{"id":939,"date":"2005-06-01T18:44:57","date_gmt":"2005-06-01T16:44:57","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=939"},"modified":"2009-09-07T16:54:11","modified_gmt":"2009-09-07T14:54:11","slug":"der-sich-beschleunigende-kreislauf-zwischen-der-kleinkindsozialisation-in-kinderkrippen-und-gegenwartigen-tendenzen-in-wirtschaft-und-gesellschaft","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=939","title":{"rendered":"Der sich beschleunigende Kreislauf zwischen der Kleinkindsozialisation in Kinderkrippen und gegenw\u00e4rtigen Tendenzen in Wirtschaft und Gesellschaft"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: left;\"><strong>Der sich beschleunigende Kreislauf<br \/>\nzwischen der Kleinkindsozialisation in Kinderkrippen<br \/>\n<\/strong><strong>und gegenw\u00e4rtigen Tendenzen in Wirtschaft und Gesellschaft<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>1. Einleitung<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der englische Kleinkindforscher Jay Belsky (2001a) zeigt f\u00fcr die USA auf, was generell auf den gr\u00f6\u00dften Teil der westlichen Welt zutrifft, dass \u201emehr und mehr Kinder mehr und mehr Zeit in immer j\u00fcngerem Alter in nichtm\u00fctterlicher Betreuung verbringen\u201c. Hierzu schreibt der tschechische Kin-derarzt und Forscher Zdenek Matejcek (1989, S. 834):<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eZugespitzt gesagt: Die Kinderkrippe ist eine Einrichtung zugunsten von Erwachsenen und Kinder w\u00fcrden sie sich nie selber ausdenken \u2013 der Kindergarten ist dagegen eine Einrichtung f\u00fcr Kinder, und sie w\u00fcrden sich ihn n\u00f6tigenfalls in irgendeiner Form selber schaffen.\u201c<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eliane Gautschi (2000) warnt:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eWerden wider besseres Wissen die Bedeutung einer verl\u00e4sslichen Mutter-Kind-Beziehung negiert und gescheiterte Modelle der Kinderbetreuung propagiert, so m\u00fcssen sich die Verantwortlichen die Frage nach dem Warum gefallen lassen. Wirtschaftlicher und politischer Machtwahn darf nicht auf dem R\u00fccken unserer Kinder ausgetragen werden.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Schlie\u00dflich soll noch ein Zitat des amerikanischen Soziologen Sennett (1998, S. 201) hinzugef\u00fcgt werden:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eDas System strahlt Gleichg\u00fcltigkeit aus [\u2026] Es strahlt in der Organisation der Wirtschaft Gleichg\u00fcltigkeit aus, wo das Fehlen von Vertrauen keine Rolle mehr spielt, wo Menschen behandelt werden, als w\u00e4ren sie problemlos ersetzbar oder \u00fcberfl\u00fcssig. Solche Praktiken vermindern f\u00fcr alle sichtbar und brutal das Gef\u00fchl pers\u00f6nlicher Bedeutung, das Gef\u00fchl, f\u00fcr andere notwendig zu sein.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ist Krippenerziehung f\u00fcr die Entwicklung des Kindes negativ, wie oben angedeutet? Besteht ein Zusammenhang zwischen obigen Zitaten? H\u00e4ngt also die Absicht, immer mehr Kleinkinder au\u00dferfamili\u00e4r, insbesondere in Krippen betreuen zu lassen, mit bestimmten problematischen Tendenzen in gegenw\u00e4rtigen Wirtschaftsorganisationen und anderen modernen gesellschaftlichen Str\u00f6mungen zusammen? Wenn ja, was sind die Folgen und Alternativen? Auf diese Fragen soll nachfolgend ein-gegangen werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>2. Gegenw\u00e4rtige Tendenzen und ihre Diskussion<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Bundesregierung plant, in den alten Bundesl\u00e4ndern die Fremdbetreuung f\u00fcr Kleinkinder bis 3 Jahre erheblich auszubauen und daf\u00fcr in erster Linie Krippenpl\u00e4tze zur Verf\u00fcgung zu stellen. In einem Gesetz f\u00fcr die Betreuung der unter 3j\u00e4hrigen soll schrittweise das Betreuungsangebot in den alten Bundesl\u00e4ndern bis 2010 \u201abedarfsgerecht\u2019 und fl\u00e4chendeckend auf 20 % aller null bis drei-j\u00e4hrigen, d.h. das Vierfache, erweitert werden. In den neuen Bundesl\u00e4ndern steht dagegen schon jetzt f\u00fcr 37 % der unter 3j\u00e4hrigen ein Krippenplatz zur Verf\u00fcgung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Familienministerium l\u00e4sst verlauten, dass viele M\u00fctter schon in der Kleinkindzeit wieder arbei-ten wollen, und verbindet dies mit dem angeblich daraus resultierenden volkswirtschaftlichen Gewinn sowie der erhoffte Steigerung der Geburtenrate bei nahtloser Vereinbarkeit von Beruf und ei-genen Kindern. Auch p\u00e4dagogische Gr\u00fcnde werden angef\u00fchrt, quasi nachgeschoben: Krippenerziehung schade den Kleinkindern nicht, im Gegenteil! Gerade in den ersten Lebensjahren sei das Kind sehr lernf\u00e4hig, und die Krippe werde dem gerecht, indem sie neben Pflege und Erziehung professionell ebenfalls Bildung betreibe. Auch das fr\u00fche Zusammensein mit anderen Kindern rege sie an und f\u00f6rdere ihre kognitiven und sozialen F\u00e4higkeiten. Davon w\u00fcrden auch sozial benachteiligte Kinder profitieren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Regierungsvorhaben findet eine erstaunlich breite Zustimmung. Wirtschaft und Gewerkschaften, Verb\u00e4nde und einige Forschungsinstitute, selbst die Vertreter der beiden gro\u00dfen christlichen Kirchen \u00e4u\u00dfern sich positiv. Auch die Presse stimmt weitgehend in den Chor ein. Kritische Stimmen dagegen gibt es gegenw\u00e4rtig kaum. Ausnahmen bilden z.B. Gautschi (2000), das Heidelberger Familienb\u00fcro (2004), Pechstein (2003) und Raff (2002).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Man reibt sich erstaunt die Augen. War nicht noch vor einigen Jahren die Krippenerziehung ganz umstritten, musste nicht selbst in der DDR ab 1976 wenigstens ein bezahltes Babyjahr eingef\u00fchrt werden, um k\u00f6rperliche und vor allem seelische Sch\u00e4den von Krippenkindern, wie Ess-, Schlaf- und Verhaltensst\u00f6rungen, zu reduzieren? Vorher waren etwa 80 % der gesamten Kleinkinder, meist schon einige Monate nach der Geburt, in Kinderkrippen untergebracht. Der derzeitige R\u00fcckgang auf immerhin noch 37 % ist nicht nur auf die gegenw\u00e4rtig hohe Arbeitslosigkeit, sondern auch auf die Kritik an den DDR-Krippen zur\u00fcckzuf\u00fchren. Bekannt wurde das strikte Ordnungsverhalten, sichtbar etwa in reihenweisen T\u00f6pfchensitzen der Krippenkinder sowie die fr\u00fchen Eingriffe des Staates zwecks ideologischer Beeinflussung. Vergessen zu sein scheint dagegen der damals immer wieder ge\u00e4u\u00dferte Unmut an der fr\u00fchen ganzt\u00e4gigen Mutter-Kind-Trennung sowie der fr\u00fchen institutionali-sierten Erziehung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die ehemalige Tschechoslowakei zeigte eine \u00e4hnliche Tendenz. In den 50er Jahren wurde in starkem Ma\u00dfe die Krippenerziehung eingef\u00fchrt, aus ideologischen Gr\u00fcnden und um die Frauen auch hier schnell in das Arbeitsleben zur\u00fcckzuf\u00fchren. Matejcek (1989, 1989a, 1990) und seine Mitarbeiter zeigten erschreckende psychische und k\u00f6rperliche Deprivationserscheinungen von Kleinkindern durch ihren Aufenthalt in S\u00e4uglingsheimen und Krippen auf. Mit dem 1963 gedrehten Film Kinder ohne Liebe erreichte Matejcek