{"id":8890,"date":"2012-12-29T13:06:46","date_gmt":"2012-12-29T11:06:46","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=8890"},"modified":"2012-12-29T13:08:22","modified_gmt":"2012-12-29T11:08:22","slug":"mein-bibel-credo","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=8890","title":{"rendered":"Mein Bibel-Credo"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Das inspirierte und ewige Wort Gottes, das uns mit der Bibel anvertraut\u00a0 wurde, \u00a0ist nicht zuallererst ein gro\u00dfes Problem, sondern ein \u00fcberaus gro\u00dfes Geschenk. \u201eWelch ein Buch! Gro\u00df und weit wie die Welt, wurzelnd in die Abgr\u00fcnde der Sch\u00f6pfung und hinaufragend in die blauen Geheimnisse des Himmels&#8230; Sonnenaufgang und Sonnenuntergang, Verhei\u00dfung und Erf\u00fcllung, Geburt und Tod, das ganze Drama der Menschheit, alles ist in diesem Buche&#8230; Es ist das Buch der B\u00fccher, Biblia\u201c (Heinrich Heine). Die Bibel enth\u00e4lt nicht nur Worte Gottes und ist nicht nur Zeugnis vom Wort Gottes, sondern ist Gottes Wort. Die Bibel ist zuallererst ein Weg Gottes zu uns, ein vielgestaltiger Weg vom Himmel zur Erde. Die Bibel ist zugleich ein Weg Gottes durch die menschliche Geschichte, Zeugnis vom Geschichtshandeln Gottes, hineingesprochen in die menschliche Geschichte, durch Menschen vermittelt und in menschlicher Sprache verfa\u00dft und als Sammlung sehr verschiedenartiger und weithin sehr kunstvoller Texte verl\u00e4sslich \u00fcberliefert.<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Beim Alten Testament handelt es sich \u201enicht um die blo\u00dfen Tr\u00fcmmer der israelitisch-j\u00fcdischen Nationalliteratur, sondern um eine bewu\u00dfte Auswahl aus ihren Sch\u00e4tzen\u201c (Otto Kaiser). Das Alte (Erste) Testament ist auch f\u00fcr die Kirche eine unverzichtbare und unsch\u00e4tzbar wertvolle Schatzkammer. Vom Alten Testament f\u00fchrt der Weg zu Jesus Christus, vom Alten Testament und von Christus zur Kirche. Vom Alten Testament, von Christus und von der Kirche f\u00fchrt der Weg zum Neuen Testament. Von der ganzen inspirierten Schrift f\u00fchrt der Weg durch die nachbiblische und von der Bibel gepr\u00e4gte Geschichte bis hin zu ihrem inspirierten Leser von heute.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Bibel und der Heilige Geist sind auf das Engste miteinander verbunden und erschlie\u00dfen sich wechselseitig f\u00fcr uns. Im Leben Jesu und in seinem Sterben und seiner Auferstehung zu unserem Heil erreicht die \u201eBibellandschaft\u201c ihren h\u00f6chsten Gipfel. Als \u00fcberf\u00fchrendes Gesetz und als befreiendes Evangelium f\u00fchrt uns die Bibel zu Christus. So ist Jesus Christus als Br\u00fccke zu Gott zugleich die Mitte der Heiligen Schrift.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und mit der Verk\u00fcndigung Jesu vom \u201eReich Gottes\u201c wird uns der \u201eroten Faden\u201c und die \u201eHauptstra\u00dfe\u201c gezeigt, die sich durch die ganze Bibel mit ihrer vielgestaltigen \u201eLandschaft\u201c hindurch zieht: Gottes K\u00f6nigherrschaft und K\u00f6nigreich, sein Gang durch die Geschichte, die damit zur Heilsgeschichte wird, und die Sehnsucht Gottes nach unserer freiwilligen Liebensbeziehung zu ihm.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Jeder Mensch sollte die unver\u00e4nderliche und doch stets aktuelle Botschaft der Bibel h\u00f6ren, verstehen und ihrem Ruf folgen k\u00f6nnen, insbesondere die Kernbotschaft vom Heilstod und der Auferstehung Jesu und von dem mit und durch Jesus genahten und hier und heute erfahrbaren und in seiner Vollendung fr\u00f6hlich und aktiv zu erhoffenden Reich Gottes. Jeder hat so die M\u00f6glichkeit, durch Jesus Christus in eine bleibende pers\u00f6nliche Beziehung zu Gott einzutreten, Reich Gottes und damit ein erf\u00fclltes Leben zu erfahren und f\u00fcr Zeit und Ewigkeit gerettet zu werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zugleich d\u00fcrfen wir neben dem h\u00f6chsten Gipfel und der Mitte der Bibel durch die ganze Bibel hindurch viele gewaltige Berggipfel erblicken: von der Sch\u00f6pfung