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Statt Berechnung – Der fröhliche Tausch. Selbstgerechtigkeit oder Umkehr zu Jesus Christus?

Mittwoch 27. Dezember 2017 von Prof. Dr. Rainer Mayer


Prof. Dr. Rainer Mayer

Die erste der 95 Thesen Martin Luthers vom 31. Oktober 1517 lautet: „Da unser Herr und Meister Jesus Christus spricht: Tut Buße!, will er, dass das ganze Leben seiner Gläubigen eine stete und unaufhörliche Buße sein soll.“ Diese These ist wie eine Überschrift mit Doppelpunkt. Die weiteren Thesen entfalten diese Grundaussage. Was ist gemeint? Wenn das ganze Leben eines Christen eine stete und unaufhörliche Buße sein soll, dann geht es um eine grundsätzliche innere Haltung und neue Einstellung Gott gegenüber. Man kann mit Gott nämlich nicht im Kaufmannsschema rechnen und gegenrechnen nach dem Motto: Du gibst mir Vergebung, ich gebe dir „gute Werke“. Vielmehr ist alles, wirklich alles, reines Gnadengeschenk, sowohl die Vergebung selbst als auch die daraus fließenden guten Taten.

Denn beim Zuspruch der Vergebung im Namen von Jesus Christus wird nicht nur die Schuld vor Gott im juristischen Sinne getilgt, sondern es geschieht durch die Kraft des Heiligen Geistes eine Veränderung des inneren Menschen. Zwar wird ein Christ, solange er lebt, immer wieder von Verfehlungen übereilt werden, doch Schritt für Schritt geschieht durch erneute Hingabe an Jesus Christus und die dabei empfangene Vergebung nach und nach eine Wesensveränderung. Der Einzelne merkt das oft selbst weniger als seine Umgebung. Das Leben bekommt eine andere Gesamtrichtung; Liebe, Freude und Friede ziehen ins Herz ein. Der Mensch wird durch die Kraft des Heiligen Geistes verwandelt.

Luther hat das beim Generalkonvent seines Ordens, der im April 1518 in Heidelberg zusammenkam, in der letzten seiner dortigen 28 Thesen so gesagt: „Die Liebe des Menschen entsteht an ihrem Gegenstand“, also z.B. an einem anderen Menschen, einem Kunstwerk oder der Natur. „Aber die Liebe Gottes findet ihren Gegenstand nicht vor, sondern schafft ihn sich.“ Es handelt sich um Neuschöpfung! – Schlicht und einfach geht es darum, dass ein Mensch im moralischen Sinne gewiss viel Gutes zu tun vermag, dass er dies aber nicht Gott gegenüber aufrechnen kann. Denn auch die Kraft zum Guten ist ja ein Geschenk Gottes! In seinem Lied von 1524 hat Luther es so gesagt: „…es ist doch unser Tun umsonst, auch in dem besten Leben. Vor dir niemand sich rühmen kann, des muss dich fürchten jedermann und deiner Gnade leben“ (EG 299,2). – Hinzu kommt, dass das nach unserer menschlichen Sicht vermeintlich Gute auf Irrtum beruhen kann und letztlich also gar nicht gut ist. Auch können die Folgen einer Tat in all ihren Konsequenzen häufig gar nicht abgeschätzt werden, so dass unser guter Wille manchmal gar nicht zum Guten beiträgt. Und umgekehrt kann Gott auch auf krummen Linien gerade schreiben. Menschliche Aktion kann ihn jedenfalls nicht aus seiner Weltregierung ausschließen.

Luther hat dem Vorwurf, durch diese Sichtweise würde es überflüssig, Gutes zu tun, entschieden widersprochen. 1520 veröffentlichte er einen „Sermon von den guten Werken“. Im Kleinen und Großen Katechismus stellte er die Zehn Gebote an den Anfang der Erklärung des Glaubens. Nein, Gutes zu tun ist weder überflüssig noch belanglos. Frei wird der Mensch jedoch erst, wenn er sich ganz und vorbehaltlos „mit Haut und Haaren“ der Gnade und Barmherzigkeit des himmlischen Vaters ausliefert. Es geht schlicht darum, von einer rechnenden und berechnenden, ja letztlich auch fordernden inneren Haltung gegenüber Gott loszukommen.