eine breite Bewegung gegen eine \u00fcbertriebene \u201eKollektivierung\u201c von Kindern. Matejcek (1989, 1989a, 1990). Folgen waren eine staatliche St\u00e4rkung der Familie, die Zah-lung von Erziehungsgeld bei Garantie des Arbeitsplatzes bis zu drei Jahren, der Ausbau von Pflegefamilien sowie verbesserte Bedingungen der Krippenerziehung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im Grunde fallen Verlautbarungen des Familienministeriums in einigen Aspekten sogar in die Zeit der DDR vor 1976 und der fr\u00fcheren Tschechoslowakei der 60er Jahre zur\u00fcck. Denn die damalige Einsicht, dass das Kleinkind in den ersten Lebensjahren, wenigstens aber im ersten Jahr besser bei der Mutter bleibt, sind nicht aufgenommen und an die \u00d6ffentlichkeit weitergegeben worden. \u00dcber-haupt wird in keiner Weise differenziert, etwa auf das Risiko eines zu fr\u00fchen oder zu langen Krip-penaufenthalts pro Tag hingewiesen. Lediglich das Recht der Eltern auf freie Wahl der Entscheidung wird betont, ohne diese allerdings verantwortungsbewusst aufzukl\u00e4ren. Anything goes! Das aber ist ein Irrtum, denn gerade Kleinkinder brauchen bestimmte Rahmenbedingungen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nat\u00fcrlich wird heute eine andere P\u00e4dagogik als fr\u00fcher in sozialistischen L\u00e4ndern praktiziert. Das starke Ordnungsverhalten und die ideologische Beeinflussung entfallen. Jedoch sind bestimmte \u00e4u-\u00dfere Rahmenbedingungen unserer Krippenerziehung der damaligen durchaus \u00e4hnlich, was Personalschl\u00fcssel (auf eine Erzieherin kommen 6 oder mehr Kleinkinder), \u00d6ffnungszeiten (10 \u2013 12 Stunden) sowie die Aufnahme bereits von S\u00e4uglingen betrifft. Dabei ist zu ber\u00fccksichtigen, dass ein neuer Trend der Kinderbetreuung vom Baby- bis ins Schulalter in so genannten gemischten Gruppen zu verzeichnen ist, was neben einigen Vorteilen zu gr\u00f6\u00dferen Gruppen und einem noch ung\u00fcnstigeren Personalschl\u00fcssel f\u00fchrt. Dagegen sollten nach amerikanischen Empfehlungen auf eine Erzieherin 3 bis h\u00f6chstens 4 Kleinkinder kommen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0Es spricht f\u00fcr sich, dass j\u00fcngst die \u201eOrganisation f\u00fcr wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung\u201c (OECD) das gro\u00dfe Angebot an Krippen in Ostdeutschland sowie seine Ausstattung und P\u00e4da-gogik als beispielhaft lobt und einen Ausbau und Anspruch auf einen Krippenplatz f\u00fcr Kleinkinder ab dem Alter von 12 Monaten fordert. Werden hier einseitig \u00f6konomische Interessen sozialen \u00fcbergest\u00fclpt? Gut ausgebildete M\u00fctter sollen offensichtlich so schnell wie m\u00f6glich ihren Kindern entzo-gen und dem Arbeitsmarkt wieder zugef\u00fcgt werden. Die Bed\u00fcrfnisse und Rahmenbedingungen der Kleinkinder f\u00fcr eine gedeihliche Entwicklung und damit auch die Interessen vieler M\u00fctter werden bezeichnenderweise nicht n\u00e4her untersucht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im Widerspruch zu derzeitigen \u00f6ffentlichen Kommentaren \u00e4u\u00dfern sich Erzieherinnen, die in Krippen arbeiten, nicht selten kritisch. Auch wenn sie in der Mehrzahl ihre Arbeit positiv einsch\u00e4tzen, erkl\u00e4r-ten sie sich in einer Befragung zur H\u00e4lfte dahingehend, ihr eigenes Kleinkind nicht einer solchen Einrichtung anvertrauen zu wollen (Giebeler, 2002).<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><strong>3. Psychoanalytische und andere Ans\u00e4tze zur Sozialisation<br \/>\ndes Kleinkindes<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In die Diskussion um die Krippenerziehung werden &#8211; je nach Ausrichtung kontrovers &#8211; psychoanalytische Aussagen mit herangezogen. Die Psychoanalyse hat eine gr\u00fcndliche Erforschung der Eltern-Kind-Beziehung vorgenommen und auch wesentliche Aussagen zu Risiken einer ungen\u00fcgenden oder gar fehlenden Mutter-Kind-Beziehung f\u00fcr die Entwicklung des Kindes machen k\u00f6nnen. Des-halb wird nachfolgend ein entsprechender kurzer Einblick gegeben. Er soll durch Ergebnisse anderer Forschungsrichtungen erg\u00e4nzt bzw. ihnen gegen\u00fcbergestellt werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Mutter-Kind-Beziehung<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Erikson (1950) betont, dass das Vertrauen, welches das Kind im ersten Lebensjahr erwirbt, wesent-lich von der Qualit\u00e4t der Beziehung der Mutter zum Kind abh\u00e4ngt. Beim Gelingen bildet sich \u201eUr-vertrauen\u201c, andernfalls mangelt es daran.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nach Rene Spitz (1965) schafft die Mutter normalerweise ein \u201e\u201aaffektives Klima\u2019 \u2026, das in jeder Hinsicht f\u00fcr die Entwicklung des Kindes g\u00fcnstig ist\u201c (S. 116). Er bedauert, dass in der westlichen Welt der Hautkontakt zwischen Mutter und Kind zunehmend reduziert wird, als Folge einer Verleugnung der hohen Bedeutung der Mutter-Kind-Beziehung\u201c. Die vor mehr als einem Jahrhundert begonnene Industrialisierung habe die Frauen, bei Untermauerung durch entsprechende Ideologien, in den Produktionsprozess gedr\u00e4ngt und sie mehr und mehr von ihren Kindern entfernt. Er sieht ein \u00dcbel in der raschen Verschlechterung der Bedingungen, die f\u00fcr die normale Entwicklung der fr\u00fches-ten Objektbeziehungen des Kindes unerl\u00e4sslich sind. Gest\u00f6rte Objektbeziehungen aber gef\u00e4hrden das Fundament der Gesellschaft selbst. Die so Heranwachsenden sind nicht ger\u00fcstet f\u00fcr komplizierte Formen des pers\u00f6nlichen und gesellschaftlichen Austauschs. Er formuliert krass, was sicher nicht verallgemeinert werden darf: \u201eDas Kind wurde um die Liebe betrogen, dem Erwachsenen bleibt nur Ha\u00df\u201c (S. 311).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Margrit Mahler (1975) sowie Mahler, Pine u. Bergmann (1978) haben, basierend auf direkten Beobachtungen, die Wechselbeziehungen zwischen Mutter und Kind in den ersten Lebensmonaten bis ins 3. Lebensjahr. hinein beschrieben. In der \u201esymbiotischen Phase\u201c, die im 2. Monat beginnt, erlebt sich der S\u00e4ugling von der Mutter als nicht abgegrenzte Einheit. Danach setzt allm\u00e4hlich das sogenannte psychologische Schl\u00fcpfen mit der langsamen L\u00f6sung aus der Symbiose ein. Mit ca. 2 Jahren w\u00e4chst das Autonomiestreben stark an. Durch die nun gewonnene F\u00e4higkeit, in Symbolen zu den-ken, kann das Kind die Mutter w\u00e4hrend ihrer Abwesenheit eine gewisse Zeit durch ein inneres Bild ersetzen, in der Gewissheit, dass sie zur\u00fcckkehrt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Bindungstheoretikerin Karin Grossmann (2000, S. 58f.) stellt in Anlehnung an Hofer dar, dass eine Kopplung von elterlichen und kindlichen physiologischen Regulationen besteht. Im K\u00f6rperkontakt atmen Mutter und S\u00e4ugling gemeinsam, sie produzieren aufeinander abgestimmt W\u00e4rme und Bewegungen im Schlaf, ja es gibt gemeinsame Tiefphasen des Schlafes. Der K\u00f6rperkontakt stimuliert im Gehirn das k\u00f6rpereigene Opiat Endorphin, das wiederum in Zusammenhang mit der Aussch\u00fcttung des Wachstumshormons Somatotropin steht. Grossmann weist darauf hin, dass vermutlich in der Krippe