{"id":8913,"date":"2013-01-06T09:52:03","date_gmt":"2013-01-06T07:52:03","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=8913"},"modified":"2013-01-11T10:38:48","modified_gmt":"2013-01-11T08:38:48","slug":"1813-2013-ein-ruckblick","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=8913","title":{"rendered":"1813 &#8211; 2013. Ein R\u00fcckblick"},"content":{"rendered":"<div>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Jahr 1813 geh\u00f6rt zu den H\u00f6hepunkten unserer deutschen Geschichte und ist durch die beginnende Erweckung auch f\u00fcr die lutherische Kirche bedeutsam. Wir h\u00f6ren von Menschen, die noch nach zweihundert Jahren Vorbilder sein k\u00f6nnen, wenn man sie nur l\u00e4\u00dft, und sie und ihre Leistung f\u00fcr unser Volk und seine Freiheit nicht sofort unter den leider allzu h\u00e4ufigen Komplexen einer von vornherein antideutschen Geschichtsbetrachtung begr\u00e4bt. Denn diese Menschen (auch in ihrer Zeitbedingtheit), lehren uns, was man heute gemeinhin als \u201eZivilcourage\u201c einfordert, auch wenn dieses Wort von manchen linksextremen Kreisen als Ausdruck f\u00fcr ein besonders angepa\u00dftes und konformistisches Verhalten mi\u00dfbraucht wird.<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mutig, oft einsam und verlassen, standen einige wenige gegen einen Eroberer, der mit seinem Gesetzbuch, dem \u201eCode Napol\u00e9on\u201c, sicherlich manche Verkrustungen aufgebrochen, \u00fcberlebte mittelalterliche Strukturen und untragbare Zust\u00e4nde beseitigt hatte, aber eine ma\u00dflose Eroberungspolitik betrieb. In brutaler Weise pre\u00dfte er immer neue Rekruten aus den von ihm besiegten L\u00e4ndern und drangsalierte die Bev\u00f6lkerung mit mehr und mehr Steuern, so da\u00df der Zorn immer gr\u00f6\u00dfer wurde \u2013 auch hier in Braunschweig, das zum K\u00f6nigreich Westfalen geh\u00f6rte und von Napoleons Bruder, dem als \u201eK\u00f6nig Lustic\u201c bekannten G\u00e9rome, von Kassel aus fr\u00f6hlich ausgepl\u00fcndert wurde. \u201eAb nach Kassel,\u201c hei\u00dft es im Braunschweiger Volksmund noch heute.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Doch dann \u2013 vor nunmehr zweihundert Jahren, begann unter der F\u00fchrung Preu\u00dfens und der mit ihm alliierten M\u00e4chte, England, Ru\u00dfland und Habsburg, die deutsche Erhebung gegen Napoleon. Ihr vorausgegangen war im Jahre 1812 der Ru\u00dflandfeldzug des franz\u00f6sischen Kaisers, der in f\u00fcrchterlicher Weise scheiterte und zahllosen Menschen aus vielen Nationen das Leben gekostet hatte \u2013 neben Russen und Franzosen auch jungen deutschen M\u00e4nnern, die in die Grande Arm\u00e9e des Imperators gepre\u00dft worden waren. In riesigen Massen str\u00f6mten die kaiserlichen Soldaten nun in Richtung Westen. Zerlumpt, ausgehungert und marodierend boten sie ein erschreckendes Beispiel f\u00fcr die zusammenbrechende Macht eines Gewaltherrschers, der lange als unbesiegbar gegolten hatte: \u201eMit Mann und Ro\u00df und Wagen hat sie der Herr geschlagen,\u201c hie\u00df es in einem popul\u00e4ren Lied dieser Zeit.