauftrag, wechselseitige Liebe und Gebet nötig. Der Dekalog ist nach Bockmühl weiterhin als Rahmen, Maßstab und Quelle der Ethik unverzichtbar, er könne aber nicht die einzige Quelle der christlichen Ethik sein. Wir brauchen also den Geist, so Bockmühl, nicht nur, um die Kraft zum Guten zu bekommen, sondern das Gute auch überhaupt erst zu erkennen. Dabei geht es Bockmühl nicht darum, mit Friedrich Schiller den Geist gegen das Gesetz zu stellen und von einer Knechtsethik zu einer Ethik der Söhne Gottes mit erhobenem Haupt fortzuschreiten. Der Geist spricht auch heute noch, allerdings bleibt er „beständig im Rahmen des früher geoffenbarten Wortes“.[34] Vielmehr gehe es um eine ethische Einbeziehung des Wirkens des Geistes in situ, d.h. daß in gegebenen Situationen dem Einzelnen Klarheit zuteil wird, was er tun und lassen soll. Luther habe durchaus davon gewußt, daß der Heilige Geist in der Stille reden kann und mahnte, dann zuzuhören[35], aber in der Ethik der Katechismen komme dies leider nicht vor und fehle dann auch in der Volksfrömmigkeit.[36]

Für die Fragestellung meines Vortrags mag folgende persönliche Feststellung genügen: Der Dekalog bildet tatsächlich den Rahmen aller ethischen Unterweisung, und durch den Neuen Bund wird er zugleich zu ihrer bleibenden Quelle, aus der wir mehr erkennen können, als ihr bloßer Wortbestand auf den ersten Blick besagt. Der neue Bund besteht ja gerade darin, daß die alten Gebote nun in unsere Herzen geschrieben werden, dadurch neue Herzen, Personen und Gemeinden entstehen, in denen kraft des Geistes tatsächlich eine Erfüllung der Gebote beginnt (Röm 8,1–4). So sagt Luther treffend: „Denn das muß ja sein: wer die zehen Gebot wohl und gar kann, daß der muß die ganze Schrift können.“[37]

Allerdings sind wir auch hier auf das Neue Testament als hermeneutischen Rahmen und Interpretationshilfe für eine erweiternde (synekdochische) Auslegung angewiesen. Den Missionsauftrag etwa ist m.E. durchaus im 1.Gebot verankert und aus ihm zu schöpfen. Denn wenn es für mich gut ist, den einen Schöpfer als Herrn meines Lebens anzuerkennen, Eltern, Ehe und Eigentum zu respektieren, die Wahrheit zu ehren und zugleich in Liebe meinem Nächsten zugetan zu sein, ergibt sich daraus organisch der Missionsauftrag dessen, dem alle Macht im Himmel und auf Erden gegeben ist. Hier wird auch klar, warum die Predigt des Evangeliums nicht ohne die Predigt der Gebote bleiben kann. Allgemein gilt: Die Liebe ist Erfüllung, nicht Aufhebung der Gebote.

Analoges läßt sich für das Gebet geltend machen. Die Verbindung von Schöpfung und 1.Gebot zeigt: Gott will auch mein vorzüglicher Ansprechpartner sein – für alle Dinge dieses und des ewigen Lebens.

Daß der Geist substantiell neue Dinge offenbarte über die Schrift hinaus, die für Lehre und Leben der Gemeinde verbindlich gemacht werden könnten, widerspräche m.E. der Heiligen Schrift selbst: „Nicht über die Schrift hinaus“! (1.Kor 4,6). Der Geist „wird alles lehren und an alles erinnern, was ich euch gesagt habe“ (Joh 14,26). Das Paradigma kann man an der Pfingstpredigt des Petrus beobachten: Der Geist, der sich ja nicht widerspricht, öffnet und gebraucht die alte Schrift, macht sie missionarisch wirksam, überführt von Sünde, führt in die Buße und zu Christus.