solche Vorg\u00e4nge zwischen Erzieherin und Kind nicht stattfinden. Mit welchen Folgen, fragt man sich? M\u00f6glicherweise werden dem Kind bei t\u00e4glich langem Krippenaufenthalt wichtige Entwicklungsm\u00f6glichkeiten vorenthalten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Immer wieder wird von Kritikern die Bedeutung der fr\u00fchen Kindheitsjahre sowie der Mutterbezie-hung f\u00fcr das Kleinkind infrage gestellt. So sieht Giebeler (2002a) in Bef\u00fcrwortung fr\u00fcher institutioneller Kleinkinderziehung \u201eMutterliebe sowie das Bild der \u201aguten Mutter\u2019 als kulturelles Konstrukt und als verkl\u00e4rtes Idealbild der perfekten Mutter\u201c an und spricht von Mutterideologie. Im \u00dcbrigen sei die Qualit\u00e4t der Mutter-Kind-Bindung nicht von der Quantit\u00e4t der mit der Mutter verbrachten Zeit abh\u00e4ngig, sondern vor allem durch die innere Repr\u00e4sentation der Mutter im Inneren des Kindes gepr\u00e4gt. Auch werde der eng konstruierte Zusammenhang zwischen negativen Erfahrungen in der fr\u00fchen Kindheit und sp\u00e4teren Pers\u00f6nlichkeitsst\u00f6rungen, die die Psychoanalyse nahe legt, \u00fcberbewertet. In diesem Punkt steht sie in Einklang mit dem Entwicklungspsychologen Lewis (1996, S. 74), der noch sch\u00e4rfer formuliert: \u201eEs ist unwahrscheinlich, dass fr\u00fchere Ereignisse eine starke Beziehung zu sp\u00e4teren Ereignissen haben.\u201c Martin Dornes (1999) widerlegt diesen Ansatz als popul\u00e4re Modeerscheinung einer schnelllebigen Zeit. Auch belegen neuere Ergebnisse der Hirnforschung die hohe Bedeutung fr\u00fcher Lernerfahrungen f\u00fcr die sp\u00e4tere Pers\u00f6nlichkeitsentwicklung (Roth 2001; Braun et al. 2002)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Tragweiter sind Aussagen des Entwicklungspsychologen Stern (1985). Er stellt fest, dass der S\u00e4ug-ling von Geburt an \u00fcber differenzierte Wahrnehmungs- und Interaktionsf\u00e4higkeiten verf\u00fcgt und kei-ne symbiotische Phase aufweist, wie von Mahler behauptet. Das Zusammenleben in den ersten Mo-naten sei nicht von \u00fcberwiegend passivem Verschmelzungserleben, sondern durch Aufrechterhaltung der Ich-Grenzen des S\u00e4uglings gekennzeichnet. F\u00fcr unsere Diskussion ist dieses Thema insofern von Bedeutung, als Bef\u00fcrworter der Krippenerziehung sich immer wieder auf Sterns entwicklungspsychologischen Ansatz berufen. Die besondere symbiotische Mutter-Kind-Beziehung bestehe gar nicht und sei Mythologie. Der S\u00e4ugling sei quasi selbst\u00e4ndig und k\u00f6nne in Abgrenzung zu ande-ren wechselseitige Kontakte aufnehmen &#8211; und das auch schon recht fr\u00fch zu mehreren Bezugsperso-nen und zu Gleichaltrigen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wie Dornes (1997) jedoch ausf\u00fchrt, ist das Symbiosekonzept zu verteidigen. Sterns Aussagen \u00fcber differenzierte Wahrnehmungs- und Interaktionsf\u00e4higkeiten basieren auf Zeiten aktiver Aufmerksamkeit des S\u00e4uglings. In anderen Abschnitten, in denen er d\u00f6st, etwa schl\u00e4frig an der Mutterbrust liegt, ist es denkbar, dass der S\u00e4ugling sich mit ihr verschmolzen f\u00fchlt. Werden diese Tendenzen nicht befriedigt oder \u00fcberm\u00e4\u00dfig verst\u00e4rkt, k\u00f6nnten sp\u00e4ter auff\u00e4llige Symbioseprobleme entstehen. M\u00f6glicherweise habe Stern das Ausma\u00df der Getrenntheit \u00fcbertrieben und Mahler das Ausma\u00df der Verschmolzenheit.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In der akademischen Entwicklungspsychologie geht es derzeitig h\u00e4ufig um kognitive, motorische und soziale Fortschritte und um die Frage, wie diese fr\u00fch optimal gef\u00f6rdert werden k\u00f6nnen. Dass aber nicht wenige dieser fr\u00fchzeitig erlernten F\u00e4higkeiten in sp\u00e4teren Jahren, anders als emotionale Grundeinstellungen, schnell wieder aufgeholt werden k\u00f6nnen, wird seltener erw\u00e4hnt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Innere Sicherheit aber bildet sich erst aus einer sog. Abh\u00e4ngigkeit einer intensiven, langj\u00e4hrigen und guten Beziehung heraus. Der Psychoanalytiker John Bowlby (1961, S. 461) schreibt hierzu:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eZweifelsohne, ein Kind, das mehr Liebe erf\u00e4hrt, ist, auf kurze Strecken gesehen, oft abh\u00e4ngiger und damit der Trennungsangst mehr unterworfen als andere Kinder, die h\u00e4rter behandelt werden. Da sich jedoch solche \u201aAbh\u00e4ngigkeit\u2019 des geliebten Kindes ausw\u00e4chst und sp\u00e4ter die Grundlage f\u00fcr eine stabile Unabh\u00e4ngigkeit bildet, w\u00e4re es falsch, etwas Pathologisches darin zu vermuten. Im Gegenteil [\u2026]\u201c.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>V\u00e4ter<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Kontroverse um die famili\u00e4re und die nach au\u00dfen gelagerte Betreuung von Kleinkindern zentriert sich meist um die Frage, wie bedeutsam die Mutter-Kind-Beziehung f\u00fcr das Kleinkind ist. Zu kl\u00e4ren ist aber auch, welche Bedeutung dem Vater des Kleinkindes zukommt. Zwar ist erwiesen, dass die Mutter sich normalerweise, bedingt durch Schwangerschaft, Geburt, M\u00f6glichkeiten des Stillens und begleitenden biochemischen, insbesondere hormonellen Einfl\u00fcssen normalerweise besonders an ihr Kind bindet und ihm Aufmerksamkeit schenkt. Aber ist der Vater damit drau\u00dfen, etwa seine mangelnde Beteiligung an der S\u00e4uglingspflege und fr\u00fchen Sozialisation abgesegnet? Was sagen die Psychoanalyse und verwandte Forschungen hierzu?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Freud (1916-1917a) betonte vor allem die Bedeutung des Vaters in der \u00f6dipalen Phase ab dem Alter von 3\u20134 Jahren. In der Zeit vorher war f\u00fcr ihn die Mutter zust\u00e4ndig. Aber schon Melanie Klein (1928) datiert die Triangulierung Vater-Mutter-Kind zwischen den 6. Lebensmonat und das 3. Lebensjahr des Kindes. Bei ihr \u00fcbernimmt der pr\u00e4\u00f6dipalen Vater auch die Rolle eines Tr\u00f6sters angesichts der Frustrationen durch die m\u00fctterliche Brust.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mahler, Pine u. Bergmann (1978) stellen bez\u00fcglich der Entwicklung des Kleinkindes die wichtige Rolle des Vaters als Befreier aus der Mutter-Kind-Dyade heraus.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aigner (2001) fragt, warum es neben der \u201aarchaischen Mutter\u2019 nicht auch einen \u201aarchaischen Vater\u2019 geben kann, der nicht nur Repr\u00e4sentant der Trennung des Kindes aus den Klauen der regressiven Mutter-Kind-Beziehung ist. Eine reife V\u00e4terlichkeit hat in der pr\u00e4\u00f6dipalen Zeit positive M\u00f6glichkei-ten, Grenzen zu setzen, zu sch\u00fctzen, wie auch quasi m\u00fctterlich-n\u00e4hrende Funktionen auszu\u00fcben. Sie schlie\u00dft eine Beteiligung an der S\u00e4uglingspflege und der fr\u00fchen Sozialisationsarbeit mit ein.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Basierend auf der Bindungstheorie, belegen Grossmann et al. (2002) empirisch, dass der Einfluss v\u00e4terlicher Feinf\u00fchligkeit auf die sich entwickelnde Bindungsqualit\u00e4t eines Kindes nachweisbar, aber schw\u00e4cher ausgepr\u00e4gt ist als derjenige der Mutter. V\u00e4ter, die schon fr\u00fch eine gute Beziehung zu ihren Kindern haben, etwa engagiert und einf\u00fchlsam an Spiel und Versorgung teilnehmen, beeinflussen den Lebensweg ihrer Kinder positiv. Diese Untersuchung best\u00e4tigt im Wesentlichen die oben genannten psychoanalytischen Thesen \u00fcber die Bedeutung des pr\u00e4\u00f6dipalen Vaters.