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Tats\u00e4chlich nutzte einer die Gunst der Stunde \u2013 der preu\u00dfische General York von Wartenburg. Angesichts des napoleonischen Zusammenbruches am 30. Dezember 1812 schlo\u00df er ohne Wissen seines K\u00f6nigs mit der Armee des Zaren in Ostpreu\u00dfen die \u201eKonvention von Tauroggen\u201c und erkl\u00e4rte sich f\u00fcr neutral \u2013 wohlgemerkt, eine Verletzung aller Vereinbarungen, mit denen Napoleon das K\u00f6nigreich Preu\u00dfen nach der Katastrophe von Jena und Auerst\u00e4dt im Jahre 1806 in sein B\u00fcndnissystem gezwungen hatte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mochte nun auch K\u00f6nig Friedrich-Wilhelm III. das eigenm\u00e4chtige Verhalten seines Generals noch so sehr verurteilen \u2013 selbst er, der unendlich gutm\u00fctige, wohl einzige echte Pazifist dieser bewegten Tage, mu\u00dfte sich der Stimmung der Zeit beugen und mit seiner ber\u00fchmten Proklamation \u201eAn mein Volk\u201c und der Stiftung des Eisernen Kreuzes aktiv in den Kampf gegen Napoleon eintreten. Die Zeit der Befreiungskriege war unwiderruflich angebrochen. Sie fand ihren H\u00f6hepunkt in der V\u00f6lkerschlacht bei Leipzig im Oktober 1813, die nach allen erhaltenen Schilderungen f\u00fcrchterlich gewesen sein mu\u00df, und endete 1815 nach einem Zwischenspiel von einhundert Tagen mit der endg\u00fcltigen Niederwerfung Napoleons bei Waterloo.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In diesen bewegten Jahre finden wir eine F\u00fclle gro\u00dfer Namen und Gestalten. Durch sie geh\u00f6rt die Zeit um 1813 \u2013 trotz der Grausamkeit und der Schrecken des Krieges, die auch damals schon unbeschreiblich waren \u2013, zu den faszinierenden Epochen unserer deutschen und der gesamten Menschheitsgeschichte. Wir finden Beispiele von Tugenden und Haltungen, ohne die kein Gemeinwesen und keine Gesellschaft auf Dauer bestehen k\u00f6nnen: Verantwortungsbewu\u00dftsein, Tapferkeit, Opferbereitschaft, Hingabe und Treue. Vor allem aber jenes \u201eIn Tyrannos\u201c, diesen \u201eMannesmut vor F\u00fcrstenthronen\u201c, den ein paar Jahre zuvor Schiller und der deutsche Idealismus eingefordert hatten. Wir begegnen bedeutenden Pers\u00f6nlichkeiten unserer Geschichte, die das lebten und verwirklichten, was wiederum ein Schiller in seinem Wilhelm Tell den Deutschen zugerufen hatte: \u201eAns Vaterland, ans teure, schlie\u00df dich an\u201c, das, was sp\u00e4ter Hoffmann von Fallersleben in der Verbannung mit dem Blick auf Helgoland besang und was zum Lied der Deutschen wurde: \u201eEinigkeit und Recht und Freiheit\u201c.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">M\u00e4nner und Frauen, F\u00fcrsten, B\u00fcrger und Bauern, Reiche und Arme, Protestanten, Katholiken, Juden: Menschen aus ganz Deutschland und Europa, darunter eine K\u00f6nigin wie die bereits vor 1813 viel zu jung verstorbene preu\u00dfische K\u00f6nigin Luise, oder einfache B\u00fcrgerm\u00e4dchen wie Eleonore Prochaska, die die Uniform der L\u00fctzower J\u00e4ger anzog, rangen jeder und jede auf ihre Weise um die Befreiung von einem Tyrannen, der die V\u00f6lker Europas seinem Joch unterworfen hatte und keinen Widerstand duldete.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">So h\u00f6ren wir l\u00e4ngst schon vor 1813 von tapferen M\u00e4nnern wie dem N\u00fcrnberger Buchh\u00e4ndler Palm, der gegen alles Recht f\u00fcr das Buch \u201eDeutschland in seiner Erniedrigung\u201c von Napoleons Schergen erschossen worden war. Wir denken an Andreas Hofer, den Sandwirt aus Tirol, an Major Schill, seinen Tod in Stralsund und seine Offiziere, die zum Teil hier in den Kellern des Alten Zeughofs neben der Br\u00fcdernkirche eingekerkert waren. Und als Braunschweiger erinnern wir uns nat\u00fcrlich an den \u201eSchwarzen Herzog\u201c, Friedrich-Wilhelm von Braunschweig-Oels, der als einziger deutscher F\u00fcrst gegen\u00fcber Napoleon nicht auf seine Anspr\u00fcche verzichtete, am 1. August 1809 bei \u00d6lper gegen die westf\u00e4lische Armee focht, mit seiner schwarzen Schar einen grandiosen Marsch durch Deutschland auf sich nahm, dann nach England \u00fcberging, in Spanien den Kampf gegen Napoleon fortsetzte und 1815 vor Quatrebras bei Waterloo fiel.