bis zur Vollendung von Himmel und Erde. Im Anblick dieser Berge k\u00f6nnen wir\u00a0 Orientierung und Kraft f\u00fcr die T\u00e4ler des Leides und f\u00fcr die M\u00fchen der Ebene finden. Neben ihrer Aufgabe als Wort an den Einzelnen ist die Bibel Gottes Wort an das Volk Israel und an die Kirche als Ganze und durch beide Heilsk\u00f6rperschaften hindurch an die gesamte Welt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Israel ist und bleibt der Erstadressat des gr\u00f6\u00dften Teiles der Bibel und bleibt auch mit der Entstehung der christlichen Kirche Gottes auserw\u00e4hltes Volk, dessen Gottesoffenbarung als Licht zu den Heiden kommen soll.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Kirche wird durch Gottes Wort geschaffen. Sie ist creatura verbi, wird \u201evom Worte Gottes geboren, ern\u00e4hrt, erhalten und gest\u00e4rkt\u201c, so dass sie \u201eohne das Wort gar nicht sein kann, oder da\u00df, wenn sie ohne Wort ist, sie aufh\u00f6rt, Kirche zu sein\u201c. (Luther) Das gott-menschliche Wort der Bibel \u00a0bef\u00e4higt die Kirche zur koinonia (Gemeinschaft,) erh\u00e4lt und f\u00f6rdert die Gemeinschaft der Glieder des Christusleibes, die zugleich ein Vorgeschmack und gelebtes Zeichen des kommenden Gottesreiches sein darf.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das gott-menschliche Wort der Bibel \u00a0bringt zudem best\u00e4ndig die kraftvollen Dreikl\u00e4nge von Glaube, Hoffnung und Liebe und von leiturgia (Gottesdienst, Lobpreis, Gebet), martyria (Zeugnis, Verk\u00fcndigung) und diakonia (Liebesdienst am Einzelnen und an der Gesellschaft) zum Schwingen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Neben der pers\u00f6nlichen Glaubens- und Lebenspraxis der Gl\u00e4ubigen (praxis pietatis) will und kann die Bibel also das Leben und die Ordnung der Kirche\/Gemeinde als Ganze inspirieren und lenken (praxis ecclesiae) und sogar die Ethik der gesamten Gesellschaft pr\u00e4gen (praxis christiana). Bei alledem ist das Wort der Bibel nicht nur Tr\u00e4ger von Information, sondern zugleich Energiequelle, g\u00f6ttliches Dynamit des Heils.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8222;Ihr Christen habt in eurer Obhut ein Dokument mit genug Dynamit in sich, die gesamte Zivilisation in St\u00fccke zu blasen, die Welt auf den Kopf zu stellen; dieser kriegszerrissenen Welt Frieden zu bringen. Aber ihr geht damit so um, als ob es blo\u00df ein St\u00fcck guter Literatur ist, sonst weiter nichts.&#8220; (Mahatma Ghandi)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201ePerformativ\u201c vermittelt das Wort der Bibel das, wovon es spricht. Die \u201eEnergie des Evangeliums\u201c erwirkt\u00a0 Glaube, Hoffnung und Liebe, leiturgia, martyria, diakonia und koinonia und in alledem und bei allem H\u00f6ren, Suchen und Forschen in der Bibel ein immer gr\u00f6\u00dferes Staunen \u00fcber das Wunder der Heiligen Schrift.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Unser hermeneutischer Weg<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mit der gro\u00dfen Gabe der Bibel stellt Gott uns zugleich eine gro\u00dfe und sch\u00f6ne Aufgabe: sie angemessen zu verstehen und bewusst gewinnbringend anzuwenden. Die Texte der Bibel sind Begegnungsr\u00e4ume von sieben Welten:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">1. der historischen Welt des Autors\/der Autoren,<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">2. der historischen Welt der ersten Leser,<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">3. der literarischen Textwelt mit ihrem Sinn\u00fcberschuss und ihrer Polyvalenz,<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">4. der Welt des biblischen Kanons, die die Einzeltexte und B\u00fccher der Bibel in einer verst\u00e4ndnisleitenden Gesamtstruktur und in einem dichten Netz an Intertextualit\u00e4t erscheinen l\u00e4sst,<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">5. die Welt der langen Rezeptions-, Auslegungs- und Wirkungsgeschichte,<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">6. die (engere und weiterer) Welt des heutigen