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Mutter-Kind-Trennung und Deprivation<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ber\u00fchmt wurden die Untersuchungen von Rene Spitz (1965) \u00fcber die Folgen von partiellem und totalem Entzug von affektiver Zufuhr in einem S\u00e4uglingsheim und einem Findelhaus. Die Kinder sind dort im 1. Lebensjahr von ihren M\u00fcttern getrennt worden und bekamen zwar gen\u00fcgend Nah-rung, aber wenig Zuwendung durch das \u00fcberlastete Personal. Sie entwickelten zunehmend k\u00f6rperliche und psychische Symptome, von Spitz Hospitalismus genannt. Bei Trennungen, die mehrere Monate \u00fcberschreiten, kommt es zu einem fortschreitenden Verfall des Kindes, der sogar zum Tode f\u00fchren kann.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber auch sp\u00e4ter einsetzende und k\u00fcrzere Trennungen zeigen ihre Wirkungen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bowlby (1961) hat im Rahmen von Forschungsarbeiten der Tavistock-Gruppe Untersuchungen \u00fcber die Trennung des Kindes von der Mutter aufgrund des Aufenthalts der 15-30 Monate alten Kinder im Krankenhaus bzw. Heim durchgef\u00fchrt. Dabei wurde empirisch sicher bewiesen, dass \u201ealle Kinder dieses Alters auf die so genannte Erfahrung mit Schock und Angst reagieren, ausge-nommen diejenigen, die bereits unter einem betr\u00e4chtlichen Mangel an m\u00fctterlicher F\u00fcrsorge gelitten haben oder sehr krank sind\u201c (S. 411).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er stellt fest, dass die beobachteten 15\u201330 Monate alten Kinder bei der Trennung von der Mutter eine bestimmte Folge von Verhaltensweisen zeigen, die in drei Phasen einzuteilen sind: Protest, Verzweiflung und Gleichg\u00fcltigkeit.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">James und Joyce Robertson (1975) beobachteten die Trennungsreaktionen von 5 Kindern im Alter von 1 \u00bd-2 \u00bd Jahren, die vorher in ihrer Familie gelebt hatten und von ihrer Mutter betreut worden waren. Ihre M\u00fctter mussten dann aber f\u00fcr 10 Tage oder l\u00e4nger ins Krankenhaus zur Geburt eines Geschwisterkindes. 4 der 5 Kinder kamen unter sehr g\u00fcnstigen Bedingungen bei den Autoren, zeitlich jeweils einzeln, in Familienpflege. Die Pflegemutter, James Robertson, war immer allein f\u00fcr das jeweilige Kind da und durch Ausbildung und Erfahrung bef\u00e4higt, kindliche Bed\u00fcrfnisse zu verstehen und zu befriedigen. Nur John kam f\u00fcr die Zeit der Muttertrennung ins Heim. Alle Kinder wurden von ihren V\u00e4tern regelm\u00e4\u00dfig besucht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0Jedes der 4 Kinder hat Beziehungen zur Pflegemutter entwickelt und letztlich alles gut \u00fcberstanden. Aber sie \u00e4u\u00dferten doch fr\u00fcher oder sp\u00e4ter deutliche Reaktionen ganz im Sinne von Bowlbys Protest- und Gleichg\u00fcltigkeitsphase. Bei der Wiedervereinigung ins Elternhaus zeigten alle Kinder gesteiger-te Feindseligkeit gegen die Mutter. Die Autoren konstatieren: \u201eDie Komplikationen, die bei der Ersatzbetreuung aufzutreten pflegen, k\u00f6nnen die These, dass Trennung gef\u00e4hrlich ist und m\u00f6glichst vermieden werden sollte, nur unterstreichen\u201c (S. 658f.).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein qualitativer Unterschied bestand zwischen der Betreuung in der Familienpflege und dem Aufenthalt im Heim. John zeigte im Heim dramatische, fortw\u00e4hrend anhaltende Trennungsreaktionen und auch nach der Wiedervereinigung lang andauernde, intensive negative Nachwirkungen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0Obige Befunde, egal ob psychoanalytisch oder aus anderen Richtungen stammend, best\u00e4tigen, dass die Mutter f\u00fcr ein Kleinkind eine hohe Bedeutung hat und ausgiebige Trennungen von ihr ung\u00fcnstige, ja fatale Folgen haben k\u00f6nnen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u00a04. Krippenerziehung<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Deprivation entsteht bei Heimerziehung, aber auch bei Krippenerziehung unter ung\u00fcnstigen Umst\u00e4nden, d.h. bei l\u00e4ngerem Aufenthalt ohne den Aufbau von echten menschlichen Bez\u00fcgen mit den entsprechenden emotionalen und sensorischen Anregungen. Schwieriger ist die Frage zu beantwor-ten, wie sich \u201enormale\u201c Krippenerziehung auswirkt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0Obwohl mir psychoanalytische Forschungsergebnisse zur Krippenerziehung nicht bekannt sind, las-sen sich von Seiten der Psychoanalyse Zweifel an einer ausgiebigen institutionellen Fr\u00fcherziehung von Kleinkindern ableiten. Psychoanalytische Forschung nimmt kindliche Trennungs\u00e4ngste sehr ernst und zeigt den \u00fcberm\u00e4\u00dfigen Stress und sch\u00e4dliche Folgen bei ihrer \u00dcberstrapazierung auf.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die tagt\u00e4glichen herzzerrei\u00dfenden Abschiedsszenen von Kleinkindern und ihren M\u00fcttern am Morgen vor und in Krippen legen den Finger aber gerade auf diesen sensiblen und verletzlichen Punkt. Und die Verantwortlichen der Gesellschaft schauen hier einfach weg, nicht zuletzt aus \u00f6konomischen Gr\u00fcnden. Erleichtert wird ihnen dies auch dadurch, dass die Kinder kognitiv und im Verhalten weiter \u201efunktionieren\u201c. Dass dieses \u201eFunktionieren\u201c auf einem \u201efalschen Selbst\u201c (Winnicott 1965) bzw. einer \u201ePseudounabh\u00e4ngigkeit\u201c (Bowlby 1961, S. 461) basieren kann, wird nicht erkannt, bewusst \u00fcbersehen oder, wie sp\u00e4ter aufgezeigt, unbewusst sogar gewollt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wie aber ist der Stand der Untersuchungen zur Effektivit\u00e4t von Krippenerziehung? Es muss ein R\u00fcckgriff auf andere Forschungsrichtungen vorgenommen werden. Hierzu liegen eine Vielzahl sich widersprechender Erhebungen vor, die allerdings oftmals methodischen Anspr\u00fcchen nicht gen\u00fcgen. Wie J. Bensel (1994, S. 305) bei kritischer Durchforstung der internationalen Krippenforschung feststellt, sind die \u201emeisten Untersuchungen an unrepr\u00e4sentativen weil untypisch guten Krippen durchgef\u00fchrt worden. Die gewonnenen Aussagen lassen sich dann jedoch h\u00f6chstens f\u00fcr `Spitzenkrippen` verallgemeinern\u201c.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es gibt kaum L\u00e4ngsschnittstudien, die vielf\u00e4ltige Untersuchungsvariablen mit einbeziehen. Schlie\u00dflich wissen wir, dass sich manche Schwierigkeiten erst viel sp\u00e4ter, z.B. im Erwachsenenalter, zeigen k\u00f6nnen. Das Bild eines schwimmenden Eisbergs passt hier: Unter der Oberfl\u00e4che kann eine vielmals m\u00e4chtigere Masse (an Belastungen) verborgen sein, die oberhalb nicht sichtbar ist, aber irgendwann doch wirksam wird.