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Weiter begegnen uns in Stein und Hardenberg die preu\u00dfischen Sozialreformer, die durch die Bauernbefreiung und ein umf\u00e4ngliches Reformprogramm den alt und marode gewordenen Staat Friedrichs des Gro\u00dfen modernisierten. In Ernst Moritz Arndt erleben wir den frommen und wortgewaltigen Publizisten, der sowohl den \u201eGeist der Zeit\u201c beschwor und den \u201eGott, der Eisen wachsen lie\u00df\u201c, aber zugleich auch der Kirche wunderbare Lieder schenkte: \u201eKommt her, ihr seid geladen, der Heiland rufet euch.\u201c Oder: \u201eIch wei\u00df, an wen ich glaube.\u201c Wir finden in Heinrich von Kleist mit seiner \u201eHermannsschlacht\u201c den tragischen Dichter, in Theodor K\u00f6rner den jung gefallenen Freisch\u00e4rler und Poeten, der \u201eL\u00fctzows wilde, verwegene Jagd\u201c besang, in Max von Schenkendorf den S\u00e4nger der \u201eFreiheit, die ich meine, die mein Herz erf\u00fcllt\u201c. Mit Schleiermacher begegnen wir dem Theologen, der mit seinen \u201eReden \u00fcber die Religion\u201c Geistesgeschichte schrieb und \u2013 ohne es zu ahnen \u2013 den Weg aus der flachen Theologie der Aufkl\u00e4rungszeit zur lebendigen Erweckungsbewegung wies. In Johann Gottlieb Fichte und seinen \u201eReden an die deutsche Nation\u201c erleben wir den streitbaren Philosophen, in Wilhelm von Humboldt den Sch\u00f6pfer eines humanistischen Bildungssystems, mit dem er der deutschen Universit\u00e4t Weltgeltung verschaffte. Wir h\u00f6ren von Gener\u00e4len wie Gneisenau, Clausewitz, Scharnhorst oder Bl\u00fccher, der als \u201eMarschall Vorw\u00e4rts\u201c in die Geschichte einging \u2013 ihrerseits Reformer, die die Armee erneuerten, die Wehrpflicht einf\u00fchrten, Landsturm und Landwehr begr\u00fcndeten und jedem Soldaten den \u201eMarschallstab in den Tornister\u201c packten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Diese Menschen \u2013 alles andere als verstaubt. Im Gegenteil: Gestalten der damaligen geistigen Elite Deutschlands und Europas, f\u00fcr die Verh\u00e4ltnisse ihrer Zeit modern, fortschrittlich und aufgeschlossen: Ergriffene des Weltgeistes, von dem Hegel, der gro\u00dfe Philosoph dieser Zeit, als dem Zentrum der Geschichte sprach. Nur der gr\u00f6\u00dfte Dichter und Denker dieser Zeit hielt sich leider fern: So hellsichtig Goethe das totalit\u00e4re Wesen der Franz\u00f6sischen Revolution hinter ihren humanit\u00e4ren Phrasen durchschaut hatte, so kurzsichtig verehrte er Napoleon auch noch, nachdem dessen wahrer Charakter l\u00e4ngst offenbar geworden war.