Im zwölften Artikel seiner Schrift „Von der Freiheit eines Christenmenschen“ (1520) hat Luther dafür das schöne Bild vom „fröhlichen Tausch“ gebraucht: Das Wollen und Vollbringen des gläubigen Menschen nennt er „Seele“. Jesus Christus nennt er den „Bräutigam“. Beim glaubenden Christen geschieht nun folgender Tausch: Wie Braut und Bräutigam in der Ehe eins werden, so geschieht es auch zwischen Christus und der Seele, „…so dass, was Christus hat, das ist eigen der gläubigen Seele; was die Seele hat, wird eigen Christi. So hat Christus alle Güter und Seligkeit: die sind [nun] der Seele eigen; so hat die Seele alle Untugend und Sünde auf sich: die werden [nun] Christi eigen. Hier erhebt sich nun der fröhliche Wechsel… Ist nun das nicht eine fröhliche Wirtschaft, da der reiche, edle, fromme Bräutigam Christus das arme, verachtete, böse Hürlein [Seele] zur Ehe nimmt und sie entledigt von allem Übel, zieret mit allen Gütern? So ist’s nicht möglich, dass die Sünden sie verdammen, denn sie liegen nun auf Christo und sind in ihm verschlungen.“

Erst also durch solche innige Glaubensgemeinschaft mit Jesus Christus, die von allen Berechnungen absieht, aber ganz aus freudiger Dankbarkeit lebt, entsteht die Heilsgewissheit; wohl gemerkt: Gewissheit, nicht aber falsche Sicherheit und Gleichgültigkeit. Wer von Dankbarkeit und Freude erfüllt ist, wird nicht gleichgültig – im Gegenteil, er brennt!

Damit ist allen Missverständnissen abgesagt, die evangelische Freiheit mit Gleichgültigkeit, ja Beliebigkeit verwechseln. – Solchen Missbrauch gibt es freilich. Da wird dann die Sünde statt des Sünders gerechtfertigt. Falsche Sicherheit wird propagiert statt zu echter Reue und Umkehr aufzurufen. Bonhoeffer nannte Verkündigung dieser Art „billige Gnade“ und verurteilte eine derartige Entstellung der Rechtfertigungsbotschaft aufs Schärfste. Gnade ist kein abstraktes Prinzip, sondern ein göttliches Geschenk, das im Lebensvollzug erfahren wird. Die Reformation stellt keine Verbilligung christlicher Lebenspraxis dar, sondern ist im Gegenteil eine große Konzentrationsbewegung weg vom Nebensächlichen hin auf das Zentrum: Bibel, Gnade, Glaube sowie vor allem und in allem – hin zu Jesus Christus!

Lebendige Seelsorge

Die Wurzeln der Reformation liegen also in der Seelsorge. Luther ist sein Leben lang Beichthörer und Seelsorger gewesen und hat selbst Seelsorge in Anspruch genommen.

Man kann nun zwischen Seelsorge im zentralen und im weiten Sinn unterscheiden. Zum weiten Verständnis der Seelsorge gehört jedes Miteinander, das aus Glauben im Ringen um Glaube und Tat geschieht. So schrieb Luther z.B. von der Veste Coburg aus Trostbriefe an Philipp Melanchthon, der beim Reichstag zu Augsburg (1530) als Wortführer die evangelische Sache vertrat und doch gar keine Kämpfernatur war. Auch am Lebensende ging es bei Luther um Seelsorge. Er vermittelte in einem schlimmen Bruderstreit der beiden Landesherren Albrecht und Gebhard von Mansfeld, wo die Juristen nicht mehr weiterkamen. Nach erfolgreichem Abschluss sorgte er dafür, dass „die Brüder wieder Brüder werden“.

Das brüderliche/geschwisterliche Trösten gehört zur Seelsorge. Im Zentrum allerdings steht die persönliche Beichte, von der aus die Reformation ja ihren Anfang nahm. Luther hat die persönliche Beichte nicht abgeschafft, wie oft irrtümlich behauptet wird. Er hat selbst sein Leben lang immer wieder gebeichtet. Im Anhang des Kleinen Katechismus findet sich eine Anleitung zur persönlichen Beichte, die auf Luther zurückgeht. Im Unterschied zu der Praxis, die die 95 Thesen ausgelöst hat, enthält die Beichte (nur) zwei Hauptstücke, nämlich das ehrliche Bekenntnis des Herzens und vor allem die Absolution als vollmächtiger Zuspruch der Vergebung, welcher für Zeit und Ewigkeit gilt. Es war für Luther unfassbar, dass ein Christ das Angebot der Beichte abschlagen könnte. Im Großen Katechismus schreibt er gar: „Willst du es aber verachten und so stolz und ungebeichtet hingehen, so schließen wir das Urteil, dass du kein Christ bist… Denn du verachtest, was kein Christ verachten soll…und ist auch ein gewisses Zeichen, dass du das Evangelium verachtest.“