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0Bensel (1994) stellt Untersuchungsergebnisse des Einflusses der Krippe auf die geistige, die soziale, die Pers\u00f6nlichkeits-Entwicklung und auf die Bindung zur Mutter dar. Gem\u00e4\u00df einer amerikanischen L\u00e4ngsschnittstudie sind Kinder, die im 1. Lbj. 20 oder mehr Stunden pro Woche in Fremdbetreuung verbracht hatten, h\u00e4ufiger unsicherer an ihre Eltern gebunden als weniger oder nicht fremdbetreute. Eine franz\u00f6sische Untersuchung fand heraus, dass 9 Monate alte Krippenkinder mehr Aufmerksamkeit von ihren M\u00fcttern forderten und ihnen gegen\u00fcber weniger Zuneigung zeigten. Noch im Kinder-gartenalter empfanden M\u00fctter mit ehemaligen Krippenkindern diese h\u00e4ufiger als reizbar und widerspenstig.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ergebnisse von verschiedenen zuverl\u00e4ssigen L\u00e4ngsschnittstudien aus G\u00f6teborg deuten nach Bensel darauf hin, dass unter der Voraussetzung qualitativ hochwertiger Betreuung f\u00fcr die dort festgehaltenen psychosozialen Entwicklungsvariablen (wie Kontaktfreude, Folgsamkeit u.a.) keine Unterschiede zwischen Krippen- und Familienbetreuung zu finden sind. Kinder aus sozial benachteiligten Verh\u00e4ltnissen konnten unter der Intensivbetreuung in einer Modellkrippe im kognitiven Bereich sogar profitieren. Bedenklich stimmen allerdings die Befunde von Broberg, Lamb u. Hwang (1990), die auf die geringere F\u00e4higkeit von Krippenkindern, alleine angstfrei zu spielen, hinweisen. Sie deuten auf eine m\u00f6glicherweise beeintr\u00e4chtigte Selbstsicherheit der Krippenkinder hin.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0Bensel (1994, S. 322) res\u00fcmiert: \u201eDie wissenschaftlichen Befunde zur Krippenforschung k\u00f6nnen eine bedenkenlose Bef\u00fcrwortung der Krippenbetreuung nicht unterst\u00fctzen. Es ist nicht auszuschlie\u00dfen, dass die Krippenbetreuung im Vergleich zur Familienbetreuung in der Summe eher von Nachteil ist.\u201c Er vertritt die Auffassung, dass Politiker \u201eals Volksvertreter angesichts von Risiken bereits zur Abwehr von Gefahren verpflichtet sind.\u201c Das aber geschieht leider nicht!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im \u00dcbrigen fehlen neben Langzeituntersuchungen vor allem solche, die nicht nur von vordergr\u00fcndigem beobachtbaren Verhalten ausgehen, sondern auch die Innenwelt des Kindes betrachten, ihre \u00c4ngste, Phantasien, Entt\u00e4uschungen und W\u00fcnsche. Wie sieht diese Innenwelt etwa im 2. und 3. Le-bensjahr. nach der t\u00e4glichen Trennung von der Mutter und w\u00e4hrend und nach dem Krippenaufenthaltes aus, was geht dann in dem Kind vor und wie pr\u00e4gt dies sein sp\u00e4teres Leben? Hier w\u00e4ren psychoanalytische Untersuchungen von gro\u00dfem gesellschaftlichen Nutzen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ahnert\/ Rickert (2000) untersuchten 70 Kleinkinder, durchschnittlich 15 Monate alt, bei ihrem Einstieg in die Tagesbetreuung. Physiologische Belastungen sind anhand einer Pulsfrequenzmessung vorgenommen worden, auch wurden Unmuts\u00e4u\u00dferungen registriert. Die Ergebnisse zeigen, dass ein gro\u00dfer Teil der Kinder mit l\u00e4nger anhaltenden, erheblichen Negativ\u00e4u\u00dferungen und erh\u00f6hter Herzfrequenz auf die Trennung von der Mutter reagieren und die erh\u00f6hten Herzfrequenzreaktionen auf starken Stress hindeuten. Nach einem Monat Krippenaufenthalt kann sich der emo\u00f6tionale Zustand, so die Autorinnen, schon (!) verbessern, nach f\u00fcnf Monaten Krippenaufenthalt werden physiologische Normalwerte gemessen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0Die Mutter geht fort, das Bindungssystem eines Kleinkindes wird alarmiert und Vertr\u00f6stungen auf den Abend greifen in diesem Alter nicht. Es ist zu vermuten, dass trotz aller langsam mehr oder weniger gelingenden Anpassung je nach individuellen Bedingungen Narben, Traumata und Bindungs-\u00e4ngste bestehen bleiben k\u00f6nnen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Diese Vermutung wird verst\u00e4rkt durch G. Fein (1996). Sie untersuchte in Italien 99 Kinder im Durchschnittsalter von 10,8 Monaten daraufhin, ob sie im Verlauf des beginnenden Krippenaufenthalts auch von ihrer jeweiligen Mutter Trennungsreaktionen im Sinne von Bowlby (1961) \u00e4u\u00dferten (Protest, Verzweiflung, Gleichg\u00fcltigkeit). All diese konnte sie feststellen, wenn auch weniger extrem als von Bowlby beschrieben. Besonders Kinder, die schon bei Beginn des Krippenaufenthalts wenig soziale Kontakte hatten und als schwierig gelten m\u00fcssen, wendeten sich nun h\u00e4ufig weiter von Menschen ab und dem Spielzeug zu. Sie werden von den Erzieherinnen zunehmend weniger beachtet als Kinder mit starkem Ausdrucksverhalten. So zeigten einige Kinder noch nach sechs Monaten (!) Verzweiflung und Gleichg\u00fcltigkeit (Resignation). Gerade jene Kinder, die kompensatorische Unterst\u00fctzung gebraucht h\u00e4tten, fanden demnach keine Integration in die Krippe. W\u00e4re es nicht wir-kungsvoller, in erster Linie die betreffenden M\u00fctter zu unterst\u00fctzen?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Karin Grossmann (1999) zeigt von Seiten der Entwicklungspsychologie und der Bindungstheorie auf, dass eine Krippenbetreuung sich stark von der Kindergartenarbeit unterscheidet, weil die emotionalen und Denkprozesse von vorsprachlichen Kindern oft nicht mit verbalen Hilfen vereinbar sind. Kooperation mit Gleichaltrigen ist in diesem Alter noch schwierig, und bei Konflikten siegt stets der k\u00f6rperlich St\u00e4rkere. Grossmann gibt zu bedenken, \u201edass die F\u00f6rderung des Sozialverhaltens von Kleinkindern als Grund f\u00fcr eine Krippenbetreuung nicht stichhaltig ist. Von der sozialen Interaktion mit vielen Gleichaltrigen profitieren die Kinder zwischen null und\u00a0drei Jahren \u2013 wenn \u00fcberhaupt \u2013 nur minimal. Im Gegenteil, die St\u00f6ranf\u00e4lligkeit durch die Gruppe Gleichaltriger ist ungleich viel h\u00f6her. Die sozialen F\u00e4higkeiten, die die Kinder bis zum Alter von drei Jahren lernen k\u00f6nnten, werden sp\u00e4ter sehr schnell im Kindergarten nachgelernt.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Schlussbetrachtung von Grossmann lautet: \u201eAus der Sicht der Bindungstheorie muss man die ganzt\u00e4gige Betreuung von Kindern unter drei Jahren in Gruppen gleichaltriger Kinder mit gr\u00f6\u00dfter Skepsis sehen. Damit diese Art der Betreuung aber zu keinem Risiko f\u00fcr ein Kind wird, m\u00fcssen zahlreiche Bedingungen erf\u00fcllt werden\u201c (S. 175). Eingew\u00f6hnungszeiten, altersgemischte Gruppen und gute Beh\u00fctung durch bindungstheoretisch geschulte Erzieherinnen k\u00f6nnen das Risiko mindern oder aufheben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Matejcek (1989, 1990) sieht den Aufenthalt von Kleinkindern in einem Heim herk\u00f6mmlicher Art in Hinsicht auf ihre Pers\u00f6nlichkeitsentwicklung als &#8222;gef\u00e4hrlich\u201c an, bezeichnet aber die Krippen als \u201eanspruchsvoll\u201c bzw. \u201egef\u00e4hrdend\u201c (1990, S. 561). Zumal die Gef\u00fchlsbindung zur Mutter und zum Daheim bestehen bleibt, jedoch gewissen Belastungen unterliegt. Gef\u00e4hrdend hei\u00dft, dass bei den meisten Kindern keine erkennbaren St\u00f6rungen in der psychischen Entwicklung verursacht werden. Aber sie m\u00fcssen Adaptionsmechanismen mobilisieren. Diese reichen \u00fcblicherweise aus, um die Situation ohne deutliche Zeichen von Ersch\u00f6pfung zu meistern. Treten jedoch weitere Belastungen hinzu, so wandelt sich die Situation. Die \u00dcberg\u00e4nge k\u00f6nnen schroff oder flie\u00dfend, deutlich erkennbar oder unauff\u00e4llig sein.