(Lehrer der jüngeren Vergangenheit, die besonderen Wert auf den spezifisch neutestamentlichen und christlichen Beitrag zur Ethik gelegt haben, waren Klaus Bockmühl, Helmut Burkhardt und Werner Neuer; sie alle waren oder sind am Theologischen Seminar St. Chrischona tätig.)

4      Das Gesetz Gottes in einer Zeit der ethischen Verwüstung

Gutes wird böse, Böses wird gut genannt: so klagt Jesaja ein verstocktes Volk an (5,20). Das Schweigen Gottes wird als Zustimmung interpretiert statt als Gericht, so klagt Gott selbst im Asaf-Psalm (50,20). So schreitet die Emanzipation vom Gesetz, der Antinomismus scheinbar unbeirrt fort. Doch er schaufelt sich das eigene Grab.[38] Denn wo man lehrt, daß das Wort Gottes nicht bindend ist, bindet zuletzt gar nichts mehr. Eine antinomistische Gemeinschaft zerfällt, weil sie keinen positiven, zur gemeinsamen Mitte ziehenden Kern mehr hat.[39]

Unsere heutige Lage ist (unter anderem) gekennzeichnet von einer Zunahme von Verfügungs-Möglichkeiten bei gleichzeitig Abnahme von Verfügungs-Selbstverständlichkeiten.[40] Die von Nietzsche eingeläutete Umwertung aller Werte, im Kern: der Tod Gottes, sein Rückzug aus dem Bereich unserer Selbstverständlichkeiten bewirkt, daß sich jeder ständig neu erfinden, begründen, Sinn stiften muß. Sein, Wollen und Sollen fallen nun auseinander und müssen individuell immer neu erst gesucht werden.

Aus dem voranstehend gezeigten engen Schöpfungsbezug des Gesetzes ergibt sich die negative These: Wird das Sollen willkürlich bestimmt – sei es von einem Kollektiv oder von Individuen –, so verlieren wir auch unser Sein. „Gehorcht ihr nicht, so bleibt ihr nicht“, kann man in Abwandlung eines Jesajawortes sagen (Jes 7,9; vgl. 30,12–17; 2.Kön 17,7–23). Ohne das rechte Verständnis des Sollens verstehen wir auch unser Sein nicht mehr. Wo ohne die Grundlage der Heiligen Schrift Naturhaftes zur Grundlage erklärt wird, steigen beliebige, d.h. auch: sündhafte Strukturen zur Norm auf. Die Korrektur fehlt, der Mensch bleibt in sich selbst verschlossen, „verkrümmt“ – ein Zerrbild dessen, was der Schöpfer plante: „Es ist nicht gut, daß der Mensch allein sei.“ Nietzsche endete im Wahnsinn.

Was soll die Kirche tun? Nötig bleibt zunächst der Einsatz für ihren ureigensten Auftrag; lutherisch formuliert: die Predigt und Lehre von Gesetz und Evangelium. Die Vernachlässigung des Katechismuslernens rächt sich auf allen Ebenen.[41] Die Austeilung des Geistes bleibt ja gebunden an die rechte Verwaltung der Sakramente und die schriftgemäße Predigt (CA V; Gal 3,2).

Was aber tun die evangelischen Kirchen heute? Es ist gottlob nicht repräsentativ für alles, was in den evangelischen Kirchen passiert – aber kommt immerhin von ihrer höchsten Repräsentationsebene: Die Evangelische Kirche in Deutschland (wohlgemerkt nicht eine Kirche, nur ein Bund von Kirchen) bietet in ihrer sog. Familien-Orientierungshilfe (OH; verfaßt von 10 Frauen und 4 Männern) vom vergangenen Jahr das völlige Kontrastprogramm zum vorliegenden Referat.[42] Sie verzichtet nicht nur auf die Darlegung der Lehre einer Kirche mit eigenem Bekenntnis; sie ersetzt sie vielmehr durch eine Umschau in unsere Gesellschaft, und stellt Wandel und Vielfalt in Traupraxis, Scheidungspraxis, Partner- und Beziehungspraxis, Familienverständnis etc. fest. Die Fixpunkte, von denen aus argumentiert wird, werden nicht aus dem Wort Gottes oder einem überlieferten kirchlichen Bekenntnis gewonnen, sondern aus der Soziologie der eigenen Zeit und Region. Um nicht Anstoß zu erregen, verkündet sie: ‚Cosi fan tutte! So und so machen es alle (oder viele), das alles gibt es ja schon! Also akzeptiert die „Wirklichkeit“, wie sie ist, seid frei und wählt euch selbst, wie ihr leben wollt. Nur tut es verläßlich!‘