Das Gegenteil von Stolz ist die Demut vor Gott. Luther lebte in dieser Demut. Er hat sich gegen Personenkult gewehrt: „Zum ersten bitte ich, man solle meines Namens schweigen und sich nicht lutherisch, sondern Christen heißen. Was ist Luther?… Wie käme denn ich armer stinkender Madensack dazu, dass man die Kinder Christi nach meinem heillosen Namen nennen sollte?“

Dietrich Bonhoeffer erläuterte den Zusammenhang mit der Demut in seiner Schrift „Gemeinsames Leben“: „In der Beichte geschieht der Durchbruch zum Kreuz. Die Wurzel aller Sünde ist der Hochmut, die superbia… Geist und Fleisch des Menschen sind vom Hochmut entzündet; denn der Mensch will gerade in seinem Bösen sein wie Gott. Die Beichte…schlägt den Hochmut furchtbar nieder.“ Aber: „Es ist ja kein anderer als Jesus Christus selbst, der den Schandtod des Sünders an unserer Stelle in aller Öffentlichkeit erlitten hat…es ist ja nichts anderes als unsere Gemeinschaft mit Jesus Christus, die uns in das schmachvolle Sterben der Beichte hineinführt, damit wir in Wahrheit teilhaben an seinem Kreuz.“

Gewiss kann Seelsorge auch missbraucht werden. Aber Missbrauch hebt den rechten Gebrauch nicht auf. Machtmissbrauch wird am ehesten vermieden, wenn Beichte nicht an Hierarchien gebunden wird und nur derjenige Beichte hört, der selbst in der Beichte lebt. Das ist u.a. der Sinn des „Priestertums aller Gläubigen“.

Abschließend eine wichtige Feststellung: Die Seelsorge im kleinen persönlichen Bereich hat bedeutende Auswirkungen im großen politischen Feld. Wo viele Einzelne Buße tun, wird ein ganzes Volk verändert. In unserer Öffentlichkeit wird von „protestantischer Schuldkultur“ geredet. Das weist auf fehlende Seelsorge hin. Wo Seelsorge lebt, entsteht das Gegenteil von Schuldkultur, nämlich die dankbare Gewissheit der Vergebung mit neuen „guten Früchten“! Schuldkultur entsteht jedoch da, wo man die Schuld autonom „abarbeiten“ will, statt  im Namen von Jesus Christus Vergebung zu suchen. Das ist ein höchst gefährlicher Weg, der besonders in Deutschland verbreitet ist. Wer alles durch Moralismus wieder gut machen will, gerät auf die abschüssige Bahn der Selbstrechtfertigung durch Leistung. Das Denken verkrampft. Die Menschen werden selbstgerecht. – Das ist dann die moderne Form von geistigem Ablassverkauf!

Wenn die Wurzeln der Reformation in der Seelsorge liegen, dann auch der Bestand ihrer vielfachen Früchte. Ein Baum jedoch, den man von seiner Wurzel trennt, stirbt ab mitsamt seinen guten Früchten. Eine Kirche, die Seelsorge vernachlässigt, wird zur bloßen Moralanstalt. Der Moralismus strahlt aus bis auf die Politik. Schließlich spaltet sich die Gesellschaft in Gruppen, die sich gegenseitig beschuldigen. Jede Seite beruft sich auf Moral. Heute sagt man „Werte“. Der Staat kann schließlich seine ordnende Aufgabe nicht mehr wahrnehmen. – Befinden wir uns auf einem solchen Weg?

Darum: Zurück zu Jesus Christus, zurück zum Zentrum der Reformation. Die Kirche im Sinne der lebendigen Gemeinde Jesu Christi wird nicht untergehen. Für die verfasste Kirche mit all ihren Institutionen und Strukturen gilt jedoch: Die Kirche der Zukunft wird eine Kirche der Seelsorge sein – oder sie wird nicht sein!

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Dieser Beitrag wurde erstellt am Mittwoch 27. Dezember 2017 um 17:10 und abgelegt unter Seelsorge / Lebenshilfe, Theologie.