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Man sollte, wenn man Kinder haben will, das Leben so gestalten, dass es den Bed\u00fcrfnissen der Kinder entspricht. &#8222;Und dazu geh\u00f6rt selbstverst\u00e4ndlich auch der Vorsatz, sie nicht unn\u00f6tigen Belastungen auszusetzen, auch nicht denen in der Krippe\u201c (1990, S. 569). Die Familienpolitik freilich hat Bedingungen zu schaffen, dass \u201eM\u00fctter ihre Mutterschaft voll entfalten und mit ihren Kindern zu Hause bleiben k\u00f6nnen, mindestens bis zum vollendeten dritten Lebensjahr des Kindes\u201c (1989, S. 834).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die neusten \u201eEarly-Child-Care\u201c-Studien des National Institute of Child Health and Human Development NICHD (Belsky 2001; NICHD 2002) bringen Brisantes zutage: Kleinkinder, die viel Zeit in Fremdbetreuung verbrachten \u2013 dazu geh\u00f6ren Krabbelgruppen, Kinderkrippen und Tagesm\u00fctter -, verhielten sich sp\u00e4ter dreimal h\u00e4ufiger problematisch als Kinder, die vorrangig von ihrer Mutter betreut wurden. Aggressionen, Unbeherrschtheit, Gewalt gegen Personen und Dinge standen im Vor-dergrund. Bei Kindern, die w\u00e4hrend der ersten 4\u00bd Jahre eine Au\u00dfenbetreuung erhielten, ergaben sich folgende Werte: Wenn sie in dieser Zeit durchschnittlich unter zehn Stunden pro Woche in Au\u00dfenbetreuung waren, lag mit 4\u00bd Jahren eine Zunahme des beschriebenen problematischen Verhal-tens bei 5 % der Kinder vor, bei 30 und mehr Stunden waren es bereits 16 % der Kinder. Sp\u00e4ter, mit sechs Jahren, stieg das Verh\u00e4ltnis auf 9 % und 17 %. Die Untersuchungen zeigen, dass f\u00fcr ein Kind ein umso gr\u00f6\u00dferes Risiko besteht, verhaltensauff\u00e4llig zu sein, je fr\u00fcher und je l\u00e4nger es in au\u00dferfamili\u00e4re Betreuung kam. Erstaunlicherweise sind die Ergebnisse unabh\u00e4ngig von dem Familienhintergrund und der Qualit\u00e4t der Fremdbetreuung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aussagen, dass Kinder mit extensiver Betreuungsgeschichte unabh\u00e4ngiger und selbstbehauptender als andere Kinder sind, werden somit widerlegt. In der NICHD-Untersuchung zeigten sie umgekehrt Bed\u00fcrftigkeit, Anma\u00dfung, Ungehorsam, Trotz und Aggression.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mehr Zeit in Au\u00dfenbetreuung ist, anders als h\u00e4ufig behauptet, auch verbunden mit weniger harmo-nischen Mutter-Kind-Interaktionsmustern. Die Mutter-Kind-Beziehung verschlechtert sich, je fr\u00fcher und l\u00e4nger ein Kind in der Au\u00dfenbetreuung ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Belsky (2001) f\u00fchrt allerdings auch an, dass der Gewinn der Fremdbetreuung darin liegt, dass Kinder, die eine hohe Qualit\u00e4tsbetreuung am Tage erhielten, bei Ergebnissen ihrer kognitiven und Sprach-Entwicklung im Alter von 15, 24, 36 und 54 Monaten im Vorteil waren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die \u201eEarly-Child-Care\u201c-Studie ist gut abgesichert. Das dem US-Gesundheitsministerium angegliederte, weltweit angesehene NICHD entwickelte mit ihr ein Langzeit-Gro\u00dfprojekt, das seit 1991 l\u00e4uft und an dem fast 30 Forscher\/-innen von 10 Universit\u00e4ten beteiligt sind. \u00dcber 1320 Familien und ihre Kinder aus den verschiedensten Gesellschaftsschichten und unterschiedlicher kultureller Zugeh\u00f6rigkeit sind in ganz Amerika untersucht worden. &#8211; Dornes bezeichnet sie als \u201edie Untersuchung der Untersuchungen\u201c, weist aber auch auf amerikanische Spezifika hin.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Ergebnisse, so Belsky (2001a), k\u00f6nnen nicht als stark in ihrem Ausma\u00df beschrieben werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eSie sind eher gem\u00e4\u00dfigt. Aber die Tatsache, dass mehr und mehr Kinder mehr und mehr Zeit bei zunehmend j\u00fcngerem Alter in nichtm\u00fctterlicher Betreuung in den USA verbringen, macht selbst gem\u00e4\u00dfigte Effekte bedeutungsvoll. Nach allem mag ein kleiner Einfluss von vielen von weit gr\u00f6\u00dferer sozialer Bedeutung sein als ein gro\u00dfer Einfluss, der wenige beeinflusst.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Early-Child-Care-Studie hat mit dem Mythos aufger\u00e4umt, dass es nicht auf die Quantit\u00e4t, die zusammen mit dem Kind verbrachte Zeit, ankommt, sondern nur auf die Qualit\u00e4t der Beziehung. Demnach erscheint folgende Aussage von Dornes (1998, S. 301) zweifelhaft: \u201eEntscheidend f\u00fcr die Art der mit einem Jahr erreichten Bindung ist nicht die Quantit\u00e4t, sondern die Qualit\u00e4t der Interaktion im ersten Lebensjahr.\u201c Nicht zuletzt mit diesem Argument wurden viele Kleinkinder fr\u00fch und teils umfassend der institutionellen Erziehung \u00fcbergeben. Nun aber wissen wir, dass mit dem zeitlichen Umfang der Au\u00dfenbetreuung, auch bei guter Qualit\u00e4t, das Risiko f\u00fcr das Kind steigt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>5. Krippenerziehung und Gesellschaft<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Ergebnisse der vorangegangenen Kapitel, aus der Psychoanalyse wie anderen Forschungsrichtungen stammend, haben deutlich gemacht, dass Krippenerziehung f\u00fcr Kleinkinder risikobehaftet ist. Was bringt eine Gesellschaft dazu, ihre Kinder in solche belastenden Felder zu bringen, ja, diese zu f\u00f6rdern und auszuweiten? Wir wissen, dass sie, oft unbewusst, mittels der Sozialisation ihrer Kleinkinder die Eigenschaften versucht herauszubilden, die sie f\u00fcr ihre Selbsterhaltung bzw. ihre Weiter-entwicklung zu brauchen meint. So hat Erikson (1950) aufgezeigt, dass das lange, freiz\u00fcgige Stillen der Sioux-Kinder sowie ihre tolerante Sauberkeitserziehung bez\u00fcglich Besitz zu einer freigiebigen Haltung, einem offenen Geben und Nehmen f\u00fchrte. Die Anh\u00e4ufung von Eigentum war in diesem Indianerstamm verp\u00f6nt, was verst\u00e4ndlich ist, da ihre nomadenhafte Lebensweise dadurch belastet worden w\u00e4re. Wir aber leben in einer komplexen Gesellschaft. Sie beinhaltet nach Luhmann (1999) autonome Operationsweisen gesellschaftlicher Subsysteme. Nachfolgend soll versucht werden, trotz ihres Pluralismus und hoher gesellschaftlicher Differenzierung einige Schneisen, gegenw\u00e4rtige Tendenzen ihrer \u201epsychosozialen Dynamik\u201c (Sievers 1999) aufzuzeigen. Dabei geraten vorrangig prob-lematische Aspekte ins Blickfeld.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Beck (1994) sieht in der Gegenwart viele traditionell vorgegebene Lebensmuster aufgel\u00f6st und durch riskante Freiheiten ersetzt. Er spricht von einer \u201eRisikogesellschaft\u201c, die er auch als \u201eversicherungslose Gesellschaft\u201c bezeichnet. Alte Sicherheiten und Vorgaben sind abhanden gekommen, jeder schustert sich seine Biographie selbst zusammen. An die Stelle von Normalbiographien treten nur zu oft \u201eBastel-\u201c, \u201eBruch-\u201c und \u201eDrahtseil-Biographien.