Sprachlich kann man diesen Befund belegen durch die Ersetzung biblisch-theologisch (von Gott her) gefüllter Begriffe wie Liebe und Treue durch soziologisch-juristisch (vom Menschen her) gefüllte Begriffe wie Verbindlichkeit, Verläßlichkeit etc. Aus dem Bund der Ehe, die Gott geschlossen hat und der Mensch nicht scheiden darf, wird nun im Sinne Kants ein Vertrag zum wechselseitigen Gebrauch der jeweiligen Geschlechtseigentümlichkeiten.[43]

Theologisch wird damit der Subjektwechsel kaschiert. Gottgesetzte Schöpfungs- bzw. Erhaltungsordnungen oder gar Institutionen lehnt die OH ab; sie werden als „Konstrukte“ vergangener Zeiten dekonstruiert. Wenn noch von einem biblischen Befund die Rede ist, tauchen je zwei Killerphrasen auf: 1. Vielfalt, 2. historische Bedingtheit. Damit ist sofort jeder normative Anspruch blockiert, den das Bibelwort (oder auch nur ein Ausleger!) auf unser heutiges Leben legen könnte. Mit dem Wegfall der Gesetzespredigt der Kirche wird jedoch auch das Evangelium kraft- und zahnlos. „Man muß den Schmerz fühlen, um den Gang zum Arzt sinnvoll zu finden. Die Preisgabe des Gesetzes in der heutigen Theologie dagegen bedeutet nicht nur den Verlust der Gebrauchsanweisung für die Schöpfung, sondern auch den Verlust des Ansatzes für das Verständnis der Rechtfertigungsbotschaft. Sie versperrt den Weg zur Vergebung.“[44]

Philosophisch und religionswissenschaftlich konstatiere ich damit zugleich den Übergang von einem Glauben, der an der bleibenden Identität seiner Wahrheit durch alle Zeiten und Räume interessiert war, zu einem Glauben, dem allesan der Vermittelbarkeit seiner Existenz in seiner jeweiligen Gegenwart liegt. Dieser radikale Gegenwartsbezug, der kein Gestern und kein Morgen kennt, keine Heilsgeschichte und kein Gericht, entleert zusehends die Kirchen und beraubt sich innerhalb weniger Generationen seiner eigenen Grundlage.

Eschatologisch ist an die Endzeitreden des wiederkommenden Herrn Christus zu erinnern. „Und weil die Ungerechtigkeit überhand nehmen wird, wird die Liebe in vielen erkalten. Wer aber beharrt bis ans Ende, der wird selig werden“ (Mt 24,12f.). Da „Gerechtigkeit“ nicht mehr an den Geboten Gottes gemessen wird, sondern in einem offenen Diskurs mit den Verhältnissen der eigenen Zeit zu gewinnen sei, wird man auch das nicht mehr erhalten können, was die Schrift „Liebe“ oder „Ehe“ nennt, sondern sie auflösen in beliebige Beziehungskonstellationen. Als in einer evangelischen Synode vor kurzem von konservativer Seite gegen die Erweiterung des Familien- und Ehebegriffs hin zu gleichgeschlechtlichen Paaren eingewandt wurde, man werde bald auch die polyamourösen Beziehungen (also mit mehr als zwei Partnern gleich welchen Geschlechts) nicht diskriminieren dürfen, wurde dies als böse Unterstellung zurückgewiesen. Wir erleben jetzt, daß es faktisch keine oder fast keine Schranken mehr gibt. Was noch als egoistisch oder hedonistisch zu beurteilen und was als „verläßlich“ (jedenfalls auf bestimmte Zeit) zu empfehlen ist, dafür gibt es keine scharfen Kriterien mehr. Hier gestaltet nicht mehr der Glaube das Leben, sondern das Leben den Glauben. Aber wer gestaltet das Leben?