Lesers<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">und 7. nicht zuletzt die so fremde und ganz andere und doch so nahe und teils analoge Gotteswelt, die neben und in allen anderen Welten des Textes am Werk war und ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Diese Welten des Bibeltextes zu erforschen, angemessen und gewinnbringend aufeinander zu beziehen und verst\u00e4ndlich zur Sprache zu bringen, ist die Aufgabe der konkreten Schriftauslegung. Hierf\u00fcr das theoretische, praktische und \u201epoietische\u201c (handwerkliche) R\u00fcstzeug bzw. die \u201eGrammatik f\u00fcr die Sprache der Schriftauslegung\u201c zur Verf\u00fcgung zu stellen, ist Aufgabe der biblischen Hermeneutik. Die Bibel als das inspirierte Wort Gottes ist dabei grundlegend in Analogie zum inkarnierten Sohn Gottes zu sehen: G\u00f6ttliches und Menschliches verbinden sich\u00a0 darin in geheimnisvoller Weise, k\u00f6nnen zwar schwerpunktm\u00e4\u00dfig getrennt betrachtet werden, sind aber letztlich \u201eunvermischt, unverwandelt, ungetrennt und unzerteilt\u201c im Wort wie im Sohn gegenw\u00e4rtig.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Daraus ergibt sich, dass Hermeneutik als biblische Hermeneutik eine geistlich-wissenschaftliche Hermeneutik sein mu\u00df und immer mehr eine Hermeneutik der Weisheit und des Glaubens werden sollte. Biblische Hermeneutik sollte bewusst in drei miteinander verbundenen Aufgabenfeldern agieren: als ars intelligendi (Verstehenskunst), als ars explicandi (Erkl\u00e4rungs- und Darstellungskunst) und als subtilitas applicandi (Scharfsinn der Anwendung).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Hilfen der Hermeneutik m\u00fcssen in drei Richtungen gehen: a) die positive N\u00e4he und die gewinnbringende Direktbegegnung mit dem Bibeltext zu f\u00f6rdern, b) die nebelverhangenen Bilder der Ferne heranzuholen und deutlicher sichtbar zu machen und c) die blinden Flecken der N\u00e4he durch ein bewusstes Wegr\u00fccken zu \u00fcberwinden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Konkret hei\u00dft das: Die Hermeneutik sollte\u2026<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">a) Ermutigung und methodische Hilfen zur Direktbegegnung mit dem Bibeltext vermitteln<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">b) die Fremdheitserfahrung einer vierfachen &#8218;hermeneutischen Differenz&#8216; &#8211; der linguistischen, historischen, poetologisch\/rhetorischen und theologischen Differenz (ich h\u00f6re von Gott und seiner so anderen Welt)- \u00fcberwinden helfen,<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">c) positive Differenzerfahrung erst einmal erm\u00f6glichen helfen, d.h. das zu sehr Gewohnte und \u00dcberh\u00f6rte oder das bisher falsch oder nur flach Verstandene aus der \u201eFerne\u201c besser sehen lassen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zum \u201eIn-die-Ferne-R\u00fccken\u201c geh\u00f6rt auch die Relativierung des eigenen Standpunktes, der wie alle Lebens- und Meinungs\u00e4u\u00dferungen vor uns historisch bedingt ist. Einen Abstand zu mir selbst zu gewinnen und mich nicht l\u00e4nger als \u201earchimedischen Punkt\u201c und letzte Wahrheitsinstanz zu empfinden, ist heilsam f\u00fcr das H\u00f6ren auf die Bibel und auf ihre Auslegung vor und neben uns.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bei aller Relativit\u00e4t unserer Welt und unseres eigenen Lebens ist es nun aber gerade \u00e4u\u00dferst hilfreich, mit der Bibel und ihrer Botschaft etwas unumst\u00f6\u00dflich Festes und zugleich so Dynamisches zu haben und dies in einem unabschlie\u00dfbaren Prozess immer besser und tiefer verstehen zu d\u00fcrfen. Welch ein \u00fcberaus gro\u00dfes Geschenk!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Gunther Geipel, Pfingsten 2012<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das inspirierte und ewige Wort Gottes, das uns mit der Bibel anvertraut\u00a0 wurde, \u00a0ist nicht zuallererst ein gro\u00dfes Problem, sondern ein \u00fcberaus gro\u00dfes Geschenk. \u201eWelch ein Buch! 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