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nach Sievers (2004) sind aus Unternehmen \u2013 auch im Non-Profit-Bereich \u2013 vermehrt einseitige monet\u00e4re Einrichtungen geworden, und ihre urspr\u00fcngliche soziale Bedeutung geht nur zu oft verloren. Ihre Dynamik ist von Aggression gepr\u00e4gt, als Reaktion auf Bedrohungen, die aus der Welt der M\u00e4rkte und Konkurrenten stammen. Sie haben oft nur noch das reduzierte Ziel, die Ware Geld zu produzieren, wobei Geld ein Symbol f\u00fcr Sinnlosigkeit geworden ist. Beziehungslosigkeit und Vertrauensverlust breiten sich aus. Menschen in Organisationen werden h\u00e4ufig selbst zur Ware degradiert, deren \u201eman sich dann leicht entledigen kann, wenn sie nicht mehr gebraucht werden oder verbraucht sind\u201c (S.37).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Long (2000) legt dar, dass der organisatorische Diskurs \u00fcber Kundenorientierung den vorangegangenen \u00fcber Abh\u00e4ngigkeit abgel\u00f6st hat. Damit einher geht der Glaube an einen \u201e\u00f6konomischen Rationalismus\u201c. Beide dienen als Schutz insbesondere vor den \u00c4ngsten, die mit den Ver\u00e4nderungen in der Welt und dem Verlust fr\u00fcherer institutioneller Werte verbunden sind, und suggerieren die Souver\u00e4nit\u00e4t des Individuums, als Kunde frei zu sein \u2013 wenn auch als Arbeitnehmer ausgebeutet. Eine nicht durchgearbeitete Angst vor Abh\u00e4ngigkeitsverh\u00e4ltnissen f\u00fchrt zur unbewussten Regression in den Narzissmus des Individuums, zur Privatisierung sowie zur Schaffung eines illusion\u00e4ren Kunden-Anbieter-Paares f\u00fcr die gesamte Gesellschaft. \u201eEine solche prim\u00e4re Bezogenheit\u201c, so Long weiter, \u201everstellt tiefergehende Formen des Gemeinschaftslebens, die f\u00fcr die Entwicklung menschlicher Liebe und Kreativit\u00e4t so wichtig sind\u201c (S. 29). Der \u00f6konomische Rationalismus, Wirtschaftlichkeit als allein g\u00fcltiger h\u00f6herer Wertma\u00dfstab in Organisationen entwertet Gemeinschaftsarbeit, die ande-re, \u00fcbergeordnete gesellschaftliche Werte erfordert.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sennnett (1998) zeigt auf, dass in der modernen Arbeitswelt eine Identifizierung mit dem Beruf oft nicht mehr m\u00f6glich ist. Es gibt immer wieder Br\u00fcche, vieles wird automatisiert, man stellt weniger gut ausgebildete, somit billigere Arbeitskr\u00e4fte ein. Dem abh\u00e4ngig Besch\u00e4ftigten wird zunehmend das Gef\u00fchl gegeben, dass er unn\u00fctz sei, austauschbar. Er bekommt nur Zeitvertr\u00e4ge, kann schnell \u201eentsorgt\u201c werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die neue \u00d6konomie, so Sennett, predigt Wein und liefert nur Wasser. Sie fordert Flexibilit\u00e4t, vernachl\u00e4ssigt aber notwendige Routine, Bed\u00fcrfnisse etwa von Familien mit Kindern, die nicht beliebig mobil bzw. in ihrer Zeit frei verf\u00fcgbar sind, weshalb nicht selten famili\u00e4re und andere pers\u00f6nliche Beziehungen zerst\u00f6rt werden. Die ebenfalls angepriesene Selbstst\u00e4ndigkeit und Unabh\u00e4ngigkeit sind f\u00fcr die Arbeitnehmer oft verbunden mit Beziehungslosigkeit bzw. Beziehungsabbr\u00fcchen. Denn sie m\u00fcssen nun besonders mobil sein, verf\u00fcgen oft nicht mehr \u00fcber ihre Zeit und sind finanziell st\u00e4ndig am K\u00e4mpfen. Einige Unternehmer aber entlasten sich und schieben die Besch\u00e4ftigten hin- und her, ohne dass diese Selbstgestaltung und Verantwortung praktizieren d\u00fcrften. Zu echter Selbst\u00e4ndigkeit geh\u00f6ren auch die \u2013 derzeit nicht gefragte oder gar verp\u00f6nte &#8211; F\u00e4higkeit und M\u00f6glichkeit, Abh\u00e4ngigkeiten einzugestehen und, wenn n\u00f6tig, Hilfe zu holen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Arbeitsethos hat sich gewandelt. Man verlangt nicht mehr Verantwortung und Treue. Somit werden die Arbeitsbeziehungen, so Sennett, oft oberfl\u00e4chlich. Es entsteht eine soziale K\u00e4lte, die zunehmend mit dem Abbau sozialer Errungenschaften verbunden ist. Man wei\u00df, dass einige durch das Rost fallen, und eine Gesellschaft ist so viel wert, wie man sich gegenseitig und auch den Schwachen hilft. Sennett kommt abschlie\u00dfend zu folgender Aussage: \u201eEin Regime, das Menschen keinen tiefen Grund gibt, sich umeinander zu k\u00fcmmern, kann seine Legitimit\u00e4t nicht lange aufrechterhal-ten\u201c (S. 203).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Was ist der Hintergrund dieser dysfunktional erscheinenden Einstellungen und Umgangsformen? Letztlich geht es um kurzfristigen \u00f6konomischen Gewinn, schlicht um mehr Geld. Das wird leicht an gegenw\u00e4rtigen Tendenzen von einigen gro\u00dfen Aktiengesellschaften deutlich. Bei vielen wesentlichen Entscheidungen stehen nicht die Mitarbeiter\/-innen, sondern die Aktion\u00e4re im Vordergrund. Entlassungen, Schlie\u00dfungen wesentlicher Teilbereiche, Fusionierungen oder Verk\u00e4ufe, Verlagerungen ins Ausland, alles auch gegen den Willen der Mitarbeiter\/-innen, lassen nur zu oft die Aktienkurse steigen und haben nicht selten dort ihre Triebfeder, teils zum offensichtlichem Schaden der Betriebe. Mittel- und langfristige Interessen des Unternehmens selbst, seiner Mitarbeiter\/-innen, gar soziale Belange von Mitarbeitern sowie der Gesellschaft, in die sie eingebettet sind, haben sich der \u00d6konomie unterzuordnen bzw. sind v\u00f6llig ausgeblendet. Zunehmend werden auch soziale und Bildungs-Einrichtungen stark unter finanziellen Aspekten betrachtet. Nicht umsonst rechnet uns das Familienministerium auf seiner Internetseite ausf\u00fchrlich den vermeintlichen \u00f6konomischen Nutzen des Ausbaus von Krippen vor. M\u00f6gliche sp\u00e4tere Folgekosten werden nicht erw\u00e4hnt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Spezifische Pers\u00f6nlichkeitseigenschaften sind notwendig, um die genannten kritischen Punkte im Alltagsleben zu ertragen. Diese werden zunehmend schon fr\u00fch herausgebildet. Von Kleinkindern wird in der Krippe eine schnelle Unabh\u00e4ngigkeit gefordert, w\u00e4hrend die Erfahrung einer tiefen Be-ziehung zu einer oder zu nur wenigen Bezugspersonen reduziert ist. Nur letztere aber bewirken schlie\u00dflich die Bildung von Vertrauen sowie die Basis f\u00fcr den Aufbau echter Selbstst\u00e4ndigkeit, eine stabile Identit\u00e4t und befriedigende Sozialbeziehungen. So manche ungl\u00fcckliche Krippenkinder spie-len lieber mit Dingen als mit Menschen. Das passt zu bestimmten modernen Formen des Arbeitslebens. Sie erfordern Menschen, die sich mit oberfl\u00e4chlichen Sozialbeziehungen zufrieden geben, anpassungsf\u00e4hig an sinnentleerte wechselnde Arbeit sind und je nach Bedarf unterschiedliche \u201ePers\u00f6nlichkeitsprogramme\u201c (multiple personality) einsetzen k\u00f6nnen. Ohne sich zu wehren, ohne \u00fcberhaupt noch anderes zu wollen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es wird eine Autonomie sowohl bei Kleinkindern in Krippen wie auch bei den erwachsenen Arbeitenden behauptet, die in Wirklichkeit nur Schein ist. Tats\u00e4chliche Autonomie kann sich nur \u00fcber das Akzeptieren auch von Bindungen und notwendigen \u201eAbh\u00e4ngigkeiten\u201c herausbilden. Die Kleinkinder brauchen ihn zu ihrer Entwicklung und die Erwachsenen, um \u00fcber soziale Bindungen gegenseitig Vertrauen und Verpflichtungen auf gemeinsame Ziele zu entwickeln.. Es liegt ein Kreislauf mit gegenseitigen Verst\u00e4rkungen vor. Die Repr\u00e4sentanten der modernen Arbeitswelt, ja schlie\u00dflich die Mitarbeiter\/-innen selbst, verk\u00fcnden einseitig \u00f6konomisch ausgerichtete Werte und Einstellungen, die sich zunehmend auch in den Zielsetzungen der fr\u00fchkindlichen Sozialisation niederschlagen. Diese Kinder bilden schlie\u00dflich Pers\u00f6nlichkeitseigenschaften heraus, die sp\u00e4ter die Berufswelt wiederum in derselben Richtung beeinflussen und deren verk\u00fcndeten Werte und Einstellungen verst\u00e4rken. Dieser Kreislauf beschleunigt sich zunehmend.