Wir erleben, daß zentrale Inhalte des christlichen Glaubens so konzentriert und von so verschiedenen Seiten her wie selten in der Geschichte Europas angegriffen werden. Es ist eine neue Art und Qualität von Verdrängung der Kirche, die von innen zersetzt, von außen belächelt wird.

Die innere Zersetzung der Botschaft der aus der Reformation hervorgegangenen Kirchen charakterisierte H. Richard Niebuhr mit den Worten: „Ein Gott ohne Zorn brachte Menschen ohne Sünde in ein Reich ohne Gericht durch die Werke eines Christus ohne Kreuz.“[45]

Es drängt sich auf, daß heute die Stellung zum Gesetz erneut zu einem neuen Schibboleth, ja zum status confessionis geworden ist (wie hinsichtlich des Evangeliums die Frage der Sühnetheologie). Luther hatte eindringlich bezeugt, daß man das Evangelium verliert, wenn man sich vom Gesetz emanzipiert.[46] Der Kampf um diese Emanzipation wird derzeit auf dem Feld der Sexualmoral geführt. Es ist eine Auseinandersetzung, die die Kirche nicht gesucht hat, aber die ihr von außen und zunehmend von innen aufgenötigt wird. Die Preisgabe der christlichen Sexualmoral ist, so Gabriele Kuby dramatisch und treffend, der Kern der Selbstsäkularisierung der Kirche; der Strom des Zeitgeistes geht bereits mitten durch sie hindurch.[47]

 Wie sollte Kirche heute Gesetz und Evangelium predigen?

Wer den oben entfalteten Schöpfungsbezug des Gesetzes ernstnimmt – so meine positive These –, dessen Verkündigung der Gebote gewinnt neue Plausibilität und Gewißheit, nach innen und außen. Die Gebote des Herrn sind „richtig“ (Ps 19,9): passend, ein Segen für die Welt, für Gerechte und Ungerechte. Gesegnet wird, wer sich in sie hineinstellt: Auch jemand, der seine Sünden (noch) nicht am Kreuz abgeladen hat, wird durch die Ehe, den Ruhetag, das Ehren der Eltern oder gewissenhaftes Reden gesegnet! Würden wir die Predigt der Gebote nur den Wiedergeborenen gönnen, würden wir unsere Mission verfehlen!

Insofern sind auch unsere staatlichen Organe und Regierungen Adressaten unserer Verkündigung. Wir sollten mit der ernsten Forderung heraustreten, daß der Staat nicht ökonomischen Kategorien Priorität geben soll über Institutionen, in denen Werte gebildet und vermittelt werden. Dies aber geschieht immer zuerst in Ehe, Familie und Kirche.[48] Wie soll etwa die Achtung vor dem „schwachen Geschlecht“ entstehen, wenn nicht dort, wo dieses Geschlecht am stärksten ist – eben im persönlichsten Miteinander, d.h. aber in der Familie bzw. im großen Gebiet der Mutterschaft, was heute geradezu schreiend ganz neuer Ehrerbietung bedarf? Erinnern wir den Staat an seine Grenzen und seine Verantwortung, die ihm von seinen transzendenten Voraussetzungen her gegeben sind![49] Das häufig zitierte Wort des Verfassungsrichters Böckenförde, nach dem der Staat von normativen Voraussetzungen zehrt, die er selbst nicht garantieren oder erschaffen kann, gehört in diesem Zusammenhang.