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">An all diese Menschen in Krieg und Frieden, an gro\u00dfe Reformer, an Befreier, aber auch Tyrannen, an Helden und Feiglinge, erinnern wir uns, wenn wir an das Jahr 1813 denken. Wir nehmen Teil an ihren Hoffnungen, ihren Siegen, aber auch ihren Niederlagen und Entt\u00e4uschungen, die vor allem nach dem Wiener Kongre\u00df 1815 eintraten, als Metternich die Errungenschaften des Jahres 1813 annullierte und Deutschland wie Europa eine reaktion\u00e4re \u201eHeilige Allianz\u201c und mit ihr Biedermeier und Romantik bescherte, zu denen freilich auch eine Erweckung geh\u00f6rt, die in ihren besten Vertretern zu einer Erneuerung der lutherischen Kirche f\u00fchrte \u2013 ich nenne hier nur einige V\u00e4ter im Glauben: Johann Gottlieb Scheibel in Breslau, Claus Harms in Kiel, Wilhelm L\u00f6he in Neuendettelsau, Ludwig und Theodor Harms in Hermannsburg, August Vilmar in Hessen, Adolf Petri in Hannover, Theodor Kliefoth in Mecklenburg und manch andere mehr. Sie alle w\u00e4ren nicht denkbar ohne die Zeit der Befreiungskriege, in der nach dem geistlosen, flachen Rationalismus &#8211; in den die Aufkl\u00e4rung des 18. Jahrhunderts nach einem gro\u00dfartigen Beginn gem\u00fcndet war \u2013, sich in weiten Teilen Deutschlands ein geistlicher Neubeginn ereignete.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber zu diesem R\u00fcckblick auf das Jahr 1813 geh\u00f6rt schlie\u00dflich auch die Erinnerung an die Opfer &#8211; die Soldaten und Zivilisten so vieler V\u00f6lker, die den Preis f\u00fcr die Eroberungssucht eines skrupellosen und machtbesessenen Tyrannen zu zahlen hatten. Ihnen allen, einst Feinde durch die Macht der Verh\u00e4ltnisse, m\u00f6ge unser Gedenken gelten, wenn wir uns an die Geschehnisse vor nunmehr zweihundert Jahren erinnern. Und bitten wir Gott, da\u00df Er Seiner geplagten Menschheit den Frieden schenke und erhalte, und da\u00df Er unsere Soldaten, die heute \u00fcberall in der Welt Dienst tun und von denen, soweit mir bekannt, mindestens f\u00fcnfundf\u00fcnfzig bereits gefallen sind, wohlbewahrt nach Hause zur\u00fcckf\u00fchre und sie vor weiteren sinnlosen Auslandseins\u00e4tzen, wie jetzt in der T\u00fcrkei, bewahre.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Der Erinnerung an die Schillschen Husaren, den hingerichteten und \u00fcberlebenden, die 1809 w\u00e4hrend der Westfalenzeit im Br\u00fcdernkloster eingekerkert waren.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Pfr. Frank-Georg Gozdek, St. Ulrici-Br\u00fcdern, Braunschweig<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Quelle: Br\u00fcdern. Rundbrief f\u00fcr Christen Augsburgischen Bekenntnisses. 63. Jahrgang Nr. 1 und 2, Dez.-Febr. 2012\/13<\/em><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Jahr 1813 geh\u00f6rt zu den H\u00f6hepunkten unserer deutschen Geschichte und ist durch die beginnende Erweckung auch f\u00fcr die lutherische Kirche bedeutsam. Wir h\u00f6ren von Menschen, die noch nach zweihundert Jahren Vorbilder sein k\u00f6nnen, wenn man sie nur l\u00e4\u00dft, und sie und ihre Leistung f\u00fcr unser Volk und seine Freiheit nicht sofort unter den leider [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":361,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[1,10],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/8913"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/361"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=8913"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/8913\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":8939,"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/8913\/revisions\/8939"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=8913"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=8913"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=8913"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}