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Echte Selbstst\u00e4ndigkeit beh\u00e4lt Kontakt zu anderen, zur Gemeinschaft, und bildet sich aus einer gegenseitigen Bezogenheit heraus. Hier aber wird der Begriff benutzt, um sich vor Engagement und den Aufbau von sozialen Bindungen sowie vor der Pflege des sozialen Gef\u00fcges zu dr\u00fccken. Das Kleinkind in seinen langfristigen Entwicklungsprozessen zu unterst\u00fctzen erfordert dagegen ebenso wie die F\u00f6rderung und Pflege der Gemeinschaft der Arbeitenden Zeit, Einf\u00fchlung und Engagement sowie eine Abkehr von rein finanziellen bzw. materiellen Interessen. Immer noch leben einige dies beispielhaft vor, aber ein zunehmender gegenteiliger Trend ist nicht zu \u00fcbersehen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die beschriebenen Mechanismen sind weitgehend unbewusst und k\u00f6nnen gerade deshalb eine fatale Wirkung entfalten. Sie f\u00fchren zu einer \u201aschizoiden\u2019 Gesellschaft, die so nicht die Aufgaben des 21. Jahrhunderts l\u00f6sen kann. Die dramatischen Abschiedsszenen morgens in der Krippe ebenso wie die schnelle Entlassung langj\u00e4hrig verdienter Arbeitskr\u00e4fte werden in Kauf genommen, nicht selten auch deshalb, weil viele Akteure glauben, das Richtige zu tun. Manche haben es selbst nicht anders erlebt und geben dies an die n\u00e4chsten Generationen weiter. Andere \u00fcbernehmen die Werte und Einstellun-gen, die bestimmte einflussreiche Str\u00f6mungen der Gegenwart beharrlich als die Richtigen verk\u00fcnden, einige kalkulieren gezielt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sind \u00c4nderungen m\u00f6glich? Diese m\u00fcssten die Arbeitswelt wie die Erziehung betreffen. Obiger Kreislauf muss erkannt und dann durchbrochen werden. Dies setzt eine umfassende Wertediskussion in der Gesellschaft voraus. Das Durchbrechen des Kreislaufes kann an verschiedensten Stellen geschehen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Fast \u00fcberall in der westlichen Welt besteht die Tendenz, Betreuungseinrichtungen f\u00fcr Kleinkinder auszubauen, um den M\u00fcttern die M\u00f6glichkeit zu geben, m\u00f6glichst bald nach der Geburt ihres Kindes wieder arbeiten zu gehen. Aber ein anderes Projekt, manchmal parallel angeboten, geht in die umgekehrte Richtung: den M\u00fcttern bzw. V\u00e4tern finanzielle Anreize zu geben, die ersten Jahre mit ihrem Kleinkind zusammen zu Hause zu verbringen. Im Gegensatz zu unseren recht bescheidenen Ma\u00dfnahmen wird in Norwegen neuerdings allen M\u00fcttern oder auch V\u00e4tern, die mit ihrem Kleinkind zu Hause bleiben, drei Jahren lang ein recht ansehnlicher monatlicher Betrag gezahlt. In Frankreich gibt es \u00e4hnliche Tendenzen bei allerdings geringerem finanziellen Ausgleich. Entsprechende Ma\u00dfnahmen sollten mit Hilfe \u00fcberzeugender Aufkl\u00e4rung unterst\u00fctzt und erweitert werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es sei betont, dass eine Mutter nat\u00fcrlich nicht auf hausfrauliche und erzieherische T\u00e4tigkeiten reduziert werden soll. Hier geht es ausschlie\u00dflich um die ersten drei Jahre des Kleinkindes und seine m\u00f6glichst st\u00f6rungsfreie Entwicklung, die bestimmte Bedingungen erforderlich bzw. w\u00fcnschenswert macht. Neben der bestehenden Arbeitsplatzgarantie \u00fcber drei Jahre bei h\u00e4usliche Betreuung des Kleinkindes sollte dieser Zeitraum finanziell voll und gro\u00dfz\u00fcgig unterst\u00fctzt werden. Daneben empfiehlt sich eine verst\u00e4rkte St\u00fctzung von Familien mit kleinen Kindern durch Familienzentren unter Mitar-beit von Erzieherinnen, Laienmitgliedern und kooperierenden Eltern (Mantovani, 1966) und kompe-tent begleitete M\u00fctter- und Elterngruppen (Erickson, 2002). Solche Ma\u00dfnahmen erscheinen vielversprechender zu sein als die Akzentuierung auf eine fr\u00fcher Fremdbetreuung unter starkem Ausbau von Kinderkrippen legen. Sie k\u00f6nnten einen Mosaikstein zur Umorientierung der Gesellschaft und zur Unterbrechung des aufgezeigten Kreislaufs bilden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Anschrift des Verf.: Burghard Behncke, Ludwig-Barnay-Platz 5, D-14197 Berlin.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">E-Mail: Bu.behncke@freenet.de<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">BIBLIOGRAPHIE<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ahnert, L., und H. Rickert (2000): Belastungsreaktionen bei beginnender Tagesbetreuung aus der Sicht fr\u00fcher Mutter-Kind-Bindung. Psychologie in Erziehung und Unterricht, 47, 189\u2013202.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aigner, J. (2001): Der ferne Vater. Zur Psychoanalyse von Vatererfahrung, m\u00e4nnlicher Entwicklung und negativem \u00d6dipuskomplex. Gie\u00dfen (Psychosozial).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Beck, U. (1994): Thesenvortrag: Bindungsverlust und Zukunftsangst. Leben in der Risikogesellschaf. In: H.-H. 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Jahrgang, M\u00e4rz 2006, S. 237 \u2013 252, Stuttgart (Klett-Cotta) erschienen. &#8211;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eingang des Manuskriptes bei der Psyche-Redaktion: 1.3.2005.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der sich beschleunigende Kreislauf zwischen der Kleinkindsozialisation in Kinderkrippen und gegenw\u00e4rtigen Tendenzen in Wirtschaft und Gesellschaft 1. Einleitung Der englische Kleinkindforscher Jay Belsky (2001a) zeigt f\u00fcr die USA auf, was generell auf den gr\u00f6\u00dften Teil der westlichen Welt zutrifft, dass \u201emehr und mehr Kinder mehr und mehr Zeit in immer j\u00fcngerem Alter in nichtm\u00fctterlicher Betreuung [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":65,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[14,10],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/939"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/65"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=939"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/939\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3251,"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/939\/revisions\/3251"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=939"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=939"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=939"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}