Wir müssen auch die inneren Widersprüche der neuen Tendenzen aufdecken, solange es sie noch gibt, d.h. solange Gender mainstreaming noch nicht zum alleinherrschenden System geworden ist: Wieso etwa gibt es in Deutschland, welches in seinem Grundgesetz Art. 6,2 Ehe und Familie unter den besondere Schutz der staatlichen Ordnung stellt, in der obligatorischen Sexualerziehung keine ‚Zielführung auf Ehe und Familie‘?[50] Oder: Muß nicht die Deregulierung der beschränkenden Normen des Finanzmarktes als Voraussetzung verstanden werden, daß eine außer Rand und Band geratene Finanzoligarchie ganze Nationen in den wirtschaftlichen Ruin stürzt, und parallel, die Deregulierung der beschränkenden Normen der Sexualität als Voraussetzung, daß ein außer Rand und Band geratener Sexualtrieb Personen und Familien und die ganze Gesellschaft in psychisches und soziales Chaos stürzt? „Armut und Demoralisierung sind ein gefährliches Gemisch, das totalitäre Herrschaftsformen heraufbeschwören kann.“[51]

Schließlich, noch einmal: Unsere Ethik ist gegründet nicht in der Beobachtung menschlicher Sitten (Ethos), sondern in der Schöpfung Gottes; sie ist freilich in einem kritischen Dialog mit den Sitten zu verkündigen. Mit dieser Perspektive können wir eine Grundschwäche überwinden, die viele Kirchen daran hindert, dem Staat mit dem nötigen Sendungsbewußtsein gegenüber zu treten: Man versteht die Gültigkeit der christlichen Hauptaussagen nur als Sache einer rein subjektiven Glaubensentscheidung, so sehr, daß man sich gar nicht mehr traut, einen Anspruch zu erheben, der über die eigene Glaubensüberzeugung hinausgeht, zumal es ja im Pluralismus noch so viele andere Glaubensüberzeugungen gibt. Damit blenden wir, so Karl-Heinz Michel auf einer früheren AfeT-Studienkonferenz, ein wichtiges Kriterium zur Beurteilung ethischer und religiöser Überzeugungen aus: Das Kriterium ihrer Sach- oder Wirklichkeitsgemäßheit. Unsere Ethik ist wirklichkeitsgemäß, weil schöpfungsgemäß, und darum erhebt sie auch einen universalen Anspruch.[52]

Ich lade ein, nach der Bewährung dieses Anspruchs Ausschau zu halten. Sie zeigt sich durchaus: Wenn wir die unantastbare Würde des Ebenbildes Gottes als universalen Wert behaupten und Regierungsdelegierte aus China, Indonesien und Irak dies als Erzeugnis des nur westlich-christlichen Kulturkreises bezeichnen, so brauchen wir nur die Gefolterten in ihren Gefängnissen fragen, ob sie das auch so sehen, oder ob nicht die Würde des Menschen für sie ein passenderer Wert wäre.[53] Mit Verweis auf die Schöpfung können wir, etwa hinsichtlich der Sexualethik, immer noch ruhigen Gewissens auf die Untersuchungen verweisen, die z.B. Ehen, bei denen die Partner vorher auf Probe zusammengelebt haben, als viel instabiler erweisen; auf die verbreitete Promiskuität der Homosexuellen, auf die gewaltig zerstörerischen Folgen des Kindesmißbrauchs usw.

Kehren wir zum Schluß in den Bereich von Kirche, Gottesdienst und Evangelisation zurück. Meine herzliche Bitte ist: Lassen wir Bußgebet, Buß- und Gesetzespredigt nicht unter den Tisch fallen! Gewöhnen wir uns wieder daran und verhindern wir so den Rückfall in eine unzugänglich-schamorientierte Haltung. Was wäre eine Evangelisation ohne den Aufruf zur Buße anhand der Gebote? Eine Einladung zum Glauben ohne Sündenerkenntnis degeneriert zu einem Wechsel der Stimmung, vielleicht der Freunde – aber es bleibt die Erkenntnis der Sünde und damit die Erkenntnis der Gnade aus, und damit hätte auch der neue Glaube keine Dauer.

„Es ist gut für mich, daß du mich gedemütigt hast, damit ich deine Gebote lerne“ (Ps 119,67).

Vortrag beim Arbeitskreis Bekennender Christen in Bayern (ABC), Gunzenhausen 10.5.2014

Den Vortrag hier als PDF herunterladen.

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5       Erwähnte oder zitierte Literatur

Adam K., Doch von dieser Welt. Kirche und Sexualität, in: FAZ 252, 29.10.1996, 39.

Bergmann C. u.a./Evangelische Kirche in Deutschland, Zwischen Autonomie und Angewiesenheit. Familie als verlässliche Gemeinschaft stärken. Eine Orientierungshilfe des Rates der Evangelischen Kirche (EKD), Gütersloh 2013 (www.ekd.de%2Fdownload%2F20130617_familie_als_verlaessliche_gemeinschaft.pdf&ei= R8twU4eVLIaW0QWj_oDwDw&usg=AFQjCNHkJUir9ZI-IHQxb30zsJ4kVxMWvQ&bvm= bv.66330100,d.d2k, Mai 2014).

Bittner W. J., Der Verfall der Werte als Herausforderung an die Christenheit, in: H. Burkhardt (Hg.), Christliche Ethik im Wandel der Systeme, Gießen 1994, 79–96.

Bockmühl K., Gesetz und Geist. Eine kritische Würdigung des Erbes protestantischer Ethik Bd. I, Gießen/Basel 1987, 537 S. (Rez. von R. Slenczka: JETh 2, 1988, 154–156).

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Anmerkungen:

[1] Bockmühl, Das größte Gebot, 210.

[2] Ebd. 211.

[3] Ebd. 212.

[4] Ebd. 219.

[5] Vgl. ebd. 247: Luther mit einem Beispiel aus dem häuslichen Bereich: „Die Mutter will von der Tochter, daß sie sie liebhabe, das ist alles. Aber die Tochter soll nun kochen und die Kuh melken!“

[6] KJV: Blessed are they that do his commandments

[7] Vgl. hierzu den Beitrag von Stenschke, „Denn ihr wart früher Finsternis …“

[8] Bockmühl: eine präzise Darstellung der Reihenfolge der einzelnen Schritte eines Abfalls (ebd. 217).

[9] Zit. nach Bockmühl, Gesetz und Geist, 60.

[10] Bockmühl, Das größte Gebot, 210–226.

[11] Für die Opfergesetzgebung vgl. Schmid, Möglichkeit der Sühne gemäß dem Gesetz Moses, 10.

[12] Vgl. hierzu bes. Kuby, Globale sexuelle Revolution, 2012.

[13] Eichrodt, Menschenverständnis des AT, 6. Ebd. S. 11: „Im Blick auf diese Tatbestände des israelischen Rechtslebens darf man, ohne Übertreibung fürchten zu müssen, sagen, daß in keinem Volk des alten Orients das Bewußtsein um die Selbstverantwortung jedes Volksglieds so lebendig war wie in Israel. Die Erklärung dafür liegt in der Art, wie das israelische Recht religiös begründet war.“ S. 15: „Damit aber war die göttliche Forderung, die mit solch ausschließender Macht an den Einzelnen herantrat, von vornherein in eine Geschichte dieses Gottes mit seinem Volk eingebettet. In dieser Geschichte lernte man den göttlichen Gesetzgeber von Anfang an als den göttlichen Spender des Lebens erkennen und seine Forderung als Berufung in ein Gnadenverhältnis von jeder tyrannischen Willkür unterscheiden“ (Hervorh. orig.). Diese motiviere auch die deuteronomischen Aussagen, denen zufolge der Mensch durch Gottes Gesetz das Leben habe (Dtn 4,1.40; 5,29; 8,3 usw.; Hes 20,11.13.21).

[14] Es geht weniger um eine eigentliche Auslegung (diese will ich später ausführlicher darbieten), sondern v.a. um den Zusammenhang mit der Schöpfungserzählung. – Ich schließe mich der reformierten Zählung an, die ich mit vielen Alttestamentlern für die angemessenere halte.

[15] Luther: „Das Anbeten ist hie verboten und nicht das Machen. Bilder mag ich wohl haben oder machen, aber anbeten soll ich sie nicht“ (WA 10, III, 27, 18–24, zit. nach Herntrich, Luther und das AT, 100).

[16] Vgl. Zgoll, Alter Orient.

[17] Jaeger, Als Mensch in Gottes Welt, 103f. (Hervorh. S.F.).

[18] AaO. 104.

[19] Narrative sollten von lehrhaften Texten her interpretiert werden und nicht umgekehrt; lehrhafte Texte sollten von narrativen Texten her illustriert werden und nicht umgekehrt.

[20] Cochlovius, Ehescheidung und Wiederverheiratung, 141.

[21] Cochlovius: näherhin geht es nur um den Fall einer Verwandtschafts- bzw. Unzuchtehe (ebd. 143–145)!

[22] http://www.faz.net/aktuell/wissen/mensch-gene/epigenetik-stress-im-sperma-12914902.html, 06.05.2014.

[23] Diener, Hermeneutik und Homosexualität, 18, mit Bezug auf http://www.taz.de/!72208/.

[24] Diener aaO. 19; vgl. Hempelmann, Nach der Zeit des Christentums.

[25] Vgl. Jak 2,10f.!

[26] Schlatter, Das christliche Dogma, 99.

[27] A.a.O. 165.

[28] Diener, Hermeneutik und Homosexualität, 14.

[29] Hierzu bes. Riecker, Priestervolk.

[30] Ex 34,28; Dtn 4,13; 10,4.

[31] Wright, Ethical Decisions, 133.

[32] Beispiele: ebd. 138f.

[33] Vgl. auch seine scharfe Kritik an der Ethik der Gesangbuchlieder (!), denen er zu starke Schicksalsergebenheit statt aktivem Gehorsam resp. Geistesleitung vorwirft (Gesetz und Geist, 481–489).

[34] Gesetz und Geist, 521.

[35] M.L., Wie man beten soll, Für Meister Peter, 1535.

[36] Zum Ganzen siehe Bockmühl, Gesetz und Geist, 111–120.

[37] BSLK 552,16ff., vgl. Bockmühl, Gesetz und Geist, 78.

[38] Vgl. Ps 7,16; 9,16; 31,5; 35,7f.; Spr 28,10; Pred 10,8.

[39] Vgl. hierzu Rothen, i de gottvergässne stedt; Stückelberger, Europas Aufstieg und Verrat.

[40] Bittner, Verfall der Werte als Herausforderung, 79.

[41] Vgl. Schnepper, Goldene Buchstaben ins Herz schreiben.

[42] Bergmann/EKD, Zwischen Autonomie und Angewiesenheit.

[43] Kant, Metaphysik der Sitten (in mehreren §§).

[44] Bockmühl, Das größte Gebot, 219.- Luther im Galater-Komm. 1519: Bei uns wird nicht das Gesetz geändert, sondern der Mensch; aus Feinden werden Freunde des Gesetzes (Bockmühl aaO. 220).

[45] Zitiert nach Braaten, Gott und das Evangelium, 58.

[46] Siehe seine Antinomer-Schriften.

[47] Kuby, Globale sexuelle Revolution, 297 (in Bezug auf die römisch-katholische Kirche, es gilt aber auch für die evangelischen Kirchen).

[48] Bittner, Verfall der Werte als Herausforderung, 93.

[49] Vgl. Michel, Gedanken zum Geltungsanspruch, 17.

[50] Kuby, Globale sexuelle Revolution, 299.

[51] Ebd. 407.

[52] Michel, Gedanken zum Geltungsanspruch, 17.

[53] Ebd. 11 und 20.

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Dieser Beitrag wurde erstellt am Donnerstag 26. Juni 2014 um 8:45 und abgelegt unter Kirche, Theologie.